Thomas von Aquin: Zu heiß für Facebook?

20. August 2016
Kategorie: FAZ-Kritik | Freiheit | Fremde Federn | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Machiavelli | Medien | Mittelalter | Persönliches | Philosophisches

Wie die werten Besucher des kleinen Standcafés (das ich mein bescheidenes Diarium nenne) aus erster Hand wissen – ich bin kein Freund von Facebook. Und eigentlich auch nicht von Twitter. Mit steigender Bekanntheit kann man sich aber diesen nicht entziehen, will man gewisse Kontakte pflegen und die aktuellen Beiträge teilen und verbreiten. Die Effekte sind spürbar. Und zugegeben: obwohl ich weiterhin Facebook für einen Sklavenmarkt halte, auf dem sich diese selbst anpreisen, findet man doch ab und an einige Matrosen am Pier der Hafenstadt, mit denen man parlieren kann, manchen Abenteurer, manchen Kapitän, manchen Kaufmann aus dem Orient.

Es ist also Standard, den aktuellen Beitrag des Diariums zügig auf den beiden sozialen Netzwerken zu teilen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Dass ich damit auch den Spitzeln von maas’schen und kahane’schen Gnaden ins offene Visier laufe, ist mir bewusst. Meine eigenen Beiträge hat das bisher nicht tangiert.

Umso ironischer, dass nicht ein Artikel aus meiner eigenen, sondern einer fremden Feder für Aufruhr sorgte. Der letzte Beitrag von Thomas von Aquin über den Islam und Mohammed schien ins Muster der „Hatespeech“ zu passen.

Was ist also geschehen? Der Löwe postete wie gewohnt seinen Artikel bei Facebook, und flatterte rüber nach Twitterstan, um dort ebenso zu brüllen. Genügsam trottete er zurück ins Diarium, nicht ohne kurz noch einen Blick auf den Sklavenmarkt zu werfen, ob die üblichen Verdächtigen etwas geantwortet hätten. Überrascht zeigte er sich aber, dass der Beitrag, den er eben noch abgesendet hatte – gar nicht existierte!

Vermutlich ein technisches Problem. Man ahnt bereits etwas, aber man will Sicherheit. Aus den Erfahrungen bei der FAZ-Zensur ist man klüger geworden. Dieses Mal schicke ich den Beitrag ab, mache aber einen Screenshot:

AquinMohammed

Wieder verschwindet der Beitrag nach kurzer Zeit. Kommentarlos. Keine Sperrung, aber definitiv Löschung vonseiten des Gesichtsbuches. Auch andere bekommen es mit. Ich mache den Vorfall publik:

AquinMohammed2

Ein Kollege ahmt es nach, postet ebenfalls den Link. Er verschwindet nach kurzer Zeit. Ein zweites Mal. Wieder Löschung.

AquinMohammed3

Auch auf Twitter gebe ich kund, was sich ereignet hat. Nun nimmt die Sache an Fahrt auf: nicht nur auf Twitter, sondern auch auf Facebook teilt man den Link, oder kopiert den ganzen Text (wahlweise auch in Latein). Dann, nach zwei Stunden, hört der Spuk plötzlich auf: die Beiträge bleiben stehen. Auch als ich den Aquino-Text neuerlich in mein Profil setze, bleibt dieser unangetastet.

In einem sozialistischen Staatswesen ist es zwar zu erwarten, dass selbst die Stasi nur halbtags am Samstag arbeitet und ab dem Nachmittag Mittagsschläfchen hält. Dennoch erscheint die ganze Geschichte merkwürdig. Die Zensur riecht nach Automatisierung; allerdings, ich hatte in meinem Text nur Mohammed, den Islam und Thomas von Aquin erwähnt. Nichts, was wirklich verdächtiger als sonst klänge. Ebenso merkwürdig die Kapitulation des Systems: hat ein Praktikant gemerkt, dass hier Mist gebaut wird?

Fragen über Fragen. Aber anscheinend können Sie heute mit Thomas von Aquin mehr provozieren als mit Léon Bloy. Nicht überraschend, dass das Irrationale die Ausgeburt mittelalterlicher Rationalität, nämlich den scholastischen Diskurs, mehr fürchtet…

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