Der Untergang der Republik Venedig als Lehrstück der Geschichte

Venedigs Ende begann mit einem Kriegsverbrechen. Ohne Kriegserklärung, ohne Befugnisse vom französischen Direktorium und ohne Zustimmung der venezianischen Behörden marodierten die Soldaten Napoleons in der venezianischen Lombardei. Am 12. Mai 1796, genau ein Jahr vor dem tatsächlichen Untergang der Serenissima, ließ der venezianische Senat deshalb die Wehrfähigkeit seiner Verteidigungskräfte in der Terraferma, dem Festlandbesitz Venedigs in Norditalien, überprüfen. Der Bericht fiel desaströs aus: die Forts waren vernachlässigt worden, es fehlte an Munition.

Seit Frühlingsbeginn führte Napoleon Bonaparte eine ausgedehnte Kampagne gegen Österreich und seinen Verbündeten, das Königreich Sardinien. Schon kurz nach Ausbruch der Französischen Revolution hatten Korps der radikalen Jakobiner die sardischen Provinzen Nizza und Savoyen besetzt. Im April überquerte Napoleon die Alpen und brachte den österreichisch-sardischen Truppen verheerende Verluste bei. Das Ziel: die Eroberung des Piemonts und Turins (der Hauptstadt des Königreichs Sardinien) sowie des österreichischen Herzogtums Mailands und Mantuas mit ihren schweren Befestigungen. Wer die Mauern und Türme dieser lombardischen Städte in der Hand hatte, der war nicht mehr aus Italien zu drängen.

Der Erfolg der Franzosen war verheerend für die österreichisch-sardische Koalition. Bereits am 23. April schied Sardinien nach der verlustreichen Schlacht von Mondovì aus dem Bündnis aus. Napoleon zwang den König zum Frieden von Cherasco, als französische Soldaten bereits in Sichtweite Turins lagerten. Nachdem das Piemont befriedet war, zog er weiter gen Mailand. Der dortige Gouverneur, Erzherzog Ferdinand von Österreich (der spätere Kaiser Ferdinand I.) musste mit Familie und Hof aus Mailand fliehen und suchte im benachbarten, venezianischen Bergamo Zuflucht. Ihm folgte ein Strom aus loyalen Adligen, Anti-Revolutionären und Kriegsflüchtlingen, deren Grundlagen im Krieg zerstört worden waren. Desertierende Soldaten der kaiserlichen Armee stellten die öffentliche Sicherheit vor immense Probleme.

Die Venezianer hatten also allen Grund, ihre militärischen Fähigkeiten zu überprüfen. Der Auszug Ferdinands aus Mailand hatte am 9. Mai, nur drei Tage vor dem Senatsbericht, stattgefunden. Rein diplomatisch musste sich Venedig nicht fürchten: die Serenissima verfolgte einen strengen Kurs der Neutralität. Schon in den vielen Kriegen am Beginn des Jahrhunderts – wie im Spanischen und Österreichischen Erbfolgekrieg, sowie im Siebenjährigen Krieg – hatte sich die Lagunenstadt nicht eingemischt. Überhaupt: abgesehen von Militäroperationen gegen die Korsaren an der nordafrikanischen Barbareskenküste hatte man seit dem letzten Großen Türkenkrieg von 1714-1718 keine größere militärische Auseinandersetzung gesucht. Besonders nicht an Land, wo man es nur bei einigen Mindestgarnisonen beließ.

Die Republik setzte darauf, in Kriegszeiten Söldner anzuwerben. Wirtschaftlich stand es nämlich um Venedig – den vielen Mythen zum Trotz – nicht schlecht. Der Handelsumsatz war zwar seit dem 17. Jahrhundert kollabiert, aber die Erwerbe aus Produktion und Landwirtschaft waren sehenswert. Venedig galt um 1800 eben nicht mehr als eine klassische Handelsrepublik, sondern als ein großer Exporteur von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, wofür die Landgewinnung im 18. Jahrhundert und die großangelegte Erschließung durch Landgüter verantwortlich waren. Ähnlich verhielt es sich mit der Produktion: Venedigs Bedeutung auf den Feldern der Seidenwebkunst, Tuch-, Papier- und Buchproduktion, der Herstellung von Musikinstrumenten und der Teppichknüpferei waren Stärken, die europaweit ihresgleichen suchten. Die abgeführten Steuern der wichtigsten Städte der Terraferma – Brescia, Verona, Padua – waren weiterhin beachtlich.

Auch das kulturelle Leben der Lagunenstadt hatte seinen Anteil am Wohlstand der Serenissima. Die exzessiven Karnevalsfeiern brachten den Ruch der Dekadenz mit sich. Allerdings war Venedig bereits damals wie heute zu einer Touristenstadt geworden. Ein Besuch junger Adliger gehörte auf ihrer Grand Tour durch Europa zum Pflichtprogramm – wo sie Teile ihres Vermögens beim Casino-Besuch, der Inanspruchnahme von Kurtisanen oder bei Festen verjubelten. Der venezianische Händler hätte gesagt: früher brachten wir die Waren zu euch. Jetzt kommt ihr stattdessen zu uns, und lasst eure Kohle gleich hier.

Venedig war demnach kein dahinmodernder, dekadenter Staat, wie ihn die spätere – vor allem österreichisch beeinflusste – Geschichtsschreibung darstellen wollte. Dennoch war klar, dass eine kleine Republik weder gegen das gewaltige Österreich, noch gegen die entfesselten Kräfte der Französischen Revolution bestehen konnte. In seinen besten Zeiten konnte das venezianische Heer 30.000 bis 40.000 Mann aufbieten. Soviel setzten die Großmächte mit ihren hunderttausenden von Soldaten in einzelnen Schlachten ein. Auf beiden Seiten.

Hätte Venedig daher eine andere Politik fahren können, als die der Neutralität? Eine schwierige Frage. Venedigs politisches System war zwar ein republikanisches, aber eben keines vom Schlage der radikalen Jakobiner Frankreichs. Denen war die Republik eben immer noch nicht republikanisch genug. Und Österreich? Man unterhielt gute Beziehungen, doch hatte man noch auf vergangenen Friedenskongressen besprochen, ob man Venedig nicht genauso aufteilen könne wie Polen. Überlegungen, Frankreich die österreichischen Niederlande – sprich: das heutige Belgien und Luxemburg – zu überlassen, wogegen Österreich die Republik hätte annektieren dürfen, um damit eine Verbindung zum ebenfalls österreichischen Mailand zu schlagen… existierten bereits vor 1797.

Die Signoria spielte daher auf Zeit. Man wartete ab, wie sich die Dinge entwickelten, was womöglich am Anfang die einzig richtige Entscheidung war. Obwohl die Serenissima eher Interesse an einem konterrevolutionären Bündnis hätte haben müssen – Frankreichs Umpolung von Untergebenen in französische „Tochterrepubliken“ nach jakobinischem Vorbild war bereits offensichtlich – spielten die militärischen Siege Napoleons Frankreich in die Hände. Auch das ist der Grund, warum Venedig auf ein Allianzangebot Napoleons nicht einging; man hatte bereits gesehen, wie Frankreichs „Verbündete“ endeten. Ein Schulterschluss mit dem Kaiser wäre dagegen einem Selbstmord gleichgekommen. Schließlich stand der Korse mit 55.000 Männern direkt an der venezianischen Türschwelle Bergamos.

So blieb es denn auch nur bei einem „formalen Protest“ vonseiten des Senats, als die französischen Soldaten den österreichischen Truppen ins venezianische Territorium nachjagten. Die letzten Schlachten des napoleonischen Italienfeldzugs lesen sich daher wie eine touristische Rundreise durch das Gebiet der alten Republik: am 3. August kommt es zur Schlacht bei Lonato am Gardasee, nur wenige Meilen von der venezianischen Regionalverwaltung in Salò entfernt. Am 5. August haben die Kriegsparteien so viel Anstand, sich wenigstens ein paar Meilen weiter in das mantuanische Castglione zurückzuziehen, und dort ihre Streitereien auszufechten. Nur einen Tag später, am 6. August, sind sie wieder am Gardasee, und liefern sich ein kleineres Gefecht beim venezianischen Peschiera. Danach geht es tief ins venetische Herzland: zuerst nach Rovereto zwischen Riva und Verona, dann bis nach Bassano nördlich von Vicenza; es folgen Caldiero, Rivoli, und Arcole.

