Der homerische Patient

19. Juli 2026
Kategorie: Antike | Europa | Historisches | Medien

Viel wurde in den letzten Tagen geschrieben, getönt und gestritten über einen Film, der schon zuvor die Gemüter bewegte. An dieser Stelle soll nicht eine neue Rezension des Nolan-Films The Odyssey folgen. Die ultimative Rezension hat bereits David Boos geliefert. Mir geht es an dieser Stelle lediglich um einen Aspekt, der häufiger Erwähnung fand, und meiner Ansicht nach auch bei der philosophischen wie politischen Bewertung des Streifens zu kurz kommt: nämlich der Umgang Nolans mit Religion und Mythologie. Nein, das ist keine neue Debatte über die „Werktreue“, sondern es geht vielmehr um einige inhärente Mängel, die zuletzt nur ein Ziel haben: Die Dekonstruktion des Mythos, der Religion und damit eine nihilistisch-materialistische Unterhöhlung, die man auf den ersten Blick nicht wahrnimmt – oder wahrnehmen will.

Bevor wir auf die Religion und Mythologie in The Odyssey zu sprechen kommen, möchte ich kurz einen prinzipiellen Blick auf religiöse und mythologische Motive bei Nolan werfen, wie sie insbesondere in Interstellar deutlich werden. Interstellar ist für mich einer der besten Filme von Nolan – auch wenn mir darin stets etwas unheimlich geblieben ist. Nolan wurde katholisch erzogen, weshalb Fragmente seiner Herkunft immer durchschimmern; umso stärker merkt man den Bruch von Religion und Mythologie zugunsten der Psychologisierung und eines liberalen Humanismus (und zwar dessen eher problematische Seite).

Bereits der „Plan B“ der Endurance-Mission ist aus der Perspektive christlicher Morallehre schwer zu schlucken: Sollte es nicht gelingen, mithilfe einer neuen Theorie Quantenphysik und Gravitation zu verbinden und so ein Raumschiff zur Rettung der Menschheit zu bauen, sollen tiefgefrorene befruchtete Eizellen zu einem neuen Planeten gebracht werden, um eine neue Menschheit heranzuzüchten.

Deutlich problematischer ist aber – nicht nur zeitreisetheoretisch – die Offenbarung, dass die Menschheit in der Zukunft zu mehrdimensionalen Wesen herangereift ist und sich selbst hilft und sogar rettet. Die große Apokalypse, die von der Menschheit über sich selbst gebracht wurde, braucht demnach keine „äußere Lösung“, sondern schafft es in einer Vollendung prometheischen Geistes, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Es existiert demnach nichts, was über dem Menschen steht; in einer de facto transhumanistischen Wendung werden sie selbst gottgleich und so Herren über Zeit und Raum, die in der Vergangenheit ein Wurmloch öffnen, um die Endurance-Mission zu ermöglichen.

In The Odyssey gibt es eine Parallele. Da Odysseus zentrale Eigenschaften abgesprochen wurden (namentlich seine Hybris) und dafür durch neue (namentlich sein Schuldkomplex) ersetzt wurden, kommt der Film in eine ähnliche Lage: Denn wer soll Odysseus die schwere Schuld der Zerstörung Trojas verzeihen und vergeben? Es gibt keine Trojaner, die dies tun könnten. Theologisch bleibt demnach nur eine transzendente Entität, die die Macht dazu hätte. Die alten Griechen kannten dieses Problem nicht: Für sie war der Fall Trojas zwar ein tiefgreifendes Ereignis, aber keines, das „Schuld“ bedeutete. Diese moralische Dimension ist christlich gedacht. Und in der Tat könnte nur ein christlicher Gott bzw. der christliche Gottessohn eine „so große Schuld“ wie Massenmord vergeben.

Nolans Film fehlt aber beides: die alten Götter haben bei ihm ebenso wenig Platz wie der Gottessohn, und so bleibt die „Aussöhnung“ der Schuld letztlich Lippenbekenntnis und wird vom glücklichen Gefühl einer Kreuzfahrt mit der Königsgattin übertüncht. Vergebung in den Armen Penelopes? Nachdem Odysseus doch eben über 100 Freier getötet hat? Der postmoderne Antiheld der Gegenwart, losgelöst vom antiken Epos und christlicher Morallehre – verzeiht sich eben selbst.

