Die Tochter des Marco Polo


Das Leben eines Teenagers ist schwer. Noch schwerer ist es, wenn dieser Teenager Laura Memmo heißt, im China der Ming-Dynastie lebt und einen Vater mit Marco-Polo-Wahn hat. Der Alltag der Venezianerin endet abrupt, kaum, dass ihr letzterer ein geheimnisvolles Manuskript überreicht. Hatte sie bis dahin nach Harmonie in einem Bergkloster gestrebt, muss sie dieses verlassen und sich bis nach Beijing durchkämpfen. Der Beamtensohn Kei Feng, der sich auf ihrer Odyssee an die „unzivilisierte Barbarin“ geheftet hat, stellt sich als weiteres, lästiges Problem heraus. In der Hauptstadt angekommen, muss sich das ungleiche Duo nicht nur den Gefahren einer Palastintrige erwehren, sondern sich auch gegen die berüchtigte chinesische Bürokratie durchsetzen, die lieber über das richtige Geschirr zur Pekingente diskutiert, statt die „Lotusverschwörung“ zu bekämpfen.


Und das alles nur, weil Laura nach einem Beweis sucht, dass Marco Polo wirklich in China war....


Die Tochter des Marco Polo ist weniger ein Buch über China, als vielmehr ein europäischer Blick auf das damalige China durch die Augen einer Ausländerin. Der Marco Polo Mythos und die ewige Frage danach, ob der berühmte Venezianer überhaupt dort verweilte, wird hier nicht nur vorgestellt und erörtert, sondern auch persifliert. Der Kampf mit dem grotesken Beamtenapparat des Reichs der Mitte oder die Rituale der Einheimischen fügen sich in ein Panorama aus Klischees, asiatischem Flair und der aufrichtigen Suche nach Wahrheit – in einer Welt, in der Gesichtswahrung und Harmonie über allem steht.



Konfuzius sagt: Lesen bildet. Laozi sagt: Was ist Wahrheit? Buddha sagt: Lachen ist gut. Mehr davon!



>→ Derzeit nicht erhältlich



Die Klänge der Tochter

Historische Hintergründe

Entstehungsgeschichte






Die Klänge der Tochter


Einige können nur in der Stille schreiben. Andere können nur in der Stille lesen. Sollte letzteres nicht der Fall sein, so sind hier einige Denkanstöße, die den Lesegenuss der Tochter um eine Dimension erweitern könnten. So weit möglich, wird zu Musikhinweisen auf einen passenden YouTube-Link weitergeleitet.


Die Tochter des Marco Polo prägt der Soundtrack zu Marco Polo von Ennio Morricone. Morricone (*1928) gilt nicht nur als einer der berühmtesten, sondern auch fleißigsten Komponisten unserer Zeit. Über 500 Filme hat der Römer mit seiner Musik geprägt. Obwohl Morricone nur für ca. 30 Western die Filmmusik schrieb – darunter  Spiel mir das Lied vom Tod und The Good, The Bad and the Ugly – wird sein Name mit diesem Genre assoziiert. Darüber geraten andere, großartige Kompositionen völlig aus dem Blickfeld; neben Marco Polo ist hier insbesondere The Mission hervorzuheben. Darüber hinaus umfasst Morricones Werk Kantaten und Kammermusik.

Bis heute ist der 85jährige als Komponist und Dirigent aktiv.


Hier ein Link zur – soweit möglich vollständigen – Playlist . Wie auch für die Einzelnachweise, so kann nicht gewährleistet werden, dass alle Videos jederzeit verfügbar sin



Marco Polo - Herkunft und Hintergrund


Marco Polo (1254-1324) war Venezianer und wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Venedig geboren. Behauptungen, Marco Polo stamme von der dalmatinischen Insel Korcula, sind Erfindungen der kroatischen Tourismusindustrie. Das dortige Marco-Polo-Haus kann getrost mit einer der drei einzig wahren Heiligen Lanzen in eine Reihe gestellt werden. Die Behauptung kommt nicht von ungefähr: wer das Milione gelesen hat, weiß, dass Marco Polo im gesamten Buch keinerlei Information dazu abgibt, dass er woanders herstammen könne außer Venedig. Das Milione beginnt damit, dass Marco Polo sich selbst als einen Mann aus Venedig bezeichnet. Es existiert nur dieser eine Anhaltspunkt. Quellentechnisch ist Polos Leben vor der Abfassung des Milione damit kaum zu erschließen. 


