Inside CDU: Fischbrötchen gegen den Untergang

25. September 2026
Kategorie: Medien | Non enim sciunt quid faciunt

Es liegt lange zurück, dass ich eine öffentlich-rechtliche Sendung angeschaut habe. Der auf X kursierende Ausschnitt von CDU-Staatsminister Philipp Amthor – den auf den Fluren des Kanzleramtes feudale Musik begleitet, bevor sein Strandkorb auf die Büro-Terrasse geschoben wird – und nicht zuletzt das gespielt volksnahe Gespräch über den heimischen Kanzleramtsfuchs machten mich dann doch neugierig. Das Ganze erinnerte aufgrund seiner Gestelztheit an einen Loriot-Sketch.

„Inside CDU“ heißt die ZDF-Dokumentation, von der ich mir die Folge „Rumms“ angeschaut habe und deren Amthor-Ausschnitt bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Diese Sendung war eine absolute Überraschung. Schnitt, Kamera, Dialoge, Aufmachung – man mag öffentlich-rechtliche Inhalte immer wieder kritisieren, aber handwerklich hat sich in den letzten Jahren einiges getan.

Zwar ist der düstere Pseudo-Hans-Zimmer-Sound bei politischen Dokumentationen immer noch etwas überrepräsentiert. Er dient jedoch – anders als früher – nicht mehr primär dazu, die Bedrohung durch die AfD zu untermalen, sondern generiert vielmehr eine Atmosphäre des fatalen Untergangs des Protagonisten.

Keiner der Beteiligten spricht es klar aus, aber zwischen den Zeilen sind sich offenbar auch die führenden Journalisten der Massenmedien mittlerweile unsicher über das Schicksal der langjährigen Kanzlerpartei, die Deutschland wie keine andere den Stempel aufgedrückt hat. Das dämmert auch manchem Parteisoldaten auf der Straße, die Beschimpfungen und die Verachtung von Passanten ertragen müssen, weil die Merz-Regierung so unpopulär wie nie zuvor ist.

Im Gegensatz zum fröhlichen Geträller Amthors liegt über der Dokumentation eine bedrückende Stimmung: In Mecklenburg-Vorpommern glaubt man immer noch, mit Fischbrötchen Wähler zu gewinnen, in Berlin floskelt Amthor über Vertrauen, Merz betont, dass er weiterhin an die Kraft von Reformen glaube.

Doch die Macher beherrschen den Verfremdungseffekt: Das CDU-Gerede erinnert an die Jahre von „40 Prozent plus x“, während sich die Welt draußen längst gewandelt hat. Anders als sonst ist die AfD nicht der Teufel aus der Schachtel, sondern erscheint als Naturgewalt – wie ein aufziehendes Gewitter, das die CDU schlichtweg nicht zu verstehen scheint.

Überhaupt, die Darstellung der AfD: Freimütig geben selbst die Journalisten zu, dass Ulrich Siegmund mit Menschen umgehen kann und ihn eine freundliche Aura umgibt. Der vom Spiegel mit dem Preis für den „gefährlichsten Mann Deutschlands“ ausgezeichnete AfD-Spitzenkandidat plaudert gesellig mit der Frau, die sich um seine Maske kümmert. Man hat sich über den ehemaligen Parfümverkäufer lustig gemacht, aber Vertreter wissen bekanntlich, wie man den Fuß in die Tür bekommt. Schulze tritt ein, und alles bleibt, wie es ist; Siegmund kommt herein, und ein Ruck geht durch den Raum. In vielen Belangen erinnert er an den jungen Matteo Salvini von 2014.

Das ZDF lässt diesen Moment überraschenderweise wirken: kein Kommentar, keine belehrende Einordnung. Denn die AfD ist dieses Mal weder Antagonist noch Protagonist. Die Folge zeigt vielmehr, dass die CDU ihr eigener Gegner ist. Da mag Melanie Amann darauf hinweisen, dass Siegmund argumentativ unterlegen sei und die AfD primär von der Inszenierung lebe – doch das war schon bei Gerhard Schröder und Edmund Stoiber im ersten Kanzlerduell nicht anders. Damals erweichte der SPD-Chef mit der sentimentalen Erwähnung seiner Frau die Herzen der Wähler, während die bayerische „Aktentasche“ blass blieb.

Für klassische TV-Duelle interessiert sich das heutige Deutschland ohnehin kaum noch, sondern vielmehr für Formate wie „Ungeskriptet“, bei denen Siegmund bereits vor dem Schlagabtausch punkten konnte – ein Gespräch, dem Schulze in Verkennung der Macht der neuen Medien ferngeblieben war.

Nicht zu Unrecht bemerkt Mariam Lau, dass die CDU sich im Wahlkampf von sich selbst distanzierte und demontierte. Genau in diesem Moment tritt Merz’ Adlatus Amthor auf, ergreift das Wort und befeuert das Publikum mit einer Rede voller Banalitäten. Die Macher der Sendung haben ihren Brecht gelesen. Stimmung, Rituale, Gespräche könnten auch aus einem Spot der 1970er stammen – in der Welt, in der sich die CDU und ihre Anhänger bewegen, ist alles noch so wie früher, und man wird den Eindruck nicht los, dass diese sich tatsächlich im besten Deutschland aller Zeiten wähnen und gar nicht verstehen können, dass ehemalige CDU-Wähler heute fest bei den „Blauen“ verankert sind.

