Guareschis Prophezeiung (I)

12. Januar 2016
Kategorie: Freiheit | Fremde Federn | Giovannino Guareschi | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Italianità und Deutschtum | Philosophisches

Bereits in meinem letzten Beitrag zu Guareschi hatte ich den großen Neid der intellektuellen Elite auf den Schöpfer von Don Camillo thematisiert. Ich will dieses wenig beachtete Kapitel der italienischen (und europäischen) Literaturszene etwas genauer sezieren.

Es ist eine der häufigen Ironien der Geschichte, dass es ausgerechnet der kommunistische Vordenker Antonio Gramsci war, der eine Erlangung der „kulturellen Hegemonie“ in Italien auch dadurch vorantreiben wollte, indem sich die Schriftsteller nicht nur auf die Probleme ihrer eigenen Schicht konzentrieren sollten. Die Themen sollten das einfache Volk ansprechen. Aber auch in der Nachkriegszeit blieb die marxistisch-intellektuelle Elite weiterhin unter sich. Für das „Volk“ blieben viele Texte unverständlich. Dabei sei auch erwähnt, dass die Durchsetzung des Standarditalienischen selbst in den 50er Jahren noch nicht völlig abgeschlossen war; erst mit der Verbreitung des Fernsehens nahm die dominante Rolle des Dialekts ab. Verständlich, dass das Hochitalienisch der ideologisch versierten Schriftsteller mit ihren Fachworten und geschliffenen Ausdrücken auch deswegen breiten Schichten schlichtweg unverständlich blieb.

Der einzige Schriftsteller, der Gramscis Diktum erfüllte, war ausgerechnet Giovannino Guareschi. Er kam aus dem einfachen Volk, erzählte vom einfachen Volk, und schrieb für das einfache Volk. Ausgerechnet ein Bauernjunge. Ausgerechnet ein tiefgläubiger Katholik. Ausgerechnet ein Reaktionär und Royalist – vielleicht der einzige in der gesamten, tiefroten Emilia!

Guareschi war damit im besten Sinne ein Populist.

Man kann sich die rauchenden Köpfe und zornesroten Gesichter der Salonkommunisten in den Cafés und Bars von Turin, Mailand oder Florenz vorstellen. Was man dort nicht in Jahrzehnten hinbekam, schaffte Guareschi mit seinen Don-Camillo-Büchern in wenigen Jahren. Dann auch noch die Filme: wo doch auch das Kino vor allem Sache der Linken war.

Ein unbekannter Fakt: der meistgelesene, und meistverkaufte Schriftsteller Italiens ist nicht etwas Calvino, Svevo, Manzoni oder Eco. Es ist und bleibt Guareschi. Bis heute.

Die linke Kaste versuchte daher den Erfolg des padanischen Schriftstellers herabzusetzen, indem man ihm Naivität vorwarf; Schlichtheit; gar intellektuelle Leere. Bis heute kann man auch noch in Fernsehzeitungen von einem „naiven Märchen“ lesen, wenn es um Don Camillo und Peppone geht.

Naive Märchen. Klar. Wenn in einem Dorf zwei Kontrahenten leben, und nach vielen Streitereien zusammenarbeiten müssen, um ihre Gemeinde zu retten, dann ist das naiv. Wenn es aber um den Aufbau eines völlig utopischen Weltstaates mithilfe hanebüchener Theorien aus dem 19. Jahrhundert geht, dann ist das natürlich visionär.
Immer wieder drollig, diese Marxisten.

Diese Erscheinung ist natürlich symptomatisch. Sie ist weder genuin italienisch, noch neu oder alt. Man muss nur einen Blick auf das deutsche, literarische Milieu werfen. Ist es denn da besser? Nun sind nicht (mehr) alle führenden Kritiker und Journalisten links; dass die Literaturwelt aber in ihrem eigenen Elfenbeinturm lebt, Stil eher Geschmackssache ist, und politische Gesinnungen dort weiterhin Bedeutung haben, ist ja nun ein offenen Geheimnis.

Oder hat hier wirklich irgendjemand sich die Schriften zugelegt, welche bedeutende Literaturpreise abgeräumt haben? Deutscher Buchpreis, anyone? Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969? Hat das irgendwer gelesen?
Und viel wichtiger: hat das irgendwer bis zum Ende durchgehalten und gut gefunden?

Dagegen erscheint es als faux pas, dass Terry Pratchett nicht einmal in Gesprächen zum Literaturnobelpreis auftauchte…

Natürlich konnte Guareschi der Szene auch deswegen nicht gefallen, weil in seinen Büchern der Materialismus als philosophische Strömung und der Kommunismus als dessen politisches Äquivalent nicht nur auf die Schippe genommen, sondern auch komplett verworfen werden. In Guareschis Büchern siegt das Geistige über das Materielle, Gott über den kleinen Teufel in uns allen. Peppone und Don Camillo müssen sich beide diesen Regeln fügen; wenn Don Camillo einen Sieg verbucht, der moralisch fraglich ist, muss auch er Buße tun. Don Camillo siegt nur dann ganz, wenn er rechtschaffen und im Sinne des Guten handelt.