An dieser Stelle auch ein Einschub bezüglich des Namens. Marco ist der venezianische Name schlechthin. Bis heute ist die Wendung „Marco Vianello“ im Venezianischen eine Wendung für „Jedermann“; ein Äquivalent im Rheinland wäre dazu „Jupp Schmitz“. 


Verantwortlich für diese Verbreitung ist der Schutzpatron Venedigs, San Marco (Sankt Markus Evangelist), dessen geflügelter Löwe jahrhundertelang das Zeichen der Republik war, und Patron aller Venezianer. 


Was die Herkunft des Nachnamens betrifft, so bestehen hier zwei Möglichkeiten. Polo ist im Venezianischen eine Form für „Paolo“, also Paul(us). Das bekannte Stadtsechstel San Polo im Zentrum der Lagunenstadt ist dafür ebenso ein gutes Beispiel wie die Kirche SS. Giovanni e Paolo, welche im Venezianischen schlicht „Zanipolo“ heißt. Eine andere Möglichkeit wäre eine Herleitung von „Pollo“, also Huhn. Diese Interpretation erscheint als die populärere, nicht zuletzt, da das Wappen der Polos drei Küken zeigt. Da im Mittelalter „sprechende Wappen“ eine häufige Erscheinung waren, liegt diese Vermutung nah. 



Zwei venezianische Händler: Niccolò und Maffeo Polo


Marco wuchs ohne Vater zu Hause auf. Tatsächlich ist das Venedig des Mittelalters davon geprägt, dass Frauen Kontore und Haushalt führten, indes die Männer in der Welt herumkamen – so auch Marcos Vater Niccolò. Die Gebrüder Niccolò und Maffeo Polo reisten schon damals (1260) ins Mongolenreich und traten – so der Bericht Marco Polos – in den Dienst des Khans, in dessen Auftrag sie nach Europa zurückkehrten. Folgt man dem Milione, so war Kublai Khan daran interessiert, alle Religionen der Welt zu studieren, um herauszufinden welche die Richtige sei; daher verlangte er Öl vom Heiligen Grab in Jerusalem und christliche Gelehrte nach Canbaluc/Daidu (Beijing) zu schicken. Großherrscher neigen jedoch unglücklicherweise zu Übertreibungen, und schon auf der Hinreise muss sich für die beiden Händler die Frage gestellt haben, wo man 100 christliche Gelehrte auf die Schnelle herbekommen solle.


Jenseits des historischen Kontextes sollte man sich auch die Konstellation zwischen Marco und Niccolò vorstellen. Der Vater war aufgebrochen, als der Sohn etwa 6 Jahre alt war und kehrte neun Jahre später (1269) zurück. Das mag kein Einzelfall für diese Zeit sein. Dennoch gewinnt es einiges an Respekt ab, dass venezianische Kaufleute in solchen Fällen nur kurz auf einen Rotwein bei der Ehefrau vorbeischauten, den Filius mitnahmen – und wieder auf Reisen gingen. Man liest immer Romane von den Heldentaten irgendwelcher Ritter die sich Körperteile abschlagen und deswegen gefeiert werden. Über die wagemutigen Händler, die jahrhundertelang Distanzen, Krankheiten, Raubüberfälle und Entbehrungen überwanden – liest man selten. Stattdessen ist das Bild des Kaufmanns in Deutschland bis heute negativ besetzt (glücklicherweise war dies in Italien anders).



