Die Nazis und das Bauhaus

5. September 2026
Kategorie: Der Sandwirt | Historisches | Linkverweis | Philosophisches

Die erfolgreichste atheistische Ideologie war laut Del Noce der Marxismus. Er ist als bedeutendster Erbe des Rationalismus so erfolgreich, dass er weit jenseits des kommunistischen Milieus rezipiert wird. Zu einem gewissen Grad wandelt sich das gesamte westliche Geschichtsverständnis in ein marxistisches. Auch in der Philosophiegeschichte wird die Entwicklung von Descartes zu Hegel und Marx (und später Nietzsche) als zwangsläufig wahrgenommen; eine vermeintliche Einbahnstraße, die Del Noce mit der Möglichkeit einer Parallellinie von Descartes zu Vico, Gioberti und Rosmini widerlegt. Aber diese marxistische „Notwendigkeit“ der Geschichtsentwicklung macht eben auch vor der Philosophie nicht Halt.

Im Sinne dieser historisch-materialistischen Erzählung können Nationalsozialismus und Faschismus tatsächlich nur als „reaktionäre“ Kräfte auftreten, weil sie das kommunistische Paradies aufhalten wollen. Sie müssen daher notwendigerweise als Endstation von Kapitalismus und Bourgeoisie auftreten. Dass diese Theorie nicht ansatzweise die tatsächliche Entwicklung und Herkunft dieser Ideologien trifft, ist Nebensache; dieses wirkmächtige Narrativ findet sich aber heute selbst bei bürgerlichen und sogar „konservativen“ Denkern und Entscheidungsträgern.

Insofern mag es nicht überraschen, wenn auch im Zuge des „Bauhausmanifests“ der Bundesregierung der Mythos wachgehalten wird, das Bauhaus stehe für Freiheit, Offenheit, Innovation und Demokratie; ganz ab davon, dass die vermeintliche „neuartige Verbindung von Kunst und Handwerk, Gestaltung und Technik, von Design und Architektur“ bereits im Art Nouveau/Jugendstil zu finden ist, wird auch hier die alte Mär evoziert: auf der einen Seite der rückwärtsgewandte Nationalsozialismus, auf der anderen das moderne Bauhaus, das von ihm unterdrückt wurde.

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Die marxistische Erzählung der „reaktionären“ Nazis hat einen Grund: Der marxistische Atheismus sieht sich selbst als Vollender des irdischen Paradieses und deklariert schlichtweg alle seine Gegner zu Reaktionären, die den Fortschritt aufhalten wollen. Im libertären Milieu werden häufig die ökonomischen Parallelen zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus betont; dabei wäre es nicht unvorteilhaft, sich auch der geistesgeschichtlichen Entwicklung bewusst zu werden. Denn sowohl Nationalsozialismus wie Kommunismus liegt der marxistische Freiheitsgedanke zugrunde, der sich vom libertären und auch reaktionären Freiheitsgedanken unterscheidet.

Der marxistisch-atheistische Freiheitsgedanke ist modern, indem er Gott negiert, den Menschen zum Schöpfer einer neuen Welt macht; die (weltliche) Macht wird zum Vollstrecker der Geschichte. Das „Böse“ besteht in der Struktur – ob Patriarchat, Klasse, Rasse oder Partei, ist zweitrangig – und kann vom „Neuen Menschen“ besiegt werden. Die moderne Ideologie beherrscht die Faszination von Entfesselung. Dass der Marxismus auf die Zukunft, der Nationalsozialismus auf die Vergangenheit gerichtet ist, ist dabei kein Gegensatz, sondern bloßes Detail. Beiden Ideologien liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Revolution deshalb zur Gewalt greifen darf – die Revolution ist nunmehr ein „schöpferischer Akt“ um das Böse als Ganzes auszurotten.

Konservative, Reaktionäre wie Libertäre eint dagegen der Gedanke, dass eine „absolute“ Zerstörung des Bösen zumindest nicht aus Menschenhand möglich ist. Zwar steht der Libertäre in „rationalistischer“ Tradition, wenn er den Menschen als vernunftorientiert und selbstbestimmt einordnet; was den Freiheitlichen aber an Reaktionäre und Konservative bindet, ist die Einsicht, dass der Mensch seine unüberwindbaren Mängel hat. Der Libertäre ist skeptisch gegenüber dem Staat, weil er weiß, dass Menschen sich leicht von der Macht verführen lassen. Das Böse steckt nicht in der Struktur, sondern im freien Willen des Menschen, der sich dafür entscheiden kann.

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