Der folgende Vortrag wurde unter dem Titel „Mit Don Camillo fröhlich durch den Kulturkampf“ bei der Vivamus Akademie am 9. August gehalten.
Sehr geehrte Frau Fichtner,
Sehr geehrte Damen und Herren,
zuerst möchte ich Frau Fichtner herzlich für die Einladung in die Vivamus-Akademie danken. Es ist mir eine sehr große Freude und Ehre, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen.
Allerdings hat sie es mir nicht einfach gemacht. Fröhlich den Kulturkampf bestehen – das ist eine Herausforderung. Insbesondere, da uns dieser Kulturkampf aufgezwungen wird.
Das ist nichts Neues. Christen haben sich seit der Urkirche im Kampf gegen die Welt befunden. Sich aus der Welt zurückzuziehen, kann für den Christen aber keine Option sein. Es hilft im Übrigen auch nichts, darauf hinzuweisen, dass die Zeiten besonders gut oder besonders schlecht seien. Papst Leo XIV. hat bei seiner ersten Generalaudienz gegenüber Journalisten den Heiligen Augustinus zitiert:
„Lasst uns gut leben, dann sind die Zeiten gut. Wir sind die Zeiten. So wie wir sind, so sind auch die Zeiten.“
An dieser Stelle kommt Don Camillo ins Spiel. Denn mit Sicherheit werden Sie daran denken: Tempi passati. Don Camillo und Peppone, das sind Geschichten im Kontext des Kalten Krieges, damals, als Pius XII. noch Papst war und Kommunisten per Exkommunikation ausschloss.
Von der katholischen Kirche in Deutschland können wir eine solche Rückendeckung wohl kaum erwarten. Dass sich ausgerechnet der Erzbischof von München jedes Jahr zum Marsch fürs Leben in seiner eigenen Stadt ostentativ zurückhält – muss ich Ihnen nicht erklären.
Aber auch auf der „anderen Seite“ hat sich einiges geändert. Echte Kommunisten im alten Sinne, also hemdsärmelige Kfz-Mechaniker und Arbeitervertreter vom Schlage Peppones, suchen wir heute vergebens. Auch die Sowjetunion als Dreh- und Angelpunkt des internationalen Kommunismus existiert nicht mehr.
Der Kalte Krieg ist also vorbei. Inwiefern sind Don Camillo und Peppone dann heute noch aktuell?
Ich behaupte: Don Camillo und Peppone und ihr Schöpfer Giovannino Guareschi – sind aktueller denn je.
Das ist verblüffend. Denn, obwohl Don Camillo und Peppone aufgrund der Filme mit Fernandel und Gino Cervi bis heute weltweite Berühmtheit besitzen, ist ihr Vater zumindest außerhalb Italiens so gut wie vergessen.
Das ist neuerlich verblüffend. Denn Guareschi ist der meistverkaufte italienische Autor des zwanzigsten Jahrhunderts.
Von Don Camillo und Peppone wurden schätzungsweise 200 Millionen Exemplare verkauft. Der Name der Rose von Umberto Eco kommt auf 50 Millionen. Tatsächlich ist Guareschi sogar der zweiterfolgreichste italienische Autor der Geschichte – nur Carlo Collodi hat mit Pinocchio einen noch größeren Welterfolg.
Und – das folgt konsequenterweise: Guareschi ist damit einer der erfolgreichsten und wichtigsten christlichen Autoren.
Wie also kann es sein, dass ein so bedeutender, erfolgreicher Autor, noch dazu jemand aus dem satirischen, christlichen Bereich, so aus dem Gedächtnis verschwunden ist?
Die Antwort darauf ist einfach wie bedrückend: Giovannino Guareschi war ein bedeutender Vertreter des Kulturkampfes auf der konservativ-katholischen Seite – und zugleich eines seiner Opfer. Die italienische Kulturszene, in der Nachkriegszeit maßgeblich von den Kommunisten dominiert, hat ihn totgeschwiegen und als verlängertem Arm der kommunistischen Partei aktiv bekämpft. Cancel Culture ist kein neues Phänomen.