Aufbruch mit Hindernissen


Dass es zwei Jahre bis zum neuerlichen Aufbruch dauerte, hing auch weniger mit Niccolòs Desinteresse, als mit den politischen und kirchlichen Angelegenheiten zusammen. Denn der Großkahn hatte in seiner großzügigen Bescheidenheit auch noch einen Brief an den Papst mitgegeben. Der Nachteil: der alte Papst war 1268 gestorben, und kein Nachfolger gewählt. Da Zeit Geld, und die drei Polos Venezianer waren, machten sich diese bereits 1271 ins Heilige Land auf und besorgten sich das Öl und zwei Geistliche auf eigene Faust. Die dortigen Kreuzritter unterstützten die Polos in ihrem Anliegen. Das Milione suggeriert, dass der ansässige päpstliche Legat dies eingefädelt habe – der später als Papst Gregor X. in die Geschichte eingehen sollte.


Diese Erzählung ist oft auf Kritik gestoßen. Tatsächlich passt es in die üblichen heilsgeschichtlichen Verklärungen der mittelalterlichen Welt, dass ausgerechnet der zukünftige Papst den Polos die lang gehegten Wünsche erfüllt, und dann durch ein Wunder zum Papst wird, und die Polos so ihr Wort nicht brechen.


Andererseits wäre es falsch diese Erzählung völlig zu verwerfen, wenn es um die Kommunikation zwischen Mongolen und der Christenheit (und hier: dem Heiligen Stuhl) geht.  Bereits 1245 hatte Papst Innozenz IV. dem damaligen Khan einen Brief gesandt, und diesen aufgefordert, die Christen zu schonen und sich zum Christentum zu bekehren. Die Antwort des Khans fiel nicht minder freundlich aus: der Papst solle sich zuerst seiner Herrschaft unterwerfen. Dennoch kam es 1247 zu einer zweiten Mongolenmission – wenn auch wieder der Erfolg ausfiel.


Der Grund für dieses Geschacher: Mongolen wie Christen sahen die Muslime im Nahen Osten als gemeinsamen Feind und erkannten in der Gegenpartei potentielle Verbündete. Wenn sich also Kublai Khan zwei Boten aus Italien pickte, um beim Papst vorstellig zu werden, erscheint dies auf den zweiten Blick gar nicht so unplausibel wie man meinen mag. Im Jahr 1248 hatten die Mongolen zwei nestorianische Christen zu König Ludwig IX. von Frankreich geschickt, um mit diesem in Kontakt zu treten. Der Fall der Polos reiht sich in diese Botschaften ein.



Die Reise nach China und zurück


Nicht genug, dass die Polos nur ein 50stel der versprochenen Geistlichen hatten auftreiben können – selbst diese beiden desertierten bereits nach wenigen Stationen und kehrten zurück. Damit nicht genug: in Hormuz, der wichtigsten Hafenstadt am Persischen Golf, hatten die Polos den Seeweg nach China nehmen wollen. Die angebotenen Schiffe überzeugten die Polos jedoch nicht als Wassergefährt – die Polos änderten ihre Reiseroute und nutzten den Landweg. Zusätzlich erkrankte der junge Marco derart, dass sich die Reise um ein ganzes Jahr verzögerte, und man um dessen Leben bangen musste.


Im Jahr 1275, nach 4jähriger Reise, erreichten die Polos endlich den Hof des Khans. Bis 1291 verblieb die Familie im Fernen Osten. Folgt man Polos Erzählung, so traten die Männer in den Dienst des Kaisers. Bis heute existiert kein Beweis für diesen Aufenthalt, was weitläufige Kritik auf sich gezogen hat. Allerdings sollten an dieser Stelle drei Dinge hervorgehoben werden:


Erstens: Die mongolischen bzw. chinesischen Namen der Polos am Hof sind nicht bekannt. Man wüsste also gar nicht, wonach man suchen müsste, wollte man die Listen überprüfen.


Zweitens: Selbst wenn diese bekannt wären, wurden viele Andenken an die mongolischen Machthaber der Yuan-Dynastie zerstört. Der alte Kaiserpalast ist da nur das berühmteste Beispiel. Selbst das umfangreichste Werk des Alten Chinas, die Yongle Dadian – die vermutlich größte Enzyklopädie der vorrevolutionären Zeit – ist heute kaum noch erhalten; und dabei handelt es sich um eine Kollektion aus der späteren Ming-Dynastie. 


