Europa, aus der Sicht Italiens

23. Januar 2016
Kategorie: Europa | Freiheit | Historisches | Italianità und Deutschtum | Machiavelli | Venedig

Vier Jahrhunderte lang lauerte das Osmanische Imperium auf der anderen Seite der Adria. Viele der italienischen Staaten waren gezwungen, Tribute an die Hohe Pforte zu entrichten, um sich von Plünderungszügen der Korsaren oder Invasionen freizukaufen. Selbst die stolze Republik Venedig hatte immer wieder darunter zu leiden und musste in Konstantinopel darum feilschen. Wenn es den Venezianern aber zu viel wurde, rüsteten sie zum Krieg und bekämpften die Türken zur See – mit wechselnden Erfolgen.

Dass aber nun eine höhere Macht den Italienern befiehlt, ihre sauer erworbenen Dukaten an den Sultan zu bezahlen, das war ihnen noch nie untergekommen.

In der EU kracht es an allen Ecke und Enden. Während die deutschen Medien überall „Spalter“ sehen und von Isolation sprechen, befindet sich in Wahrheit Deutschland auf einem neuen Sonderweg. Italien, mit knapp 60 Millionen Einwohnern und einem BIP von 2 Billionen Dollar immer noch achtgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist wie immer in den deutschen Nachrichten ein Randthema. Und das, obwohl Italien immer noch subventionsbereinigt viertgrößter Nettozahler in der EU ist, also damit ein Schlüsselstaat bei der Erhaltung des Status quo. Obwohl im Allgemeinen Bewusstsein oft verdrängt, hat es de facto immer noch seine Rolle bei den Top Vier gehalten, ist also mindestens so wichtig wie Großbritannien oder Frankreich.

Also gut, hier eine kleine Sammlung:

Die Welt: EU-Flüchtlingsfonds: Italiens Renzi will kein Geld an die Türken zahlen
Süddeutsche: Frostiges aus dem Süden
Die Presse: Warum Renzi Enfant terrible der EU sein will

Und überall der Tenor: der Renzi macht das nur aus parteitaktischen Gründen. Er wird von der Stimmung im Land getrieben. Wahlen stehen vor der Türe. Bei der Welt steht sogar, Renzi fehle das europäische Pedigree.

Dass Italien in den letzten zwei Jahren kaum Unterstützung bei der Flüchtlingskrise vonseiten der EU erhielt, ja, sogar gemaßregelt wurde, scheint völlig vergessen zu sein. Logisch, warum man dazu überging, jeden weiterzuwinken, der nach „Germania“ wollte (frei nach dem Motto: Wenn man uns nicht hilft, sollen die Deutschen eben sehen, wie sie mit denen zurechtkommen).
Warum also Italien keine drei Milliarden Euro zugeschustert bekam, der Sultan aber, der nunmehr in Ankara residiert, diese in den Rachen geworfen bekommen soll – das muss jemand mal den krisengeschüttelten Italienern erklären.

Aber auf diesen kritischen Gedanken zu kommen, dass man vielleicht das Geld besser dafür verwenden würde, die eigene EU-Grenze zu Wasser besser zu schützen – am besten mit einer unumgänglichen EU-Flotte – statt Tribute an die Hohe Pforte zu entrichten; das wäre wohl unerhört. Lieber verlieren sich deutsche Journalisten wieder mal in wohlfeile Parolen und Erklärungen, um ja nicht das Handeln der eigenen Regierung infrage zu stellen.

Denn ja, ich gebe Renzi Recht: Merkel ist der Marionettenspieler hinter Juncker. Wenn Juncker spricht, spricht Merkel, und wer Juncker anspricht, meint eigentlich Merkel. Renzi, dem in der Heimat Machiavellismus vorgeworfen wird, weiß am besten, wie diese Statthalterspielchen ablaufen.

Und eine neue Brüsseler Diktatur, die wie dazumal Mario Monti einsetzte, wird sich Italien nicht noch einmal bieten lassen.

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