Alle Schlachten werden zwischen den kaiserlichen und den französischen Truppen geschlagen; alle Schlachten finden auf venezianischem Territorium statt; alle Schlachten gehen für Österreich verloren.

Wir führen uns vor Augen: zwei Großmächte tragen ihren Krieg auf dem Rücken eines neutralen Landes aus. Verträge, Neutralitätsbekundungen, die Diplomatie in ihrer gesamten Dimension und auch jedwedes Ehrgefühl von Nationen wie Personen werden mit Füßen getreten. Übrig bleiben in der Geschichtsschreibung nur die Glorie Napoleons, sein ruhmreicher Sieg von Arcole und dessen heroischer Einsatz auf der dortigen Brücke. Wer behauptet, Geschichte werde nur von den Siegern geschrieben, hat nur teilweise Recht: sie wird vor allem von Wenigen geschrieben. In den großen welthistorischen Umwälzungen erscheint die tausendeinhundertjährige Geschichte der Serenissima nur als Fußnote, die zwischen den Seiten des Buchs der Großmächte zerquetscht – und auf den Schlachtfeldern in Form der venetischen Muttererde buchstäblich zertreten wird.

Aber es bleibt nicht bei dieser Demütigung. Dabei sind es zuerst die Österreicher, nicht die Franzosen, die von den Venezianern fordern, ihre Festungen den abziehenden Truppen zu übergeben, um damit den französischen Vorstoß aufzuhalten. So fordert der habsburgische General Beaulieu die strategische Hafenstadt Peschiera, bevor die Franzosen die Österreicher stellen könnten; die Republik reagiert darauf (verständlicherweise) nicht, worauf die überlegene Streitmacht Peschiera mit Gewalt nimmt. Die Franzosen besetzen daraufhin auf der anderen Seite des Sees den gleichermaßen wichtigen Hafen Desenzano. Frankreich kommt dieses Spiel gelegen: Napoleon wirft den Venezianern vor, sie hätten den Österreichern Peschiera freiwillig überlassen und droht mit der Zerstörung Veronas und offenem Krieg. Die Venezianer können nicht anders, als klein beizugeben. Wieder hofft man, durch Zeitverzögerung wenigstens etwas Luft zu bekommen.

Am 1. Juni muss der Provveditore von Verona seine Stadt zähneknirschend an die einmarschierenden Franzosen übergeben. Verona ist die strategisch bedeutendste Stadt der Terraferma: von hier aus werden die wichtigsten Straßen von Nord nach Süd, und von West nach Ost kontrolliert. Wer Verona in Händen hält, kann den Alpenverkehr kontrollieren – und damit die Truppenbewegungen von und nach Tirol bzw. Deutschland. In der Hauptstadt schrillen die Alarmglocken. Obwohl man offiziell versucht, mit allen Parteien auszukommen, bereitet der Senat die Mobilmachung der Flotte vor. Man will Sondersteuern erheben, bittet die reichsten Patrizier um Spenden (die übliche Vorgehensweise zur Kriegsfinanzierung). In Istrien sollen Milizen mobilisiert werden, und ein Dekret wird wiederbelebt, dass keine fremden, bewaffneten Schiffe die Lagune befahren dürften.

Doch das Manöver misslingt. Der französische Botschafter unterrichtet Paris von den Vorgängen. Das Direktorium verlangt Antworten und droht erneut mit Krieg. Venedig, das seine Anstrengungen gerade erst begonnen hat, sieht diese innerhalb von Tagen vernichtet. Der Feind steht nun nicht nur vor der Türe, er hat die wichtigste Stadt auf dem Festland unter seine Kontrolle gebracht, und weder die Marine noch das Heer sind bereit.
Erneut rudert Venedig zurück.

Der Provveditore Giacomo Nani, der zuständige Aufseher für die Verteidigung der Lagune, der zu diesem Zweck berufen wurde, brachte die Vorgänge auf den Punkt:

»Es tötet meine Seele, mit anzusehen, dass nur ein Jahrhundert nach dieser so wichtigen Epoche [gemeint sind die großen Kriege Venedigs gegen die Osmanen] das ganze Trachten Eurer Exzellenzen allein auf die Verteidigung dieser Flussmündung [d. h. die Lagune] gerichtet ist, ohne daran zu denken, Eure Bemühungen nur auf eine Linie außerhalb desselben zu lenken.«

Was Nani damit meinte: Eure Kurzsichtigkeit ist bereits so sehr auf die Hauptstadt und eure eigene Sicherheit in Venedig gelenkt, dass ihr uns damit alle dem Untergang preisgebt. Statt bereits in Verona, besser noch: bereits an der Grenze Widerstand geleistet zu haben, glaubt Ihr, durch eine Verbarrikadierung in Venedig alle Probleme lösen zu können. Dieses Verhalten galt nicht nur als militärisch und politisch unklug, sondern war für Nani auch ehrverletzend: die stolze Republik Venedig, die einst Großmächte wie das Osmanenreich bezwungen hatte, war nicht einmal fähig in „großen Linien“ zu denken. Statt den Krieg ganz und vollkommen zu führen, gab sie sich der Politik der kleinen Schritte hin. Das Schauspiel war einer Serenissima schlicht unwürdig. Wenn wir wollen, dann können wir auch!

Der Vorfall von Verona, die dauernden Rückwärtsrollen der Regierung und die gleichzeitige Unzufriedenheit der Bevölkerung der Republik, welche die Politik der Elite nicht teilten, waren die Menetekel des Untergangs der Serenissima.

Akt II: Von „Freiheit“, „Demokratie“ und „Menschenrechten“, mit denen die Venezianer bombardiert wurden.

Nach Desenzano, Peschiera und Verona quartierten sich die Franzosen im Laufe des Julis 1796 auch in Bergamo und Crema ein. Die Festung von Brescia, eine der wichtigsten der Republik, wurde dabei von Napoleon persönlich besetzt. Die venezianischen Garnisonen blieben bestehen und taten ihren Dienst weiterhin „neben“ den französischen Besatzern. Es folgte wieder ein Bündnisangebot Frankreichs, welches Venedig in einer Allianz mit dem Osmanischen Reich gegen Russland binden sollte. Wieder hielt Venedig an seiner neutralen Rolle fest. Bis zuletzt hoffte man auf einen österreichischen Befreiungsschlags, der zum Abzug der französischen Truppen führen sollte. Spätestens im Frühjahr 1797 musste man diese Hoffnung begraben: die Franzosen hatten ihre Macht in Italien konsolidiert, die Österreicher waren geschlagen, Sardinien aus dem Krieg ausgetreten, und Anfang März fiel die Festung Mantua.

Französische Soldaten kampierten nunmehr fast ein Jahr in den wichtigsten Festungen der westlichen Terraferma. In dieser Zeit übernahmen die Franzosen mehr und mehr die Herrschaft der Bastionen und Wehrgänge; und während seine Soldaten de facto die militärische Kontrolle über diese venezianischen Territorien ausübten, formte Napoleon aus den Gebieten der ehemaligen österreichischen Gebieten die revolutionäre Transpadanische Republik als Tochterrepublik Frankreichs. Dieser Marionettenstaat sollte im administrativen Aufbau dem revolutionären Mutterland ähneln und als treuer Vasall zur weiteren Herrschaft über Italien dienen. Demnach war es folgerichtig, dass dieses Konglomerat die französische Trikolore hisste, allerdings mit einem grünen Streifen statt einem blauen. Die Transpadanische Republik sollte der Vorläufer der Cispadanischen Republik und des (napoleonischen) Königreichs Italien werden.

Bis heute lebt diese Trikolore als Flagge Italiens weiter. Für die Venezianer war sie dagegen ein Symbol der jakobinischen Schreckensherrschaft der Französischen Revolution. Vergleicht man die Flagge Italiens mit jener Venedigs, könnten die Unterschiede nicht größer sein: auf der einen Seite der Markuslöwe des Christentums auf byzantinischem Rot, das die Tradition über West- und Ostrom bis nach Venedig selbst führt; auf der anderen Seite das grüngefärbte Zeichen der Aufklärung, Revolution und Säkularisierung. Schon in den Symbolen und Farben der Flaggen der neuen Nachbarstaaten kündigte sich der „Clash of Civilizations“ an. Bis heute ist echten Venetisten die Trikolore auch deshalb verhasst, da sie das Zeichen der Jakobiner war, die das „alte“ Italien mit seinen Werten hinwegfegte.

Man stelle sich vor, Deutschland würde heute eine Nationalfahne hissen, die einer französischen Tochterrepublik auf preußischem Boden gehört hätte. Die Trikolore war eben in erster Linie keine nationale, sondern eine ideologische Flagge.

