Petrouchka_by_A._Benois_01

Rassistischer Angriff überschattet russischen Jahrmarkt

13. Juni 2017
Kategorie: Europa | Freiheit | Ironie | Musik | Zum Tage

Sankt Petersburg. Was wie ein gewöhnlicher Markt zur Butterwoche wirkte, entpuppte sich bald als Sammelsurium des rechtsfaschistischen Grauens. Nicht verwunderlich, denkt man sich – handelt es sich doch um Putins autokratisches Russland. Und vermutlich kann nur in einer Diktatur sich ähnlich Abscheuliches zutragen wie auf jener Kirmes in Sankt Petersburg, wo gegen Minderheiten gehetzt wurde und man offenen Hass gegen den Islam und People of Colour predigte.

Einer Studierenden aus Schweden ist es zu verdanken, dass dieser Fall an die Öffentlichkeit geraten konnte. Sven Elkson aus Malmö, die sich selbst als transpigmentierte Muslima im Körper eines skånischen Holzfällers identifiziert, gibt sich schockiert: „Als ich diesen armen, unterdrückten Menschen sah, wusste ich: das ist Rassismus, wenn nicht wenigstens ein Verbrechen aus Hass.“ Der zwielichtige Betreiber eines Marionettentheaters ließ dort einen männlich-privilegierten, dazu auch noch weißen (!) Clown einen Schwarzen verprügeln.

„Das ist eben der Job von Petruschka. Er verprügelt den Mohren. Und das seit Urzeiten“, rechtfertigte sich der rechtsradikale Budenbesitzer, Igor Scharlatanski. Was sich harmlos anhört, ist laut Elkson eine Provokation: „Das bedeutet, dass das also schon seit Jahrhunderten hier abgeht! Rassismus und Hatespeech!“ Scharlatanski rechtfertigt sein Theater der Unterdrückten: „Hatespeech? Was für ein Blödsinn – die Puppen reden ja nicht einmal! Noch nie etwas von Ballett gehört?“

Beim Wort Ballett greift Frau Elkson erst richtig ein: die Ballerina sei als stereotypes, oberflächliches Dummchen dargestellt, das nur tanzen und blöde lächeln könne. Das Patriarchat habe überhaupt die gesamte Veranstaltung fest im Griff: überall kleideten sich Frauen betont feminin, dazu käme offensichtliche Pornographie. Ein Tanzbär kröne überdies die Zerstörung der Natur durch den weißen Mann. Tierquälerei, mitten in einer Millionenstadt. „Nicht einmal eine Triggerwarnung gibt es am Eingang“, beschwerte sich Elkson.

Das größte Ärgernis sei jedoch die stereotype Käfighaltung des Mohren. In tropischer Umgebung werde jedes Klischee bestätigt: Schlangen, ein Tiger, plumper Umgang mit der Ballerina. Für Empörung sorge der besonders dumme Kampf mit einer Kokosnuss, an welcher der Mohr scheitert, als er diese mit dem Säbel aufzuschneiden versucht. „Das ist ein Affront gegen mich und meine Glaubensbrüder“, weiß die Transpigmentierte. „Und es ist absolut rassistisch, wie meine afrikanischen Landsleute auf diese entwürdigende Weise dargestellt werden. Und islamophob sowieso.“ Elkson spielt dabei auf die Huldigungsszene des Mohren gegenüber der Kokosnuss an, welche eindeutig die islamischen Gebetsriten darstelle. Die Botschaft: der schwarze dumme Mann, der einen falschen Gott anbetet. Christlich-abendländische Propaganda pur.

„Der Mohr spielt eben gerne mit seiner Kokosnuss“, zuckt Scharlatanski mit den Schultern. Zudem sei Petruschka mindestens so blöd wie die Ballerina oder der Mohr, sonst würde der bedeutend schwächere Petruschka nicht auf die absurde Idee kommen, den gläubigen Muslim anzugreifen. Damit verrät sich Scharlatanski selbst: denn genau dieser Übergriff ist für Elkson der Beweis, dass es sich hier um ein Stück weißer Suprematisten handelt. „Der weiße Mann, der eine ethnisch-gemischte Beziehung verhindern will. Petruschka ist ein Vertreter der Alt-Right, wenn nicht gar der Identitären Bewegung. Kubitschek, Semlitsch, Klonovsky, Petruschka – fällt Ihnen da nichts auf?“ Die Studentin, die derzeit ihren Bachelor im Fach Antifaschistische Gender Studies zum dritten Mal wiederholt, kündigt an, alle Kontakte nach Schnellroda zu überprüfen.

Eine Demonstration im 1.400 Kilometer entfernten südschwedischen Örkelljunga, zu der FEMEN Deutschland und #PulseofEurope bereits ihre Teilnahme ankündigten, wurde jedoch vorerst abgesagt, nachdem weitere Skandale aufgedeckt wurden. Scharlatanski hatte zuerst versucht, sein rassistisches Schauspiel dadurch zu rechtfertigen, dass es schließlich der Mohr sei, der Petruschka am Ende den Säbel ins Herz ramme. „Der gläubige Muslim hat sich nur gewehrt. Mit dem Islam hat das nichts zu tun. Nicht alle Mohren sind so“, verteidigte Elkson ihr Vorhaben. „Ein schrecklicher Einzelfall.“ Scharlatanski platzte darauf der Kragen, und gab zu bedenken, dass der Mohr gar keiner sei, sondern nur schwarz angemalt.

Nun will Elkson gegen Scharlatanski, die Jahrmarktveranstalter in Sankt Petersburg, Präsident Wladimir Putin und den schwedischen Schminkehersteller Fårben vor Gericht ziehen – wegen cultural appropriation.

Hoffen wir daher, dass den Guten und Schönen niemals Strawinskys Meisterwerk in die Hände fällt. Seine Uraufführung fand am 13. Juni 1911 in Paris statt.

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