Die erste Frage vorab: Handelt es sich bei Alexis de Tocqueville, den luziden französischen Denker, der die „Demokratie in Amerika“ schrieb und dabei die Vorteile wie Nachteile der Staatsform sezierte, tatsächlich um einen „vernachlässigten Denker“? Gleich mehrfach hat ihn sein Landsmann, der Schriftsteller Michelle Houellebecq, seit mindestens 2010 immer wieder in Erinnerung gerufen; besonders klar in seiner Dankesrede für den Frank-Schirrmacher-Preis 2016, bei der er sagte, dass Tocquevilles zweiter Teil der „Demokratie“ sein literarisches Schaffen vorwegnehme. Das sind große Worte von einem Mann, der als einer der einflussreichsten und bedeutendsten Literaten der Gegenwart gehandelt wird. Umso mehr Gewicht hat die von Houellebecq zitierte Passage über die „Tyrannei der Mehrheit“, die angesichts der seit einem Jahrhundert dominierenden Massengesellschaft eher noch an Aktualität gewonnen hat.
In diesem Sinne kann also Tocqueville tatsächlich nicht als vernachlässigt gelten; auch einem deutschen Publikum sollte er nicht völlig unbekannt sein, da er zu den bekanntesten Gewährsleuten der deutsch-französischen Journalistenlegende Peter Scholl-Latour zählt, der ihn in zahlreichen Büchern zitiert hat. Und dennoch – und das ist einer der Gründe, warum er definitiv als „vernachlässigt“ gilt – besteht eine atemberaubende Diskrepanz zwischen den Hinweisen auf diesen großen politischen Beobachter und seine Rezeption in dezidiert konservativen und katholischen Kreisen. Denn würde Tocqueville tatsächlich die Beachtung finden, die er aufgrund seiner Aktualität finden müsste, dann müsste zumindest in den politischen Denkschulen seine Relevanz auf der Stufe von Antonio Gramsci stehen; das ist jedoch nicht der Fall.
Tatsächlich hat man sich über lange Zeiträume des Kalten Krieges mit dem Hinweis auf Tocqueville begnügt, weil er bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den unweigerlichen Zusammenprall zwischen den Supermächten der Zukunft – Russland und den USA – vorhersagte, was für die damaligen Zuhörer wie Science-Fiction klang. Zugleich hat aber diese richtige politische Prophezeiung ihn nahezu nur zu einem Beobachter und Historiker Amerikas, nicht aber zu einem Deuter der demokratischen Staatsform gemacht.