Und wie es nun mit Ländern so ist, die sich „Freiheit“ und „Menschenrechte“ auf die sprichwörtliche Flagge schreiben, kam es dazu, dass diese aufgeklärten Länder ihre Werte „exportierten“. Kurz: Revolutionäre aus Mailand sickerten nach Bergamo und Brescia ein, mit Unterstützung vonseiten der bereits dort stationierten Besatzungen. Diese wenigen, gut organisierten Gruppen schürten Unruhe gegen die venezianische Zivilverwaltung. Die Strategie der Franzosen bestand in einer Taktik, die man mit Fug und Recht als „regime change“ klassifizieren könnte. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung anti-französisch eingestellt war (nicht zuletzt, da die fremden Truppen seit einem Jahr dort lagerten und die Städte zusätzlich beanspruchten) gab es dennoch auch hier kleine Kreise im Bürgertum, die von einem Regimewechsel zugunsten Frankreichs zu profitieren hofften. Allgemein würde man so etwas als „Hochverrat“ betrachten, aber gerade diese Verräter werden von aufgeklärten Kreisen als Verteidiger der Freiheit und Menschenrechte propagiert.

Am 13. März 1797 folgte dann die „Demokratisierung“ (so hieß es offiziell tatsächlich!) Bergamos unter Druck des Generals d’Hilliers. Offiziell war von einer Revolution Bergamos gegen die venezianischen Behörden die Rede, um eine Französische Revolution en miniature zu propagieren; tatsächlich handelte es sich um einen Coup des französischen Militärs mithilfe einiger Mitverschwörer.

Dass Bergamo eben keiner Volksrebellion oder den Idealen der Revolution anheimfiel, zeigen die tatsächlich Begebenheiten. Der Podestà von Bergamo, Alessandro Ottolini, wollte noch 10.000 Männer zusammentrommeln um die „bergamaskische Nation“ gegen die jakobinischen Aggressoren zu verteidigen; auch hier – wieder! – ein patriotisches Manöver, das von der Regierung in Venedig selbst nicht mitgetragen wurde. Als die französischen Einheiten die Burg besetzen wollten, ließ Ottolini ihnen den Zugang versperren. Und wieder war es letztendlich die venezianische Regierung, die ihm auferlegte, die Neutralität zu wahren und die Truppen einziehen zu lassen. Ottolini musste sich d’Hilliers ergeben, bevor er seinen Plan durchführen konnte.

Während die napoleonischen Truppen in Bergamo Stellung bezogen – der venezianische Gonfalon blieb jedoch weiterhin auf den Zinnen – erfuhr Ottolini davon, dass die Franzosen die Annexion Bergamos, Brescias und Cremas, kurz: der gesamten venezianischen Lombardei durch revolutionäre Regierungsumstürze vorbereiteten. Er meldete dies an den zuständigen Provveditore Francesco Battaia (der in etwa die Position eines Verteidigungsministers der Republik hatte) nach Brescia. Letzterer blieb zögerlich, wollte Gewissheiten. Ottolini beauftragte einen Spion – der venezianische Geheimdienst war immer noch einer der besten der Welt – und konnte die Beweise innerhalb weniger Tage heranschaffen. Die Reaktion aus Brescia: Schweigen.

Kurz darauf begann d’Hilliers mit der „Demokratisierung“ Bergamos, doch verlief die Operation weniger erfolgreich als gedacht. Die Zahl der Unterstützer in der Bevölkerung hielt sich in engen Grenzen. Napoleon riet dazu, dass die „Demokratisierung“ auf jeden Fall so aussehen müsse, als sei sie vom Volk gewollt. Die Besatzer setzen daher Ottolini fest, erklärten die Macht der Serenissima in Bergamo für erloschen und riefen eine Versammlung aus Bürgern ein, welche den Vorgang absegnen sollten. Die Abgeordneten protestierten zuerst, unterschrieben aber unter französischem Druck ein Dekret. Ottolini wurde darauf wieder auf freien Fuß gesetzt; doch im Gegensatz zu den zögernden Senatoren in der Hauptstadt war der aus anderem Holz geschnitzt und dachte gar nicht daran, Bergamo aufzugeben. Der Podestà rief Miliztruppen aus der Provinz, um den Spieß umzudrehen – was die Franzosen zum Anlass nahmen, dies als Anlass für die gesamte Besetzung der Stadt und den Rauswurf Ottolinis zu nutzen.

In Brescia sollte sich das Spiel wiederholen. Der dortige Podestà Giovanni Alvise Mocenigo wurde bald schon davon in Kenntnis gesetzt, dass bergamaskische Jakobiner und französische Truppen auf Brescia zumarschierten. Der wollte kurzen Prozess machen und die Kavallerie einsetzen. Auch hier: ein Rückpfiff. Provveditore Battaia befahl Mocenigo, keine Waffengewalt anzuwenden; besonders nicht, da die Franzosen schon die strategisch wichtigsten Positionen in Brescia besetzt hätten, und nicht abzusehen war, was Frankreich noch unternehmen würde. Es bedurfte nur zweihundert Jakobiner, um anschließend die venezianische Regierung in Brescia (immerhin eine Stadt mit 50.000 Einwohnern) zu stürzen. Auch das natürlich unter Aufsicht von französischen Truppen in den Kasernen, auf den Plätzen und in der Festung, von der alsbald der Gonfalon heruntergerissen wurde.

Nach der „Demokratisierung“ Bergamos und Brescias folgte am 28. März Crema. Die Cremasker – ein selten widerborstiges kleines Völkchen, das im Mittelalter schon Friedrich Barbarossa die Stirn geboten hatte – spielten jedoch nicht so mit, wie es sich die Franzosen wünschten und pfiffen auf Freiheit, Menschenrechte und Demokratie, da es ihnen im unterdrückerischen Venedig ganz gut gefiel. Die französische Antwort ließ nicht lange auf sich warten: die Franzosen eroberten Crema mit Waffengewalt und schossen die Einwohner nur so mit Gleichheit und Brüderlichkeit ein. Auch den Bewohnern an der Westküste des Gardasees ging es nicht anders: als Salò die Menschenrechte Frankreichs ablehnte, beantwortete Napoleon die Absage mit Artilleriefeuer.

Die Venezianer wurden – wie die Amerikaner so schön sagen – geradezu mit Demokratie vollgepumpt.

Akt III: Vom Volk, das San Marco mehr ehrte als die Regierenden in Venedig.

Die Vorkommnisse in Bergamo und Brescia war den gefürchteten Staatsinquisitoren in der Hauptstadt nicht entgangen. Man sendete an den Senat ein Gutachten, wie es mit der Treue der verschiedenen „Nationen“ – so nannten die Venezianer die Gebiete der Republik mit abgrenzbaren Dialekten, Sitten und Bräuchen – zur Serenissima stünde. Bergamo befände sich im revolutionären Aufruhr, das gälte aber nicht für die Täler und kleineren Orte; Crema verlangte militärische Unterstützung; und Verona, das noch nicht „demokratisiert“ war, aber wo bereits seit einem Jahr die Franzosen eine Garnison stationierten, sei extrem franzosenfeindlich gestimmt. Die einzige Stadt, die von sich heraus und ohne fremde Hilfe als „gefährlich“ eingestuft wurde, war die Universitätsstadt Padua. Gelehrte und Studenten hätten sich bereits nach Bergamo und Brescia begeben.

Wieder einmal konnte sich der Senat nicht zu einer geschlossenen Politik durchringen. Einerseits wollte man Verona befestigen und verteidigen, wieder stand die Mobilisierung der Flotte auf dem Plan, sowie die Aushebung der Milizen. Andererseits wollte sich die Republik durch Schutzzahlungen freikaufen: am 1. April versprach die Serenissima Napoleon eine monatliche Zahlung von einer Million Lire.

In der Provinz dagegen regte sich massiver Widerstand. In Salò, das die Franzosen nach heftigem Kanonenbeschuss eingenommen hatten, brach eine Revolte aus. Die Salodianer vertrieben die Franzosen und hissten erneut den Gonfalon mit dem Markuslöwen. Auch im umliegenden Land der „Riviera di Salo“, der sog. Magnifica Patria, sammelten sich die Bewohner der Orte Bedizzole, Calcinato, Maderno, Toscolano und Vobarno – kurz, die gesamte linke Seite des Gardasees bis zu den Toren Brescias. Lokalmilizen und kleinere Kavallerieeinheiten führten Guerilla-Angriffe aus oder versperrten die Straßen zum aufrührerischen Salò. Napoleons Dragoner wurden blockiert. Weitere Städte und Dörfer schüttelten die jakobinische Herrschaft wieder ab. Die Kampfparole „Viva San Marco!“ war lauter denn je zu hören, und in Ermangelung regulärer Truppen strickte man sich eigene Flaggen mit dem Markuslöwen als Zeichen gegen den französischen Giganten.

