Euganeische Anekdoten


Se non è vero, è ben trovato – Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut getroffen. Unter diesem Motto steht diese kleine Sammlung kurzer Anekdoten und Geschichten, welche ein Erzähler seinem skeptischen Begleiter auf einer Wanderung durch die Euganeischen Hügel erzählt. Einhundert Geschichten bilden den Umfang jener zehn Stunden, in denen die Grenzen zwischen Mythos und Wahrheit, zwischen Geschichte und Philosophie, zwischen Märchen und Realität zerfließen. Berühmte und weniger berühmte Persönlichkeiten treten darin ebenso auf; und manche Legende vermischt sich mit dem Phantastischen. Das Dekahoron – das Zehnstundenbuch – deckt damit einen kleinen Teil des Zaubers der Welt ab, der in einer romantiklosen Zeit umso kostbarer scheint.


Das kleine Decamerone des 21. Jahrhunderts.



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Euganeische Erinnerungen


Üblicherweise verbinde ich bei meinen Geschichten zu ganz bestimmten Szenen auch ganz bestimmte Stücke. Die Euganeischen Anekdoten haben allerdings eine etwas außergewöhnliche Entstehungsgeschichte, da die Sammlung erst über Zeit reifte, und ich nicht alles der Reihenfolge nach schrieb, sondern je nach dem, worauf ich Lust hatte. Es existieren demnach auch keine zugeordneten Titel.


Da es nur wenige große Erzählungen gibt, handelt es sich bei der Musik häufig um Pianostücke, die nur selten orchestral begleitet werden. Wenig verwunderlich, dass bei dieser Musik das Atmosphärische – heißt: das Romantische, Erzählerische, Träumerische – eine Rolle spielt. Nichts herausragendes, aber dennoch mischen sich einige Töne darunter, die zum Nachdenken anregen.


Es sind daher auch die längeren Erzählungen, die ich noch am ehesten mit gewissen Partien verbinde; so „I am Merciful“ mit Montecassino und dem Begräbnis des Gonfalon; „Thank you“ aus Hana-bi und „Sense of Light“ mit dem Geschöpf des Autors; und „Grenouille’s Childhood“ mit dem Malteserfalken. Und immer wieder „Divenire“ von Einaudi für ganz verschiedene Stücke. Bedenkt man, wie ich beim Caravaggioduft zuvor ein Jahr lang mich nur vom deftigen Zimmer-Bass (Angels&Demons sowie Inception) ernährt habe, so ist das eine außergewöhnliche Kontrazeichnung.


Nicht jeder kann etwas mit dem oftmals zugrundeliegenden Minimalismus anfangen. Aber gerade weil er etwas Minimalistisches, manchmal Skizzenhaftes hat, passt er zu den kurzen Geschichten, bei denen es oftmals um das Erzählen selbst geht. Und dennoch stößt man auch hier auf Musik, die tiefer geht, die noch ein Geheimnis zu erzählen hat, und in deren Winkeln man etwas findet, was man dort nicht vermutet hätte. So, wie auch einige der Erzählungen einmal Romanideen waren, die jetzt in Miniaturform innerhalb des Dekahorons weiterleben, bis sie sich vielleicht mal zu etwas Größerem entfalten…


Hier ein Link zur – soweit möglich vollständigen – Playlist . Wie auch für die Einzelnachweise, so kann nicht gewährleistet werden, dass alle Videos jederzeit verfügbar sind.



Hintergrund und Entstehung


Die Idee, eine kleine Sammlung von kürzeren Geschichten zu schreiben, ist bereits sehr alt. Das wird auch an den Bezeichnungen meiner Schriften deutlich: üblicherweise bezeichnet man die Erzählungen aus Boccaccios Dekameron als Novellen. Bei mir sind Novellen jedoch die Venezianischen Novellen, ein eigener Romantypus, der einige verbindende Elemente aufzeigt; daneben existieren die Löwenromane, die auch das Epos streifen. 


Insofern sind das, was man Novellen bezeichnen könnte, Anekdoten. Anekdoten sind bei mir allerdings verschieden lang und können in der Kürze tatsächlich an Anekdoten heranreichen oder bei maximaler Länge auch Erzählformen annehmen. Eine Sammlung solcher Anekdoten – und vermutlich die einzige – sind die Euganeischen Anekdoten. Auch hier deutet der Titel wieder eine Anspielung auf Venetien an: die Löwenromane rufen den Markuslöwen, die Venezianischen Novellen die Hauptstadt der Republik in Erinnerung. Die Euganeischen Hügel liegen dagegen im Herzland Venetiens, zwischen Vicenza und Padua. 


Wann genau die ersten Vorstellungen zu diesem Stück reiften, weiß ich nicht; aber schon zu frühen Löwenzeiten hatte ich die Idee, unbenutzte Fragmente zu sammeln und am Ende einen eigenen Band daraus zu binden. Dieses Projekt steht immer noch, und läuft unter dem Namen „Piume del Leon“ (Löwenfedern), deren Veröffentlichung jedoch ohne finale Löwenromane keinerlei Sinn ergäbe. Dass mich aber das Werk Boccaccios und Dantes immer fasziniert hatte, ist ein Fakt, und die Idee einer Hommage an ersteren schon jahrelang präsent. 


