Italien und die Beben

7. November 2016
Kategorie: Alltägliche Gedankenstreifzüge | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Italianità und Deutschtum | Persönliches | Philosophisches

Man mag sich fragen, warum der Löwe hier im Diarium keine Worte zu den Erdbeben findet, die Italien heimsuchen. Auch zu Amatrice konnte ich nicht reagieren. Nun also, letzte Woche, Norcia.

Mir geht dabei womöglich zu viel im Kopf herum. Merkwürdige Zufälle sind es. Zuerst Assisi 1997, die Heimat des Heiligen Franziskus. L’Aquila 2009, wo der Heilige Bernhardin liegt. Nun Norcia, die Heimat des Heiligen Benedikt; ein Erdbeben, das selbst in der berühmten römischen Papstbasilika von Sankt Paul vor den Mauern Risse hinterließ.

Allesamt Erdbeben in Mittelitalien. Dabei schwingt ein viel größeres Damoklesschwert über den Köpfen der Italiener. Alle 400 Jahre erschüttert ein Riesenbeben den Norden Italiens.

Einmal 1117 in Verona; im Hochmittelalter verwüstete dieses Beben nicht nur die namensgebende Stadt, sondern alle Kommunen des Nordens, in Mailand, Brescia, Padua. Keine Stadt, wo diese Katastrophe in den Chroniken keine Spur hinterließ. Verona selbst nahm damals mehr Schaden als in den Jahrhunderten der Völkerwanderung, Gotenkriege und beim Langobardeneinfall. Die berühmte Arena hatte sich bis dahin nahezu perfekt gehalten; erst das Erdbeben forderte bis auf wenige Bögen – die charakteristische „Ala“ – den gesamten Außenring des altrömischen Amphitheaters. Auch die Stadtmauer aus der Römerzeit, die noch im 10. Jahrhundert den Ungarn widerstanden hatte, wurde ein Opfer des Bebens; ebenso unzählige Gotteshäuser, und natürlich die hölzernen Bauten der Stadtbewohner.

1570 dann das nächste katastrophale Beben. Das Epizentrum lag diesmal bei Ferrara. Die Hauptstadt der Familie Este, ein Juwel der Renaissance, wurde komplett zerstört. Auch der Rest des Herzogtums der Este – Modena, Reggio und umliegende Orte – wurden so heftig in Mitleidenschaft gezogen, dass die Besitztümer der Este, die jahrhundertelang als Zentren von Kunst, Kultur und Wirtschaft galten, in Sekundenschnelle in Trümmern lagen. Der Bedeutungsverlust der Este als eines der mächtigsten Geschlechter Italiens wird im Zusammenhang mit diesem schweren Schlag gesehen. Überflüssig zu erwähnen, dass das Beben auch hier in ferneren Städten seinen Tribut forderte.

Wieder sind 400 Jahre um. Einige sahen bereits das Erdbeben von Mantua 2012 als eben dieses Riesenbeben an. Allein, man mag sich noch damit beruhigen. Viele sehen das, was in den letzten Jahren geschehen ist, nur als Vorboten des Jahrhundertbebens an. Die Zeichen mehren sich dafür. Auch in meiner Heimatgemeinde rüttelten die Häuser im Jahr 2004.

Der Löwe möchte daher nicht mehr beschreien als nötig.

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