Die Spannungen um die Vereinbarkeit von Christentum und Patriotismus halten bis heute an. Als ich den folgenden Text 2016 verfasste, war das Thema besonders in Deutschland stark umstritten. Seitdem hat sich einiges verändert. Politische Bewegungen, die in zahlreichen Staaten an Macht gewonnen haben, normalisierten die Verhältnisse teilweise. Die Gegenbewegungen sind jedoch ebenso stark – etwa wenn diese Renaissance Assoziationen an „Gotteskrieger“ weckt. Trotz heutiger Hysterien sollte nicht vergessen werden, dass die Diskussion bereits vor einem Jahrzehnt „heiß“ war. Die „Islamophobie“ in Deutschland, insbesondere im Zuge der Migrationskrise 2015 und der berüchtigten Silvesternacht auf der Kölner Domplatte zum Neujahr 2016, führte zum Versuch, den Islam zu verteidigen. Angesichts islamistischer Anschläge forderte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, man müsse auch für Terroristen beten. Ende 2016 erlebte Deutschland mit dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz seinen eigenen Terroranschlag. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich ein ganzes Jahr Zeit, um die Hinterbliebenen zu treffen.
Politik, Medien und Teile der Zivilgesellschaft versuchten bereits damals, den Elefanten im Raum nicht zu benennen und jegliche Ansätze einer Ursachenklärung zu ersticken. Für Historiker wurde Anfang 2016 der Streit um einen Artikel zur Völkerwanderung zum Menetekel. Er stammte vom bedeutenden Althistoriker Alexander Demandt. Die „Politische Meinung“ – das Hausblatt der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung – hatte einen Artikel zu dieser europäischen Umbruchsphase publiziert. Leider fiel das Produkt nicht im Sinne des Auftraggebers aus. Was Demandt beschrieb, wies zu viele negative Parallelen zu aktuellen politischen Geschehnissen auf. Deshalb wurde der qualitativ hochwertige Artikel gestrichen, um potenzielle Instrumentalisierung zu verhindern. Der Fall gelangte in die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die den Artikel abdruckte.
Einen Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung beim Begriff „Abendland“, der im Gegensatz zum Begriff „Westen“ im deutschen Sprachraum einen vornehmlich christlich-kulturellen Charakter trägt. Aufgrund seiner Verwendung durch die damals noch starke PEGIDA-Bewegung und die erstarkende AfD wurde er zum „Kampfbegriff“ erklärt. Kardinal Marx distanzierte sich sogar von dem Begriff, der bis dahin für Katholiken wie Protestanten identitätsstiftend gewesen war. Alles, was in Berührung mit der AfD und ihren Werten geraten konnte, wurde geächtet. Christsein und die eigene Kultur oder gar die eigene Nation hochzuhalten, war nunmehr undenkbar – abgesehen von kleinen Gemeinschaften im traditionellen katholischen Raum oder bei protestantischen Konservativen, die freilich ebenfalls ins Schussfeld gerieten.
Der Wendepunkt: Akademische Selbstzensur und persönliche Konsequenzen
Für meine persönliche Vita war der „Fall Demandt“ bedeutend, weil er mir als damals noch angehendem Historiker vor Augen führte, dass es für mich keinen Platz in der Akademie geben würde. Es gab mehrere solcher Anekdoten, die einen Prozess der Entfremdung bildeten, doch dieser Vorfall gehört bis heute zu den Schlaglichtern, wenn ich erklären muss, warum ich meine Ambitionen aufgab, in die Forschung zu gehen, und mich beruflich umorientierte. Zur selben Zeit postulierte der damals durchaus noch bedeutsame Mittelalterforscher Johannes Fried, dass es eigentlich nichts Deutsches außer dem Gartenzwerg gebe. Ich war plötzlich ein patriotischer Italiener, der mehr vom Deutschtum verstand als die ehemaligen Kollegen – und dabei war ich ideologisch betrachtet Regionalist.
