Untermieter im protestantischen Reich

15. Januar 2021
Kategorie: Die Tagespost | Freiheit | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Italianità und Deutschtum | Linkverweis | Machiavelli

Eine Parade zieht durch die Hauptstadt. Uniformen, Kränze und fahnenschwenkendes Publikum dominieren die Straßen. Jedes Haus im Land, ob Stadtpalais oder Bauernhof schmückt die Nationalflagge. In einem Staatsakt gedenkt die Nation ihres hundertfünfzigjährigen Jubiläums. Ausstellungen stellen das Leben der Soldaten in den Einigungskriegen ins Zentrum. Kampfflugzeuge sprühen die Nationalfarben in den Himmel. So jedenfalls hat Italien 2011 seiner Einigung im Jahr 1861 gedacht. Trotz aller Grandezza: Es gab Streit über das Jubiläum. Aber Streit zeugt von Leben, zeugt von Gedächtnis und zeugt von Interesse.

Gemessen daran ist die Gründung des Deutschen Reiches vor 150 Jahren zur toten und vergessenen Wegmarke verkommen. Die Bonner Republik hatte in ihren ersten Jahren um Anerkennung in der Welt gerungen, weil sie ihre Ansprüche davon ableitete, „teilidentisch“ mit dem Deutschen Reich zu sein; sie übernahm damit sämtliche Rechte und Pflichten von diplomatischen Verträgen bis hin zur historischen Verantwortung. Die Berliner Republik hat dagegen in ihrer historischen Amnesie unbekanntes Terrain begangen. Die jahrelange Dämonisierung des Zweiten Reichs als Wegbereiter des Dritten trägt skurrile Früchte: Sie betont die Kontinuität von 1871 bis 1945, klammert aber die Gegensätze aus; indes betont sie die „Stunde Null“ nach dem Zweiten Weltkrieg und übergeht die Verbindungen.

Der föderative Charakter der Bundesrepublik, ihre Rechtstradition, ihre sozialpolitischen Vorstellungen, aber auch der Hang zur Selbststilisierung als moralisch überlegene Entität damals mit einem der Demokratie und Zarenherrschaft überlegenen „deutschen Sonderweg“, heute in der Form einer Gewissensnation, die den USA die Hand für einen „demokratischen Marshallplan“ reicht ist ohne das Kaiserreich nicht denkbar. Das Kaiserreich ist zugleich Wegbereiter des NS-Regimes, wie es auch Wegbereiter der Weimarer Republik und unserer gegenwärtigen Ordnung ist. Die Bundesregierung hat mit ihrer offenen Nichtbeachtung des Jubiläums mehr gesagt, als ihr lieb sein dürfte.

Immer mehr setzt sich im Bewusstsein von politischen wie medialen Entscheidungsträgern die Überzeugung durch, die Geburtsstunde des heutigen Staates sei gleichzusetzen mit der Ratifizierung des Grundgesetzes im Jahr 1949. Es ist eine Gedankenfigur, welche die Bundesrepublik nicht nur von ihren Wurzeln kappt, sondern sie antithetisch gegen die Vergangenheit aufbaut.

[…]

Der ganze Artikel bei der Tagespost.

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