Don Camillo und der Jesus aus dem Himalaya (I)

4. November 2019
Kategorie: Don Camillo und der Jesus aus dem Himalaya | Europa | Freiheit | Giovannino Guareschi | Hintergrund und Schreibarbeit | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Italianità und Deutschtum | Regionalismus

Es waren bereits einige Jahre vergangen, seitdem der Bischof Don Camillo versetzt hatte und unser Pfarrer dazu gezwungen wurde, „seine Messe“ in der kleinen Antoniuskapelle am Fluss zu halten. Natürlich gab es diese Messe offiziell nicht, und wenn jemand von den Dorfbewohnern, die zufällig am Wasser entlangspazierten, aufgegriffen wurde, dann gingen sie natürlich auch nie zur Kapelle, sondern zum Fischen, zum Baden oder nur spazieren. Eine Kommission aus Reggio hatte bereits vor einem Monat eine Visite gemacht, weil der Genosse Smilzo verdächtig lautes Kyrieeleison oder Gloria gehört hatte. Aber als die Zuständigen zur Kapelle eilten, kamen sie ausgerechnet in eine Schafherde rein, die der alte Scaldarelli über die Weiden trieb. Dass der alte Scaldarelli in der großen Kartei der Partei als reaktionäres Subjekt rangierte, das sogar zu Hause eine alte Königsflagge beherbergte und ein Freund der verstorbenen Lehrerin Cristina war, reichte den Prälaten aus der Stadt jedoch nicht. Als sie ankamen, war die Kirche leer – und Don Camillo, den sie am selben Sonntag aufsuchten, hatte ein Alibi, denn der Bürgermeister Peppone hatte verlautet, er würde „jedem Pfaffen sämtliche Knochen brechen“ der zu nahe an die Antoniuskapelle kam. Und da das nicht geschehen war, galt das als deutlicher Beleg für die Kommission, dass Don Camillo keine subversiven Messen hielt.

Aber manchmal kam Don Camillo doch in seine alte Heimat zurück. Im Exil schmeckte die Salami nach Wurstpelle und der Lambrusco war sauer wie eine Zitrone. Die Kirchenleitung hatte ihm eigentlich untersagt, ohne Erlaubnis zurückzukehren – denn es hatte viele Beschwerden gegeben, besonders in der Presse. Ein reaktionärer Priester war nicht gut für das „Image“, wie sie sagten. Es war schließlich das Jahr 1969 und man lebte nicht mehr in den 50ern. Aber Don Camillo lebte immer noch im Mittelalter und stand in einer Linie mit dessen letzten und wichtigsten Vertreter, Papst Pius XII. Die De-Pacellisierung, welche die Kirche eingeleitet hatte, war an ihm spurlos vorbei gegangen. Aber die Kommunisten waren keine Unmenschen, und Peppone hatte erlaubt, dass Don Camillo wenigstens zum Wocheneinkauf zurückkommen konnte. Peppones kleiner Ausflug nach Russland hatte ihn gelehrt, dass ein Leben ohne Salami und ohne Wein schlimmer war als jeder Gulag. Don Camillo im Po ersäufen, ja; aber ihn wie einen Hund verenden lassen?

In Don Camillos alter Pfarrkirche hatte Don Francesco – den alle Don Chichì nannten – das Regiment übernommen. Die goldenen Kandelaber und die Heiligenfiguren hatte er rasch nach Antritt ausgeräumt. Auch das große Kreuz mit Jesus war weg. Don Chichì hatte Wert auf die alte Kirche gelegt, auf die Armut, auf die Bescheidenheit der Urchristen. Don Camillos skeptische Anmerkung, dass der neue Ambo wie ein Imbisstisch in Schnellrestaurants aussähe, hatte Don Chichì wenig freundlich aufgenommen. Es waren Äußerungen wie diese, die ihn als „unannehmbar“ für die weitere Pfarrbetreuung abstempelten. Und von dem doppelten Nasenbruch der beiden Träger, die Don Camillos Kreuz davonschleppten, wollen wir hier gar nicht erst anfangen.

