„Es ist Aufgabe der Caritas, gegen Populismus aufzutreten“

18. Dezember 2018
Kategorie: Alltägliche Gedankenstreifzüge | Europa | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Machiavelli | Non enim sciunt quid faciunt

Hätten Sie’s gewusst? Hier das Zitat im Original:

„Es ist Aufgabe der Caritas, auf allen Ebenen gegen Fake News und Populismus aufzutreten und gleichzeitig Werte zu vermitteln.“

Worte von Robert Urbé, ehemaliger Präsident der Sozialpolitischen Kommission von Caritas Europa. Der Passus fällt in der Titelgeschichte von „caritas in NRW“, dem Infodienst der Caritas in eben jenem Bundesland. In der Dezemberausgabe 2018 ist es nur eine von vielen Aussagen, die nachdenklich machen. Nicht so sehr im beabsichtigten Sinne – die Caritas bekennt sich zur EU wie früher so manche Abteilung zur kommunistischen Partei – sondern, ob die Caritas eigentlich eine Ahnung hat, was sie da tut. Insbesondere, wenn man dem klassischen Bild anhängt, die Caritas sei ein katholischer Wohlstandsverband.

Beim Europaforum der Caritas NRW in Brüssel diskutierten 60 Vertreter in der Brüsseler Vertretung über ein „Europa der Teilhabe“. Mit Klaus Hänsch hatte sich die Caritas NRW einen ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten geangelt, der dann auch – kaum verwunderlich – davor warnte, dass der Extremismus von links und rechts die EU zerrütte. Der luxemburgische Erzbischof Jean-Claude Hollerich prangerte nicht nur die ertrinkenden Menschen an der EU-Grenze an, sondern steigerte sich in die Behauptung hinein: „Ein Christ kann nicht neutral gegenüber der EU sein.“ Das Zitat wurde dann auch zur Schlagzeile des ganzen Artikels. Denn: „Jeder Mensch ist unser Nachbar, egal ob EU-Bürger oder Flüchtling, egal ob Christ oder nicht.“ Die Mutation der Nächstenliebe zur Fernstenliebe. Man hätte gehofft, dass Hollerich danach eine Pause eingelegt hätte; so wäre der Zuhörer vielleicht in kryptischen Andeutungen verblieben und hätte die Worte im üblichen klerikalen Rauschen der letzten drei Jahre verortet. Aber Hollerich macht eben nicht Halt: denn Engagement in der Politik, so Hollerich, sei etwas Edles (sic!). „Man ist nicht nur Christ um seine Seele zu retten. Man muss auch das Diesseits gestalten.“ Im Weiteren führte der Jesuit die mangelnde Akzeptanz der EU auf mangelnde Diskussionsbereitschaft zurück. Urbé fügte hinzu, dass die EU ein beispielloses Friedensprojekt sei, nannte die 70 kriegsfreien Jahre einen Verdienst der EU. Der Sprecher der Caritasdirektoren in NRW, Heinz-Josef Kessmann, erkannte, dass wirtschaftlicher Wohlstand allein wohl nicht ausreiche, um als Klammer für die Europäische Union zu dienen. Das habe der Brexit verdeutlicht. Deshalb forderte er mehr „soziale Gerechtigkeit“ und „Teilhabechancen“, die sich abgehängt fühlten. „Sonst erleben wir einen Brexit zwei oder drei.“

Noch einmal: die Caritas ist ein katholischer Wohlstandsverband. In ihrer Wortwahl ist sie aber weder von einem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender, noch von einem politischen Arm der EU zu unterscheiden. Auf das Unsinnsargument der 70 Jahre Frieden wurde schon andernorts hingewiesen, wie auch auf den Topos der Fernstenliebe. Das keine Diskussion stattfindet, hängt weniger mit den Populisten zusammen, als dem dauernd wiederholten Mantra der EU-Befürworter: denn auch in diesem Text sind die Exponenten neuerlich der Auffassung, man müsse den Bürgern die EU nur richtig erklären, dann würden diese sie auch verstehen. Diskussion ist das nicht, sondern Belehrung: es gibt nur diesen einen Weg, also gewöhnt euch dran. Anfang des Jahrtausends gab es abgelehnte Referenden, es folgten die populistischen Parteien, jetzt sitzen letztere in den Regierungen, und immer noch besteht der Glaube, ein guter Schub EU-Propaganda würde auch dieses Mal alle Probleme beheben. Wie wenig politischer Sachverstand bei der Caritas sein Unwesen treibt, zeigt sich an der Abhandlung des Brexits: es war doch eher so, dass das Dauerthema der Briten seit ihrem Einstieg in das europäische Projekt war, dass Großbritannien von der EU übervorteilt würde. Gerade deswegen musste ein „Britenrabatt“ her. Das war übrigens nicht nur ein Argument von UKIP, sondern auch in weiten Teilen der Tories ein sensibler Punkt: warum muss der britische Steuerzahler für Entwicklungsunterstützungen in Andalusien und Sizilien aufkommen? „Soziale Gerechtigkeit“ ist doch genau das Spaltungsübel zwischen den europäischen Völkern: Vergemeinschaftung von Schulden, Finanzspritzen an die südlichen EU-Länder, Bankenrettungen. Das UK ist nicht wegen zu wenig „Teilhabe“ sondern wegen zu viel „Teilhabe“ ausgeschieden. Für das Vereinigte Königreich hätte wohl kein Ausstiegsszenario bestanden, hätte man es bei einer Freihandelszone belassen.