In Roncole Verdi, dem letzten Wohnort von Guareschi, habe ich vor einem Jahr seinen Sohn Alberto besucht. Alberto ist mittlerweile 86 Jahre alt. Er verwaltet das Archiv seines Vaters. Dort gibt es ein Regal, in dem zuerst sein Vater, danach Alberto die verschiedenen Erwähnungen Guareschis in den Medien gesammelt haben. Pro Jahr gab es etwa einen Schuber, nach Guareschis Tod 1968 umfassen die 70er und die beginnenden 80er Jahre einen ganzen Schuber. Heißt: Das linke Establishment hat ihn buchstäblich totgeschwiegen. Der Kulturkampf schien entschieden.
Aber seit den 1990ern hat sich der Trend umgedreht. Heute braucht Alberto teilweise zwei Aktenordner für ein Jahr. Das linke Monopol ist gebrochen.
Das sollte auch für Sie ein Signal sein: Gleich, wie stark die Cancel Culture ist, und wie düster es im Kampf um Ihre Werte und Überzeugungen steht: Am Ende hat Guareschi gewonnen. Weder die Kommunisten, die ihn auch physisch bedroht haben, noch die Christdemokraten, die ihn ins Gefängnis gesperrt haben, konnten diesen Mann brechen. Nach Jahrzehnten des Schweigens haben die Kultur, die Wissenschaft und die Politik Guareschi wiederentdeckt. Die Guareschi-Renaissance hält in Italien bereits seit Jahren an. Dieses Jahr erscheint sogar ein Fernsehfilm in der RAI, der das Leben des Don-Camillo-Erfinders nachzeichnet.
Die kommunistischen Literaten, die man damals mit Preisen überhäuft hat, liest man dagegen – mit ganz wenigen Ausnahmen – nicht mehr.

Giovannino Guareschis Rückkehr
Die Wiederentdeckung Guareschis und seines Landpfarrers Don Camillo ist also nicht nur Beleg für einen erfolgreich geführten Kulturkampf; Guareschis Vita steht zudem exemplarisch dafür, wie man als Katholik trotz aller Widerstände, Demütigungen und Rückschläge dennoch als kleiner Arbeiter im Weinberg des Herrn dienen kann. Denn es gibt nicht nur zahlreiche Gläubige, die das Werk Guareschis gestärkt haben. Filme und Bücher waren für viele Menschen überhaupt ein erster Berührungspunkt mit dem Katholizismus. Der Theaterregisseur Uwe Postl hat deshalb nicht ganz zu Unrecht gefordert, dass Guareschi wie sein britisches Pendant Gilbert Keith Chesterton den Titel eines Fidei Defensor – also eines Verteidigers des Glaubens – verdient hätte.
Wer also war Giovannino Guareschi? Anders, als Sie vielleicht glauben, hat sich Guareschi nie als Schriftsteller verstanden. Guareschi war ein Vollblutjournalist, ein Mann, der sich mit seinem gesamten Gewicht ins publizistische Gefecht stürzte. Sie müssen daher auch nicht fürchten, dass jemand Don Camillo für den Kulturkampf „instrumentalisieren“ könnte. In Wirklichkeit sind Don Camillo und Peppone Ausläufer eines seit Jahren tobenden Kulturkampfes. Dazu jedoch später.
Guareschi war bereits in den 1930ern als Journalist für die satirische Wochenzeitung Bertoldo aktiv, unter anderem als Redaktionsleiter, Kolumnist und Karikaturist. Im Zweiten Weltkrieg saß Guareschi zwei Jahre lang in deutscher Kriegsgefangenschaft ein. Diese Kriegsgefangenschaft in insgesamt vier Nazi-Lagern hat den gebürtigen Parmesen tief geprägt. In seinem Diario Clandestino gewinnen Gott, Gewissen und patriotische Pflicht an Gewicht. Guareschi ist in den Lagern als Moraloffizier unterwegs: Er zeichnet Karikaturen, erzählt Geschichten, baut eine Krippe unter widrigsten Umständen. Guareschi erlebt Not, Hunger und den Tod von Kameraden. Zugleich gibt er niemals die Hoffnung auf, wieder nach Italien zurückzukehren – denn daheim warten Frau und Kinder auf ihn. Er schwört sich: Er wird nicht sterben – selbst wenn man ihn umbringt. In sein Tagebuch schreibt er:
„Außen ist der Mensch eine Angelegenheit, die sehr leicht zu beherrschen ist. Aber innen gibt es noch einen anderen, und den befiehlt einzig der Ewige Vater.“
Später schreibt Guareschi über diese Zeit:
„Meine Schule des politischen Journalismus habe ich nicht in einer Parteizentrale gemacht, nicht in einem Stadtteilklub, nicht im Haus des Pfarrers oder Apothekers und auch nicht in der Redaktion irgendeines Provinzblatts.