„Die Stimmung ist besser als die Umfragen“, sagt Amthor zu Schulze. Der bejaht. Später ergänzt er, er habe auf der Straße ein ganz anderes Gefühl als bei den Umfragewerten.

Den Wahlkampfauftritt begleitet eine merkwürdige Einlage: Eine Figur, die über dem Wasser in einen blinkenden Anzug gepackt ist, zündet Feuerwerk auf dem Rücken. Das Publikum klatscht, der Ministerpräsident findet es „geil“, im Hintergrund dröhnt Popmusik. Es sind Bilder und Töne, die an einen Sorrentino-Film wie Il Divo erinnern, in dem sich die dekadente Politoberschicht noch ein letztes Mal im Glauben an die eigene Überlegenheit amüsiert – um nur wenige Szenen später in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dieses Schicksal ereilte damals die Democrazia Cristiana.

Dementsprechend fröhlich geht Schulze am Morgen zur Wahl. Um 17 Uhr weiß er bereits, was da auf ihn zurollt. Der selbstgebaute CDU-Safe-Space bekommt tiefste Risse. Didi Hallervorden drückt noch einmal die Daumen. Dann ist von Schockwellen, einer Implosion und einer Zerstörung die Rede. Es sind erneut die Kommentare der Journalisten, die das Innenleben der Partei zusammenfassen.

Ein kurzes Kindergartentheater folgt, weil Schulze dem AfD-Kandidaten Siegmund auf dem Weg zum Interview nicht begegnen will. Trotz der Katastrophe muss die Fassade aufrechterhalten werden. Der Zuschauer weiß zudem, wie es trotz dieses Desasters weitergeht: Schulze möchte unbedingt Fraktionsvorsitzender werden. Den unerschütterlichen Schlaf der CDU nach einer solchen Schlappe muss man erst einmal haben.

„Trotzdem ist es natürlich richtig, dass ich das Problem habe – und das sieht man in den Umfragen –, dass viele Menschen mir in meinen Gedanken und in dem, wie ich es beurteile, nicht folgen können oder wollen. Das ist meine Bringschuld“, sagt der Kanzler im nächsten Schnitt. Das verschärft den Eindruck nur noch weiter, dass Merz nicht verstanden hat, was tatsächlich auf dem Spiel steht. Der Satz klingt weniger demütig als gewollt und erinnert fatal an die Reaktion der Grünen nach der enttäuschenden Wahl von 2013: Die Themen seien richtig gewesen, die Bürger hätten sie nur nicht verstanden.

Robin Alexander sagt darauf: „Das hat ihn tief erschüttert.“

Nächste Einstellung: Amthor im gewohnt beschwingten Gang und lächelnd.

Einige, so der CDU-Mann, hätten die romantische Vorstellung, man könne in das Zweiparteiensystem der 1970er-Jahre zurückkehren. Doch man lebe heute in einer historischen Umbruchphase. „Und dafür braucht es Antworten“, sagt Amthor.

Antworten, die er allerdings schuldig bleibt.

Vielleicht sind die Veränderungen, die geschehen, etwas größer, als man denkt und Politik sei eigentlich vor allem Kommunikation – so philosophiert er mit der Visagistin, die im austauschbaren Smalltalk-Modus bleibt. Den Unmut, der sich nur gegen eine Person – Kanzler Merz – richte, könne er nicht nachvollziehen, meint Amthor später in der Limousine.

Derweil spricht Carsten Linnemann bei den Apothekern in München. Der Einsicht, dass Umfragewerte von 20 Prozent – und weniger – „nicht die Volkspartei CDU“ widerspiegeln, weicht der kämpferische Aufruf, dass man viel mehr Menschen erreichen könne. Jedes Mal, wenn in der Führungsspitze ein kurzer Moment der Dämmerung eintritt, wird er sogleich durch eingeübte Parolen davongewischt.

Auch bei der Ansprache des Kanzlers nach der verheerenden Niederlage in Mecklenburg-Vorpommern – die in nur drei Minuten abgehandelt wird – ist das nicht anders. Der Politikbetrieb schleift seine Mannschaft durch gewohnten Trott ab. Doch selten hat man die Diskrepanz zwischen Politsprech und Polithandeln in diesem Ausmaß erlebt.

Die ZDF-Verantwortlichen haben hier ganze Arbeit geleistet, indem sie die Akteure einfach reden lassen. Die späte Berliner Republik bringt Figuren hervor, deren vermeintliche Einsichten ebenso einstudiert wirken wie jede andere Äußerung. Man spricht von historischen Herausforderungen, macht aber stur mit Fischbrötchen und Maske weiter. Der Funktionärsbetrieb redet von stürmischen Zeiten und Antworten, ohne die Tragweite dieser Worte zu begreifen. An irgendeinem Punkt haben die Protagonisten dieses Schelmenstücks vergessen, dass das Theater längst vorbei ist. Die Politikblase hat sich nicht nur von der Realität getrennt. Und manche CDU-Politiker haben sich bereits von sich selbst entkoppelt. Die Phrase hat Denken und Handeln erstickt.

Am Ende bleibt eine CDU auf Abschiedstournee.

Teilen

«