Verstörender ist jedoch die Instrumentalisierung des Evangeliums zugunsten politischer Absichten. Es gibt keine, ich wiederhole: keine politische Partei, keine politische Organisation die sich in irgendeiner Weise als christlich bezeichnen dürfte. Wenn die AfD gegen Flüchtlinge ist, und sie das unwählbar macht: warum ist die CDU wählbar, die den Buß- und Bettag abschaffte, die Strafbarkeit auf Schwangerschaftsabbruch beendete und aktiv die „Ehe für alle“ mitgestaltete? Warum ist die SPD wählbar, deren Jugendbasis derzeit über den Schwangerschaftsabbruch bis zum 9. Monat diskutiert, die „Ehe für alle“ vorangetrieben hat, und die Abschaffung von §219a vorantreibt? Was ist mit FDP, Grünen und Linken, auf die alle diese ideologische Prägungen ebenso gut zutreffen, bereichert um die Annahme, die Spezies Mensch weise mehr als nur zwei Geschlechter auf?

In diesem Sinne ist auch die EU kein christliches Projekt. Die Väter des Lissabon-Vertrags haben von einem Gottesbezug abgesehen. Die Crux bleibt demnach: warum ist es „christlich“ das EU-Projekt zu unterstützen, nicht aber die Populisten? Wenn der heutige Kommissionspräsident in der Vergangenheit zugab, im Notfall lügen zu müssen – was macht diese Institution „wahrer“ als eine Partei, die „Fake News“ streut? Wieso ist es beispielsweise anrüchiger als radikaler Abtreibungsgegner auf Seiten der AfD zu stehen, als mit grünem Parteibuch die Schöpfung von zwei Geschlechtern in Form von Mann und Frau infrage zu stellen? Nur, weil letztere Partei für, erstere gegen die EU ist? Bedeutet dies im Umkehrschluss nicht, dass die „Werte“ bei Vertretern der Caritas und dem luxemburgischen Erzbischof völlig durcheinandergeraten sind, weil sie, statt alle Übel ein Übel zu nennen, einige Übel als weniger übelhaft schildern? Das ist eine durchaus machiavellistische Moral, aber nun einmal keine christliche.

Die Aufforderung, ein Christ müsse (!) auch das Diesseits gestalten, enthält so viele Fehler und Fehlableitungen, dass man sich als Laie fragt, ob der Erzbischof seine eigene römisch-katholische Welt kennt. Es gibt eine nicht unerhebliche Zahl von Mönchen, die leben in ihren Klöstern immer noch komplett abgeschlossen von der Welt, ja, im Gegensatz zur Welt, und gestalten das Diesseits so gut wie gar nicht. Ist das ein Aufruf an die Kartäuser?

Auch die christliche Tradition und Philosophie spricht eine weit vielfältigere Sprache in den Belangen der Politik, als Hollerich sie hier darstellt. Dabei muss man nicht Augustinus gelesen haben, um zu wissen, dass ein Staat auch böse sein kann, dass im Übrigen auch nur die Kirche und das Christentum Bestand haben und nicht die weltliche Ordnung. Politik ist in der gesamten Menschheitsgeschichte ein Hort der moralischen Korruption, und im Grunde eine Schlangengrube für jeden Christen. Das bedeutet im Übrigen nicht eine Absage an die Politik; es bedeutet aber, dass es kein „Muss“-Prinzip für den Christen gibt, sich einmischen zu müssen, und vor allem gibt es nirgendwo eine einwandfreie Aufforderung dazu, für wen man in der Politik einsteht.

Warum ausgerechnet die EU als unzweifelhafte Festung der Orthodoxie gilt, die man verteidigen muss, der man nicht „neutral“ gegenüberstehen kann, der gegenüber also ein „positives“ Bekenntnis abzugeben ist, erscheint fraglich. Man kann für die Regierenden beten (das bedeutet auch: um sie von ihren falschen Entschlüssen abzuleiten), aber man muss sich nicht mit ihrer Politik gemeinmachen. Dass ein Erzbischof demnach sogar „Neutralität“ ausschließt, wenn der Christ nicht abwägen kann, ob der Herr, dem er dient, gut oder schlecht ist, schleudert ihn in ein Dilemma. Die EU ist jedenfalls ein Reich dieser Welt – und demnach so korrupt und verkommen wie Rom vor seiner Bekehrung. Womöglich sollten Hollerich und die Caritas noch einmal gründlich darüber nachdenken, welchem Herrn sie eigentlich dienen.

Teilen

«
»