Meine Schule des politischen Journalismus habe ich in einem Lager gemacht.
In dieser harten Schule habe ich gelernt, wie schön, wie männlich, wie zivilisiert es ist, öffentlich das zu sagen, was man denkt – insbesondere dann, wenn dies mit einer großen Gefahr verbunden ist.“
Erst im September 1945 kehrt Guareschi nach Italien zurück. Er ist auf nur noch 40 Kilogramm abgemagert. In Mailand muss er feststellen, dass das Verlagsgebäude seines einstigen Arbeitgebers Rizzoli zerstört worden ist. Vor allem aber ist das „neue Italien“ nicht ansatzweise so gut, wie behauptet wird. An die Stelle des Faschismus ist eine andere totalitäre Idee getreten. Als sich Guareschi mit einem Journalistenjob bei einer neuen Zeitung über Wasser halten muss, merkt er schnell: Die Redaktion ist von Kommunisten unterwandert.
Bald kontaktiert ihn sein alter Verleger Rizzoli. Er soll als Chefredakteur selbst eine neue Zeitung aus der Taufe heben. Ihr Name: Candido. Der Candido erscheint als satirische Wochenzeitung und nimmt Gesellschaft und Politik aufs Korn. Mit 300.000 Exemplaren pro Woche ist sie in ihrer Blütezeit eines der einflussreichsten Blätter Italiens. Selbst der Spiegel muss in den 1950ern anerkennen, dass es in ganz Europa nichts Vergleichbares gibt. Guareschi beschreibt seine neue Zeitung so:
„Candido ist überparteilich, erhält keine Anweisungen von irgendwem, ist an keine politische Gruppe, keine Institution, keinen Trust gebunden. Es ist ein unparteiisches Blatt, „candido“ – rein –, wie sein Name treffend sagt, mit einem leichten monarchischen Anstrich. Aber das ist nichts Großes, fast unmerklich.
Manche werden hartnäckig behaupten, Candido habe verborgene rechtslastige Tendenzen, was überhaupt nicht stimmt, denn Candido ist ganz eindeutig und unmissverständlich rechts.
Deshalb kann es auch ganz beruhigt von Menschen gelesen werden, die eher links stehen, denn Candido tarnt sich nicht, zeigt sein wahres Gesicht, spielt nicht mit Zweideutigkeiten, benutzt keine zweifelhaften oder opportunistischen Mittel und stellt dem Leser keine Fallen.
Candido ist ein bürgerliches Blatt: deshalb ist es unverschämt pro-italienisch – so sehr, dass der Vorwurf, es sei patriotisch, vollkommen gerechtfertigt ist.
Candido entsteht als humoristisches Wochenblatt.
Allerdings ist es schwierig, Menschen, die über keinerlei Sinn für Humor verfügen, zu erklären, was Humor eigentlich ist..“
Das Blatt gibt Guareschi die Möglichkeit, über die Gewalt der Kommunisten in der Nachkriegszeit zu berichten. Konservativ geschätzt gingen allein 10.000 bis 15.000 Tote auf das Konto der roten Partisanen, die insbesondere in der Emilia-Romagna wüteten – Guareschis Heimat und auch die Heimat von Don Camillo und Peppone. Minutiös berichtet Guareschi über diesen roten Terror. Die Massenmedien verschweigen dagegen die Morde, Anschläge, Bedrohungen, Entführungen und Machenschaften der Kommunistischen Partei – und wenn, dann berichten sie nur in kurzen Meldungen darüber.

Die Geburt von Don Camillo und Peppone
Doch die politische Situation im Italien der Nachkriegszeit verbessert sich nicht. Guareschi muss als Monarchist erleben, wie der König ins Exil geschickt wird. Die Kommunisten fahren bei den Regionalwahlen in Sizilien einen überraschenden Wahlerfolg ein. Die nächste Parlamentswahl 1948 droht zugunsten der Roten auszugehen. Der Candido wird zu einem der führenden anti-kommunistischen Blätter Italiens – aber die ständige Abarbeitung an der Politik nutzt Guareschi ab. Wie kann ein Humorist angesichts von Ideologisierung und Gewalt seinen Humor behalten?
