David Berger hat vor kurzem eine Darstellung dessen geschrieben, was rechts, was links ist. Ich bin dabei nicht ganz unverantwortlich. In der Fragerunde nach dem Vortrag in der Bibliothek des Konservatismus kam es angesichts der politischen Einordnungen zu der unausweichlichen Frage, ob denn die Begriffe „links“ und „rechts“ überhaupt noch eine Bedeutung hätten, ob es demnach sinnvoll sei, in diese Kategorien einzuteilen.
Ich halte persönlich wenig davon, diese Muster aufzulösen, nicht so sehr, weil ich verneinen möchte, dass es zu Erosionen bei diesen Definitionen gekommen ist – das ist tatsächlich der Fall –, sondern vielmehr, weil für mich ideenhistorisch sehr klare Muster erkennbar sind, was historisch „rechts“ und was historisch „links“ ist. Diese Definition ist freilich keine allgemeingültige. Ich halte sie aber für die konsequenteste, weil sie auch nach den Wirren des 19. und 20. und womöglich auch 21. Jahrhunderts Bestand haben wird. Für manche ist sie überraschend; für das Publikum der Bibliothek des Konservatismus war sie sofort nachvollziehbar.
„Rechts“ bedeutet, dass dem Weltbild eine Ordnung vorausgeht. Nicht der Mensch selbst ist Urheber dieser Ordnung. Der Rechte denkt metaphysisch.
„Links“ bedeutet, dass der Mensch selbst im Mittelpunkt steht und sich seine Ordnung demnach selbst schafft. Der Linke denkt materialistisch.
Zwangsläufig sind Begriffe wie Ordnung, Tradition, Kontinuität und auch Familie an ersteren gebunden. Ja, auch das Provokationswörtchen „Gott“. Daher kommt auch eher das realistisch-praktische Denken als „Umsetzer“ dieser Ordnung. Auch das Menschenbild läuft auf Adenauers Diktum hinaus: Man muss die Menschen nehmen wie sie sind – es gibt keine anderen.
Da der Linke sich eine Ordnung schaffen muss, ist er eher theoretisch orientiert – er muss sich seine Ordnung selbst überlegen, denn Ordnung ist etwas „Menschengemachtes“. Fortschritt, Positivismus und Existenzialismus gedeihen dort, wo der Mensch sich in den Mittelpunkt rückt, gleichzeitig aber formbar ist. Der „neue Mensch“ ist möglich.
Im Grunde gibt es daher zum Beitrag von David Berger nicht viel hinzuzufügen. Ich möchte es bei Hintergründen und Ergänzungen belassen.
Wie erwähnt, geht dieser Einteilung eine historische voraus. Wenn wir zurück zur Wurzel der Begriffe „rechts“ und „links“ gehen, kommen wir zur Französischen Revolution. Auf der rechten Seite sitzen die Royalisten, die Bewahrer der Tradition und des Glaubens; auf der linken die progressiven Revolutionäre. Wenn man also vom Ursprung zurückdenkt, sind die Linien zwangsläufig. Die ursprüngliche Rechte geht auch nicht unter. Ihr Denken findet sich bei Maistre, Metternich und Donoso Cortés wieder. Diese Rechte war – anders als die Rechte des 20. Jahrhunderts – auch anti-national und wirtschaftlich sozial. Den patriotischen und wirtschaftsliberalen Impuls finden wir bei den laizistischen Nationalliberalen.
Ich habe diese Kategorie im persönlichen Gespräch häufiger als „weiße Rechte“ bezeichnet, da Weiß die christlich-monarchistische Farbe ist und somit in vielen Ländern mit dem Ancien Régime verbunden ist. Die müßige Frage, ob denn die Faschisten und Nationalsozialisten Rechte waren, ist deswegen so alt wie unerheblich, weil beide Bewegungen Sammlungsbewegungen waren. Dass die Spannungen zwischen Mussolini und der Königspartei letztendlich zum Auseinanderbrechen Italiens im Jahr 1943 in einen faschistischen Norden und einen monarchistischen Süden führten, zeigt, dass die „weiße Rechte“ auch hier überlebte. Giovannino Guareschi, der sich bei der Wahl zwischen Kriegsgefangenschaft und Kollaboration mit den Nationalsozialisten entscheiden musste, gehörte als Monarchist zu eben dieser „weißen Rechten“.
