Herr Gallina, Sie haben soeben die erste deutschsprachige Guareschi-Biografie vorgelegt. Guareschi war außerhalb Italiens recht unbekannt. Seine Figuren Don Camillo und Peppone waren es nicht. Gerade in Deutschland waren Bücher und Filme populär. Woran liegt das? Schließlich begann die Walze der Säkularisierung auch im Deutschland der Nachkriegsjahre loszurollen.
Deutschland selbst war zu Beginn der 1950er Jahre ein „geteiltes Dorf“, ähnlich wie die „kleine Welt“, in der Don Camillo und Peppone leben. Guareschi selbst hat nicht daran geglaubt, dass seine Geschichten außerhalb der Po-Ebene funktionierten, wurde aber schnell eines Besseren belehrt, als die Geschichten (und anschließend die Filme) den Zeitgeist trafen. Das hatte nicht nur mit der Teilung und der unmittelbaren Bedrohung durch den Kommunismus zu tun. Die 1950er Jahre waren in Europa von einer Orientierungssuche nach dem Schrecken der totalitären Ideologien gezeichnet, und zumindest übergangsweise galt das Christentum nun wieder als maßgeblich – man denke in dem Zeitraum auch an die Wiederbelebung des Abendlandgedankens, die Tätigkeit von Romano Guardini oder die Erfolge von J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis. Im Übrigen wurden während eines regelrechten „Guareschi-Booms“ zahlreiche seiner anderen Schriften auch damals ins Deutsche übersetzt – die meisten dieser Bücher wurden aber nie wieder aufgelegt und sind heute nur antiquarisch erhältlich. Selbst der Spiegel kam um Guareschi nicht herum und widmete ihm an Silvester 1952 seine Titelstory.
Guareschi verband mit Deutschland nicht nur Erfolg, sondern auch Leid. Zwei Jahre saß er während des Zweiten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft in Deutschland. Dort las er Mitinsassen Geschichten vor, munterte sie auf. Später hegte er ähnlich wie auch Viktor Frankl keinen Groll gegen die Deutschen. Woher nahm Guareschi die Kraft, in dieser niederschmetternden Situation nicht zugrunde zu gehen, sondern im Gegenteil andere vor dem seelischen Abgrund zu bewahren?
Guareschi empfand die Kriegsgefangenschaft als Bewährungsprobe. Sie hatte drei Dimensionen. Da gab es einerseits die patriotisch-charakterliche Ebene. Mit seinen Kameraden, die nicht mit Hitler und Mussolini kollaborieren wollten, befand er sich in einer „Schicksalsgemeinschaft“, die sich geschworen hatte, sich nicht zu Tieren herabwürdigen zu lassen. Ihre Gefangenschaft war ein „Dienst für das Vaterland“, indem sie nicht kapitulierten. Der nächste Aspekt betraf die familiäre Ebene: Als Väter, Brüder und Söhne war es ihre Pflicht, zu ihren Familien zurückzukehren; ein Nachgeben angesichts von Hunger und Krankheit hätte bedeutet, ihre Familien im Stich zu lassen. Die dritte Ebene betraf bei Guareschi die Beziehung zu Gott. Kein Elend, mit dem Gott den Menschen konfrontiert, ist so groß, dass er es nicht tragen könnte. Das war Guareschis lebenslange Überzeugung. Nur im Leid schält sich der wahre Charakter des Menschen heraus. Die ganze Welt mag in Feuer und Krieg untergehen, aber Gott bleibt. Der menschengemachte Totalitarismus kann nicht über das triumphieren, was Gott dem Menschen beigegeben hat. Daher Guareschis Motto: Ich sterbe nicht, selbst wenn sie mich umbringen.