In diesem Moment erblicken der bauernschlaue Dorfpfarrer Don Camillo und sein Rivale, der Bürgermeister Peppone, das Licht der Welt. Sie ermöglichen es Guareschi, die Dunkelheiten des Alltags mit der Leichtigkeit des Seins zu verbinden. Sie können als Orientierungshilfe in ideologisierten Zeiten dienen, ohne dabei belehrend oder dogmatisch zu wirken. Vielfach spiegeln die Geschichten bis heute jene Herausforderungen wider, mit denen die gebrochene italienische Nation rang.
Während heute insbesondere der burleske Humor bekannt geblieben ist, ging es Guareschi in den Geschichten doch um mehr. Zentraler Bestandteil der Don-Camillo-Geschichten ist das individuelle Gewissen. Es handelt sich nicht um eine soziale Konstruktion oder eine parteipolitische Kategorie; sondern um eine sakrale Instanz, die zwischen dem Menschen und Gott vermittelt. Guareschi setzt diese persönliche Gewissensverantwortung einer Welt entgegen, die zunehmend kollektivistisch, ideologisch und technokratisch strukturiert ist. Während zahlreiche Intellektuelle bereit waren, ihre Gewissensentscheidungen an eine Parteilinie zu delegieren (man denke nur an die Stalinverehrung unter vielen vermeintlichen Philosophen), hielt Guareschi daran fest, dass nur das persönliche Urteil vor Gott zähle.
Was Guareschis Kunst von der Propaganda trennt, ist die feine Unterscheidung zwischen Person und Position. Sie können es auch so ausdrücken: Die Sünde, nämlich den Kommunismus, hassen, aber nicht den Sünder. Mit Menschen wie Peppone kann man verhandeln – nicht aber mit der Doktrin des Kommunismus. Peppone, das sei gesagt, irrt in dem Moment, da er sich der Masse beugt oder dem kommunistischen Apparat; immer dann, wenn er als Bürgermeister oder Familienvater entscheidet, handelt er richtig. Guareschi schreibt:
„Sucht nicht jemanden, der für euch denkt, der euch lehrt, wie ihr frei sein sollt. Man sieht hier die Wirkungen: von den Wirkungen zu den Ursachen zurückgehen, das Übel erkennen. Sich losreißen von der Masse, vom Kollektivdenken – wie ein Pflasterstein aus der Straße –, in sich selbst das Individuum wiederfinden, das persönliche Gewissen. Die moralische Frage stellen.“
Dabei ist auch Don Camillo kein Heiliger. Er muss immer wieder – buchstäblich – zu Kreuze kriechen. Damit ist aber Don Camillo zugleich Sympathieträger. Er ist für uns bis heute auch deswegen ein idealer Priester, weil er die Sorgen und Nöte seiner Gemeinde versteht, weil er für seine Sache unüberwindlich eintritt – aber zugleich nicht ohne Makel ist. Don Camillo ist aufbrausend, stur – und ist der Meinung, dass das Verprügeln mit einer Keule aus Pappelholz kaum als Prügelei gelten kann, schließlich sei Pappelholz ja ganz weich. Vom Gebrauch von Maschinengewehren wollen wir gar nicht erst anfangen.
Kurz: Guareschis Landpfarrer bleibt erdverbunden. Auch er braucht das Kreuz, um erhöht zu werden
Jesus ist demnach neben Pfarrer und Bürgermeister der dritte Protagonist. Christi Stimme am Kreuz ist freundlich, aber unbestechlich. Guareschi selbst schreibt, dass diese Stimme nicht der Christus der Evangelien sei, sondern sein Christus, die Verkörperung seiner moralischen Selbstprüfung. Es gilt also nicht die Mehrheitsmeinung, die Meinung einer Partei oder gar die öffentliche Meinung als maßgeblich.