Drittens: Manche Berichte des Polo würde man heute als „Insider-Wissen“ bezeichnen. Nicht nur erzählt Polo von Dingen, welche der damaligen Staatssicherheit unterlagen – Papiergeld – sondern hatte auch tiefe Einblicke in das Salzmonopol der Yuan-Dynastie. Diese Darstellungen haben Historiker veranlasst anzunehmen, dass Polo selbst in den Staatsapparat involviert war.


Da allerdings der schönste Profit nichts nützt, wenn man ihn nicht nach Hause bringen kann, baten die Polos nach Jahren um ihre Entlassung und Heimkehr beim Kaiser. Kublai Khan zögerte solche Forderungen lange hinaus. Erst unter dem Vorwand einer Diplomatenreise nach Persien, die Marco Polo nochmals durch ganz Südostasien und Indien führte, gelangten die Polos wieder zurück nach Hormuz, das sie vor Jahren wegen der wenig vertrauenswürdigen Schiffe gemieden hatten.


Im Jahr 1295 kehrten die drei nach Venedig zurück. Vier Jahre, nachdem sie aus China aufgebrochen waren, zwanzig Jahre, nachdem sie China erreicht hatten, und vierundzwanzig Jahre seit der Abfahrt mit Marco. Nimmt man noch die Reise der beiden älteren Polos dazu, so hatten die Brüder mehr als 30 Jahre im Fernen Osten gelebt.  



Das Milion(e)


Nur wenige Jahre nach dieser Rückkehr nahm Marco Polo an der Seeschlacht von Korcula teil. Venedig befand sich mit Genua, der ewigen Rivalin, mal wieder im Krieg. Es war eine der verheerendsten venezianischen Niederlagen in der gesamten Marinegeschichte der Republik. Besonders peinlich: Venedig mit nahezu einhundert Galeeren war im klaren Vorteil gewesen. Der Verlust wog daher umso schwerer. Tausende gerieten in Gefangenschaft oder fanden den Tod. 84 Schiffe wurden versenkt oder gerieten in feindliche Hände. Lamba Doria hatte diese Schlacht aufgrund seiner überragenden taktischen Fähigkeiten gewonnen. Den feindlichen venezianischen Admiral, Andrea Dandolo, ließ er an einen Mast fesseln. Dandolo schrieb sich die Niederlage selbst zu. Dass ihn aber die Genuesen vorführen und entehren konnten, gönnte er ihnen nicht: angeblich soll Dandolo sich aus Protest solange den Schädel gegen den Mast gehämmert haben bis er sich diesen brach. 


Damit war der Dickkopf des Dandolo geboren – aber das ist Teil einer völlig anderen Geschichte.


Wie viele seiner Landsleute, so geriet auch Marco Polo in Gefangenschaft. Die Ironie des Schicksals brachte es nicht nur mit sich, dass Polo bereits nach drei Jahren mal wieder irgendwo in der Ferne festhing, sondern auch, dass ausgerechnet dieser Aufenthalt zur Abfassung des Milione führte. Die Erzählung will es, dass er dem Dichter Rustichello aus Pisa seine Erinnerungen diktierte. Rustichello kann man getrost als Dan Brown des Hochmittelalters bezeichnen. Nicht, weil er Verschwörungsbücher publizierte, aber doch mal die ein oder andere Einzelheit ausschmückte, die nicht der Wahrheit entsprach. Der Verkaufsquote wegen. Weil man Menschen mit Augen im Bauch und mehreren Füßen einfach besser verkaufen konnte, statt langweiliges Kaufmannsgeschäfte, wie darüber, dass man für ein Seidendeckchen in Hangzhou eine Frau für eine Nacht bestechen konnte (übrigens eine Geschichte, die haargenau so im Milione steht). Bis heute kann man das Milione so lesen, dass immer wieder mal die Stimme des Venezianers, mal die des Pisaners die Überhand gewinnt. Rustichello war Experte auf dem Gebiet französischer Ritterromane, kein Verkäufer für Reiseführer.


Es darf im Übrigen nicht unerwähnt bleiben, dass mittlerweile auch diese Geschichte bezweifelt wird. Dass Marco Polo gar nicht auf Rustichello im Kerker traf. Dass er diesem auch nicht in diesem Zusammenhang das Milione diktiert habe. Ja, sogar dass Marco Polo gar nicht an der Schlacht von Korcula teilgenommen habe. Sagen die Gelehrten. Mittlerweile.


