Italos Krankheit

17. Juni 2016
Kategorie: Caravaggioduft | Hintergrund und Schreibarbeit | Ironie | Italianità und Deutschtum | Persönliches

Die Sommersonne sengte über Berlin. Sam hatte Italo zu einer Visite in die Hauptstadt eingeladen; und obwohl sich der Italiener zuerst gegen das Angebot gesträubt hatte, kam er diesem zuletzt doch nach.

Zu seiner Verwunderung entdeckte er bei seiner Visite eine Seitengasse, die der Krieg völlig vergessen hatte; gesäumt von Häusern der Gründerzeit, verziert mit Blumenbeeten, Bäumen und filigranen Lauben der Jahrhundertwende, speisten Kinder dort Erdbeereis an einer historischen Droschke. Selbst die Litfasssäulen und Straßenlaternen hatten aus dem wilhelminischen Zeitalter überlebt, und formten ein Refugium alter kaiserlicher Größe. Galerien und Antiquitätenläden schlossen sich einander an, abgerundet von einem renommierten Auktionshaus, das auf dem Plakat den Verkauf eines wertvollen Alten Meisters ankündigte.

Auf dem Kurfürstendamm flanierten ansehnliche Damen. Italo las die Aufschriften nobler Geschäfte: Prada, Bottega Veneta, Ermenegildo Zegna, Moncler. Einige Häuser boten Maßanfertigungen an. Dazwischen parkten historische Karossen, alte Jaguare maßen sich mit den Pferden Ferraris, den Dreizacken von Maserati, den Stieren von Lamborghini und den Sternen von Mercedes. Die Berlin Classics hatten die Stadt erobert, und der Spaziergang mochte dabei nicht enden. Italo begleiteten die Stimmen und Zungen italienischer Mundart; Touristen aus seiner Heimat bevölkerten den Boulevard, mochte es wegen der Mode, der Autos, oder nur aus blankem Zufall sein. Im Gemisch des dröhnend-dunklen Neapolitaners und des vornehmen Mailänders glaubte sich Italo in diesem Moment eher in Rom als in Berlin.

Es war zu dieser Nachmittagsstunde, dass die Sonne immer kräftiger auf dem italienischen Stoff brannte. Italo wischte sich über die Stirn. Die amerikanische Begleiterin nahm dies zur Kenntnis, glaubte, dass es dabei blieb – bis der Italiener plötzlich wie bei einem Schwächeanfall einknickte.
»Mr. Italo – alles in Ordnung?«
»Da, dort vorne ist eine Apotheke«, meinte er mit trockener Stimme. »Schnell, ich glaube, ich werde krank.«
»Was haben Sie?«
»Ich beginne, Berlin zu mögen.«

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