In Verona trafen indessen Ottolini aus Bergamo und Battaia aus Brescia ein. Zusammen mit den hiesigen militärischen Führern beriet man die Lage – unter ihnen befanden sich auch der Ratsherr Francesco Emilei und der General Antonio Maffei. Letztere beiden bildeten zusammen mit Ottolini die Fraktion der „Hardliner“ im Rat der Würdenträger. Ihnen entgegengerichtet war die Opposition um Battaia, der keine Einmischung riskieren wollte. Insbesondere Emilei machte sich aber für Vergeltung stark: die Franzosen müssten aus der Stadt geworfen werden, bevor es als nächstes Opfer an die Jakobiner falle und danach Brescia wie Bergamo schnellstens zurückerobert werden! Die Veroneser seien zu diesem Schritt bereit. Francesco Battaia riet dagegen zur Umsicht und wollte nichts überstürzen – worauf Emilei entgegnete, das genau diese Haltung zum Fall Brescias geführt habe. Daraufhin lenkte selbst Battaia ein, der vorher stets gezögert hatte. Die Vorfälle in der venezianischen Lombardei schienen Emilei und Konsorten Recht zu geben, dass die französische Herrschaft brüchiger war als gedacht.

Am 17. April kam es dann zu jenem Aufstand in Verona, der als „Pasque Veronesi“ (Veronesische Ostern) in die Geschichte einging. Es handelte sich um einen der größten Volksaufstände gegen die napoleonische bzw. jakobinische Herrschaft im Zuge der Koalitionskriege, und ist in einer Riege mit dem Freiheitskampf Andreas Hofers und dem Spanischen Widerstand zu sehen.

Dabei übernahm ausgerechnet Francesco Battaia die offizielle Führung über ein zusammengewürfeltes Heer aus regulären venezianischen Truppen, dalmatinischen und istrischen Infanteristen, Freiwilligen aus dem Umland, Veroneser Bürgern und verbündeten Truppen aus dem Gebiet zwischen Gardasees und Vicenza. Zum Trotz gegen die französischen Revolutionäre mit ihren blau-weiß-roten Kokarden hefteten sich die Veroneser blau-gelbe Kokarden an Revers oder Dreispitz, welche die Stadtfarben Veronas symbolisierten.

An die Besatzungstruppen verfasste Augusto Verità – der zusammen mit Emilei als neues Stadtoberhaupt fungierte – einen Brief, sich aus Verona, dem veronesischen Territorium und der venezianischen Lombardei zurückzuziehen. Die Veronesische Nation habe gesprochen. Man brauche die „Errungenschaften“ der Franzosen nicht. Man sei völlig glücklich unter der väterlichen und liebevollen Regierung Venedigs. Es bleibe nichts anderes übrig, als der „Großherzigkeit der französischen Nation“ anzuraten, dass man sich zurückziehe, da deren Anwesenheit nur auf reiner Gewalt beruhe.

In unsere Worte übersetzt: lasst uns zufrieden und macht euren Dreck allein! Uns geht es prächtig unter unserer ach so tyrannischen Republik, die uns angeblich keine Freiheiten lässt! Schert euch zum Teufel und kommt nie wieder – und steckt euch eure Demokratie, Menschenrechte und all den anderen Kram, an dem ihr uns aus eurer „großen Güte“ Anteil haben lasst… sonst wo hin!

Allerdings ging der Aufstand nicht nur von den Veronesern allein aus. Der 17. April war zugleich der Tag des Vorfriedens von Loeben. Neben den allgemeinen Friedensartikeln zwischen Österreich und Frankreich beinhaltete der Vertrag auch „geheime“ Artikel. Darin sprach der Kaiser Napoleon die Kontrolle über die österreichische Niederlande und das linke Rheinufer zu – im Austausch gegen die noch zu erobernden Territorien der Republik Venedig, von denen Frankreich Bergamo und Brescia behalten durfte. Es erscheint logisch, dass diese Gedanken bei Napoleon nicht erst im April gereift waren. Damit war aber auch klar, dass die dauernden Bündnisangebote Napoleons nur eine Finte gewesen waren, um Venedig noch nicht über die wahren Absichten in Kenntnis zu setzen.

In Venedig und Verona wusste man von diesen Vorgängen freilich noch nichts. Stattdessen tauchte im Zuge des Aufstandes ein Manifest Francesco Battaias auf, der darin offen zur Revolte der Veroneser gegen die Franzosen aufrief. Tatsächlich hatten die Plakate die gewollte Wirkung und entfesselten den Volksaufstand – allerdings befand sich der Unterzeichner Battaia zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg nach Venedig, und hatte das Plakat gar nicht unterzeichnen können.

Stattdessen ist heute klar, dass es sich um eine französische Fälschung handelte – die Franzosen wussten bereits aus der rebellischen Lombardei, dass die Einwohner gegen die Franzosenbesatzung waren und spekulierten auf den Ausbruch. Damit hatte Napoleon das rechte Werkzeug um einen Kriegsgrund gegen die Republik zu fabrizieren, so gut sich diese auch auf ihre Neutralität festlegen wollte. Kurzum: es handelte sich um eine „false flag operation“ um den Krieg heraufzubeschwören.

Ohne die Angabe von Gründen provozierten die Franzosen das Geschehen durch die willkürliche Festnahme unschuldiger Bürger oder Soldaten. Vorfälle zwischen Veronesern und den Besatzern nahmen an diesem Tag zu, die Spannung löste sich erst auf, als der Kommandant Balland offiziell das Feuer auf die französischen Quartiere eröffnet. Die französischen Truppen hatten dies genau so berechnet und wollten daraufhin die Stadt offiziell besetzen, in der Annahme, den venezianischen Truppen in jeder Hinsicht überlegen zu sein.

In der Tat: Zuerst attackierten die Franzosen die venezianischen Einheiten, die von der Ordnung und der Planung des Feindes überrumpelt wurden. Womit die Soldaten Napoleons nicht gerechnet hatten, war der Zulauf aus dem Volk. Die Veroneser waren der französischen Besatzung müde, und fügten den feindlichen Truppen überraschend heftige Verluste zu. Mit Handwerks- und Küchenwerkzeugen jedweder Art (italienische Hausfrauen können mit Nudelhölzern mindestens so exzellent umgehen wie gallische) trieben die Aufrührer das französische Regiment zurück in die Quartiere, tote Uniformierte der Italienarmee säumten den Platz vor dem Castel Vecchio. Quellen berichten, dass die venezianischen Truppen beim Anblick dieser Geschehnisse so baff waren, dass sie dem Geschehen völlig desorientiert zusahen.

Francesco Emilei war zu diesem Zeitpunkt im Umland unterwegs, wo er 2.500 Freiwillige angeworben hatte, verstärkt von 600 regulären Soldaten und 4 Kanonen. Kaum hatte er die Notiz gehört, brach er direkt nach Verona auf; die Stadttore und die Stadtmauer standen nämlich weiterhin unter Kontrolle der Franzosen. In einem wagemutigen Manöver ließ er mit den kaum ausgebildeten Männern die Mauer am Tor von San Zeno stürmen und brachte noch am selben Tag die gesamte Außenbefestigung Veronas unter seine Kontrolle. In Verona fand unterdessen eine regelrechte Treibjagd statt, bei der die Aufständler den Feind mit Mistgabeln, Pistolen und Spießen verfolgten. Danach ließ man die österreichischen Gefangenen frei, die sich sofort der Revolte anschlossen und von da an Seite an Seite mit den veronesisch-revolutionären Anti-Revolutionären kämpften.

Beinahe weltfremd mutete am Nachmittag der Vorschlag einiger Vertreter der Elite an, vielleicht jetzt wieder die Neutralität erklären zu können. Für Emilei kam das gar nicht in die Tüte: der wollte sich lieber direkt nach Venedig begeben, die Aushebung des venezianischen Heeres fordern und damit zurück nach Verona marschieren, um den Franzosen zu zeigen, wer die Hosen anhatte. Balland dagegen hisste eine weiße Fahne am höchsten Turm der Stadt, dem Torre die Lamberti, um die Franzosen nicht weiter zu verärgern und Verhandlungen vorzubereiten.