Was bei mir allerdings zündete, war die Tatsache, dass meine Quellen der These widersprachen, Christentum und Nationalismus seien unvereinbar. Im Gegenteil hatte ich während meines Studiums die These entwickelt, dass sich gerade in den alteuropäischen Republiken eine Form des „Proto-Nationalismus“ beziehungsweise eines „christlichen Patriotismus“ entwickelt hatte. Das ist und bleibt eine Minderheitenposition. Dessen bin ich mir bewusst.
Allerdings entdeckte ich Quellen, die meine bisherige Ansicht erschütterten, Mittelalter und Frühneuzeit hätten lediglich die Loyalität zum Herrscher beziehungsweise reine Personenloyalität oder Staatstreue gekannt. Bereits bei meiner Bachelorarbeit zur kommunalen Stadtschreibung Genuas und Pisas im Hochmittelalter bemerkte ich, dass zumindest die italienischen Stadtkommunen ein Gemeinschaftsgefühl auszeichnete, das weit über personelle und institutionelle Loyalitäten hinausging. Genua hatte eine „Stadtehre“, und christliche Heilige waren als „Republikpatrone“ eine Art gemeinsamer letzter Konsens, auf den sich alle Bürger trotz politischer Differenzen einigen konnten.
Quellen eines „irrationalen“ Patriotismus
Ausschlaggebend waren zwei Fälle, die mich überzeugten, dass die Sache komplexer war. Die eine Geschichte fand ich in den Legationsberichten von Niccolò Machiavelli: Ein Landbewohner war bereit, für San Marco zu sterben, obwohl sich daraus keine persönlichen Vorteile ergaben. Die andere Episode, auf die ich im Zuge der Vorbereitungsphase meiner Doktorarbeit stieß, ereignete sich in Vicenza. Auch hier handelten Bauern aus merkwürdiger Liebe zu ihrer Heimat für Venedig, obwohl sie keinerlei Bezug zur Machtelite hatten. Was bedeutete dieses irrationale Verhalten? Einfaches Volk, so hatte ich im Seminar gelernt, machte sich nichts daraus, von wem es beherrscht wurde, solange es ihm gut ging. Umso erstaunlicher war das Verhalten der Veroneser und Vicentiner, weil ihr Land erst seit rund einem Jahrhundert zu Venedig gehörte.
Republiken sind deswegen interessant, weil ihnen ein Monarch fehlt und damit alle Identifikationsfaktoren, die eine Monarchie mit sich bringt. „Für Gott und König“ lohnt es sich zu sterben aufgrund der Verquickung monarchischer Herrschaft mit der Religion. Auf dem Territorium des Heiligen Römischen Reiches ist der Fall eindeutig: Der römisch-deutsche König wird zwar gewählt, doch die Kaiserkrönung durch den Papst macht das besondere Band zwischen Gott und Kaiser deutlich. Die alten Teilreiche der Franken bezogen sich daher auch stets auf den König, nicht das Gebiet: Lothringen leitet sich vom Reich Lothars ab, ebenso existierte ein Reich Ludwigs und ein Reich Karls. Daneben spielte die Elite eines jeden Volkes eine Rolle. Karl der Große nannte sich „rex Langobardorum“, König der Langobarden, nachdem er Italien eroberte – obwohl die Langobarden nur eine relativ kleine germanische Herrscherelite waren, die über die erdrückende romanische Ursprungsbevölkerung herrschte. Es kam zunächst nicht so sehr auf das Land oder die Bevölkerung an, sondern auf die Machtelite.
