„Bereit, tausendfach für Christus zu sterben!“

14. August 2026
Kategorie: Europa | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Italianità und Deutschtum | Linkverweis | Venedig | Zum Tage

Am Anfang steht ein beschämender Frieden. Sechzehn Jahre lang hatte Venedig mit seinen christlichen Verbündeten einen verlustreichen Krieg gegen das Osmanische Reich geführt. Der Aufstand der Albaner unter ihrem charismatischen Anführer Skanderbeg; der Angriff des ungarischen Königs Matthias Corvinus in Ungarn; die verzweifelte venezianische Kampagne auf der Peloponnes; alles vergebens. Zuletzt landen die Türken gar in Italien selbst an. 1472 verwüsten muslimische Reiter das Friaul und stehen vor den Toren Udines. 1477 plündern sie erneut die Region und stoßen bis Pordenone vor – nur 80 Kilometer von Venedig selbst entfernt. Ein venezianischer Versuch, die Angreifer zu vertreiben, wird am Fluss Isonzo im selben Jahr durchkreuzt – die osmanische Kavallerie reibt dort ein christliches Heer auf.

Die Republik sieht sich daher im Jahr 1479 zum Frieden mit der Hohen Pforte gezwungen. Zahlreiche Verbündete hatten sich bereits zuvor abgewandt und Venedig im Stich gelassen. Die Seemacht verliert wichtige Territorien in Albanien und Griechenland, darunter auch die Insel Euböa, die die Venezianer Negroponte nennen. Zudem wird die reiche Handelsrepublik dazu gezwungen, jährlichen Tribut an den Sultan zu entrichten. Der Frieden von Konstantinopel demütigt die mächtigste christliche Seemacht im östlichen Mittelmeer. Doch Venedigs Rückzug ist nur der Auftakt. Denn ohne die Serenissima fehlt der hölzerne Schutzwall zur See, der die Christenheit bisher vor dem Übersetzen der Türken geschützt hat.

Am 28. Juli 1480 verdeckt ein Wald aus Schiffsmasten das Adriatische Meer. Vor der Küste Apuliens wabern die Segel von 140 Schiffen. Sultan Mehmed II. wagt den Sprung über die Straße von Otranto. Die großangelegte Invasion soll sich zuerst gegen Brindisi wenden. Die Winde sind allerdings ungünstig. Stattdessen segelt die osmanische Flotte gegen die namensgebende Hafenstadt Otranto. Dort steht den 18.000 Osmanen nur eine Garnison aus 400 Männern gegenüber.

Otranto ist kaum vorbereitet. Schnell haben die Türken ihr Lager errichtet und bringen jene Kanonen in Stellung, die schon die unüberwindlichen Mauern Konstantinopels vor 30 Jahren in Trümmer geschossen haben. Für das Königreich Neapel, zu dem Otranto gehört, wird der Stiefelabsatz zur Achillesferse: Nach jahrelangen Scharmützeln mit aufsässigen Feudalherren und anderen italienischen Kleinstaaten ist es kaum fähig, eine Armee zu mustern und in den Kampf zu schicken. Die Bewohner Otrantos sind auf sich allein gestellt.

Der türkische Oberbefehlshaber Gedik Ahmed Pascha bietet deswegen großzügige Konditionen an: Wenn die Bürger die Tore freiwillig öffnen, dann wird die Stadt geschont. Die christlichen Einwohner sind sich gewiss, was blüht, wenn sie im Kampf fallen: Das Massaker von Konstantinopel ist in Europa tief ins Gedächtnis eingedrungen. Allein die Erinnerung daran hat Städte kapitulieren lassen. Wer nicht zum Islam konvertiert, dem bleibt nur Tod oder Sklaverei.

Das zweite Rom ist gefallen; und die Italiener ahnen bereits, dass diese türkische Invasion das erste Rom zum Ziel hat. Denn Mehmed nennt sich seit der Eroberung Konstantinopels selbst Kayser-i Rum – Kaiser von Rom. Das Osmanische Reich regiert mehr Land in Europa als in Asien. Der Sultan will als muslimischer Herrscher die „verlorenen Teile“ des Imperiums zurückerobern und so seine Herrschaft legitimieren. Die Eroberung Roms, die Eroberung Italiens – das bedeutete nicht nur den Triumph des Islams über das Christentum, sondern auch die Wiedererrichtung eines neuen Roms unter einer türkischen Dynastie. Auf Medaillons lässt Mehmed sein Porträt mit Helm und Ornamenten Alexanders des Großen prägen. Der neue Alexanderzug geht aber nicht nach Osten, sondern nach Westen.

Die Christen von Otranto können diese weltpolitischen Ambitionen nur erahnen. Doch ihre Antwort auf das Kapitulationsangebot fällt eindeutig aus. Trotz der gewaltigen Übermacht weigern sie sich, die Tore zu öffnen. Als ein zweiter türkischer Bote ein Kapitulationsangebot übermittelt, wird er mit einem Schwarm Pfeile empfangen. Um zu zeigen, dass jede Verhandlung nutzlos ist, werfen die Einwohner die Stadtschlüssel vom Hafenturm demonstrativ ins Meer. Die Christen wollen und werden sich nicht unterwerfen.

Die Verteidigung der Stadt obliegt anschließend vor allem den einfachen Einwohnern. Mit Öl und Wasser versuchen sie die Aggressoren an den Mauern abzuwenden. Doch die osmanischen Kanonen verwandeln die Wälle bald in ein Trümmerfeld. Zwei Wochen leisten die Christen verzweifelten Widerstand gegen das übermächtige Heer von Gedik Ahmed. Am 12. August hat die Artillerie die Stadt sturmreif geschossen. Nachdem die letzte Verteidigung gebrochen ist, beginnt das Gemetzel. Die Männer werden abgeschlachtet; Frauen und Kinder versklavt.

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