Ich sehe in letzter Zeit häufiger Petitionen, in dem Sinne, dass Substack nicht mehr das ist, was es mal war – was ich nicht beurteilen kann, denn ich bin dort erst seit Januar, und das auch nur, weil ich David Boos bei LEO unterstützen wollte, und das dann nutzte, meinen alten, deutschsprachigen Blog auch dort als eigene Seite zu übersetzen. Ich wollte angesichts der vielen Zurufe einfach sehen, wie das Experiment läuft – und habe im selben Zuge meinen alten Löwenblog wiederbelebt.
Ich bin also vermutlich für Substack-Verhältnisse immer noch ein Padawan, und dennoch entgehen mir gewisse Trends nicht.
Als jemand, der auf Twitter/X seinen größten Social-Media-Erfolg hatte, hat es mich von Anfang an gewundert, dass Substack ganz offensichtlich nicht – wie postuliert – von langen Artikeln lebt, sondern von Notes. Also eigentlich das, was ich bei X sowieso habe. Notes von mir haben mehr Erfolg als meine Artikel! Das mag nun an mir liegen, aber andererseits habe ich durch einige dieser Artikel den Schritt in den Publizismus geschafft, also können sie nicht so übel sein.
Die viel größere Krankheit sind aber nicht nur Notes, sondern KI-generierte Notes, und noch viel übler, KI-generierte Artikel. Während ich trotz regulärer Artikel – zwei pro Woche zwischen Januar bis Mai – nicht einmal 150 Abonnenten gesammelt habe, gibt es auf Substack jüngere Formate mit hunderten Abonnenten, die gar nicht voll genug des Lobes sind für Artikel, die wiederum eine kurze Überprüfung bei Pangram nicht überstehen. Dennoch sind das die Formate, die gewinnen, während 100%ige, menschliche Texte im Orkus von Substack verschwinden.
Noch unangenehmer ist die Tatsache, dass zahlreiche solcher Traktate nicht einmal mehr als KI-Slop erkannt werden, sondern durch Prädikate wie „deep dive“ exakt die Auszeichnung bekommen, die sie brauchen, um anhand der bekannten Substack-Trigger herumgereicht zu werden und noch mehr Aufmerksamkeit zu erreichen.
Nun benutze ich häufig auch KI als Übersetzungshilfe, keine Frage. Ich bin kein Muttersprachler und damit a priori im „Marktnachteil“, wenn ich Beiträge auf Englisch anbieten soll. Was ich aber einfach nicht verstehen will, das ist die Unehrlichkeit, die dahintersteckt. Was motiviert Leute dazu, die nicht schreiben wollen (vermutlich nicht schreiben können?), ihre Aufmerksamkeit ausgerechnet mit Schreiben zu generieren?
Schreiben ist eine Passion, und zwar im lateinischen Doppelsinn, dass Leidenschaft mit Leiden einhergeht. Schriftsteller, Autoren, Blogger treibt nicht in erster Linie das Geltungsbedürfnis an. Aus reinem Geltungsbedürfnis tut man sich nämlich derlei nicht an. Es gibt viel einfachere Möglichkeiten, im Leben zu etwas zu kommen als durch das Schreiben.
Genuine Schreiber haben einen inneren Drang. Es ist mehr als nur ein Gefühl. Es ist ein quälender Akt der Selbstkreation. Der Heilige Markus steht mir nicht nur als Namenspatron und als Heiliger von Venedig nahe oder weil ich den Markuslöwen großartig finde. Der Heilige Markus ist als Evangelist auch ein Prototyp des Schriftstellers. Er kann sich nicht gegen den Heiligen Geist wehren, wenn er weht. Er muss schreiben. Schreiben ist wie Atmen, wenn wir an den Heiligen Geist als Windhauch denken wollen. Die Evangelisten sind damit auch immer Patrone der Schriftsteller. Schreiben hat, wenn es kreativ-inspiriert ist und danach strebt, nach etwas Höherem zu greifen, immer einen göttlichen Kern, denn der Künstler als „kreatives Geschöpf“ tritt in schöpferische Fußstapfen. Als Schöpfende sind wir Menschen Gottesbilder.
Man soll mich nicht missverstehen, dass ich dem „Schreiben“ einen sakralen Charakter geben möchte, der alles Niedrige damit verurteilt. Überhaupt nicht. Es geht um den Punkt, dass Schreiber Getriebene sind. Ein Uhrmacher sieht sein Handwerk als Kunst an, und ein guter Schreiner würde auch die Rückwand eines Möbelstücks genauso gut bearbeiten wie die kunstvolle Platte. Es gibt nicht umsonst das Wort der „Handwerkerehre“ und ebenso gibt es – oder gab es? – einmal die Vorstellung einer Schriftstellerehre. Sonst wären Plagiate nicht so geächtet.
