68 Regierungen. Die Zahl ist in diesen Tagen häufiger zu lesen: So viele Regierungen hat es gegeben, seit in Italien die Republik im Jahr 1946 ausgerufen wurde. Anders als Deutschland, das aus seinen Weimarer Erfahrungen eine starke Exekutive als Lehre aus dem Totalitarismus mitnahm, entschied sich Italien für eine starke Legislative – instabile Regierungen waren der Preis, um eine Rückkehr der Diktatur zu verhindern.
Zumindest in der Hinsicht muss sich Giorgia Meloni tatsächlich postfaschistische Tendenzen unterstellen lassen: Bisher hat es kein italienischer Ministerpräsident geschafft, durchzuregieren. Hier also etwas Wasser in den Wein: Die spektakuläre Zahl der 68 Regierungen beinhaltet auch Kabinettsumbildungen, wie sie zahlreiche Ministerpräsidenten – etwa Alcide De Gasperi, Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi – während ihrer Amtszeit vorgenommen haben. Der Rekord von 1.413 Tagen, den Meloni vorzuweisen hat, bezieht sich demnach nicht auf die Gesamtzeit – dort hat Berlusconi weiterhin die Nase vorn.
Dennoch ist die Stabilität der Mitte-Rechts-Regierung, die die 49-Jährige führt, angesichts des häufigen Streits zwischen den Koalitionsparteien und den Partikularinteressen ihrer Vertreter tatsächlich bemerkenswert. Melonis fester Sitz im Sattel beruht auf zwei Standbeinen. Einerseits sind die rechten Parteien gebrannte Kinder. Berlusconis Forza Italia musste sich in den 2010ern mit „Großen Koalitionen“ mit den Sozialisten arrangieren. Matteo Salvinis Lega befand sich zwei Jahre in einer Populistenkoalition mit der Fünf-Sterne-Bewegung. Beide Parteien fanden sich in Regierungen der „Nationalen Einheit“, etwa in der Corona-Zeit, zusammen. In allen diesen Fällen wurden sie von den linken „Partnern“ ausgebootet. An den Wahlurnen folgte die Abstrafung.
Melonis Fratelli d’Italia fristeten über Jahre ein Schattendasein bei 3 bis 5 Prozent. Anders als die beiden rechten Gefährten willigten sie in keine Regierungen – das galt auch für die Regionalebene – ein, wenn diese keine Mehrheiten rechts der Mitte hatten. Meloni nannte solche Arrangements einen „Betrug“. Wer die Fratelli wählte, konnte am Ende sicher sein, nicht wieder mit einer Koalition bedient zu werden, die er nicht wollte. Dass Meloni 2022 endlich wieder eine rechte Regierung anführen konnte, war aber auch für die Forza Italia und die Lega eine Erleichterung – die schmerzhaften Erinnerungen an die letzten 15 Jahre, in denen die rechten Parteien entweder von der Macht ausgeschlossen oder in linken Koalitionen gedemütigt wurden, wirken nach.
Die rechten Mehrheitsbeschaffer sind demnach weniger aufmüpfig. Salvini hat seinen Nimbus verloren und kann innerhalb der Koalition Meloni kaum gefährlich werden. Die Forza Italia hat mit Außenminister Antonio Tajani einen Mann mit Profil an der Spitze, aber ihm fehlt das Charisma und der Machtinstinkt eines Berlusconi. Zugleich hat Meloni vom ersten Tag an ihren Alliierten Zugeständnisse gemacht und diese auf Augenhöhe behandelt. Von rechter Seite wird ihr daher nur der Ex-General Roberto Vannacci gefährlich, der außerhalb dieser Konstellationen steht und in den letzten Monaten in den Umfragen zugelegt hat. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Meloni langfristig dasselbe Geschick im Umgang mit dem Herausforderer beweist und ihn in die Strukturen einbindet. Meloni ist nicht Merz.