In einer Geschichte tadelt Jesus deswegen Don Camillo, weil er das Gerücht im Dorf verbreitet, Peppone habe sich verspekuliert und müsse Bankrott anmelden. Don Camillo versucht sich zu verteidigen:
»Jesus, ich gebe nur weiter, was man sagt … Die Leute eben …«
»Die Leute? Was bedeutet ‚die Leute‘? Im Himmel werden ‚die Leute‘ nie eintreten, denn Gott richtet jeden Einzelnen nach seinen Verdiensten und seinen Sünden – es gibt keine kollektiven Verdienste oder kollektive Schuld. Es gibt keine Sünden in Gruppen – nur persönliche. Es gibt keine kollektiven Seelen. Jeder wird für sich geboren und stirbt für sich – und Gott betrachtet die Menschen einzeln, nicht herdenweise. Wehe dem, der auf sein persönliches Gewissen verzichtet, um an einem kollektiven Gewissen und einer kollektiven Verantwortung teilzuhaben.«
Don Camillo senkte den Kopf:
»Jesus, die öffentliche Meinung hat doch ein gewisses Gewicht …«
»Ich weiß: Es war die öffentliche Meinung, die mich ans Kreuz genagelt hat.«

Guareschi: Auseinandersetzung mit Kommunisten und Christdemokraten
Die Geschichten um Don Camillo und Peppone erscheinen unter der Rubrik „Mondo Piccolo“ in seiner Zeitung Candido. Sie erfreuen sich solcher Beliebtheit, dass Guareschi nur einen Monat vor der entscheidenden Wahl 1948 ein Buch mit den gesammelten Geschichten herausgibt. Überhaupt nimmt Guareschi in diesem Wahlkampf eine Schlüsselrolle ein. Aus dieser Zeit stammen seine politisch wirkungsvollsten Karikaturen. Am berühmtesten ist der Wahlspruch:
In der Wahlkabine sieht dich Gott – Stalin nicht.
Die Christdemokraten verwendeten diesen Spruch samt Karikatur in einem offiziellen Wahlplakat. Der Spruch ist so populär, dass er später auch im Spielfilm „Die große Schlacht des Don Camillo“ auftaucht – der Landpfarrer zitiert ihn dort im Wahlkampf gegen Peppone.
Die Wahl 1948 endet mit einer verheerenden Niederlage für die Kommunisten. Guareschi gilt damals mindestens so sehr als Wahlgewinner wie der Ministerpräsident Alcide De Gasperi. Und es ist eine Wahl, die auch Don Camillo mitgewonnen hat. Sie sehen, auch ein paar humoristische Geschichten können manchmal entscheidend sein beim Lauf der Weltgeschichte.
Die Kommunisten verzeihen Guareschi diese Einmischung nie. Palmiro Togliatti, der Anführer der Kommunisten, gibt ihm eine Mitschuld an der Niederlage und nennt explizit seine Karikaturen, in denen er die Kommunisten mit drei Nasenlöchern zeichnet. Dabei befolgen die Genossen im blinden Gehorsam die absurdesten Befehle. Guareschi definiert den Personenkreis der Dreinasenlochkommunisten so:
„Drei Nasenlöcher haben die Mitglieder der Kommission für Straßennamen, die in Venedig einer Straße den Namen Gabriele D’Annunzio aberkannt und ihr einen anderen Namen gegeben hat. Drei Nasenlöcher hat die Kommission in Piombino, die die Piazza Umberto I. in Piazza Bresci umbenannt hat (Bresci war der Mörder von Umberto I.). (…) Natürlich ist das dritte Nasenloch keine ausschließliche Spezialität der Linken: Ich glaube, es gibt noch viele andere – ein bisschen überall verteilt. Wie viele Menschen haben wohl ein drittes Nasenloch – und wissen es noch gar nicht? Auch ich blicke manchmal nachdenklich in den Spiegel.“
Sie sehen: Auch heute sind die Drei Nasenlöcher in Deutschland überall am Werke. Dass Guareschi für sein Engagement Morddrohungen erhält, versteht sich von selbst. Dass er von linken Kreisen isoliert, diffamiert und dämonisiert wird – auch. Für die Linken ist der katholische Monarchist ein Reaktionär. Das ist ein Vorwurf, den Guareschi aufnimmt. Bereits 1949 schreibt er in seiner Zeitung einen fiktiven Brief an seinen Sohn Alberto.
