Diego

6. September 2015
Kategorie: Caravaggioduft | Hintergrund und Schreibarbeit

Wie sagte ich noch in „Pjotr“? Ende Juni, wenn alles glatt läuft? Natürlich lief es nicht glatt. Natürlich kam wieder zu viel dazwischen, was den Obstkorb davon abhielt, in Würde zu faulen. Drei Wochen habe ich für den Rest des Dufts von Mond und Sonne veranschlagt; und wenn ich zurückblicke, dass ich Mitte August fortfahren konnte, dann hat sich meine Einschätzung bestätigt.

Ich sitze an der letzten Szene. Mithin die Schwierigste. Nicht die letzte Szene im chronologischen Sinne – die steht seit einer Woche. Sondern Exponat 68 S. Womöglich will ich wieder zu viel. Dabei kam der letzte Gedanke, um diesen letzten Ton zur Figur zu formen… wie nebenbei. Und er war logisch, fügte sich ins Große und Ganze ein. Womöglich zu simpel. Aber dieses Projekt sticht ja nicht selten durch seine einfache Sprache hervor, die nur in Italos Gegenwart manchmal poetische Flügel aufspannt.

Und wie bei allen meiner Geschichten existiert da dieses Gefühls des Nicht-Loslassen-Wollens. Das war bei den neun Löwenbüchern einfacher; weil ich nach jedem Ende wusste, dass ich meine Figuren, mit denen ich tagein, tagaus gelebt hatte, wieder sehen würde. Umso schwerer fiel mir demnach das letzte Buch, weil ich von Personen lassen musste, die ich ein Lebensjahrzehnt mit mir herumgetragen hatte, und nun auf eine unbekannte Reise jenseits von Papier, Tinte und Schreibprogramm schicken musste.

Für mich ist jede Geschichte nur ein Ausschnitt. Ich zeige nur den Mosaikstein eines Gemäldes. In meinem Kopf sind Geschichten nie zu Ende; meine Charaktere führen weiterhin ein Leben, aber eines, das ich nicht erzähle, da es mir und anderen bis auf grobe Linien unbekannt bleibt.

Mit Italo, Sam, Marianne, Donovan und Pjotr habe ich nunmehr ein Jahr zugebracht. Das ist weniger; aber nur, wenn man auf die reine Schreibzeit schaut. Denn Sam und Italo begleiten mich seit 7 Jahren. Das Fragment ihres Lebens, das ich für bedeutsam halte, ist bis auf wenige Seiten beendet. Venezianische Novellen erhalten üblicherweise keine Fortsetzung. Ob ich diese Regel eines Tages breche? Möglich. Es gäbe dann aber in diesem Fall keine Fortsetzung, sondern eine Vorsetzung. Weil die bedeutsamsten Dinge bereits vor der Geschichte selbst passiert sind. Das wird im Roman immer deutlicher.

Und macht den Caravaggioduft wieder einmal origineller und hebt ihn von anderen Kreationen ab. Am Ende fragt man sich vielmehr, was vorher, als nachher geschah.

Der Gedanke von Kontinuität, den ich in anderen Geschichten eher randweise streife, konnte daher auch deutlicher zum Tragen. Womöglich, weil das 20. Jahrhundert ein entwurzeltes ist. Daher bedarf es hier gerade am Ende eine umso größere Untermauerung, um sich dessen bewusst zu werden. Weil das Bewusstsein für Zyklen im Jahrhundert der vollendeten Ideologien, die ihre paradiesischen Zustände suchten, am ehesten erstickt wurde. Die Löwen der Renaissance wussten noch, dass irdische Paradiese nur die Hölle auf Erden sein konnten.

Schon im letzten Eintrag schrieb ich von Exposés, von der Möglichkeit des Versands. Wieder einmal ein Kampf, den ich nach all den Windmühlenkämpfen des letzten Jahrzehnts zuerst mit mir selbst ausfechten muss. Aussichten? Düster. Der Markt ändert sich rapide, aber keiner weiß so recht wohin. Die Ebook-Euphorie scheint abzuebben. Allerdings will ich mich mit derlei Problemen nicht zu lange aufhalten; ich vertraue mal wieder der Geschichte selbst.

Dieser Geschichte, deren letzten Zeilen auf das Licht der Welt warten…

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