Die Trikolore

17. März 2016
Kategorie: Dante | Die Euganeischen Anekdoten | Freiheit | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Italianità und Deutschtum | Mittelalter | Philosophisches | Zum Tage

Die folgende Erzählung entstammt den Euganeischen Anekdoten.

Der große Dichter Dante streifte mit Vergil durch die Hölle und über den Läuterungsberg bis zum Himmel; oben auf der Spitze aber, wo das Purgatorium zum Paradies überging, musste ihn der Heide verlassen. Der Florentiner brach in Panik aus: sein guter Freund, der ihn durch die Höllenkreise der Verdammten begleitet und dort beschützt hatte, verschwand, ohne sich zu verabschieden.

Wie ein Kind, das seine Mutter verlor, fühlte er sich alleine und irrte auf der Spitze umher.

Erst eine Stimme rüttelt ihn wieder wach; das einzige Mal in der gesamten Göttlichen Komödie hallt der Name: »Dante!«
Beatrice, die große Liebe des Poeten, steigt zu ihm herab; Beatrice, der Innbegriff der christlichen Liebe; Beatrice, die Reine; Beatrice, die Führerin ins Paradies; Beatrice, Dantes größte Muse und damit die inspirierendste Gestalt der italienischen Literatur.

Dante, die Inkarnation der italienischen Kultur, und Beatrice, die Inkarnation der Liebe und des Christentums, treffen dort zum ersten Mal aufeinander und sehen sich Angesicht zu Angesicht. Beatrice, der Quell der italienischen Poesie, trägt dabei einen grünen Mantel, darunter ein flammenrotes Kleid und einen weißen Schleier.

In der italienischen Romantik, in welcher man sich wieder der Zeit der Kommunen und des Mittelalters zuwandte, und das alte Italien aus dem Schutt der Fremdherrschaft aufbauen wollte, galten diese Farben als Geburtsfarben der italienischen Nation. Beatrice war das Ideal Dantes: das Ideal der Kunst musste auch das Ideal Italiens sein.

Jahre später widerlegte ein junger Doktorand mit schlüssigen Argumenten diese These: die italienische Trikolore stammte aus der napoleonischen Zeit. Das blaue Feld der französischen Trikolore hatte man nur durch ein grünes ersetzt. Das waren die unromantischen Fakten.

Bevor er seine These veröffentlichen wollte, trat er an seinen alten Professor heran, wie er denn diese Offensichtlichkeit hatte übersehen können. Der Doktorand glaubte sich zu verhören, als der Doktorvater ihm gegenüber beichtete, dass er selbst dies vor Jahrzehnten festgestellt habe; aber er habe es nie publiziert.

Den angehende Historiker verwirrte das und hakte nach; warum er denn diese Feststellung nicht selbst veröffentlicht hätte; gewiss wären ihm Aufsehen und Anerkennung in der Fachwelt sicher gewesen. Der Professor lächelte:

»Der schönste Mythos Italiens ist es nicht wert, für die größte Banalität der Welt geopfert zu werden.«

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