Damit hatten die Vertreter der regierenden Schicht mal wieder den Kontakt zum Volk verloren. Denn die rebellischen Veroneser wollten sich nicht beruhigen lassen; zu lange hatte man unter den Anmaßungen, dem Spott und der Arroganz der Franzosen gelitten, die sich wie die Herren der Welt aufgeführt hatten. Der Ruf „Viva San Marco!“ war an diesem Tag in allen Straßen zu hören. Das venetische Volk war der Idee der Serenissma treuer verbunden als ihre eigenen Vertreter.

Unter diesem Druck machte sich Emilei – der diese Wende erhofft hatte – nach Venedig auf. Die Zivilverwaltung Veronas siedelte stattdessen ins sichere Vicenza über. General Maffei widmete sich der Aushebung und Ausbildung eines „Volksheeres“. Aus dem Umland strömten Bauern und Freiwillige bei, welche dieses verstärkten; denn noch waren nicht alle Stellungen Veronas erobert, insbesondere in der Festung hatten sich diese immer noch verschanzt. Beim Anblick der Männer aus dem Valpolicella äußerte der Stadrat Alberghini:

»In den Gesichtern all dieser Menschen erschien das tiefste Bedürfnis für die Heimat zu sterben und sich für das hinzugeben, was auf dem Spiel stand.«

Sind das Szenen aus dem Endstadium einer dahinsiechenden, alten Republik, wie es das Klischee will? Wenn ein „Historiker“ wie Norwich das Ende von Byzanz preist, das an den Mauern Konstantinopels ruhmreich sein Ende gefunden habe, und als peinliches Gegenbeispiel Venedig nennt, dann ist das hier auf jeden Fall zu revidieren. Zumindest in Verona war Venedig und seine Verbundenheit zu San Marco – dem Schutzpatron, den das einfache Volk so sehr verehrte – lebendiger denn je. Zusammen mit Männern vom Schlage Emileis, Ottolinis, Veritàs und Maffeis die alles aufbieten wollten, um sich den Franzosen entgegenzustellen; und einfachen Männern und Frauen, die ihren Glauben und ihre traditionellen Überzeugungen nicht einer Form von „Modernität“ opfern wollten, die heutzutage prinzipiell als „gut“ gepriesen wird. Wir wissen leider nur viel zu wenig von ihnen, weil untergegangene Staaten heute nicht mehr ihre Märtyrer preisen können.

Wie viel schändlicher Länder sind, die heute existieren, aber ihre Helden schlichtweg vergessen wollen – das will ich hier erst gar nicht breittreten.

Doch bald wurden die veronesischen Reihen geschwächt; eine österreichische Abteilung kam nach Verona, und setzte Maffei über die Vereinbarungen von Loeben in Kenntnis. Die österreichischen Soldaten wurden abgezogen, eine weitere Beteiligung an Aktionen gegen Frankreich untersagt. Der Verlust der kaiserlichen Verstärkung war nur der erste Schlag: im Umland vernichtete ein französisches Entsatzheer eine veronesische Streitmacht. Als sich die Führungsoffiziere trotz der Niederlage dem Volk stellten, rief dieses: »vogliamo la guerra« – wir wollen den Krieg. Die Schlachten innerhalb Veronas gingen weiter, insbesondere gegen das Castel Vecchio von dem aus die französische Artillerie die Innenstadt bombardierte.

Bald schon stand das Entsatzheer der Franzosen mit 6.000 Mann vor den Mauern Veronas. Maffei brachte dagegen eine Truppe von 900 Infanteristen, 250 Reitern und 4.000 Freiwilligen auf. Weitere französische Abteilungen kesselten Verona ein. Obwohl die Stadt eine Übermacht von nunmehr 15.000 Soldaten umringte, versuchte der Nobile Erizzo von Vicenza mit 1.000 istrischen und dalmatinischen Milizionären, sowie 400 Infanteristen zur Verstärkung nach Verona pünktlich einzutreffen.

Am 25. April kapitulierten die Veroneser unter Emilei und Verità – ausgerechnet am Tag des Patrons San Marco. Venedig hatte keinen Finger gekrümmt.

Die Anführer der Verschwörung hatten sich als Geiseln zu stellen: das war die französische Forderung für Waffenstillstandsverhandlungen. Verona musste 2,4 Millionen Lire zahlen (also das 2,4fache der gesamtvenezianischen Schutzzahlungen im April!). Kirchen und Paläste wurden geplündert, Kunstschätze nach Paris verschleppt – darunter die berühmten Sammlungen Maffeis aus der Römerzeit Veronas und Gemälde wie Tizians Maria Assunta. Sämtliche Hoheitszeichen Venedigs – allen voran der geflügelte Löwe – und die Wappen der Patrizier fielen der Zerstörung anheim. Vandalismus gegen öffentliche Einrichtungen gehörte zur Tagesordnung.

Selbst Napoleon war erschrocken über die Zustände in Verona, nachdem er der Stadt einen Besuch abstattete. Noch ein Jahr zuvor hatte er in Verona im Palazzo Emilei übernachtet – eben bei jenem Francesco Emilei, der zum Hauptverschwörer werden sollte, und kurz vor Napoleons Rückkehr hingerichtet wurde.

Im Sommer sollten alle Bewohner Veronas das Recht haben, zum ersten Mal in ihrer Geschichte die eigene Stadtregierung wählen dürfen – die meisten Stimmen erhielten dabei ausnahmslos Männer, die bei den Pasque Veronesi mitgewirkt hatten. Um das zu verhindern, bestimmte der General Augureau 23 der 40 Abgeordneten selbst, damit die richtigen Mehrheiten zustande kamen.

Wo man die Demokratie erst einmal eingeführt hat, ist der Wahlbetrug nicht weit.

Akt IV: Davon, dass nicht Gerechtigkeit, sondern Schein, Intrige und Gewalt den Mächtigen hält.

In Venedig selbst hatten sich die Ereignisse derweil ebenso überschlagen. Während die Revolte in Verona noch im vollen Gange gewesen war, hatte eine französische Fregatte, die Libérateur d’Italie (Die Befreierin Italiens!) Kurs auf die venezianische Lagune genommen. Getreu der von der Republik verabschiedeten Verordnung, dass kein bewaffnetes Schiff einfahren dürfe, eröffnete die Besatzung der Festung Sant’Andrea das Feuer – und versenkte die Fregatte. Der Vorfall ereignete sich am 20. April.

Napoleon tobte daraufhin. Einerseits befanden sich Verona und große Teile des brescianischen Umlandes im offenen Aufruhr, andererseits goss die Zerstörung des Schiffes – zusammen mit dem Tod des Kapitäns – neues Öl ins Feuer. Am 25. April verkündete Napoleon in Graz:

»Ich will keine Inquisition, ich will keinen Senat mehr! Ich werde der Attila für Venedig sein!«

Napoleon warf Venedig Verrat, die Unterstützung der Aufständischen und die mutwillige Zerstörung der Libérateur vor. Zudem habe Venedig bewusst seine großzügigen Allianzangebote abgewiesen. Dass die gesamte Ereigniskette erst in Gang gekommen war, weil Frankreich ständig jedwedes Recht mit Füßen trat, spielte keine Rolle – und Napoleon war das natürlich bewusst. Es ging allein um den Schein des Kriegsgrundes, denn sowohl den Aufstand in Verona wie auch die Zerstörung der Fregatte hatte er wohl wissend in Kauf genommen, um einen casus belli zu gewinnen. Venedig sollte aufgeteilt werden, das war schon Monate vor all diesen Ereignissen beschlossene Sache gewesen.

Die einzigen, die davon wohl nichts wussten – oder besser: die es nicht wahrhaben wollten – waren die Senatoren. Statt nach all den Vorfällen – dem unerlaubten Durchmarsch feindlicher Truppen, der Besetzung der eigenen Festungen, den initiierten „Demokratisierungen“ Bergamo und Brescias, dem Aufstand in Verona und dem feindliche Manöver der Libérateur – endlich die Konsequenzen zu ziehen, dachte man, durch weitere Konzessionen Napoleon gewinnen zu können. Die Republik ging so weit, die eigene Besatzung von Sant’Andrea vor Gericht zu stellen, obwohl diese ihre ureigene Pflicht erfüllt hatte. Zudem versprach die Republik „Demokratiesierungsbemühungen“.