KI wird häufig als Werkzeug verstanden. Mit einem Werkzeug kann man sich aber auch selbst auf die Hand schlagen oder andere verletzen. Diese Vergleiche wurden genügend durchgespielt. Die Frage ist aber eher, ob ein sich elitär glaubendes Publikum, etwa auf Substack, es tolerieren will, dass menschliche Handwerkerarbeit zugunsten von pseudo-intellektuellen Stücken verdrängt werden. Auf X ist es längst der Fall, dass die gefühlte Hälfte aller Posts KI-generiert sind, wenn nicht gleich KI-Bots dahinterstecken. Von Facebook wollen wir gar nicht anfangen. Selbst ein ehemaliger Tagesspiegel-Chefredakteur wurde dabei ertappt ebenso wie ein CDU-Ministerpräsident.
Ich habe mein Leben als freier Autor begonnen. Wenn ich das ernstnehme, dann schreibe ich seit nunmehr fast ein Vierteljahrhundert. Vieles davon für die Schublade, vieles davon, was ich heute nicht mehr lesen könnte. Aber auch vieles davon, was Leute schon lange vor dem Löwenblog erheitert hat, gerührt hat, inspiriert hat; vieles davon, was auf dem Löwenblog steht (oder auf der englischen Version Mr. Italo), vieles davon, was es sogar in die Medien geschafft hat; und einiges davon auch gedruckt erschienen. Ganz wenig davon sogar als so gut gehandelt, dass es beinahe seinen Weg zu einem Massenpublikum gefunden hätte.
Autoren fristen ein Schattendasein, weil sie häufig jenseits normaler Zeiten über Worte grübeln, mit Zeilen ringen und sich immer wieder fragen: Warum, zum Teufel, tue ich das? Schreiben ist Arbeit. Schreiben lohnt sich, wenn meine Worte bei den Menschen etwas in Geist und Seele rühren. Schreiben lohnt sich nur als Arbeit und nicht als KI-Prompt auf dem Silbertablett. Will man uns weißmachen, dass Doping im Sport dann ok ist, wenn alle es tun? Ich wage das zu bezweifeln.
Es geht dabei nicht so sehr um Moral. Es geht darum, dass eine Generation, eine junge Generation, die nur die KI-Erfahrung kennt, sich kein Leben ohne KI mehr vorstellen kann. Sie wird nicht die Freude haben, ihre Geschichten und Artikel in kleinen Onlineforen zu teilen, um an den Reaktionen zu wachsen. Sie wird schlicht kein Publikum finden, weil der KI-Slop den Algorithmus erstickt. Sie wird nicht verstehen, dass es sich lohnt zu schreiben, weil der sterile Maschinenton zum Leitton wird und alles überstülpt.
KI rezipiert KI und wird mit ihren Texten immer technischer. Das menschliche Vorbild ist nur Durchgangsstation. Und das Publikum wird sich bald darüber wundern, wenn menschliche, fehlerhafte, farbige, ungelenke, mäandernde, aber durch Freude an Sprache lebende Texte auftauchen. Man wird die Sterilität – im Worst-Case-Szenario – als die neue Normalität begreifen, weil der Konformismus regiert.
Es gibt sie, die Hoffnung. Dass nämlich der allgegenwärtige KI-Slop zumindest kleine Gemeinschaften dazu motiviert, sich abzukapseln, und in diesem Sinne „Gras zu berühren“. Freude an Sprache, Getriebensein der Seele, Passion – also dieses urmenschliche Bedürfnis, Gefühle und Geist für andere erfahrbar zu machen, und diese nicht dem bloßen Diktat der Effizienz zu unterwerfen. Gefühle und Geist – also exakt das, was die KI nicht hat, aber auch exakt das, was der neue KI-Mensch, der sich an der neuen Welle generischer Texte erfreut, offenbar nicht nötig hat.
Freilich wäre es besser, dieser Text stünde als Post auf X, als Posting auf Facebook oder als Note auf Substack, um ihn weiter zu verbreiten. Er steht aber hier, als Artikel, so, wie früher Postings auf meiner Webseite standen oder als Posts in Diskussionsforen.
Denn er ist meiner und ich bin zufrieden damit. Weil ich das Schreiben um seiner selbst liebe.