Der fettige Geruch rheinischen Kesselkuchens waberte zwischen Fachwerkbalken. Polizisten sicherten einen Speisesaal mit niedriger Decke. Der Wachtmeister wich nur knapp einem gusseisernen Kronleuchter aus. Auf einer schimmernden Silberplatte kündete der angeschnittene Kartoffelkuchen mit Zwiebeln und Mettwürstchen von einer unterbrochenen Mahlzeit.
Der Wachtmeister schnitt ein Stück auf ein Tellerchen ab und bediente sich. Der kalte Kesselkuchen war neben schalem Bier das Einzige, was diesen Tag besser machte. Fälle wie diese hatten sich in letzter Zeit gehäuft. Seine Kollegen wurden nervös. Zwischen den frühneuzeitlichen Fassaden hatte sich etwas eingenistet, fürchteten sie. Der Aberglauben war weit verbreitet.
In diesem Fall hatten sie die Sonderkommission verständigt.
Der Wachtmeister schaufelte den Kartoffelkuchen in sich hinein, betrachtete einen Kerl in längerem schwarzem Gewand. Er hatte ein kahles, langes Gesicht und trug einen Lederhut mit Schnalle.
Er nannte sich Romswinckel.
»Wir übernehmen ab hier«, sagte Romswinckel.
Der Wachtmeister räusperte sich, um ein verirrtes Würstchen aus der Kehle zu quetschen.
»Und Sie sind …?«
Die Frage richtete er an eine zweite Person. Sie zeichnete sich durch einen langen, dunklen Übermantel aus, der trenchcoatartig die Hände und alle anderen Körperformen verdeckte. Ein brauner Backenbart rahmte sein rundes Gesicht ein. Auch er trug einen markanten Lederhut mit Schnalle – und eine weiße Halskrause.
»Mampfen Sie Ihren Döppekuchen und lassen Sie uns die Arbeit machen«, erwiderte der Mann mit dem Backenbart.
Dem Wachtmeister begann es zu dämmern.
»Sie sind Blanckenberg von der Spezialabteilung?«
»Doktor Walram Blanckenberg«, betonte er, setzte deutlich nach: »Hexenkommissar.«
Blanckenberg begutachtete die Leiche am Boden, die lediglich ein Tuch verhüllte.
»Personalien, Romswinckel?«
Romswinckel blätterte durch einen Notizblock.
»Jupp Achsenmächer, 60 Jahre, Kürschner.«
»Tathergang?«
»Griff seine Frau unmotiviert an. Sie konnte sich im Küchenschrank verstecken. Sie sagt, er sei wie vom Teufel besessen gewesen.«
»Klassiker«, bemerkte Blanckenberg desinteressiert. »Dann?«
»Bildete sich laut Aussagen der Frau Schauergespenster ein. Fühlte sich verfolgt. Stürzte die Treppe hinunter und brach sich das Genick.«
Blanckenberg schaute die Holztreppe mit den kleinen, schiefen Stufen hinauf. Seine Gedanken tappten wieder bis zu den Dielen hinunter. Über brüchige Stellen, Löcher und aufgewirbelten Staub, der in der Luft tanzte.
Der Wachtmeister beendete die Portion Döppekuchen. Er hatte dem Treiben von Blanckenberg und Romswinckel lange genug zugesehen.
»Alles deutet auf einen Unfall hin.«
»Ja«, sagte Blanckenberg gereizt, »das will der Teufel Sie glauben machen.«
Der Wachtmeister verzog unverständig die Augenbrauen. Aber Blanckenberg hob bereits die Stimme.
»Romswinckel, durchsuchen Sie die Küche nach Kochsalz. Nehmen Sie zwei Männer mit.«
»Doktor?«
»Jetzt geh’n Sie schon.«
Eine Viertelstunde schepperten Töpfe und Pfannen. Gewürzpulver waberte in der Luft und hinterließ eine Note billigen Geschmacksverstärkers. Weitere zehn Minuten klirrten Besteck und Geschirr. Teller stapelten sich. Ein Wächter sortierte Dosen, Essigflaschen, eine Pfeffermühle und kitschiges rheinisches Kulturgut.
Nach einer geschlagenen halben Stunde kehrte Romswinckel zurück.