Die Helden der Ilias und Odyssee sind dagegen wie die Götter an das Schicksal gebunden. Sie können diesem nicht entfliehen. In der Götterkonferenz beklagt sich Göttervater Zeus darüber, dass die Menschen den Göttern immer wieder die Schuld für ihre eigenen Verfehlungen geben. Dabei werden sie stets gewarnt. Meistens kommen sie durch einen Frevel um. Schon im Proömium der Odyssee kündigt Homer an, dass Odysseus’ Gefährten sterben, weil sie die heiligen Rinder des Helios essen – etwas, wovor sie Odysseus explizit gewarnt hat. Es ist daher auch nicht seine Schuld, dass sie zugrunde gehen – wie etwa die englische Wilson-Übersetzung insinuiert – sondern die Missachtung heiliger Gesetze. Auch die Zerstörung Trojas ist in erster Linie nicht Odysseus’ Tat, sondern die Entscheidung einer höheren Ebene. Weil Hera ihren Willen bekommt (sie und Athene setzten sich am stärksten für den Untergang Trojas ein), darf Zeus im Gegenzug griechische Städte vernichten – etwa Mykene, die Königsstadt von Menelaos.

Es ist deswegen nicht unwichtig zu betonen, dass Odysseus bei all seiner Hybris den Göttern regelmäßig opfert. Athene, die die Götterkonferenz organisiert, um ihren Schützling Odysseus endlich heimkehren zu lassen, erinnert den Göttervater an all die Opfer, die Odysseus ihm dargebracht hat. Heißt: Opfer sind nicht vergebens; die Götter helfen als mächtige Verbündete, wenn man sich als fromm erweist. In der Abwesenheit Poseidons, der im Clinch mit dem König von Ithaka liegt, beschließt Zeus demnach dessen Rückkehr.

Die Götter aus dem Epos zu entfernen, ist demnach ein zweischneidiges Schwert: Sie sind keine auf Wolken thronenden, abwesenden Beobachter. Zeus schickt Hermes zu Kalypso, damit sie endlich Odysseus gehen lässt. Athene dagegen nimmt gleich mehrfach direkten Einfluss auf die Handlung – beginnend damit, dass sie Telemach Mut einflößt, sodass er seine Verantwortung annimmt, die Freier zur Rede stellt, nach seinem Vater sucht und Ruhm und Ansehen sammelt. Athene begleitet ihn in Menschengestalt. Auch Odysseus selbst steht sie immer wieder aktiv zur Seite: so auf den letzten Metern, als sie ihn in einen Bettler verwandelt, damit er unerkannt seinen Racheplan schmieden kann.

Odysseus ist aufgrund seiner Motive unangefochtener Hauptcharakter der Geschichte. Wenn aber Protagonisten sich dadurch auszeichnen, dass sie die Handlung vorantreiben, kann Athene in der Odyssee definitiv als eine der wichtigsten Protagonistinnen gelten: Sie bringt den Stein durch die Götterkonferenz ins Rollen, sie flößt ihren Schützlingen Mut ein, steht ihnen mit Rat zur Seite und schwächt die Gegner. Athene ist die Göttin der strategischen Kriegskunst, und als solche steht sie dem „vielgewandten“ Odysseus nahe.

In der anti-mythischen Welt von Nolan hat die Metaphysik jedoch wenig Platz. Odysseus leidet nicht darunter, gefrevelt zu haben und deswegen auf Irrfahrten verschlagen worden zu sein; er leidet unter den Kriegserfahrungen. Die Göttin Athene ist demnach nichts mehr als ein schlechtes Gewissen, aber nicht einmal im Sinne eines Gewissens wie beim sokratischen „Daimon“, der im Ohr sitzt und das Gefühl für „richtig“ und „falsch“ gibt; Athene ist vielmehr eine Vision, ein Bild einer toten Priesterin, das der Antiheld mit sich trägt.

Hier schließt sich der postmoderne Kreis: Denn auch bei Nolan findet jede Psychologisierung ihr Ende bei Freud. Athene wird zur reinen Psychotherapeutin; Religion ist eben nur eine schöne, mildernde Fantasie, um die Leiden der Welt zu ertragen: Odysseus-Komplex statt Ödipus-Komplex. Bei letzterem spielten große Pferde bekanntlich auch eine Rolle. Die Götter leben zwar in Gesetzen und Geschichten; sie haben aber keinen Einfluss auf das Geschehen; sie sind bloße Legitimation für Regeln in einem Gemeinwesen, die man sonst nicht erklären und erhalten kann.

Zum Schluss landet Odysseus damit auf der materialistischen Couch. Echte Erlösung gibt es so wenig wie Schicksal – und die Götter sind im wahrsten Sinne nur „Bilder“, die sich Menschen von Liebe, Krieg und Tod machen. Ob The Odyssey nun „woke“ oder ein subversiv rechter Geniestreich sein soll: hier tönt der marxistische Dekonstruktivismus lauter denn je. Nolan – eine Sirene.

Teilen

«