Deutsche Arroganz, nach Italien exportiert

24. November 2018
Kategorie: Alltägliche Gedankenstreifzüge | Europa | Freiheit | Ironie | Italianità und Deutschtum | Medien | Non enim sciunt quid faciunt

Bereits seit Anfang dieses Jahrzehnts empfange ich kein italienisches Fernsehen mehr in Deutschland. Es hat mir nicht sonderlich gefehlt – denn deutsches Fernsehen schaue ich bereits seit ebenso langer Zeit nicht mehr. Wenn in beiden televisiven Welten etwas Bedeutendes vorgefallen ist (was sich wenig überraschend eher in Grenzen hält) dann wird es mir von Dritten mitgeteilt. Wie bei dieser Geschichte passierte das über die sozialen Netzwerke; in diesem Fall über Twitter.

Nach kurzer Recherche bei Youtube und den klassischen italienischen Internetportalen sehe ich bestätigt, was sich da ankündigt. Udo Gümpel, Italien-Korrespondent für die RTL-Group – zu der neben RTL auch n-tv gehört – liefert sich da nicht nur ein heftiges Gekabbel mit dem italienischen Publizisten Maurizio Belpietro, sondern steigert sich so weit rein, dass er den per Liveschaltung Zugeschalteten an jeder normalen Meinungsäußerung hindert. Auch wenn Sie kein Italienisch verstehen: die Grimassen, Gesten, der Lautstärkepegel und die Stimmlage sagen genügend aus (beginnend ab 1:09):

Vorab: Belpietro ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man einen „linksgrün-versifften“ Medienmacher nennen kann. Der Mann war schließlich mal federführend beim „Giornale“ und dem „Libero“; also Journalen, die gesellschaftlich konservativ ausgerichtet sind. Womöglich ist das ein Hauptproblem für Gümpel, denn im Gegensatz zur abgeschlossenen Medienwelt der 1:4-Talkshows deutschen Formats bewegt man sich in Italien nicht immer im herbivoren Biotop der Sojakonsumenten. Kurz: Hier geht es auch mal hart zur Sache, und nicht immer ist es richtig, die moralisch hochwertige Meinung zur Besseren zu küren.

Die Auseinandersetzung fand auf RAI3 statt, also dem dritten staatlichen Programm des italienischen Fernsehens (nicht zu verwechseln mit den dritten deutschen Programm; es gibt zwar bei RAI3 Regionalnachrichten, aber das Programm wäre eher mit einem staatlichen dritten Hauptprogramm neben ARD und ZDF zu vergleichen). Meinem Informationsstand nach ist es auch nicht der erste Auftritt von Gümpel, der anscheinend wiederholt von der Sendung „Cartabiancha“ (im wahrsten Sinne eine „Carte blanche“ im Sinne der Handlungs- bzw. Meinungsfreiheit und zugleich ein Wortspiel, das sich auf Moderatorin Bianca Berlinguer bezieht) oder anderen italienischen Medien eingeladen worden ist, um seine Position darzustellen.

Der Streit entzündet sich am Migrantencamp „Baobab“ in Rom. Hinter dem Bahnhof Tiburtina lagerten Personen in einem Camp, das von Innenminister Matteo Salvini öffentlichkeitswirksam mit einer Planierraupe geräumt wurde. Gümpel macht sich in dem Gespräch mit einer Haltung gemein, die eigentlich in Deutschland auch die linksextreme Presse vertritt: „Es ist eine Schande, dass so ein reiches Land wie Italien sich nicht damit beschäftigt, ein paar Hundert Personen unterzubringen, oder sich dafür entscheidet, sie nach Hause zu schicken oder nicht, sondern sie im Regen stehen lässt. In Deutschland, einem zivilisierten Land, würde sowas nicht passieren.“ Dass die Lager alles andere als legal waren und auch der Schutzstatus nach dem jüngst verabschiedeten Salvini-Dekret erodiert ist, die Informationen lässt Gümpel außer Acht – ganz abgesehen davon, dass der „Reichtum Italiens“ so ein eigenes Kapitel für sich wäre.

