Del Noce kommt in diesen schwierigen Jahren, als er sich im innerlichen Widerstand gegen die „äußere Welt“ in der Gestalt des Faschismus befand, bezeichnenderweise in den Sog gnostischer bzw. manichäischer Ideen, die auf ihn eine große „Faszination“ ausüben. Seine Vertrautheit mit dem Gnostizismus ist nicht zuletzt auf die Frage nach Zusammenhängen und Zusammengehen mit marxistischen Idealen bzw. Kommunismus zurückzuführen. Anfangs zeigt sich Del Noce als ein eifriger Anhänger von Jacques Maritain. Doch Maritain macht seiner Ansicht nach einen entscheidenden Fehler, den er auch „progressiven“ oder „linken“ Katholiken später vorwirft: Laut Del Noce sehen sie den Atheismus der Marxisten nur als Beiwerk an. Die „metaphysische Gefahr“ wird heruntergespielt, die ökonomisch-soziale Theorie als eigentliches Kernstück betrachtet, die sinngemäß als „gute Idee“ gilt. Del Noce, der sich sein ganzes Leben lang intensiv mit der marxistischen Theorie befasst, erkennt aber das genaue Gegenteil: Das Kernelement modernen Denkens und marxistischen Denkens ist der Atheismus. Zahlreiche katholische Intellektuelle und Entscheidungsträger sehen im Kommunismus eine christliche Häresie; aber die Gnosis, aus welcher auch der Kommunismus ideengeschichtlich hervorgeht, ist keine Abspaltung, sondern eine inhärent anti-christliche Strömung. Sie ist keine Spielart des Christentums, sondern will das Christentum abschaffen.
Noch schlimmer: Der politische und intellektuelle Austausch hat dazu geführt, dass das marxistische Geschichtsverständnis auch in katholischen Kreisen Einzug gehalten hat. Die „Katholische Linke“ denkt nicht mehr theologisch, sondern politisch. Sie definiert sich in Opposition zum Faschismus und ersetzt die Kategorien von richtig und falsch durch die politische Unterscheidung in Freund und Feind. Damit droht sie selbst in den Manichäismus abzugleiten, dem auch Del Noce fast verfallen wäre. Das „Böse“ ist bei den gnostisch-manichäischen Erben wie dem Marxismus nicht die Sünde des Einzelnen, sondern in Strukturen, Traditionen, Klassen zu suchen. Der Mensch wird von „äußeren“ Faktoren gefangen gehalten. Nur eine Klasse ist bei Marx die gute, und nur sie kann wieder Ordnung in die Welt bringen. Der Christ schreibt den Ursprung des Bösen dem Willen des Menschen zu, der Gnostiker der Ungerechtigkeit einer sozialen Struktur. Der Christ muss Sündenfall und Erlösungsbedürftigkeit erkennen; der Gnostiker dagegen kann mit Beseitigung der Struktur auch das Böse beseitigen. Del Noce schreibt:
„Der ersten These folgt die präzisere Unterscheidung von Religion und Politik; in der zweiten These übernimmt die Politik die Rolle der Religion im Kampf gegen das Böse. Es steht jedem frei, zu entscheiden, welcher der beiden er nun Glauben schenken will; er darf sie aber nicht vermischen. Gewiss, die Heiligen haben die Welt transformiert, aber nicht absichtlich; die Transformation ist ein „Mehr“, das jenen gegeben wird, die vor allem das (nicht zeitliche) Reich Gottes gesucht haben: sie ist die Folge der Ausstrahlung einer wahren religiösen Erfahrung. Diese Unterscheidung bezeichnet auch die Grenze, die die christliche Vorstellung dem rein politischen Handeln setzt: Versuch der Minimisierung des Bösen […], aber ohne direkten Anspruch einer Transformation des Menschen.“
Diese „Transformation des Menschen“ ist nichts anderes als der Typus des „Neuen Menschen“, der in den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts seinen prominentesten Vertreter gefunden hat. Die Gewalt der totalitären Regime war demnach eine „schöpferische“ Gewalt, eine, die im Bewusstsein der Schaffung einer „neuen Welt“ bis zum Äußersten gehen durfte, um das Böse auszumerzen. In der Hoffnung, sich selbst zu erlösen und die Geschichte zu vollenden, wird die Gewalt durch eine säkulare Theodizee gerechtfertigt.