In dieser Hinsicht spielen die Republiken, insbesondere die italienischen, die um das Jahr 1000 fassbar werden, eine Sonderrolle. Sie können sich nicht an einer bestimmten Person festklammern, da die Ämter rotieren. In den meisten Städten Italiens heißen die Funktionsträger Konsuln in Anlehnung an die römische Republik. Im Unterschied zu den antiken Republiken verläuft die Identifikation jedoch nicht über einen bestimmten Ursprungsmythos oder einen göttlichen Ahnherrn. Da nunmehr breitere Volksschichten am politischen Leben teilnehmen, braucht es einen gemeinsamen Kitt, der über die Vorstellung einer Adelselite hinausgeht, die sich durch göttliches Fatum oder Abstammung auserkoren sieht.
Der Heilige als Identitätsstifter
Diesen neuen sozialen Kitt, der nicht nur die adlige Oberschicht, sondern auch Kaufleute, Handwerker und einfache Leute anspricht, findet sich in der Verehrung des lokalen Patrons. Das ist im Übrigen auch der Grund, weshalb oben vor allem „Katholizismus“ steht. Die jeweilige Gemeinschaft teilt nämlich eine Angelegenheit: den gemeinsamen Gottesdienst in der Hauptkirche eines ganz bestimmten Heiligen. Im besten Fall besitzt die Stadt auch noch Reliquien, und je prestigeträchtiger der Heilige oder die Quantität der Reliquien, desto auserwählter erscheint die Stadt. Überdies ergibt sich dadurch ein Motiv der Abgrenzung von den Nachbarn, die einen anderen Schutzpatron verehren.
Exemplarisch mag dafür die Legende von der Überführung des Heiligen Markus nach Venedig erscheinen. Die Gebeine des Evangelisten gelangten wohl im 9. Jahrhundert nach Venedig. Die reichlich ausgeschmückte Legende stammt jedoch aus späterer Zeit, als sich die Kommune Venedig bereits gebildet hatte und ein gewähltes Stadtregiment Venedig beherrschte. Die beiden Helden der Geschichte sind keine Adligen im eigentlichen Sinne: Zwar ist Buono ein Tribun und gehört der Oberschicht an, wird jedoch als Kaufmann beschrieben. Sein Freund Rustico ist Tischler und vertritt symbolisch die Handwerker. Die Mannschaft wird genau geschildert: Jeder Matrose kommt von einer anderen Laguneninsel und übt einen spezifischen Beruf aus. Dazu gesellt sich ein fränkischer Ritter. Selbst zwei griechische Segler sind dabei – und ein jüdischer Arzt mit seiner Frau. Ein Spiegelbild der venezianischen Gesellschaft samt ihrer Zugezogenen und Verbündeten.
Das Abenteuer des „Venise en miniature“, das San Marco, den großen Schutzpatron, mit vereinten Kräften nach Venedig holt, ist somit das Heldenepos des venezianischen Volkes. Die Venezianer müssen keine Ungeheuer bekämpfen, erleben keine „Âventiure“ und keine klassischen Ritterabenteuer. Auch ihre Herausforderung gegen die Muslime bewältigen sie nicht mit dem Schwert, sondern mit List und Verstand – alles unter dem Schutz des Evangelisten, der ihre Überfahrt über das Meer gewährleistet und sie einen Sturm überwinden lässt.
Die Republik des San Marco
Der Hauptakteur der venezianischen Geschichte ist nicht eine wichtige Person oder eine bedeutende Schicht – es ist das Volk von San Marco. Die Venezianer brauchen keinen legendären König, da ihr Schutzpatron präsent ist. Daher spricht man von der Republik von San Marco. Der höchste Repräsentant des Staates ist nicht der real-regierende König, sondern der Evangelist im Himmel, der für sein Volk bei Gott betet. Wer Venedig besucht, dem wird das deutlich: Überall sieht man Markuslöwen, Denkmäler von Senatoren oder Dogen sucht man jedoch vergeblich – diese finden sich nur als Grabmäler in Kirchen. Die Öffentlichkeit prägt San Marco, und es ist bezeichnend, dass auf den venezianischen Münzen, also der geprägten Identität Venedigs – und ich übertreibe nicht, wenn man sich die Bedeutung von Geld für eine Handelsrepublik vor Augen führt – genau dieses Thema vorherrscht.