Die Umsetzung wäre auch daher nicht schwer gefallen, da ich eine ganze Brandbreite kleinerer Geschichten im Kopf hatte. Einige davon erlebte ich im Laufe der Zeit, von anderen erfuhr ich, andere inspirierten mich, und wieder erfand ich völlig frei. Prinzipiell mag ich Geschichten, die wahr sein könnten, aber an denen man zweifeln kann. Das war bei den Löwen so und auch in anderen Geschichten. Nicht zuletzt daher geht es nahezu allen meinen Hauptcharakteren darum, was Wahrheit ist: Wahrheit heißt auch zu wissen, was man erkennen kann, und auch ob etwas faktisch Falsches im Metaphysischen wiederum Richtiges enthält. Da spielt natürlich auch der Kontrast von Theorie und Sein eine Rolle. 


Ich glaube, letztendlich gab es dann zwei Schlüsselerlebnisse für die Niederschrift dieser Sammlung. Im September 2015 besuchte ich zum zweiten Mal Ravenna, eine Stadt, die eine ganz besondere Aura begleitet (wobei man sich fragen muss, auf welche bedeutende italienische Stadt das nicht zutrifft). Ich besuchte Sant’Apollinare in Classe und später auch Comacchio. Besuche, die mich an Vergänglichkeit, Untergang, Kontinuität, Mythos und viele andere Dinge denken ließen. Das Wetter war sommerlich hervorragend. Ich hörte Beethovens 7. Sinfonie. Vom Meer kam Wind. Und ich fuhr mehrmals über die frisch eingeweihte Autobahn zwischen Vicenza und Rovigo, die zwischen den Hügeln von Berica und den Euganeischen Hügeln liegt.


Es waren die letzten Wochen, an denen ich am Caravaggioduft arbeitete; ein Werk, in dem Rausch und Disziplin sich oft abwechselten. Nach einem Jahr Arbeit wollte ich mich nicht wieder an ein größeres Projekt binden, andererseits machten sich sofort Entzugserscheinungen bemerkbar. Mir war noch nicht danach, nach diesem eher ernsten Roman wieder in die palatinisch-löwenhafte Heiterkeit zurückzufallen, und ich bin auch nach Abschluss dieser Gelegenheitsarbeit noch nicht an diesen Punkt angelangt; auch, wenn ich mich nach dieser verlorenen Leichtigkeit sehne.



Wie dem auch sei. Ich begann mit eher kleinen Ideen wie dem Blutmond und Sankt Apollinaris; ursprünglich war Montecassino ebenfalls eine der ersten Anekdoten. Da sich diese schnell und locker schreiben ließen, war es eine erholsame Abwechslung, insbesondere, da ich in der Themenwahl und Gestaltung sehr frei war. Beim Caravaggioduft gibt es nichts Unnützes, nur Wichtiges, nur Gestrafftes, nur Nötiges; die Euganeischen Anekdoten aber erzählte ich des Erzählens Willen. Ich wollte damit wieder an meine Ursprünge anknüpfen, an das, womit mein Schreiben begonnen hat: kleine Geschichten, Alltagsdinge, RPG, inspirierende Persönlichkeiten (dazumal hatte ich beim Schreiben durchweg Beethoven laufen). Gewissermaßen ein nostalgischer Gedankenstreifzug; und passend, weil ich auch das Dekameron oft mit meiner eigenen Schreibe verband.


Mir war dabei von Anfang an bewusst, dass ich das, was ich da schrieb, sowieso nie an Verlage oder Agenturen schicken konnte oder würde. Daher ließ ich mir jedwede Freiheit und legte weniger Perfektionismus als sonst an den Tag. Vielmehr waren die kleinen Geschichten für mich, meinen Blog und auch teilweise Palatina da. Und es tat auch einmal gut, nach Jahren ein kleineres Werk zu schreiben und es nach kürzerer Zeit abzuschließen, als sich wieder monatelang in eine Sache reinzuknien. Insofern brauchte ich auch nur zwei Monate dafür.


Dennoch sollte man die Euganeischen Anekdoten nicht unterschätzen. In diesem Zehnstundenbuch – deswegen: Dekahoron – existieren einige Anspielungen und Seitenhiebe. Außerdem wird der ein oder andere Leser Verbindungen zu Themen aus anderen Büchern finden, teilweise sogar Erklärungen zu ungeklärten Sachverhalten. Wie auch beim Dekameron nehmen einige Anekdoten auf andere Bezug und formen erst dann einen Sinn, wenn man sie richtig liest. Die Euganeischen Anekdoten sind vielleicht mein ambitionslosestes Werk, aber nicht lieblos, sondern bilden eine eigene, kleine Kategorie.


Das Dekahoron lebt vor allem von der Vorstellung, was wahr erscheint, was sein könnte und was erfunden ist, und ob nicht doch alles zuletzt der Wahrheit entspricht. In nahezu jeder Geschichte steckt ein wahrer Kern. Manche stellen auch historische Ereignisse und Zusammenhänge dar, die man so nicht kennt. Und wieder andere haben einfach Lust am Erzählen und erzählen des Erzählens willen, nicht, weil sie etwas sein wollen, sondern weil sie bereits etwas sind. Und es ist ein kleines Büchlein, das zugleich eine Verneigung vor Leuten darstellt, die ich nie persönlich kannte, aber die mein Leben geprägt haben. Denn die zehn Themen, um die sich die Euganeischen Anekdoten drehen, sind zugleich diejenigen, die auch in meinen „großen“ Büchern eine Rolle spielen.