„Mein geliebter Nachkomme, eines Tages wird man dir gewiss sagen: „Dein Vater war ein Reaktionär“, und du sollst dich dessen nicht schämen, denn das ist die heilige Wahrheit – so sehr, dass ich mich heute mit Stolz als Reaktionär bezeichne. (…)
Das Leben des Höhlenmenschen war tierhaft, und es bedurfte Jahrtausende, um es zu verfeinern und zu etwas wahrhaft Menschlichem zu machen – zur Würde des Königs der Schöpfung. Und in nur dreißig Jahren hat der Fortschritt alles zerstört: Er hat die Höflichkeit, den Anstand, die Märchen, die Ehre zerstört. Er hat die Kindheit zerstört, sucht nun den kleinsten gemeinsamen sexuellen Nenner, er plant den Geschmack, zerstört das Privateigentum, die Distanz, die Persönlichkeit, die Poesie, die Musik.
Ich bin ein Reaktionär, mein geliebter Nachkomme, weil ich mich dem Fortschritt entgegenstelle und die Dinge der Vergangenheit wieder aufleben lassen will.
Aber ich bin ein sehr relativer Reaktionär, denn der wahre, finstere Reaktionär ist derjenige, der im Namen von Fortschritt und sozialer Gleichheit uns zurückstoßen will in das wilde Zeitalter der Höhlen, um so eine Masse von fortschrittlichen, aber unzivilisierten Grobianen zu beherrschen.“
Guareschi legt sich aber nicht nur mit den Kommunisten an. Die Christdemokraten, denen er bei der Wahl geholfen hat, sieht er als korrupt und machtversessen an. Die Christdemokratie wirft seiner Ansicht nach schon in den 1950ern alle Werte über Bord. Statt sich mit den „gesunden Kräften“ rechts der Mitte zu verbünden, liebäugelt sie mit einer Koalition mit den Sozialisten. Für die Christdemokraten sind Inhalte nachrangig, wenn sie dafür die Mehrheit behalten und den Ministerpräsidenten stellen können. Guareschi sieht in dieser Politik den Ausverkauf der christlichen Fundamente – und den Ausverkauf Italiens.
Gleich zweimal legt sich Guareschi deswegen mit der mächtigen Partei an. Zuerst mit Staatspräsident Luigi Einaudi. Einaudi warb für seinen Nebbiolo-Wein mit dem Etikett: Der Wein des Präsidenten. Darauf veröffentlicht der Candido eine Karikatur. Das Bild zeigt die Präsidentengarde als Weinflaschen. Der Fall landet vor Gericht, Guareschi wird wegen „Beleidigung des Staatspräsidenten“ zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Es bleibt bei einer Bewährungsstrafe – vorerst.
Die Zäsur in Guareschis Leben stellt die strafrechtliche Auseinandersetzung mit Alcide De Gasperi dar. Guareschi werden zwei Briefe zugespielt. Sie sollen beweisen, dass De Gasperi im Jahr 1944 eine Bombardierung Roms von den Alliierten anforderte, um den Widerstandswillen der Italiener zu brechen.
Guareschi hat keinen Zweifel daran, dass diese Briefe echt sind. Heutige Historiker gehen davon aus, dass er auf eine Fälschung hereingefallen ist. Aber ob die Briefe falsch oder echt sind, ist jetzt zweitrangig. Die gesamte Presse und die christdemokratischen Anhänger stürzen sich auf Guareschi. Die jungen Christdemokraten entmenschlichen ihn und beschimpfen ihn als Küchenschabe. Renommierte Journalisten, die den Christdemokraten nahe stehen, leugnen seinen Anteil am Sieg von 1948. Guareschi sei in Wirklichkeit ein unverbesserlicher Faschist. Nein, noch mehr: Guareschi ist ein Unmensch. Jemand, dem das Wort entzogen gehört. Die Zeitung „Azione Cattolica“ schreibt in einem Artikel:
„Guareschi verkörpert den Typ Italiener, der aus unserer Gesellschaft getilgt werden muss. Er ist ein Mann, der keinerlei Respekt verdient.“
Guareschi wird zur persona non grata. Viel schlimmer als die linke Cancel Culture, die Guareschi aus der Kulturwelt zu drängen versucht, ist die Cancel Culture der Christdemokratie. Wie das christdemokratische System arbeitet, sehen Sie auch am Gerichtsprozess. Dort gilt allein das Ehrenwort De Gasperis als Beleg für seine Unschuld. Guareschis Wort dagegen gilt nichts. Guareschi muss über 400 Tage ins Gefängnis – weil er aufgrund der Weinflaschen-Karikatur vorbestraft ist.