Aber es gab immer wieder Tage, an denen Don Camillo trotz all der großen Bitterkeit in seine Kirche zurückkehren musste, wo er jahrelang die Messe gefeiert hatte. Denn trotz der Umbauten ging sein Herz immer wieder auf, wenn er das Gotteshaus betrat, und die Madonna ihn begrüßte – denn an die hatte sich selbst Don Chichì nicht gewagt. Als Don Camillo sich aber an diesem Wocheneinkaufstag in die Kirche schlich, da erblickte er etwas Merkwürdiges. Vor dem Altar lag ein Teppich, wo viele verschiedene, bunte Gegenstände lagen. Darunter war ein Lampion, eine Drachenfigur aus Gusseisen, eine Schale mit Reis – und zuletzt ein dicker, goldener Mann mit Glatze, der Don Camillo mit breitem Lächeln angrinste. Der alte Priester wollte sich gerade wundern, da wollte es der Zufall, dass Don Chichì vorbeikam, um im Regal der Gemeindeblätter die neuen Ausgaben der Unità einzuordnen.
»Darf ich fragen, Hochwürden, was das ist?«
Don Chichì wirkte erfreut. Er näherte sich Don Camillo und faltete die Hände.
»Wie schön, Sie interessieren sich für unsere kleine Sammlung zur Bhutan-Synode.«
»Bhutan?«
Don Chichì lächelte klug.
»Ich weiß, Ihre Heimat reicht höchstens bis zum Bahngleis von Boretto. Aber da draußen, mein lieber Don Camillo, wartet die Welt darauf entdeckt zu werden. Das große Schiff der Kirche sticht in See, um in die entferntesten Winkel des Globus aufzubrechen. Wussten Sie, dass in den Hochtälern von Bhutan noch niemand von Jesus Christus gehört hat?«
»Und in Bhutan findet jetzt eine Synode statt?«
»Oh nein, in Rom natürlich!«, berichtigte Don Chichì. »Jahrhundertelang waren wir ignorant gegenüber den anderen Kulturen dieser Welt. Wir dürfen das kulturelle Erbe der Vergangenheit nicht schlecht schätzen.«
Don Camillo schwieg. Das war ein seltsamer Vorwurf, den er nicht verstand. Er hatte immer zu den Leuten gehört, die alte Traditionen verteidigten. Dass sich da etwas geändert hatte, hörte er zum ersten Mal.
»Ich habe ja nicht wie Sie studiert«, begann Don Camillo wie nebensächlich. »Aber wäre denn nicht großer Respekt vor fremden Kulturen da, wenn wir dort auch die Synode feiern?«
»Aber nicht doch. Sie müssen wissen, diese Menschen verstehen unsere Religion noch nicht ganz. Beispielsweise haben sie nicht den blassesten Schimmer vom Zölibat. Das wäre sehr fruchtlos.«
»Ah, Respekt heißt also, Leute rückständig zu halten?«
»Man muss den Dialog suchen, Don Camillo. Alles ist mit allem verbunden.«
Don Chichì deutete auf die kleine, goldene Statue vor dem Altar.
»Sehen Sie, dieses besondere Zeugnis aus dem Fernen Osten. Ist das nicht etwa dieselbe Raffinesse wie bei uns? Derselbe Hang zur Spiritualität?«
»Sieht wie ein Buddha aus«, rümpfte Don Camillo die Nase.
Aber Don Chichì ließ sich nicht beirren.
»Don Camillo, Gott hat alle Völker gleich geschaffen, er liebt alle Kulturen, alle Menschen. Und dies ist ein besonderer Schatz, ein Geschenk, das uns dieses Volk gemacht hat. Es steht in hohen Ehren. Wir sollten ihm mit Respekt begegnen. Es ist ein wichtiges kulturelles Objekt, um an die Lehren Buddhas zu erinnern.«
»Und warum steht es dann in einer Kirche?«
»Seien Sie kein Rassist«, wiegelte Don Chichì ab. »Ihr Kaffee, den Sie so gerne trinken, ist beispielsweise einer türkischen Kultur entsprungen, und die Zahlen, mit denen sie rechnen, aus dem arabischen und indischen Kulturkreis. «
Don Camillo faltete wie harmlos die Hände hinter dem Rücken.
»Ich sage ja nur, dass es etwas anderes ist, das lateinische Alphabet zu übernehmen, als sich vor einem Jupiter niederzuknien.«
»Ach, Sie sind so klein, Don Camillo. Alles, was Sie nicht kennen, wehren Sie gleich ab, weil Sie lieber frömmeln als verstehen wollen«, entgegnete Don Chichì. »Vermutlich verurteilen Sie auch Yoga-Übungen.«
Der alte Priester hielt den Kopf schief. Don Chichì verstand, dass Don Camillo dieses Wort niemals bisher gehört hatte, und nahm es als Beweis für den völlig ungebildeten und provinziellen Zustand seines Kollegen zur Kenntnis. Er seufzte kurz, und erklärte dann:
»Dieser Buddha ist natürlich kein Götze. Weil es keine Buddha-Figur ist.«
Don Camillo blinzelte. Er schaute zu der kleinen Figur. Dann wieder zu Don Chichì.
»Sie sieht also aus wie ein Buddha, kommt aus Asien wie ein Buddha, und wurde von Menschen gemacht, die in buddhistischen Gebieten leben – ist aber kein Buddha?«, fragte Don Camillo verwirrt.
»Sie sind so engstirnig, Don Camillo«, tadelte Don Chichì. »Sie ist weder ein Buddha noch ein Nicht-Buddha.«
Don Camillo nickte, so als verstünde er.
»Also reine Dekoration.«
»Nein, eigentlich nicht«, berichtigte der junge Theologe. »Es ist ein Symbol. Ein Zeichen für Leben.«
Don Camillo war ein alter Priester, dessen Bildung nur auf ein paar Worten Latein beruhte. Er war kein studierter Theologe. Er schaute zum Altar, wo früher das große Kreuz gestanden hatte.
»Ja, schön. Platz genug haben wir ja jetzt dafür.«

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