Das Eis des Sommers klirrte in den Knochen Chiara Malvasias. Der Juni-Schnee kehrte zurück. Ein Schnee, der Polarmäntel eine zweite Haut auferlegte und den schwarzen Stoff Mustelas zu hellem Türkis bleichte. Schneeflocken pappten zu Kristall in ihren Nasenlöchern zusammen; verengten ihren Atem; zogen ihr bis in Rachen und Lungen.
Sie spürte Schnee in ihren Kapillaren, spürte Schnee in ihrem Blut und spürte Schnee in ihrem Herzen. Schnee, wie sie ihn noch in ihrer Kindheit und Jugend nur auf den Gipfeln der capresischen Berge gesehen hatte. Schnee, wie er in Kinderträumen zwirbelte, bevor sich der Traum zum Albtraum wandelte, weil die Nacht über Berge eintrat und Bergsteiger verschlang. Es war der Schnee, der sich zu Massen wuchtete und Lawinen formte.
Eis war etwas, das in Cedrata-Gläser gehörte. Nichts, in dem Menschen leben sollten.
Chiara hasste Schnee.
Die Vigilanza hatte recht behalten. Die Exzedenz war schlimmer als die Hinrichtung. Die Antarktis die Hölle auf Erden. Drei Tage überlebten die Exzedenten. Das sagten säuberlich geführte Listen, von denen niemand wusste, wer sie angelegt hatte und aus welchen Gründen. Drei Tage des Martyriums. Drei Tage gingen vorüber. Danach verlor sich jede Spur im antarktischen Eis.
Chiara hatte nach dem dreihundertsten Tag zu zählen aufgehört.
Selbst am späten Morgen funkelten roten Lichter an den Bohrtürmen. Ein mechanisches, dröges Flimmern, das die Sonne in ihrer Abwesenheit ersetzte. Scipio hatte gesagt, dass die Sonne da war, selbst wenn sie nicht schien; Chiara dagegen glaubte, dass eine Sonne, die nicht schien, keine Sonne war. In den Wochen der beklemmenden Finsternis warf nur ein Scheinwerfer Licht auf das Firmenlogo der SEB. Die stilisierte Buonavista-Sonne züngelte zwischen frostigen Platten. Es blieb die reine Erinnerung daran, was die Sonne war; ein matter Abglanz in einem Land, wo sie sich weder hob noch senkte.
Über Jahre hatte Chiara den Sonnenaufgang für eine Normalität gehalten. Aber in der Antarktis gab es keine Normalität. Kein Licht im Sommer. Keine Pflanzen. Keine tierischen Geräusche. Chiara wusste, was Mangel bedeutete. Sie wusste, wie sich ein Magen anfühlte, der fünf Tage nichts mehr gegessen hatte und sie kannte den auf die nackte Existenz zurückgeworfenen Lebenswillen.
Was sie nie erlebt hatte – war die Abwesenheit jedweden Geruchs. Die alles erstickende Kälte räucherte nicht nur das Leben aus. Jeder organische Rest fand sein Ende in dieser Eishölle. Fast schon aromatisch mutete ein Leck in den Benzinkanistern an, wenn die Avieri die Flugzeuge betankten. In der Ferne, tausende Meilen von Capraia entfernt, fehlten ihr nicht nur die oberflächlichen Gerüche; von salzigen Meeresbrisen an Klippen oder Ginstersträuchern, die Häuser umgaben. Es waren die unterschwelligen, kaum wahrgenommenen, instinktiven Gerüche, die ihr das wohlige Gefühl von Heimat gaben. Es hatte 20 Jahre – ihr ganzes Leben – gedauert, dass sie verstanden hatte, dass kalte, feuchte Erde einen spezifischen Duft hatte; dafür hatte es einen Ort gebraucht, an dem keinerlei Erde lag, weil Eis, Schnee und Gletscher diesen Kontinent würgten.