Bevor Guareschi ins Gefängnis geht, rekapituliert er seine Rolle im „Neuen Italien“:
„Ich habe die Offenheit, es zuzugeben: Ich habe mich in diesem neuen Italien stets wie ein Umstürzler [sovversivo] verhalten; und indem ich die Pressefreiheit missbraucht habe, habe ich immer das gesagt, was ich dachte, anstatt – wie es meine eindeutige Pflicht als ordentlicher, gesetzestreuer Bürger gewesen wäre – das zu sagen, was die von der Vorsehung gesandten Männer dachten, die berufen waren, das Land zu lenken und zu regieren.
Monarchist in einer Republik; rechtsstehend in einem Land, das entschlossen und unnachgiebig nach links marschiert; Verfechter der privaten Initiative in Zeiten des Etatismus; Verteidiger der Einheit in Zeiten des Regionalismus; Vertreter der Italianità in Zeiten des Antinationalismus; unbeugsamer Katholik in Zeiten der Christdemokratie – ich war nicht, wie es scheinen mochte, ein Unabhängiger, sondern ein Anarchist.“

Der Christ allein gegen die Welt
Es ist auffällig, dass Guareschi trotz seines „politischen“ Werdegangs, ob als Anti-Kommunist oder Gefangener der Republik, der Politik selbst einen geringen Stellenwert einräumt. Tatsächlich ist Politik etwas, das von außen auf die Gemeinschaft aufgepfropft wird. Die Politik bricht in das Leben ein. Auch viele Geschichten des „Mondo Piccolo“ beginnen damit, dass etwa eine Direktive der kommunistischen Zentrale ausgegeben wird, die vor Ort umgesetzt werden muss – oder es sind nationale Angelegenheiten, die das Dorfleben mitbestimmen.
Guareschi hat diesen linken Internationalismus und die Undurchsetzbarkeit linker Ideologie immer wieder aufs Korn genommen. Am bekanntesten ist die Geschichte eines Generalstreiks. Die Kommunisten bestreiken in Ermangelung von Fabriken die Molkereibetriebe. Peppone sieht dabei selbst die Irrationalität des Vorgangs ein: In einer Fabrik kann eine Maschine eingeschaltet und abgeschaltet werden. Wenn eine Milchkuh dagegen stirbt, dann ist sie tot. Wie Sie wissen, ist es Peppone, der am Ende zusammen mit Don Camillo die Kühe in der Nacht melken muss. Guareschis Kniff besteht am Ende darin, dass nicht die Weltrevolution oder der Streikbruch der Kommunisten im Vordergrund stehen – sondern die Geburt eines Kälbchens. Das alltägliche Leben des gesunden Menschenverstandes hat eine höhere Bedeutung als die Ideologie. Weltpolitik ist störendes Rumoren. Man darf sich davon zwar aus der Ruhe bringen – aber nicht vereinnahmen lassen.
In denselben Zusammenhang gehört die Geschichte um die Lehrerin Signora Giuseppina, die in den Filmen Cristina heißt. Sie ist Guareschis eigener Mutter nachempfunden, die 50 Jahre als Lehrerin unterrichtete und am Ende mit einer mickrigen Pension leben musste. Sie ist – wie Guareschis Mutter – tiefkatholisch und monarchistisch geprägt. Ihr letzter Wunsch lautet, dass sie mit der alten, königlichen Trikolore mit dem Wappen von Savoyen bestattet werden will. Die Kommunisten sind dagegen – und auch die Christdemokraten. Es gibt also den Konsens einer großen Koalition, die sich gegen die monarchistische Vergangenheit wehrt – denn beide Parteien haben 1946 den König ins Exil geschickt, ein Umstand übrigens, den Guareschi den Christdemokraten nie verzeiht. Es ist in diesem Zusammenhang ausgerechnet Peppone, der das Wort ergreift. Er wendet sich an die Ratsversammlung, die sich zuvor einstimmig gegen den Wunsch der alten Lehrerin ausspricht, mit der Königsflagge begraben zu werden.