Für Napoleon konnte das nur heißen: Aufgabe der Selbstbestimmung und Unterordnung unter Frankreich. Einen Tag später, am 2. Mai, erklärte Napoleon trotz Erfüllung seines Ultimatums Venedig den Krieg, um dessen „Staatsform zu ändern“. Da war sie wieder, die französische „Großherzigkeit“, welche die befreiten Bergamasken und Brescianer zuerst kennengelernt, und die Veroneser so gehasst hatten.

Am 8. Mai erklärte sich der Doge Lodovico Manin dazu bereit, seine Insignien abzugeben. Der Dogenberater Francesco Pesaro erhob heftigen Einspruch: die venezianische Flotte gehörte immer noch zu den mächtigsten Europas. Die Terraferma sei verloren, aber die Lagune, Istrien und Dalmatien könnten so weiter gesichert werden – aus Sicherheitsgründen solle der Doge nach Zara (Zadar) auf die andere Seite der Adria fliehen. Die Festungen Venedigs – der Vorfall bei Sant’Andrea hatte das gezeigt – seien immer noch in gutem Zustand, um die Hauptstadt zu verteidigen. Pesaro war einer jener Männer, die im Angesicht der Niederlage und den Rückzug auf die eigene Insel eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede gehalten hätten: Wir werden kämpfen bis zum Ende. Wir werden in Treviso kämpfen, wir werden in der Adria und in der Lagune kämpfen. Wir werden unsere Insel verteidigen, wie hoch auch immer der Preis sein mag. Wir werden uns nie ergeben! Frei nach Churchill.

Daraufhin wurde Francesco Pesaro, neben dem Dogen nach venezianischer Verfassung einer der mächtigsten Männer des Staates, gefangen genommen und in den Kerker geworfen. Man wollte es sich schließlich nicht mit Napoleon verscherzen.

Die Schiavoni, die Leibgarde des Dogen aus Dalmatien, wurde ebenso aufgelöst wie andere militärische Einheiten, die Widerstand hätten leisten können. Man fürchtete eine Revolte, die weiteren Ärger bedeutet hätte. Einen Tag vor der Abdankung des Dogen äußerte dieser nach dem Abendessen:

»Diese Nacht sind wir nicht einmal in unserem eigenen Bett sicher.«

Am 12. Mai kam es zur Abstimmung im Großen Rat. Wie auch bei der späteren Abdankung Kaiser Franz II., der das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 9 Jahre später auflösen sollte, war der Vorgang nicht verfassungsgemäß. Bei der letzten Versammlung des Großen Rates von Venedig war nicht einmal die Mindestanzahl an Patriziern anwesend, um einen rechtmäßigen Beschluss zu fassen, die Sitze blieben zu zwei Dritteln leer. Lodovico Manin hielt als letzter Doge eine Abdankungsrede am Balkon. Dem Volk verkündete er, dass die Franzosen andererseits Feuer und Eisen brächten, die Venedig zerstören würden. Nach der Abdankung übergab Manin die Herrschaft an einige Vertreter der jakobinischen Sympathisanten in Venedig, welche den Gonfalon auf der Piazza San Marco einholten.

Noch am Nachmittag rottete sich ein Mob zusammen, der den Gonfalon erneut hisste. Die Häuser der Jakobiner wurden belagert und mit Steinen beworfen. Man forderte die Wiedereinsetzung des Dogen unter lauten „Viva San Marco! Viva la Reppublica!“-Rufen. Die von der Elite befürchtete Volksrevolte drohte nun auszubrechen – und wurde noch am selben Tag von Kanonenfeuer der neuen Regierung erstickt.

Ein Grund, warum es sich anbietet, den Untergang Venedigs nicht auf den 12., sondern eher den 13. Mai zu datieren, ist das Vakuum an diesen beiden Tagen. Noch am 13. Mai erließ die neue Regierung ihre Gesetze mit dem Markuswappen und dem Titel „Serenissimo Principe“, obwohl es weder Serenissima noch Dogen gab. Die Dekrete desselben Tages konnten jedoch nicht höhnischer ausfallen: Widerstand gegen die neue Staatsgewalt wurde mit dem Tode bedroht. Die Plünderer und Störenfriede des gestrigen Tages hätten sich zu stellen, denn schließlich seien die bedrängten Jakobiner „wohlverdiente“ (benemeriti) Leute, die sich nur um das Wohl des Staates kümmerten. Die Drohungen mussten herhalten, da erst am 14. Mai die Franzosen auf dem Markusplatz erschienen, und damit der Serenissima de facto ein Ende setzten.

Mit den französischen Unterstützungskräften proklamierte die neue Regierung eine Meldung, welche die Ideale der Aufklärung und Revolution postulierte. Darin war unter anderem zu lesen:

»Die venetische Regierung versucht, das System der Republik auf einer neuen Ebene zu perfektionieren. […] Wir sind dabei überzeugt, dass die französische Regierung einzig die Intention besitzt, die Kraft und das Wohl des venetischen Volkes zu fördern, und letzteres sich von nun an im Schicksal mit jenem der anderen, befreiten italienischen Völker bindet; die Regierung verkündet ganz Europa, und insbesondere dem venetischen Volk die freie Reform, welche als notwendig zur Verfassung der Republik angesehen wird. […] Die Nobili haben aus freien Stücken auf ihr Geburtsrecht verzichtet, die Ihnen das Recht zur Verwaltung des Staates zusichert. […] Die letzte Handlung der Nobili, ihre glorreiche Opferung der eigenen Titel, ist ein Zeichen, dass alle Kinder des Vaterlands eines Tages in Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit die Früchte der Demokratie genießen können […].«

Ab dem 22. Juli bedeutete in diesem neuen, freiheitlichen Gebilde, diesem Hort der Demokratie und der Menschenrechte… der Ruf „Viva San Marco!“ die Todesstrafe. Bereits am 4. Juni hatte man den Gonfalon in Fetzen gerissen und zusammen mit dem Libro d’Oro, dem Goldenen Buch, in dem alle Nobili Venedigs aufgelistet waren, in einem großen Feuer verbrannt.

Streng genommen fand aber die eigentliche Beerdigung Venedigs weder am 12., noch am 13. und auch nicht am 14. Mai statt. Bei der Abdankung und Auflösung handelte es sich um eine formale juristische Angelegenheit. Die war zwar – wie schon beschrieben – kaum wasserdicht, aber man hatte etwas in der Hand. Aber nicht nur in den Städten der Terraferma und in Venedig selbst hatte es Widerstand gegeben – schließlich war zum Zeitpunkt der Abdankung Manins noch der gesamte Besitz in der Adria von Istrien über Dalmatien bis Montenegro und den Ionischen Inseln weiterhin venezianisch verwaltet.

Erst am 13. Juni erreichten französische Schiffe (eigentlich: beschlagnahmte venezianische Schiffe) Korfu. Es dauerte bis zum 27. Juni, dass auch hier eine eigene, französisch-revolutionäre Regierung etabliert worden war.

In Dalmatien wehrten sich die lokalen Regierungen und die Bevölkerung gegen die Marionetten in Venedig. Anders, als es die heutige, nationalistische Geschichtsschreibung Kroatiens will, waren die „Schiavoni“ nämlich – ebenso wie in Verona – San Marco ungeheuer treu. In Traù (Togir) plünderte man kurzerhand die Häuser jener, die mit den Franzosen paktierten. In Sebenico (Sibenik) wurde der neu eingesetzte, französische Konsul kurzerhand ermordet. Der Widerstand fand erst mit der Besetzung durch Österreich sein Ende, da die Habsburger nun ihren Anteil am Vorfrieden von Loeben einheimsen wollte. Eine Verschwörung in Venedig wurde von der neuen Regierung mit Terrormaßnahmen bekämpft, die an die dunkelsten Kapitel der Revolutionszeit erinnerten.

Die letzte Stadt, die gegen Jakobiner, Franzosen und Österreicher aushielt, war Perasto in der Bucht von Kotor (heute Montenegro). Erst am 23. August wurde dort der Gonfalon von San Marco in einer Zeremonie und im Beisein von Magistraten und Offizieren zu Grabe getragen, unter Tränen, Küssen und letzten Treueschwüren an San Marco. Diese Grablegung Venedigs fand unter der Leitung des Militärs Giuseppe Viscovich in „illyrico“, also vermutlich einem serbokroatischen Idiom statt.