Und es ist genau hier, wo Belpietro reingrätscht: „Ich denke, dass in einem zivilisierten Land besetzte Gebäude geräumt werden sollten.“ Aber dann gibt es da noch einen Punkt, und man merkt Belpiero an, dass er hier hart wird. Denn Gümpel hat suggeriert, dass Italien eben kein zivilisiertes Land sei. Dergleichen kann er vielleicht im heimeligen Nest bei Anne Will oder Maybritt Illner äußern, vielleicht auf RTL: aber mit Sicherheit nicht mitten ins Gesicht eines italienischen Publizisten, der nicht dem linksliberalen Milieu angehört und sich am liebsten in der eigenen Schuld suhlt. „Ich glaube“, beginnt Belpietro (wir sind jetzt bei 1:08), „ich glaube auch eine andere Sache, nämlich dass es sehr einfach ist, hierherzukommen, nach Italien, und den Italienern Lektionen erteilen, wenn …“

Weiter kommt Belpietro nicht. Das Gespräch geht in den Zwischenrufen Gümpels unter. Ohne, dass Belpietro sich bereits zu Ende geäußert hat, spricht er, dass Belpietro „Nonsens“ (Fesserie) von sich geben würde, wiederholt dabei immer wieder diese Phrase. Die Begründung Belpietros, nämlich, dass Deutschland ganz Europa in die Pflicht genommen hätte, 6 Milliarden Euro an die Türkei zu zahlen, um ein Migrationsproblem zu beheben, das zum größten Teil von den Deutschen selbst verschuldet wurde – die Begründung geht angesichts deutscher journalistischer Hegemonie in Sachen Lautstärkepegel unter.

Gümpel verbleibt in seiner Klage von Unfug, schneidet Grimassen, macht Gesten, ohne auf dieses Argument eingehen zu wollen. Irgendwo sticht noch Vorwurf von „Agit-prop“ durch, sonst versteht man nichts. Die Moderatorin Berlinguer kann den deutschen Furor abbrechen wie sie will, Gümpel hört nicht zu. Da ist er, der Reflex: der Rechte muss Unrecht haben, seine Argumente müssen Fake News sein. Im Angesicht des Goldenen Kalbs der deutschen Postmoderne legt man sich im fremden Land gerne mal mit Kollegen und Gastgeber an. Dass Deutschlands Politik ein Fehlschlag sein könnte, muss eine Lüge sein, der andere kann nur Quatsch erzählen. Gümpel wandelt sich in dem Moment in den hässlichen Deutschen, da Belpietro ihm das vorhält, wofür die Deutschen in aller Welt verhasst sind: ihre unaufhörliche Lust am Belehren.

Deutschlands Journalismus zeigt in diesem Moment sein wahres Gesicht. Weltoffen nur, wenn man die eigene Meinung auch woanders hört. Dass Gümpel die römische Wiege Europas gerade als Hort der „Unzivilisation“ wie im Nebensatz abgekapselt hat, sich selbst nicht empfänglich dafür zeigt, warum Deutschland kein Recht hat, andere Länder ihrer Migrationspolitik wegen zu kritisieren – alles egal. Dass neben Gümpel auch Tobias Piller durch italienische Talkshows wandeln darf um den deutschen Standpunkt nahezubringen, es aber in Deutschland kein Gegenstück dafür gibt*, Gümpel also im Ausland immer noch ein Gast mit Sonderprivilegien ist, scheint vergessen. Am Ende fasst Belpietro wütend zusammen, als Berlinguer endlich Ruhe stiftet: „Ich werde es niemals akzeptieren, dass ein deutscher Journalist im öffentlichen Fernsehen, bezahlt von den Italienern, mich daran hindert, hier zu reden.“

Aus Gümpels Sicht und der seiner Kollegen die Fratze des nationalistisch-faschistischen Italiens mit rassistischen Untertönen. Berlingeur kündigt sofort an, dass er – Gümpel – nie wieder in ihrer Sendung eingeladen werden würde. Wieder werden sich deutsche Medien fragen, woher der Unmut über die deutsche Politik kommt: Fake News, Ignoranz, oder populistische Verschwörungen?

Dass der Faschismus der deutschen Medien im Sinne von Sprechverboten und Niederbrüllen anderer Meinungen der ausgeprägteste im neuen Deutschland ist, wird wohl hierzulande niemand einsehen. Herangezüchtet im eigenen Saft der richtigen Meinung, sprießt er wie ein aggressives Unkraut, wenn nicht im eigenen Biotop unter seinesgleichen kultiviert. Für den Export in die Welt unter dem Label deutscher Arroganz ist er deswegen kaum geeignet. Die Italiener konnten an diesem Abend alle Vorurteile über ihre nördlichen Nachbarn bestätigt sehen. Für Salvini bedeutet das wohl wieder zwei Prozente mehr in den Umfragen für die Lega.

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*Ich bitte um Korrektur, wenn jemand dazu etwas anderes weiß.

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