„Als Bürgermeister kann ich Ihre Entscheidungen nur gutheißen. Aber in diesem Ort hat nicht der Bürgermeister das Sagen, sondern die kommunistische Partei. Und daher sage ich Ihnen als Anführer der Kommunisten, dass mir Ihre Meinung völlig egal ist. Frau Cristina wird mit der Fahne bestattet, die sie sich gewünscht hat; denn ehrlich gesagt habe ich mehr Respekt vor ihr im Tod als vor euch allen im Leben.
Und wer etwas dagegen einzuwenden hat, den schmeiße ich aus dem Fenster!“
Wir können freilich heute nicht darauf spekulieren, dass die Gegenseite denselben Menschenverstand wie Peppone an den Tag legt. Aber darum geht es nur in zweiter Linie. Die Gefahr des Kulturkampfes besteht darin, den Gegner zu entmenschlichen. Der politische Gegner wird zum absoluten Feind nach Carl Schmitt. Anders als der Gegner darf der Feind vernichtet werden. Diese Todfeindschaft, dieser Vernichtungswille zur Ausmerzung, findet sich heute wie damals. Man sollte nicht vergessen, dass die Urheber des Roten Terrors in Italien sich selbst als Antifaschisten feierten. Und man sollte auch nicht vergessen, dass Guareschi selbst von den Christdemokraten entmenschlicht und zum Freischuss freigegeben wurde.
Am Ende steht der Christ – politisch gesehen – allein da. Aber das ist eher Segen als Problem. Die Überzeugung, dem eigenen, katholisch gebildeten Gewissen verpflichtet zu sein, losgelöst von Partei und Ideologie, gewährt enorme Freiheit. Es ist eine Freiheit, die attraktiv macht. Christdemokraten und Kommunisten spielen heute in Italien keine Rolle mehr. Guareschi dagegen ist beliebt wie eh und je. Er steht für ein Italien, das sich nicht hat korrumpieren lassen. Er steht für Integrität und einen unabhängigen, christlichen Geist.
Dass Guareschi als Verteidiger der alten Messe heute auch im katholischen Sinn eine überraschende Aktualität besitzt, will ich an dieser Stelle nur kurz anreißen. Er hat bereits damals das problematisiert, was man heute gerne als den „Geist des Konzils“ bezeichnet, den jeder so auslegt, wie er will – meistens zugunsten liberaler Reformideen. Guareschi hat bereits in seiner Lebenszeit Kirchenmänner kritisiert, die zugunsten einer „Öffnung“ bereit waren, kirchliche Inhalte zu verwässern oder Teile der Lehre aufzugeben. Aber, von Kardinal Marx habe ich ja heute bereits gesprochen.
Wenn uns also der Kulturkampf aufgezwungen wird, dann muss man wie Guareschi sich darüber im Klaren sein, dass es nicht um Politik geht. Es geht in erster Instanz darum, wie wir leben wollen. Neben Glauben und Gewissen ist es die Familie, die über Jahrhunderte einen Grundstock katholischer Überzeugungen geprägt hat. Ich möchte deswegen meinen Vortrag mit einem Zitat beenden, denn auch Guareschi war Familienvater:
„Uns gewöhnlichen Menschen liegen unsere Kinder und Enkel am Herzen: Wir sind keine Heuschrecken, die in die Welt gesetzt wurden, um alles zu verschlingen, was verschlungen werden kann, und dann zu verschwinden.
Uns gewöhnlichen Menschen liegen Kinder und Enkel mehr am Herzen als alles andere. Sogar mehr als wir selbst, denn wir betrachten uns als das Weizenkorn, das sich von den Säften der Erde nährt, um die Ähre hervorzubringen, und unsere Existenz erfüllt sich in der Ähre.
„Was kümmert es uns, wenn wir Luft, Wasser und Erde vergiften, wenn uns das nicht schaden kann, sondern nur denen, die nach uns kommen? Sollen sich unsere Kinder und Enkel eben durchschlagen!“ Das ist die Denkweise der Bürokraten und Politiker.
Aber wir gewöhnlichen Menschen, für die das Leben vor allem eine Aufgabe ist, die uns von Gott anvertraut wurde, wir wollen nicht, dass unsere Kinder und Enkel uns verfluchen.“
Vielen Dank.