An dieser Stelle möchte ich aber noch einen weiteren Punkt hinzufügen, der das Problem bezüglich der Einordnung der rechtsextremen Erscheinungen des 20. Jahrhunderts erleichtert. Bei Guardini finden wir die Überlegung, dass die Revolution – ob nun die Französische oder Russische – nach „Freiheit“ strebt. Aber welche Freiheit? Während die Revolution sich angeblich der populären Formel einer bürgerlichen Freiheit verschreibt, will sie in Wirklichkeit etwas anderes. Sie will die Freiheit „von“ Gott. Denn auch schon der Französischen Revolution lag die Idee eines neuen Menschen zugrunde. Nicht der Liberalismus, sondern der Atheismus ist „Bewegerin“ der Moderne.
Dieses Konzept hat Del Noce wiederum ausgeführt. Der marxistische Materialismus hat das 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert geprägt; das 20. Jahrhundert setzt praktisch um, was das 19. Jahrhundert gedacht hat. Nicht die ökonomische Theorie, sondern der Atheismus, auch im Gewand des historischen Materialismus, ist die Triebfeder modernen Denkens. Erst wenn der Mensch seiner Gottmenschlichkeit entkleidet ist, wird er auch wirklich formbar, wird die Gesellschaft formbar. Der Staat kann erst Gott werden, wenn es keine höhere Autorität mehr gibt. Menschenrechte ergeben sich aus der Menschenwürde, die allerdings nur von einer höheren, metaphysischen Instanz herrühren kann. Die „Ermordung“ Gottes ist also die eigentliche Konsequenz zur Durchsetzung der marxistischen Idee.
Dass in dem Moment, da Gott tot ist, „alles erlaubt“ sei, ist auch bei Nietzsche kein unbekannter Gedanke. Die Rezeption von Marx wie Nietzsche schlägt sich im italienischen Faschismus nieder. Übrigens nicht nur da. Die gesamte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sieht eine Auferstehung des Prometheus-Kultes, bis tief hinein in die Kunst. Prometheus als Titan ist weder Gott noch Mensch, aber eben jener, der den Göttern das Feuer stiehlt und den Menschen bringt. In diese Zeit fällt auch die „titanische“ Überhöhung mancher Nationalhelden und -künstler. Im Art Deco des kapitalistischen Amerika ist Prometheus ebenfalls prominent belegt. Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“ prägt den damaligen Zeitgeist.
Es ist also weniger wichtig, dass Faschismus und Nationalsozialismus „rechts“ oder „links“ sind; sie sind vor allem säkular bis atheistisch und treten damit nicht als reaktionäre, sondern als moderne Ideologien auf, die eine Antwortmöglichkeit als vermeintlichen „Dritten Weg“ darstellen. In Wirklichkeit sind sie nur die andere Seite der modernen Medaille. Diese atheistische Entwicklung ist überdies auch nicht mit dem Untergang des Dritten Reiches oder der Sowjetunion abgeschlossen. Der Marxismus ist vielleicht nur noch oberflächlich vorhanden; aber seine atheistische Wurzel hat sich tief in die bürgerliche Gesellschaft gegraben.
Del Noce sagt die Etablierung eines Regimes der Bourgeoisie voraus, das zwar die marxistische Idee etabliert hat, aber aufgrund des Verlusts der marxistischen „Theologie“ auf eine Gesellschaft des Relativismus zurückgeworfen wird – denn der Marxismus hat gelehrt, dass es keine „absoluten Werte“ gibt. Dieses Schlagwort prägt auch den heutigen Westen. Dieses neue Regime übernimmt alle metaphysischen Negierungen, die Marx gelehrt hat, ohne aber diese Lücken füllen zu können oder zu wollen – denn auch die marxistischen Ideale werden konsequenterweise negiert. Die „relativistische Wohlstandsgesellschaft“ ist laut Del Noce intrinsisch totalitär und anti-traditionell. Sie behauptet weiterhin „demokratisch“ zu sein, reagiert aber empfindlich auf jedwede metaphysische Formel, die ihr Gerüst ins Wanken bringen könnte. Insofern ist das „Linke“ im heutigen Deutschland selbst bis weit hinein in vermeintlich „rechte“ Kreise weit verbreitet.