Scipios Brief

30. Juni 2026
Kategorie: Der Exzedent | Hintergrund und Schreibarbeit

Liebe Zama.

Wir sind ein Volk des Meeres. Weil sich unsere Seele nach dem Meer verzehrt. Weil nur das Meer weit genug ist, dass wir uns danach sehnen können. Weil das Meer kein Ende hat und zugleich an Küsten stößt. Weil unser Geist in der Ferne sucht, was er daheim verloren glaubt. Weil wir aus dem Meer kommen und zum Meer zurückwollen; weil wir die Sonne, zu der wir hinaufsteigen wollen, im Meer aufgeht und im Meer versinkt.

Jedes Volk, das an den Küsten des Meeres siedelt, hat einen anderen Namen für das Meer. Inländisches Meer. Großes Meer. Sternenmeer. Nur wir haben keinen dafür. Wir sagen schlicht seit 2.500 Jahren:

Unser Meer.

Aber das Wasser ist giftig und faul geworden. Deshalb haben wir den Himmel gegen das Meer getauscht. Unsere Maschinen durchqueren das Himmelsblau wie die Entdeckerschiffe der Vergangenheit den Ozean. Im Surren von Propellern und Motoren rauschen die Wellen des Strandes fort. Wolken sind nichts anderes als die schäumende Gischt. Über uns weitet sich das Sternenzelt, wie es unseren Vorfahren schon den Weg wies.

Der Himmel ist unser neues Meer.

Ich habe dieses Meer besegelt. Auf der steten Suche nach dir. Ich habe nicht aufgehört nach dir zu suchen. Ich habe keine Meilen, keine Jahre, keine Länder gezählt. Die Meere bewahren nur Erinnerungen; tief unten am Grund, wo versunkene Städte zerbröckeln und Schiffswracks im Korallenwald verschwinden.

Ich habe versucht, meine Erinnerungen mit einem Stein anzuketten und ins Meer zu werfen. Andere können das. Sie haben verdrängt, was unsere Heimat war, bevor die Ideologie den Geist zerfressen hat. [DURCHGESTRICHEN] Ich beneide diese Menschen; ich verachte diese Menschen.

Denn verdrängen, das bedeutet Lieblosigkeit gegenüber der Erinnerung. Erinnern heißt eine Sache so sehr lieben, dass man sie nicht vergisst. Die brennende, heiße Erinnerung an die Vergangenheit bedeutet Liebe, weil Liebe heißt: jemanden etwas Gutes wünschen.

Meine Schwäche, für die mich dieses Jahrhundert anklagt, ist meine Liebe zur Wahrheit. Wo Wahrheit zum Verbrechen wird, bleibt mir nur noch das Schweigen. Es ist besser zu schweigen, als Gefahr zu laufen, zu lügen.

Schweigen ist kein Rückzug. In einer Welt dumpfen Redens ist Schweigen Protest. Wer auf eine Frage hin offensiv schweigt, stimmt nicht zu. Wer auf die laute Propaganda mit Empörung reagiert – macht mit. Er ist in das System des rauschhaften, animalischen Gefühlszirkus eingetreten. Gott hat die Seele nicht für Lärm geschaffen. In den Winden der Höhen und dem Takt der Wellen kehrt sie heim.

Selbst wenn du zurückkehrst – du würdest unsere Heimat nicht wiedererkennen. Es sind bloße Kulissen aus Stahl und Glas; bewohnt von Attrappen aus Fleisch und Blut. Wo keine Wahrheit ist, da ist keine Liebe, und wo keine Liebe ist, ist keine Erinnerung.

Das Oberkommando hat festgestellt, dass du tot bist. Und der Colonnello hat mir gesagt, dass dies die freundlichste Form der Warnung ist, meine Suche aufzugeben, da mir sonst Konsequenzen drohen. Konsequenzen, die mich nicht scheren, selbst wenn es ein Militärtribunal bedeutet. Aber Konsequenzen, die Kameraden, Freunde und Vertrauensleute treffen, wenn ich nicht spure. Das System weiß, wie es einen zermürben kann, selbst, wenn man 5.000 Meter über dem Meer schwebt.

Dies ist meine letzte Nachricht. Ich vertraue sie dem Meer an; in der Hoffnung, dass das Meer uns vereint, wie es unser Volk über Jahrhunderte vereint hat. Weil ich glaube, dass du lebst, und uns Menschen mehr als der Zufall bindet. Weil ich zu sehr liebe und zu wenig stumpf geworden bin, um zu verdrängen.

Und weil der Lärm der Welt vorübergeht.

Dein Bruder,

Scipio

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