Warum Guareschi?
Ich habe nachgesehen: Der erste Beitrag zu Giovannino Guareschi datiert im Diarium auf den 2. Dezember 2015. Auffällig ist, dass es sich schon damals um keinen Don-Camillo-Inhalt handelt, sondern um ein biografisches Skelett. Zehn Jahre später gibt es eine solche Biografie tatsächlich: Sie heißt „Don Camillos rebellischer Vater“ und ist ab heute im Handel erhältlich. Sie ist – so musste ich während des Schreibens feststellen – die bisher einzige deutschsprachige Biografie zu diesem Thema.
Es ist leider zur Binsenweisheit geworden: Don Camillo kennt jeder, aber der Schöpfer ist nahezu unbekannt. Das ist paradox, denn zu Lebzeiten war Guareschi bereits eine relativ bekannte Persönlichkeit des italienischen Journalismus, als die erste Don-Camillo-Geschichte in seiner Zeitung, dem „Candido“, erschien. Freilich verhalf ihm der fiktive Landpfarrer zu einer Berühmtheit, die er selbst nicht hätte absehen können. Der meistverkaufte Schriftsteller italienischer Sprache des 20. Jahrhunderts ist nicht Eco oder Calvino, sondern Guareschi. Obwohl sich Guareschi nie als Schriftsteller verstand.
Meine „Einstiegsdroge“ war – wie bei so vielen – der erste Film mit Fernandel und Gino Cervi. Ich entwickelte eine gewisse Obsession, mit 18 hatte ich bereits alle Filme gesehen und schaute sie mir regelmäßig an. Der Katholizismus, der Anti-Kommunismus, der Humor und das norditalienische Setting bildeten ein Gesamtkunstwerk, das mich faszinierte. Ich war 20 Jahre alt, als ich Brescello, Busseto und Roncole auf eigene Faust besuchte. Ich wollte vor allem den Hintergrund von Guareschis Schöpfungen erfahren; ich wollte wissen, was denn diese „fruchtbare Erde des Flusses“ war, aus der sie hervorgingen.
So kam über die Jahre das eine zum anderen. Irgendwann begriff ich, dass Guareschis bekannteste Schöpfungen bereits in der Kriegsgefangenschaft und im Alltagskampf des „Candido“ entstanden waren. Ab dem Zeitpunkt interessierte mich Guareschi als Person mehr als seine Figuren. Der Mann hatte eine Vita, die ebenso erstaunlich war wie die „Kleine Welt“, die er erschaffen hatte. Das ist gewissermaßen bis heute mein „Sondergut“ geblieben: Ich habe in zahlreichen Beiträgen mehr über Guareschi als über Don Camillo geschrieben, damit der Leser versteht, dass der Priester und sein kommunistischer Gegenspieler auf einem Berg stehen, den er nur erahnen kann.
Guareschi hat sich für diesen Dienst bei mir mehrfach revanchiert. Mit meinen Beiträgen zu Don Camillo und Guareschi habe ich es in größere Online- und Printmedien geschafft, namentlich die Schweizer Kirchenzeitung oder die Tagespost. Ich würde vermutlich nicht heute dort stehen, wo ich stehe, hätte ich aus meiner Passion keine Wissenschaft gemacht.
Ich hätte also auch eine vollumfängliche 500-Seiten-Biografie schreiben können. Ich habe es bewusst schlank gehalten. Das Buch sollte Don Camillos Schöpfer wieder in der Breite bekannter machen. Man sollte es schnell „runterlesen“ können, auch mal nebenbei in der Straßenbahn und im Zweifel nur Unterkapitel für Unterkapitel. Guareschis Biografie besitzt eine innere Dramaturgie, einen „Plot“, der bei zu viel Ausschmückung verlöre. Guareschis Leben sollte selbst eine Geschichte sein wie die, die der große Fluss an die Ufer spült und die er selbst hätte schreiben können.
Wer das Buch liest, wird merken, dass es eine hohe Aktualität besitzt und zeitgleich zeitlos ist.
Aktuell, weil Guareschi mit den Themen Meinungsfreiheit, Cancel Culture, Kulturhegemonie, Parteienübergriffigkeit und gesellschaftlicher Polarisierung konfrontiert wurde; nicht nur als Bürger, sondern als Hauptakteur eines Landes, das einen Teil seiner Identität verleugnete, um sich mit tieferliegenden Problemen nicht befassen zu müssen.
Zeitlos, weil Guareschis Überlegungen zu Freiheit, Gewissen, Individuum, journalistischem Ethos und christlicher Überzeugung in einer immer unchristlicher werdenden Welt nichts an Bedeutung verloren haben. Die Umstände mögen sich ändern, das Wesen des Menschen jedoch nicht. Zudem hat sich der Autor aus den Tiefen der Bassa Padana immer wieder als Prophet herausgestellt.
In den letzten Tagen gab es die ersten Reaktionen im persönlichen Gespräch. Dabei gibt es den „Guareschi“-Effekt, den man auch von Don Camillo und Peppone kennt. Guareschi war es bekanntlich unangenehm, dass auch die Kommunisten die „Don Camillo und Peppone“-Filme mochten. Guareschi hat die „Roten“ auch deswegen nicht als bloße Teufel karikiert, weil er selbst aus einem Milieu stammte, in dem die Sozialisten eine Rolle spielten. Sehr unterschiedliche Persönlichkeiten sagten mir, sie könnten sich mit Guareschi identifizieren.
Vermutlich deswegen, weil Guareschi trotz seiner klaren politischen und religiösen Verortung ein Freigeist war, ein Nonkonformist, ein „Nestbeschmutzer“, ein dickköpfiger „Subversiver“, jemand, der es bevorzugte, seinem moralischen Kompass zu folgen statt der Masse:
„Ich habe die Offenheit, es zuzugeben: Ich habe mich in diesem neuen Italien stets wie ein Umstürzler [sovversivo] verhalten; und indem ich die Pressefreiheit missbraucht habe, habe ich immer das gesagt, was ich dachte, anstatt – wie es meine eindeutige Pflicht als ordentlicher, gesetzestreuer Bürger gewesen wäre – das zu sagen, was die von der Vorsehung gesandten Männer dachten, die berufen waren, das Land zu lenken und zu regieren.
Monarchist in einer Republik; rechtsstehend in einem Land, das entschlossen und unnachgiebig nach links marschiert; Verfechter der privaten Initiative in Zeiten des Etatismus; Verteidiger der Einheit in Zeiten des Regionalismus; Vertreter der Italianità in Zeiten des Antinationalismus; unbeugsamer Katholik in Zeiten der Christdemokratie – ich war nicht, wie es scheinen konnte, ein Unabhängiger, sondern ein Anarchist.“
Er ist und bleibt der Athanasius unserer Zeit.