Der Doge ist der oberste Repräsentant der Republik und nimmt kniend das vexillum beziehungsweise den venezianischen Gonfalon in Empfang, die Stadtflagge Venedigs, die damit religiösen wie politischen Wert hat. Der mächtigste Mann der Republik ist ein bloßer Bittsteller, der seine Gewalt aus den Händen von San Marco erhält. Wenn der Doge stirbt, kniet ein neuer. Der höchste Amtsträger bekam nicht einmal ein Staatsbegräbnis – das musste die Familie privat abhalten und selbst bezahlen. Kühl ließen sich dann die Venezianer vernehmen: Der Doge ist tot, aber nicht die Signoria.
Die Darstellung des knienden Dogen vor San Marco prägte die venezianischen Golddukaten von deren Einführung bis zum Untergang der Republik und verdeutlichte damit die immerwährende Botschaft, dass die Republik eine ewige, vom Evangelisten beschützte war, an der austauschbare Personen beteiligt wurden. Auf der anderen Seite prangte Jesus Christus höchstpersönlich, zusammen mit dem Motto: SIT T[ibi] XPE (Christe) DAT[us] Q[uem] T[u] REGIS ISTE DVCAT[us] – Dir, Christus, sei dieses Herzogtum, welches du regierst, gegeben.

(Zecchino from the National Numismatic Collection, National Museum of American History)
Venezianischer Stolz als christliche Überzeugung
Die oftmals kolportierte Ansicht, die Venezianer seien in ihrem republikanischen Stolz so von sich selbst überzeugt, dass sie Gott geringschätzten, ist daher eine contradictio in adiecto: Das Selbstbewusstsein Venedigs rührte aus der Überzeugung her, eine enge Verbindung zu Christus über den Evangelisten Marcus zu besitzen. Der beliebte Spruch „Prima veneziani, dopo cristiani“ (Zuerst Venezianer, dann Christen) war vor allem ein Kampfspruch gegen das Papsttum, mit dem die Republik immer wieder aneinandergeriet. Die Markusbasilika war Staatsbesitz, und ebenso hielt die Republik die Einmischung in Bischofsfragen für illegitim. Die Venezianer waren fromm und gottesfürchtig wie die übrigen Landsleute der italienischen Halbinsel. Ihre besondere Beziehung zum Patron und der Grundgedanke, einer auserwählten christlichen Republik anzugehören, fundamentierten überhaupt erst den Gedanken, sich mit Rom anlegen zu können.
Das Besondere an diesem Markuskult zeigte sich speziell nach der Expansion Venedigs auf dem Festland im 15. Jahrhundert. Denn im Gegensatz zu dem, was oft in der Fachliteratur behauptet wird, verblieb diese Identifikation als „Markusschützling“ nicht bei der städtischen Elite Venedigs und auch nicht nur in der Hauptstadt selbst. In der Tat war es gerade die Oberschicht in den großen Städten der hinzugewonnenen Territorien – Padua, Verona, Vicenza –, die immer noch auf die eigene Unabhängigkeit hinarbeitete. Das gemeine Volk, ja selbst Bauern im Umland, identifizierten sich dagegen auffällig schnell mit der Markus-Ideologie und damit dem „venezianischen Gesamtgedanken“. Nur ein halbes Jahrhundert, nachdem Venedig den Nordosten Italiens für sich gewonnen hatte, bezeichneten sich die Einwohner bereits vielerorts als „Marciani“. „Venezianer“ konnten sie sich damals nicht nennen, denn sie blieben in ihrem Bewusstsein weiterhin Angehörige des venetischen Umlandes.