Seitdem liegt dieser letzte Gonfalon, der als einziger nicht in die Hände der zerstörungswütigen Invasoren geriet, unter dem Altar der dortigen Kirche versteckt – bis zu dem Tag, an dem die Republik wieder erstehen sollte, und die Flagge wieder nach Venedig zurückwandert.

Akt V: Ein Resümee.

Es muss im Frühjahr 2008 oder 2009 gewesen sein, dass ich einen Freund in Venedig besuchte, der dort als Antiquitätenhändler arbeitet, und bei dem ich mich immer wieder gerne umsehe. Neben seinen hervorragenden Stichen und Büchern, deren Qualität mit nichts zu vergleichen ist, spielte aber für mich immer auch das Gespräch eine große Rolle. Als wir uns kennenlernten, bemerkte er schnell, dass ich über Detailwissen verfügte, das selbst einige Venezianologen vermissen ließen. So konnte ich ein Wappen als das der Caterina Corner identifizieren, was ein damaliges, erstes Gespräch anregte.

Am Ende sollte es ganze vier Stunden dauern. Nur mit Mühe erreichte ich noch meinen Zug zurück nach Desenzano.

Ein Grund für das Interesse, mit diesem Herrn auf gediegene Art in Louis XV.-Sesseln zu parlieren, umgeben von Büchern aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert, war jedoch nicht nur das Ambiente oder die zumeist venezianisch-historischen Themen, sondern auch die politische Einstellung des Mannes, der mich bald zum „Ehrenvenezianer“ ernannte. Er war glühender Anhänger der alten Republik, aber eben kein Anhänger der regionalistischen Lega Nord; vielmehr ein Anarchist, ein Einzelkämpfer mit sehr eigenen – manche würden behaupten: verqueren – Ideen. Gerade das machte aber die Unterhaltungen umso interessanter.

Bei eben jenem oben erwähnten Gespräch war auch ein Professor der Universität Ca‘ Foscari zugegen. Das Thema: Der Untergang Venedigs. Der Antiquitätenhändler ließ kein gutes Haar an den Feiglingen von damals. Die Republik sei ohne Grund geopfert worden. Diejenigen, die „Eier in der Hose“ hatten, ließ man fallen oder mundtot machen. Die Elite schaffte das eigene Land ab, während das Volk überall – von Bergamo bis nach Perasto – bereit war, für San Marco zu kämpfen und zu sterben. Natürlich hätte es Verluste gegeben. Mit Sicherheit wäre es eine ganz und gar blutige Episode geworden, mit Guerilla-Szenen und Erschießungen, wie sie Spanien Jahre später erleben sollte. Und Venedig wäre vom Meer bombardiert, die Terraferma verwüstet worden. Dennoch: Venedig war eine Insel. Venedig hatte die Flotte. Und Städte konnte man über See versorgen lassen. Venedig hätte Einbußen hinnehmen müssen, aber die Republik hätte überlebt. Dass man selbst 1848 noch versucht hatte, die Republik von San Marco wiederzubeleben, zeigte, dass die Bindung zu dieser Idee eben nicht tot war.

Der Universitätsprofessor dagegen war ein eher ruhiger, vorsichtiger Mann – eben typischer Akademiker, der gerne differenzierte, meinte „das könne man so nicht sagen“ und gemäßigtere Töne anschlug. Die Situation habe damals den Venezianern kaum eine Wahl gelassen, und die Patrizier hätten im besten Sinne an das Volk gedacht. Eben weil ein Krieg so viel Zerstörung gebracht hätte, und die Niederlage wohl unausweichlich, wäre eine passive Übergabe für alle am schmerzlosesten gewesen. Dass Venedig heute so ein Touristenziel sei, von dem jeder zehre, habe man auch der Entscheidung Lodovico Manins zu verdanken, der es so vor dem Artilleriefeuer beschützt habe. Dass Venedig als Juwel so erhalten geblieben wäre, wie wir es heute sehen, dass es keine tausende Toten gab, dass die Wirtschaft intakt blieb, kurz: dass das Leben der normalen Menschen unangetastet vonstattenging, das war der letzte Dienst der Nobili an Volk und Staat.

Im Nachhinein hätte man glauben können, dass Francesco degli Emilei und Francesco Battaia erneut in Verona über das weitere Vorgehen debattierten, aber stattdessen in diesem Antiquitätenladen saßen. Zugegeben, ich habe damals geschwiegen. Weil das Herz beim Antiquitätenhändler, die Vernunft beim Professor war.

Fassen wir einmal die Ereignisse zusammen, und bemühen den Mann, den man immer zu Rate ziehen sollte, wenn politisch mal wieder alles danebengegangen ist, was danebengehen kann: Machiavelli. Das letzte Jahr der Serenissima liest sich so, als hätte Venedig jeden erdenklichen Fehler gemacht, den Machiavelli in seinen Discorsi, den Istorie Fiorentine und im Principe auflistet. Als da wären:

Ein Staat, der nicht in wehrhafter Übung bleibt, kann nicht kämpfen, wenn er zur Schlacht gerufen wird.
Wehrarmeen sind besser als Söldnerarmeen.
Dem Krieg kann man nicht entgehen.
Du kannst einen Krieg, der dir aufgezwungen wird, nicht ausweichen – du wirst ihn nur zu deinem eigenen Nachteil verschieben.
Wenn man einen Krieg führt, dann ganz und total.
Man darf einen Nachbarn nicht zu stark werden lassen oder eine starke Macht in seiner Nähe zulassen, welcher die eigene Macht übertrifft.
Krieg muss aus einem von zwei Gründen geführt werden: um einen Feind zu unterwerfen, oder der eigenen Unterwerfung zu entgehen.
Unschlüssige Staaten gehen zugrunde.

Und das sind nur die Sprüche, die mir auf Anhieb einfallen. Venedig war für Machiavelli schon zu Lebzeiten ein Dorn im Auge, und hatte den Untergang der Serenissima bereits im Krieg der Liga von Cambrai (1508-1510) vorhergesagt. Auch damals hatten Frankreich und Österreich Venedig vernichtend geschlagen, und unter anderem auch Verona erobert – das auch damals, nahezu 300 Jahre vor den Pasque Veronesi, ein Unruheherd war. Wie 1797 sammelten sich in den Dörfern und Städten der Umgebung Freiwillige aus dem Volk, um besetzte Ortschaften zu befreien und den Feind in Geurilla-Aktionen zu schwächen. Als die zermürbten Franzosen die Aufständischen aufgriffen und folterten, sollten diese ihren Verrat gestehen und Mitverschwörer nennen. Die Aussage eines Bauern verwunderte den Gouverneur des besetzten Verona – den Bischof von Trient, der von Kaiser Maximilian eingesetzt worden war – so sehr, dass er ihn folgendermaßen wiedergab:

»E pure disse che era Marchesco, e Marchesco voleva morire, e non voleva vivere altrimenti; né d’altro bene lo posse trarre di questa opinione.«

»Und er sagte, dass er für San Marco sei, und für San Marco wolle er sterben, und anders wolle er nicht leben; und nichts anderes könne ihn von dieser Meinung abbringen.«

“Marchesco” müsste man wortwörtlich mit “marconisch” oder “marcianisch” wiedergeben, das ein Adjektiv zu San Marco bildet. Die Einwohner der Republik Venedig hatten eben nicht das Gefühl, Venezianer zu sein – sie waren weiterhin Brescianer, Veroneser oder Trevisaner. In einem Zeitalter, in dem es angeblich keine Form des Nationalgefühls gab, bildeten „San Marco“ und „marchesco“ jene patriotischen Umschreibungen, welche die Treue zur Republik versinnbildlichten – und für die man auch starb. Das war nicht in allen Regionen Europas selbstverständlich. Vor allem war üblicherweise das „Nationalgefühl“ dort vor allem in der Elite ausgeprägt, die Interesse an einem eigenen Staat hatten, um selbst Einfluss auf diesen zu haben. In der Republik Venedig existierte dagegen bereits seit der Renaissance ein Gefühl für die Verbundenheit mit dem Heiligen Markus, seinem Löwen und der Republik.

Die obige Szene findet dabei bei niemand Geringerem Erwähnung als Niccolò Machiavelli, der darauf schließt: wer so ein Volk besetzen, unterdrücken und beherrschen will, der muss scheitern. Wir erinnern uns an einen der bekanntesten Aussprüche Machiavellis: es sei sicherer, dass ein Fürst gefürchtet als geliebt werde. Was oft bei diesem Zitat vergessen wird, ist die Vorrede Machiavellis, dass die Liebe des Volkes zum Fürsten immer noch effektiver sei als die Furcht; Machiavelli gibt der Furcht nur den Vorzug, weil diese einfacher zu bewerkstelligen und zu erhalten sei.

