Besuch bei Alberto Guareschi

14. Juni 2026
Kategorie: Giovannino Guareschi | Persönliches

86 Jahre ist Alberto Guareschi am 14. Mai geworden. Der Sohn von Giovannino lebt in Roncole Verdi, dort, wo sein Vater ein Restaurant neben dem Geburtshaus von Verdi eröffnete. Alberto und seine Schwester Carlotta haben dort ein Museum eingerichtet. Im Obergeschoss befindet sich Guareschis Bibliothek. Der Nachlass des Vaters ist enorm. Alberto ist der treueste Archivar der Guareschi-Bestände. Die Arbeit, die Alberto leistet, ähnelt der von Christopher Tolkien, der sein Leben der Bewahrung und Veröffentlichung der Werke seines Vaters gewidmet hat.

Alberto und Carlotta gaben Anfang der 1990er die „Autobiografie“ Chi sogna nuovi gerani? heraus. Das mag verwundern, weil Guareschi zu dem Zeitpunkt bereits ein Vierteljahrhundert ins andere Leben übergetreten war. Aber in dieser Autobiographie kommt Guareschi durchweg durch Texte zu Wort. Nur sehr selten mischen sich die Kinder zur Einordnung ein – etwa bei der De-Gasperi-Affäre. Ansonsten wird Guareschis Leben über seine Texte, damals bekannt wie unbekannt, veröffentlicht. Auch später haben die Geschwister unbekannte Texte gesichtet und publiziert. Noch zu Corona-Zeiten machte sich Alberto die mühsame Arbeit, die rund 10.000 Postkarten zu bearbeiten, die Guareschi während seines Gefängnisaufenthalts in den 1950ern erreichten.

Carlotta ist bereits 2015 verstorben. Seitdem führt Alberto die Arbeit weiter. Er hat ein waches Auge auf die Rezeption seines Vaters. Im Fogliaccio, dem Blatt, das in Roncole im Geiste Guareschis ausgegeben wird, erscheinen nicht nur Texte von bekannten Guareschi-Experten zu verschiedenen Themenpunkten. Italienische und internationale Literatur zu Guareschi wird ebenfalls vorgestellt. Als letztes Jahr „Don Camillo und Peppone“ in der Bibliothek des Abendlandes erschien, bekam man das auch in Roncole mit. Der Anlass für diesen Besuch ist also offenkundig: Alberto Guareschi bekommt die neue Guareschi-Biografie aus der Hand des Autors.

Wir sprechen über Deutschland. Alberto ist an der Situation der Kirche interessiert. Das Treiben des Synodalen Weges beunruhigt auch die Menschen südlich der Alpen. Zu viele Details möchte ich der Diskretion wegen nicht nennen. Aber das Gefühl der jahrelangen Verwirrung innerhalb der Una Sancta wird durch diese Vorgänge nur bestätigt. Gitarren in der Messe, wie es in Italien auch geschieht, sieht Alberto skeptisch. Aber die Verunstaltung von Liturgie und Lehre nördlich in Deutschland, das ahnt er, hat eine ganz andere Dimension. Er will wissen, welche Bistümer eigentlich noch rechtgläubig seien, warum es keinen Widerstand gibt. Es ist Pfingstdienstag, die Sequenz des Hochfestes liegt ihm noch im Ohr – die Kirche hat solche Schätze, besonders in Latein.

Wir kommen kurz auf meine persönliche Situation. Ich hatte ihm bisher nicht erzählt, dass ich eigentlich im Bonner Umland aufgewachsen bin. Seine Augen weiten sich. Sein Vater sei bei seiner Deutschlandreise auch dort gewesen. „In Bonn?“, frage ich ungläubig nach. Ja. Und Guareschi liebte die Gegend, inklusive Mittelrheintal. Er habe Ahr und Mosel besucht. Mir kommt in den Sinn, dass in seiner Kriegsgefangenschaft Deutschland nur aus der norddeutschen Tiefebene bestanden haben musste. Freilich, das Deutschland, das er in den Weinbergen und mit seinem eigenen „großen Fluss“ kennenlernte, musste Don Camillos Vater sympathisch sein. Wie Guareschi, trotz der Leiden, die Deutschen sowieso für das Volk hielt, mit dem die Italiener am ehesten zusammengehörten.

Wir sprechen über die bisherige Rezeption. Ich habe Alberto einige Links gegeben – zur Rezension in der Tagespost, der Veranstaltung in der Bibliothek des Konservatismus, das eine oder andere Interview. Alberto ist positiv überrascht, sehr guter Laune. Dass Guareschi nördlich der Alpen noch „zieht“, das freut ihn natürlich. Ich setze ihn darüber in Kenntnis, dass ich dieses Jahr noch zwei bis drei Veranstaltungen zu dem Thema habe. Vielleicht kommen auch noch ein paar Rezensionen. Auch in Rom gibt es vielleicht noch ein Projekt. Dass Kardinal Müller das Nachwort zum Buch gespendet hat, das hat etwas zu bedeuten – das muss Alberto nicht erklärt werden.

Ich bin an diesem Tag nur kurz da. Der Urlaub in Italien ist eng mit Terminen gefüllt. Ich fahre wieder über den Po zurück Richtung Brescia und Gardasee. Durch die Bassa, die in dieser Gegend tatsächlich noch das Flair der alten Zeit erhalten hat. Alberto dechiffrierte für mich das Territorium: Die versteckten Namen und Anspielungen, die Namen fiktiver Orte und deren Vorbilder. Ich habe das gute Gewissen, dass ich bei dem Buch auch in Albertos Sinne gehandelt habe. Und wir beide wissen, dass diese Mission noch nicht an ihrem Ende ist.

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