Im Krieg der Liga von Cambrai (1509) rebellierten Teile der einfachen Bevölkerung gegen die ausländischen Besatzer. Viele der lokalen Eliten kooperierten mit den Habsburgern oder den Franzosen in der Hoffnung, ihre Privilegien zu wahren und eine Autonomie für ihre Städte zu gewinnen. Die kleinen Leute dagegen bildeten Partisanentruppen und pinselten sogar Bilder des Evangelisten Markus auf die Hauswände. In diese Zeit fallen die beiden oben erwähnten Episoden: Als man in Vicenza den Markuslöwen von seiner Säule stieß und abtransportierte, überfielen Bauern den Trupp, überwältigten die Soldaten und brachten das Evangelistentier in Sicherheit. Ähnliches musste Niccolò Machiavelli erleben, als er Botschafter in Verona am kaiserlichen Hof war und einige gefangene Bauern dort des Hochverrats wegen angeklagt werden sollten. Der Bischof von Trient, den Kaiser Maximilian als Richter einsetzte, wollte den Gefangenen die Todesstrafe erlassen, wenn sie Venedig abschworen. Er bekam jedoch nur zur Antwort:
„Und er [der Gefangene] sagte, dass er für San Marco sei, und für San Marco wolle er sterben, und anders wolle er nicht leben; und nichts anderes könne ihn von dieser Meinung abbringen.“
Widerstand für San Marco
Als es zur Belagerung Paduas durch kaiserliche Truppen kam, formten sich Bataillone aus Freiwilligen, die den Bedrängten zur Hilfe eilten und mit „Marco! Marco! Marco!“ in den Krieg zogen. Der Widerstandswille überraschte Maximilians Heer. Bis dahin hatten die Kommandanten gedacht, dass Venedigs Fall nur noch eine Frage der Zeit sei. In Wirklichkeit brachte die Belagerung von Padua die Wende. Nahezu dreihundert Jahre später sollte dieses tief in der Bevölkerung sitzende „Wir-Gefühl“ die Veroneser zum Aufstand gegen Napoleon veranlassen – aber davon habe ich andernorts ausführlich geschrieben.
Noch in der Seeschlacht von Lissa (1866), bei der die österreichische Marine gegen die italienische kämpfte, konnte Admiral Tegetthoff die an Bord dienenden venetischen Matrosen (Venetien gehörte noch zu Habsburg) mit dem Schlachtruf „Viva San Marco!“ gewinnen – 70 Jahre nach dem Untergang der Serenissima.
Ich habe hier ausführlich das venezianische Beispiel gewählt, weil es das berühmteste ist. Die meisten italienischen Kommunen verloren ihren Status als Republik oftmals im Zuge des Aufstiegs der Signori. Dennoch galt dieses Konzept des Patrons als Identifikationszentrum für nahezu alle italienischen Städte. In Mailand war dies der Heilige Ambrosius, in Brescia der Heilige Faustinus – und so weiter. Das dalmatinische Ragusa hatte den Heiligen Blasius als Schutzpatron, und aufgrund des langanhaltenden Streits mit Venedig kam es oftmals zu Sticheleien, welche die Überlegenheit des einen oder anderen Heiligen zum Thema hatten. Missglückte venezianische Expeditionen führten die Ragusaner auf das Wirken des Heiligen Blasius zurück, der für schlechte Winde gesorgt hätte. Pisa, neben Venedig und Genua die dritte große Seerepublik, unterhielt ein inniges Verhältnis zu ihrem Stadtpatron Sixtus. Dessen Gedenktag, der 6. August, galt als positiver Tag für große Unternehmungen – vor allem militärische. Eine kleine Auswahl:
Pisas Schlachten am Tag des heiligen Sixtus
- August 1003: Die Pisaner besiegen eine muslimische Flotte bei Civitavecchia.
- August 1005: Die Pisaner verwüsten das sarazenisch besetzte Reggio (Calabria).
- August 1063: Die Pisaner überfallen, plündern und verwüsten das sarazenische Palermo.