Ebenso hat Peppone das Recht, seine Rache zu nehmen, wenn ihn Don Camillo geärgert hat; und Gott stellt sich ihm nicht in den Weg, wenn er die Wahl zum Bürgermeister oder Senator gewinnt, weil er diese ehrlich und durch Leistung gewonnen hat. Man kann über Peppone sagen was man will, aber er macht sich um seine Gemeinde (zumindest meistens) verdient. Dennoch: auch Peppone siegt nicht zuletzt deswegen, wenn er zeigt, dass er einen guten Charakter hat. Und damit ist auch Peppone, der nachts Kerzen aufstellt, betet oder seine Kinder zur Taufe schickt – weiterhin Teil der Erlösung und steht nicht außen vor. Oder um es mit Signora Cristina zu sagen, die ich bereits als Guareschis alter Ego skizzierte:

»Gott segne dich, mein Sohn – selbst wenn du ein Bolschewist bist.«

Das kann man naiv nennen; oder im höchsten Maße mitfühlend, human und weise. So verstehe ich es zumindest. Ähnlich existiert eine Textstelle, die aus „Don Camillo e i giovanni d‘oggi“ (Don Camillo und die jungen Leute von heute) stammt. Im Deutschen erschien dieser letzte Band unter dem Titel „Don Camillo und das rothaarige Mädchen“. Der Titel ist in der Übersetzung deswegen irreführend, weil er das Thema einschränkt.

Das Buch erschien 1969 posthum. Schon Guareschis Todesjahr 1968 erscheint symbolisch und der Umstand, dass es sein letztes Werk war, dazu auch noch ein Camillo-Roman. Liest man einige Passagen davon, so erscheint es als das Vermächtnis des Schnauzbartträgers aus der Padana. Als läge ein Fluch darüber, so verstarb Fernandel bei den Dreharbeiten zum Film. Gino Cervi wollte nicht ohne Fernandel auftreten, man drehte den Film mit anderen Schauspielern – wodurch dieser nie den Erfolg der Vorgänger erlangte und auch nicht zum Kanon wurde.

Nur eine kurze Zusammenfassung: der Priester Don Camillo und sein alter Widersacher, der kommunistische Bürgermeister Peppone, sind in die Jahre gekommen. Probleme bereitet dem Gottesmann nicht nur seine junge Nichte, die sich ganz dem Lebensstil der wilden 60er hingibt, sondern auch der neue Priester Don Chichì, der die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils nach Brescello bringen soll. Mit dem intellektuellen Chichì kommt der Reverente ebenso wenig klar wie mit dem neuen Ritus. Peppone macht Ähnliches durch: nicht nur gerät sein Sohn Michele – genannt „Veleno“ (Gift) – als Mitglied einer Rockerbande auf Abwegen, es zieht auch noch ein maoistisch getrimmtes Apothekerpärchen nach Brescello, das mit seinem Bildungsmarxismus dem bodenständigen Peppone ein ebenso großes Ärgernis ist wie für Don Camillo der junge Don Chichì.

Damit erscheinen schon einige Elemente in Guareschis Text prophetisch. Guareschi hatte ein sehr zwiegespaltenes Verhältnis zum II. Vaticanum. Einerseits beschreibt er in einer Episode des Buches, dass Don Camillo Chichì auch deswegen nicht verstehe, weil er bereits vor den Beschlüssen in Rom doch nichts anderes getan hätte; aber die Anbiederung an den Zeitgeist und die lascher werdende Bekämpfung der Kommunisten stößt ihm ebenso auf wie seinem Schöpfer. Überhaupt tut sich der Landpfarrer mit seinem praktischen Verstand mit dem theoretisch-akademischen Intellekt seines jüngeren Konkurrenten schwer.

Genau dieselbe Erfahrung macht Peppone. Peppone ist kein marxistischer Vorzeigedenker, er ist ein bodenständiger Kerl, und als Kfz-Mechaniker ein echter Arbeiter, der auch mal – um ein Wort von Franz Josef Strauß abzuwandeln – einen Schraubenschlüssel in der Hand hatte; im Gegensatz zu den ganzen Politologen und Soziologen, die immer mehr seine Partei unterwandern. Grüne Nachtigall, ick hör dir trapsen, könnte man da einwenden: denn die neuen maoistischen Bildungsbürger haben mit der eigentlichen Idee des proletarischen Arbeiteraufstandes so viel zu tun, wie die von einer selbsternannten Ökopartei aufgestellten, und heute überall zu bewundernden Wind- und Zugvögeltötungsanlagen mit Umweltschutz. Unbewusst skizziert Guareschi hier messerscharf jenes linke Milieu, das heute in Deutschland tatsächlich die kulturelle Hegemonie ausübt, aber selbst einen Wohlstandssozialismus in bester Manier lebt.

Augenblicklich wird damit auch klar, dass Peppone im Innersten eben kein Materialist, sondern ein romantischer Idealist ist, und vermutlich deswegen Don Camillo im Geiste doch so nahe. Beide sind „Reaktionäre“, beide begleitet das melancholische Gefühl einer untergehenden Zeit. Beide wissen bereits: die Zukunft gehört mehr dem Schein als Sein, den Theoretikern und nicht den Praktikern, denen, die sich anbiedern, statt denen, die kämpfen.

Teilen

«
»