Am Beispiel der venetischen Landbevölkerung zeigt sich zwar, dass Venedig außenpolitisch fatale Entscheidungen gefällt hatte, aber eben nicht innenpolitisch. Mit Machiavellis Worten: Venedig hatte die Liebe seiner Untertanen gewonnen, die loyal zu dem – aus aufklärerisch-demokratischer Sicht – tyrannischen Inquisitorenregime der Lagunenstadt hielten. 1508 wie 1797. Mit dem Unterschied, dass die venezianische Regierung dieses Potential in der Renaissance abrief, in napoleonischen Zeiten nicht – so, wie Venedig überhaupt nur zuschaute, statt zu handeln. Dass eine Freiwilligenarmee im Verband mit regulären Truppen den Franzosen Niederlagen beibringen konnte, hatten die Vorfälle in Salò und Verona gezeigt. Sie scheiterten aber, weil selbst bei dieser Chance die Regierung weiterhin an der Neutralität festhielt, in der Hoffnung darauf, immer noch einer offenen Konfrontation entgehen zu können.

Das war 1508 anders gewesen. Damals hatte Venedig alle seine Karten ausgespielt – es hatte Gegner aus der feindlichen Koalition ausgebrochen und zu Verbündeten gemacht (so den Kirchenstaat und Frankreich), es hatte ein Heer von 30.000 Mann organisiert, und selbst nach dessen vernichtender Niederlage von Agnadello weiterhin Widerstand geleistet. Freischärler und bewaffnete Bauern errangen tagtäglich Geländegewinne im besetzten Venetien und pinselten den Markuslöwen an die Wände von Kirchen und Häusern. Das war jener militärische und moralische Schub vonseiten der Serenissima, der 1797 gänzlich fehlte.

Es bleibt ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass das revolutionäre Frankreich das venetische Volk von der Tyrannei der Republik „befreien“ wollte, obwohl gerade das Volk der Terraferma, Dalmatiens und Istriens das größte Potential zur Verteidigung des status quo dargestellt hätte. In ihrem gerechten Feldzug für Freiheit und Demokratie wandten die Franzosen dabei sehr vertraute Methoden einer imperialistischen Weltmacht an, welche seine Werte in die Welt exportieren wollte: von außen organisierte Regierungsumstürze; verdeckte Operationen unter falscher Flagge; Unterstützung radikaler Gruppen zur Durchsetzung eigener politischer Vorstellungen; Einberufung von Parlamenten um das richtige Ergebnis wählen zu lassen; Manipulation von Wahlen; Denunzierung und Verfolgung von Kritikern/Widerständlern; Einmarsch in fremde Länder unter Missachtung jedweder Regeln der internationalen Szene; und das alles zuvorderst mit der wohlmeinenden Großzügigkeit, unterdrückten Völkern die Segnungen des eigenen Regierungssystems zukommen zu lassen.

Dennoch existiert eine unendliche Zahl von Napoleon-Verehrern, die der Überzeugung sind, der Mann hätte den Europäern die „Freiheit“ gebracht.

Das Ende Venedigs ist aber vor allem auf die versagende Elite zurückzuführen. Fähige Männer in der mittleren Ebene der Administration kannten die Probleme, nannten sie und versuchten gegenzusteuern. Doch das Patriziat schien seltsam gelähmt. Aber war es das wirklich? Ein Grund, der ungerne genannt wird: die Nobili Venedigs fürchteten mehr um ihre eigene Pfründe, um ihre Landgüter, um ihre Paläste und ihre Privilegien als um die Integrität des Staates. Statt Napoleon mit vereinten Kräften entgegenzutreten, bereitete man schon den Übergang zum „neuen“ System vor, in dem die Nobili jedoch weiterhin ganz gut leben konnten – nicht zuletzt, als die Österreicher Venetien im Austausch gegen Belgien zugesprochen bekamen. Als nunmehrige Adlige konnten sie ihr Leben fortsetzen. Und gerade in der Oberschicht existierten nicht wenige Sympathisanten für die Aufklärung und jene Werte, die direkt gegen die Republik gerichtet waren.

Ein junger venezianischer Patriot um die zwanzig Jahre, der nach dem Ende Venedigs an einer Verschwörung teilnahm, welche die Wiederbelebung der Serenissima zum Ziel hatte, erinnerte sich in seinem Abschiedsbrief an den eigenen Vater an die widerwärtigste Szene seines Lebens: an einen Senator, der nach der letzten Abstimmung des Großen Rotes auf die Piazza San Marco trat, und sich eine französische Kokarde anheftete. Man war nun Teil einer neuen, großen Sache, welche die befreiten Völker Italiens und ganz Europas in einem neuen System vereinigen sollte. Die eigenen Führungskräfte betrieben den Ausverkauf Venedigs, gegen den Willen der breiten Bevölkerung.

Und auch hier muss man wiederum eingrenzen: die Mehrheit der Nobili war am schicksalsreichen Tag der Abstimmung nicht einmal zugegen gewesen, und Männer wie Nani, Emilei, Maffei, Pesaro und Erizzo hatten allesamt dem Patriziat angehört.

Nüchtern betrachtet war daher Venedigs Schicksal nicht besiegelt. Die Chancen für das Überleben der Republik waren gering, aber sie existierten; mehrmals hatte es Möglichkeiten gegeben, sich anders zu entscheiden, einen anderen Weg einzuschlagen und auszuharren. Venedig hatte in diesem letzten Jahr nur seine schlechten Karten ausgespielt, ohne eine einzige seiner guten zu spielen, als da waren: die Marine, die prallen Staatskassen (Söldner!), die Zustimmung im Volk, die Möglichkeit eines langen, zermürbenden Krieges, und die Strategie von Allianzwechseln wie im Krieg der Liga von Cambrai.

Der einzige mögliche Bündnispartner gegen Napoleon hätte dabei nicht Österreich sein können. Dafür hätte Venedig mit seinen Truppen bereits beim Einmarsch Napoleons die sardischen und österreichischen Truppen verstärken müssen; das hätte aber Anfang 1796 zu absurd geklungen, um überhaupt in Erwägung zu kommen. Ab dem Mai 1796, als Franzosen und Österreicher im eigenen Land kämpften, wäre die zweite Möglichkeit gewesen, doch auch hier zeigte sich bereits, dass Napoleon überlegen war. Hätten venezianische Verstärkungen etwas ändern können? Fraglich. Andererseits: hatten die Pasque Veronesi nicht gezeigt, dass dort die österreichischen Soldaten nur zu gerne mit den Venezianern gegen Napoleon kämpften, wenn man sie nicht abberufen hätte?

Hätte reines Aushalten Sinn ergeben? Das wäre wahrscheinlich gewesen. Schließlich rückten im Zweiten Koalitionskrieg, nur zwei Jahre nach Venedigs Untergang, bereits russische Verbände in die Po-Ebene ein und trieben Napoleon wieder an den Alpenrand. Für eine Republik Venedig, die nur noch aus der adriatischen Küste bestanden hätte, wäre das ein Befreiungsschlag gewesen – und die venezianische Flotte hätte im Mittelmeer die britische Flotte gegen die Mittelmeerexpediton Napoleons unterstützen können. Venedig wäre also durchaus ein interessanter Alliierter für die antinapoleonischen Kräfte gewesen. Hätte, wäre wenn – alles kontrafaktische Überlegungen.

Dafür hätte es nämlich mehr Männer vom Schlage Emileis bedurft, die den Mut besaßen, Risiken einzugehen, unbequeme Entscheidungen zu treffen und eher mit, statt gegen die Bedürfnisse des Volkes zu agieren. Die nicht nur in kleinen Schritten dachten, und Probleme durch Aussitzen und Aufschieben als erledigt sahen – und sogar gegen die eigenen Leute vorgingen, wenn diese auf die Probleme im Land hinwiesen. Nichts ist demotivierender als ein Staat, der sich selbst aufgibt, weil die Eliten ihre persönlichen Verluste mehr fürchten als den Verlust des Ganzen.

Man sollte daher sehr vorsichtig sein, wenn man vom Untergang einer alten, morschen Republik spricht, die sich selbst den Todesstoß gegeben hätte – nicht zuletzt, weil einige Kriterien in erschreckender Weise auf aktuelle politische Gebilde zutreffen.