»Warum Kochsalz?«
Blanckenberg hatte sich in der Zwischenzeit kein Stück gerührt. Er stand immer noch neben dem Toten – und beugte sich zu ihm nieder.
»Weil Sie keines finden werden.«
Der Hexenkommissar krempelte den Kürschnerärmel hoch. Schwarze Flecken, wie von einer Akne-Erkrankung, bedeckten den Arm.
»Bromismus«, klärte Blanckenberg auf. »Der fünfte Fall in Ahrweiler. Das Muster ist klar.«
Romswinckel glaubte sich verschaukelt.
»Warum haben Sie das nicht vorher gesagt?«
»Weil Hexerei und Dämonologie ein seriöses Fach sind«, erwiderte Blanckenberg mit inquisitorischer Härte. »Ich brauchte absolute Sicherheit, dass kein Kochsalz im Haus ist. Alles andere wäre Scharlatanerie.«
Im Hintergrund kehrten die Wächter zurück. Sie hatten der Enthüllung zugehört. Blanckenberg erhob sich wieder, rückte den Lederhut zurecht, der sich um zwei Zentimeter verschoben hatte.
»Die Malefitz-Person hat sich mit dem Satan eingelassen«, verkündete er. »Daran besteht kein Zweifel.
»Sie meinen …«
»Vermutlich ChatGPT.«
Die Polizisten hielten den Atem an. Andere Männer unterließen es, solche Namen öffentlich zu nennen. Wer einen Dämonen-Namen aussprach, der lief Gefahr, ihn herbeizurufen. Nicht so Blanckenberg.
Seine Stiefelsohlen schlurften über den Holzboden.
»Erst vor zwei Wochen hat die Kathrinchen Nantzich aus dem Wolfsgässchen 24 ein LLM nach einem Ersatz für Natriumchlorid gefragt. Natürlich hat der Dämon ihr eine willfährig-dumme Antwort gegeben.«
»Natriumbromid«, verstand Romswinckel.
»Exakt«, bestätigte Blanckenberg scharf. »Sie wurde ins Spital eingeliefert – mit Wahnvorstellungen.«
Der Hexenkommissar machte mit der Hand eine schneidige Bewegung durch die Luft.
»Wahnvorstellungen, wie sie auch Achsenmächer hatte.«
Betretenes Schweigen. Der Blick des Hexenkommissars ging zu Metall, das auf einer verschnörkelt-barocken Schreibtischplatte schimmerte.
»Untersuchen Sie den Laptop auf dem Buchenholzssekretär. Sie werden illegal installierte KI-Apps finden. Im Chatverlauf werden sie fündig«, sagte Blanckenberg routiniert in die Richtung der Polizisten. »Für alles andere – kommen wir zu spät.«
Die zu Schlitzen deformierten Augen des Hexenkommissars richteten sich wieder auf den Boden. Für Blanckenberg spielte höhere Gerechtigkeit eine geringe Rolle.
Er war Jurist. Wer sich mit der KI einließ, der würde durch die KI umkommen. Er musste sich um die Lebenden kümmern, die noch nicht in die Hände einer teuflischen Technologie geraten waren, die Sprache nutzte, um Menschen zu verführen, zu manipulieren – und sie zu hirnlosen Zombies zu degradieren, bis sie sich schließlich selbst richteten. Er war für bloße Schadensbegrenzung zuständig.
Und in dieser Stadt gab es noch haufenweise potenzielle Opfer. Unterbeschäftigte Studenten; Rentner ohne Hobbies; gelangweilte Mittdreißigerinnen, denen noch viel dümmere Fragen einfielen als die nach einem Kochsalzersatz.
»Und danach, Doktor?«, fragte einer der Männer.
»Verbrennen.«
»Den Laptop?«
»Den – und Achsenmächer.«
Blanckenbergs Smartphone schrillte durch den Raum. Mit dem Finger wischte er über das Display. In Bliesheim bei Lechenich: Ein neuer Dämonenangriff. Womöglich Grok. Es gab immer noch viel zu viele Jungspunde, die KI-Videos vom US-Präsidenten anfertigten, und für einen kurzen Spaß ihre Seele verkauften.
Düster raunte er in Romswinckels Richtung, ihm zu folgen.
»Alles, was mit dieser Seuche infiziert wurde, gehört eliminiert.«