- August 1087: Die Pisaner wiederholen dasselbe im sarazenischen Mahdia.
- August 1119: Die Pisaner schlagen ihre Erzfeinde, die Genuesen, bei Porto Venere.
- August 1135: Die Pisaner überfallen Amalfi. Der Schlag ist so schwer, dass Amalfi, eine der vier großen Seerepubliken neben Venedig, Genua und Pisa selbst, sich von diesem Zeitpunkt an nie mehr erholen wird.
- August 1282: Die Pisaner schlagen ihre Erzfeinde, die Genuesen, bei Porto Venere. Mal wieder.
Vielsagend ist auch die letzte pisanische Seeschlacht. Am 6. August 1284 kommt es zur größten Galeerenschlacht, die das Mittelmeer bis dahin gesehen hat. Pisaner und Genuesen treffen sich bei Meloria. Man ist hoffnungsfroh, neuerlich zu gewinnen, denn es ist wieder San Sisto – allerdings endet das Massaker in einer desaströsen Niederlage, die für Pisa so katastrophal ausfällt wie für Amalfi die Plünderung von 1135. Pisa erholt sich nie wieder davon. Man glaubt an ein Omen und fühlt sich von San Sisto verlassen.

Der Carroccio als Symbol städtischer Identität
Berühmt ist dieser Zusammenhang von städtischer beziehungsweise regionaler Identität und Christentum im Zuge der Kriege des Lombardenbundes gegen die kaiserliche Gewalt geworden. Die lombardischen Städte zogen mit einem Carroccio in den Krieg – einem Triumphwagen, auf dem ein Altar und ein Banner des Schutzpatrons standen. Es handelte sich um das Ehrenzeichen der Stadt, das besonders bewacht wurde und dessen Verlust als Schmach galt. Trompeter und Posaunisten spornten von hier die Bürger der jeweiligen Kommune an. Bis heute kann man einen solchen Carroccio beim Palio di Siena sehen.
Es ist im Übrigen auffällig, dass die innere Stabilität der Kommunen dann schrumpfte, wenn der gemeinsame Stadtgedanke (=Patronsgedanke) zugunsten familiärer Klientelstrukturen litt. Plötzlich war nicht mehr die Ehre des Stadtheiligen wichtig, sondern die Loyalität zu einem Personenkreis – eben die Krankheit, die den Beginn von Oligarchien und letztendlich Monarchien auszeichnet. Anders gesagt: Die Liebe zum Vaterland wird aus Karrieregründen geopfert. Kaum hatten die Visconti die Herrschaft in Mailand erworben und sich zu Grafen, dann Herzögen ernannt, war die Herrscherfamilie so wichtig wie die Dynastie in monarchischen Systemen. Das Andenken an den Heiligen Ambrosius schwand, den ursprünglichen Stadtsymbolen wichen neue. So geschehen beim berühmten Biscione, der Schlange auf dem Mailänder Wappen, das ursprünglich das Symbol der Visconti war.
Oder, wenn Sie einen Alfa Romeo sehen: Schauen Sie sich das Markenzeichen genau an. Da lebt die Visconti-Herrschaft bis heute fort.
Renaissance republikanischer Ideale
Ebenso wenig überraschend mutet es an, dass, kaum dass die Visconti ausstarben, eine Republik des Heiligen Ambrosius ausgerufen wurde, die eher an das venezianische Modell anknüpfte.
Was aber für Italien galt (und teilweise immer noch gilt), lässt sich ebenso im deutschen Teil des Reiches nachweisen. Bekanntestes Beispiel ist Köln, wo die Heiligen Drei Könige nach deren Ausleihe aus Mailand zu Stadtpatronen wurden und Aufnahme ins Wappen fanden. Weniger bekannt: Sie fungierten sogar als Richter bei Streitigkeiten. Kölner Bürger mussten vor Gericht auf die Bibel oder Reliquienknochen schwören, die dafür extra herbeigeführt wurden. Wie man Köln kennt, hatte man natürlich auch andere „Knöchelchen“ zum Ersatz, wenn die Gebeine der Weisen gerade nicht zur Hand waren.