Chiara brauchte kein Sandelholz und keinen Thymian. Sie sehnte sich nach bloßen Grundnoten. Wie achtlos war sie durch hohes Gras gestreift, hatte Halme ausgerupft und Blätter gepflückt, als gäbe es davon Millionen. Wie selbstverständlich hatte sie Orangen gestohlen und Saft daraus gepresst, so, als konnte sie sich an einem unendlichen Vorrat bedienen. Wie wenig hatte sie geahnt, dass ihre Insel ein Rausch aus Licht, aus Geräuschen und Düften war; eine Malerei, in der sich Menschen bewegten; dass selbst Donner und Stürme und gewaltige Wellen, die Fischerboote und Küsten begruben, Teil einer Ordnung waren. Ihr Magen hatte in diesem Paradies geknurrt; aber es war ein Knurren im Reich von Sinnen und Gefühlen.
Chiaras Handschuh rieb über ihre kalte Nase. Vielleicht hatte sie bereits ihren Geruchssinn verloren.
Nur ein Mensch ohne Sinne konnte hier überleben. Ein roboterartiger, kalter, technischer Mensch, der in Zahlen und Logik dachte. Menschen, die nur noch aus Ideologie und Theorie bestanden, und für die Gefühle und Körper Ballast waren. Ein Ort für Ingenieure, die Pipelines verlegten, mit monströsen Maschinen Eis brachen und Schnee räumten. Die mit gewaltigen Öfen ein künstliches Tauwetter im ewigen Eis erzeugten. Die jede Woche ein Stück dieses fruchtlosen Landes eroberten und mit Metall überzogen. Die in das eisige Herz bohrten und ihm Gas und Öl abrangen. Einen Einklang mit der Natur konnte es im Überlebenskampf nicht geben.
In der endlosen Nacht, zwischen Schneewehen und geruchsloser Kälte, glich die Antarktis einem fremden Planeten. Es war kein Garten, der für sie gemacht worden war; es war ein verbotener Ort, den sie in Hybris betreten hatten und formen wollten, in der gierigen Absicht, seine Schätze zu rauben. Sie waren Kolonisten eines unentdeckten Landes; Pioniere eines menschenfeindlichen Kontinents, der deswegen forderte, alles Menschliche abzulegen.
CIVILTÀ O MORTE! So lautete die Devise des Regimes. Sie stand über dem Ortsschild von Nuova Talamone auf strahlendem Blech. An Marmor oder wenigstens Stein war nicht zu denken. Der monumentale Charakter beugte sich der Effizienz. Die Zivilisation, die der Mustelismus in die Antarktis brachte, bestand aus schäbigen Barracken, rostigen Rohren und billigem Espresso im Pappbecher. Konzessionen des Überlebens, so nannte es das Oberkommando. Zivilisation in der Antarktis bedeutete, dass der mustelische Pilot nur noch eine einzige Crostatina mit einer Geschmacksrichtung auswählen durfte. Etwas, das in der Hauptstadt früher einen anarcho-syndikalistischen Aufstand ausgelöst hätte. Aber in einer Kolonie, die gänzlich auf Importe des Überlebens angewiesen war, dachte niemand an Revolte.
Sie waren Träger der Zivilisation. Das hatte die Propagandaabteilung so lange in ihre Köpfe gehämmert, bis ihre Stirn blutete. Jeder ein Teil einer großen, ganzen Zivilisation. Das Regime hatte heroische Plakate gedruckt, die mit grandiosen Schiffen und Flugzeugen die Inbesitznahme der Antarktis bejubelte und unter Fahnengeschwenk forderte, sich an dieser neuen Welt zu bereichern – und zu folgen.
Chiara hatte sich diesem „Großen Aufbruch“ nicht freiwillig angeschlossen. Das Oberkommando hatte ihre Staffel, ja, die gesamte Gruppe ins ewige Eis versetzt. Nach dem „Vorfall“ auf San Lorenzo – anders konnte und wollte die offizielle Geschichtsschreibung den abgesagten Putschversuch nicht darstellen – war das eine logische Strafmaßnahme. Eine Strafmaßnahme, die der Comandante überdies als Auszeichnung ausweisen konnte. Sie waren die Avantgarde. Die Speerspitze. Die Mutigsten, die Besten, die Auserwählten, die eines Tages als die Erstbesiedler in die Geschichte eingingen, und zu deren Gunsten Denkmäler aufgestellt und Straßen benannt würden.