Dennoch: Auch eine Freie Reichsstadt wie Köln sah sich besonders aufgrund des Schutzes ihrer Heiligen – neben den Magi auch die Heilige Ursula samt Gefährtinnen – von Gott auserwählt. Man hob sich nicht nur wegen Reichtum und Macht ab. Im Gegenteil: Man war reich und einflussreich, weil man die Heiligen auf seiner Seite hatte. Und die Weisen aus dem Morgenland waren mächtige Patrone. Wieder funktionierte die Religion inklusiv für verschiedene Kölner Gesellschaftsschichten, um ein städtisches „Wir“-Gefühl zu erzeugen und um sich wiederum nach außen hin exklusiv abzugrenzen.
Christlicher Patriotismus in den Monarchien
In den christlichen Monarchien zeichnete sich eine ähnliche Entwicklung ab, wenn sich christliche Heere gegenüberstanden. Bestes Beispiel ist der Hundertjährige Krieg. Für König und Gott kämpften beide Seiten. Es verblüfft daher wenig, dass gerade dieser historische Konflikt als Ursprung eines englischen und französischen Nationsverständnisses angesehen wird – mit „Saint George!“ und „Montjoie! Saint Denis!“ auf der jeweiligen Seite. Die Aragonesen riefen nach „Sant Jordi!“, die Portugiesen nach „San Jorge!“ und in der Reconquista alle zusammen unter Führung der Kastilier: „Santiago! Santiago!“ Dennoch blieb die Identifikation mit dem Patron hinter der republikanischen Entwicklung zurück, da der Monarch noch bis weit in die Neuzeit hinein identifikationsstiftend blieb. In den royalistischen Fraktionen des 19. Jahrhunderts sogar darüber hinaus.
Gerade diese Konfrontationen unter Christen waren und sind immer noch für viele Skeptiker ein Argument gegen eine irgendwie geartete „res publica christiana“ oder eine Europa-Konzeption. Das Gegenteil ist der Fall. Die Heiligen bilden eine Familie, eine Gruppe, wie sie die Apostel der christlichen Frühzeit bildeten. In jeder Familie gibt es jedoch Streit. Auch die frühen Christen waren – im Gegensatz zu vielen romantisierten Bildern heute – nicht immer einer Meinung. Sonst hätten Paulus und Co. nicht ständig Briefe schreiben müssen, um die verschiedenen Gemeinden zu ermahnen. Gerade hier rufe ich meinen Schutz- und Namenspatron auf: Marcus war nämlich, nach allem, was man in der Apostelgeschichte liest, ein ziemlicher Dickkopf, der sich überdies auch mit Paulus angelegt hatte. Ähnlich, wie Venedig eben auch den anderen gerne auf die Füße trat.
Dass nach außen hin die christlichen Völker, Städte, Republiken und Monarchien zusammenhielten, wenn sie alle ihre Schutzpatrone zitierten, und dass es diese europäische Gemeinschaft sehr wohl gab, verdeutlicht das Gemälde von Paolo Veronese zur Schlacht von Lepanto: Alle Heiligen zusammen vor Maria, darum bittend, den Sieg über die Türken zu gewähren. Dem voraus ging ein europaweiter Aufruf des Papstes, den Rosenkranz zu beten, weswegen die gesamte katholische Welt sich am 7. Oktober im Gebet vereint sah.
Diese Artikelreihe erschien am 13. und 14. April 2016 auf dem Löwenblog und wurde am 12. Februar 2026 insbesondere am Anfang stark angepasst. Das war nötig um die Zusammenhänge zu verdeutlichen, in denen die Texte damals entstanden.