Das hieß: Sie waren die ersten, die untergingen, zum Ruhme der Nation. Wen der Comandante beförderte, den wollte er scheitern sehen. Nach dreihundert Tagen hatte die Kälte sie bis auf ihre tierischen Knochen abgenagt und jede Menschlichkeit zerfressen. Sie hausten als leere Hüllen in Blechbarracken und lebten von Rationen. Chiara hatte verstanden: Die Grenzen zwischen Kolonie und Straflager waren fließend. So ganz mochte sich das Regime nicht von der Vorstellung trennen, dass die Antarktis vornehmlich ein Verbannungsort war, in dem man auffällige Subjekte entsorgte.
Aber Nuova Talamone war nicht die Exzedenz. Man hatte sie trennen und jeden für sich zugrunde gehen lassen wollen. Zurückgeworfen auf die nackte Existenz. Aber sie hausten nicht wie wilde Tiere. Wenn das ein Erziehungsexperiment war, dann war das Oberkommando gescheitert. Die Piloten von Leocorno und Pantera hatten ihren langjährigen Zwist nicht beigelegt; aber sie hatten ihn eingefroren. Der innerliche Kampf, den sie führten – führten sie zusammen. Sie hatten die Parzellen im Gewächshaus neu aufgeteilt, nachdem das Regime versucht hatte, diese nach Staffelzugehörigkeit verschieden groß zu bemessen. Die Pantera als prestigeträchtigste Staffel hatte sich der Bevorzugung verweigert. Jeder Kolonist besaß seine eigene Parzelle; in der Hoffnung, eines Tages etwas zu ernten, was nicht den Einheitsrationen entsprach.
Martelli hatte sich genauestens informiert. Wie immer. Auf seiner Parzelle gediehen Kartoffeln und Süßkartoffeln in einem bestimmten Mischverhältnis, das Chiara bereits wieder vergessen hatte, von dem er aber behauptete, es wäre die perfekte mathematische Kombination zwischen anspruchslosem Nachtschattengewächs und Windengewächs mit Vitaminzufuhr. Martelli behauptete, dass Süßkartoffelblätter einen hervorragenden Spinat ergäben und natürlich hatte er ihr eine Tabelle mit allen möglichen Nährwerten heruntergerattert, mit Prozentstellen hinter dem Komma und Bekämpfung möglicher Mangelernährungen; wie Martelli überhaupt bereits einen mehrseitigen Ernährungsplan ausgearbeitet hatte, der aber aus irgendwelchen Gründen noch immer keine Beachtung gefunden hatte.
Chiara hatte ihn zuletzt auf Aurelios Schreibtisch gesehen. Mit einem großen, braunen Fleck, dort, wo er seinen Kaffee abzustellen pflegte.
Freilich hatte das Martelli nicht davon abgehalten, seine Überlegungen durch gutes Zureden durchzusetzen. Das bedeutete: Er hatte vor allem versucht, sie davon abzubringen, ihre Idee umzusetzen. Effizienz. Platzangebot. Ertrag. Auch die anderen Kameraden hatten ihr „Projekt“ mit Unverständnis aufgenommen. Erst in 2 oder 3 Jahren sei eine erste Ernte zu erwarten. Zeit, an der es fehlen könnte.
Aber Chiara hatte sich nicht beirren lassen.
Auf ihrer Parzelle gedieh ein Setzling. Ein kleiner Zitrusbaum, der schon im ersten Jahr Blüten hervorbrachte. Der unter künstlichem Licht und in steriler Umgebung den Raum mit Duft füllte. Unter ihm konnte Chiara in einem glücklichen Moment, der in den tödlichen Wehen der Antarktis ungewöhnlich lange dauerte, sich wieder im Schatten einer Kirche von Capraia glauben, über deren Dächern Zitronen hingen.
Sie hatte eine Zedrate gepflanzt. Um eines Tages daraus Saft zu pressen.
Denn Eis dafür – gab es hier bereits genug.