So, wie man vor Jahren auch die gesamte Reise infrage stellte. Oder wenigstens Teile davon. Damals. Als man mal wieder Kohle brauchte, um mit einem reißerischen Sachbuch die akademische Welt aufzurütteln.


Das Milione erschien unter dem Titel „Beschreibungen/Aufteilung/Wunder der Welt“ und wurde ein Bestseller, heißt: es wurde munter kopiert. Diese Kopierfreude brachte den Nachteil mit sich, dass viele Fakten entstellt wurden. Die verschiedene Anzahl von Brückenbögen der Marco-Polo-Brücke ist da nur ein Beispiel. Mysteriöserweise erfreuten sich insbesondere die zusätzliche Hinzufügung von Nullen an bestimmte Zahlen einer erstaunlichen Beliebtheit. Der Begriff „Milione“ bürgerte sich daher ein.


Es erscheint an dieser Stelle auch angemessen, die kritische Frage zu stellen: lagen dem heute verschollenen Originalmanuskript nicht Marco Polos eigene Notizen vor? Es wirkt doch zu romantisch verklärt, dass ein bärtiger Marco Polo in seiner Zelle auf und abläuft, aus seinen Erinnerungen erzählt, und der pisanische Mitgefangene alles notiert. Geschichte mutiert nach einigen Jahren zur Geschichtenerzählerei. Dass Polos Kenntnisse über gewisse Details dennoch an einigen Stellen so erstaunlich exakt sind und zutreffen, erscheint arg merkwürdig, wenn er mitunter über Erlebnisse vor 20 Jahren erzählt, und dann präzise in der richtigen Reihenfolge. Zumindest ist das – bar jeglicher wissenschaftliche Untermauerung – die Vermutung innerhalb der „Tochter“. Ich könnte mich jedenfalls nach über 20 Jahren nicht mehr an die Details der Totenrituale von Tangut erinnern, welche Marco Polo ausführlich beschreibt. Und da Marco Polo wohl neue Notizen anfertigte, ausmusterte und neuordnete, hätte er gleich mehrere Notizbücher besessen, sollte er wirklich seine Erlebnisse aufgeschrieben haben. Einer dieser theoretisch angefertigten Bände wäre das Manuskript, welches Laura von ihrem Vater erhält.


Das Milione selbst ist mehr als ein Reisebericht oder ein Ritterroman. Erstaunlich sind die vielen Anekdoten, Legenden, Details die am Rande vorkommen. Eine der berühmtesten Episoden behandelt die Geschichte des „Alten vom Berge“, dem Oberhaupt der Assassinen-Sekte, die berüchtigt für ihre Attentate auf islamische wie christliche Fürsten war. Dazu zählen aber auch Legenden wie die Geschichte des Kalifen von Bagdad, die Herkunft der Heiligen Drei Könige oder die Erzählung vom sagenhaften Reich des Priesterkönigs Johannes. Allerdings – und das wird häufig übersehen – bemerkt Polo auch, wenn er eine Sache nicht verifizieren kann. So hat sich der Cipangu-Mythos (Japan) lange in der Westlichen Welt gehalten, dass dort Paläste und Städte aus Gold ständen – und das, wo Marco Polo selbst vor diesen Erzählungen eindeutig sagt, dass er weder Cipangu betreten habe, noch genaueres sagen kann, da man ihm nur Geschichten erzählt habe. Den (zweimal) missglückten Mongolenangriff auf Japan schildert er dagegen recht genau. Dieser wurde im Übrigen von einem Taifun verhindert, der die Mongolische Flotte vernichtete.


Die Japaner nannten diesen schützenden Taifun „Göttlichen Wind“ – Kamikaze.



Nachwirkung


Das Milione fand in der Gelehrtenwelt große Beachtung. Es war Grundlage für die meisten seriösen Weltkarten vor dem 16. Jahrhundert – und beflügelte Phantasien und Entdeckergeist. Das berühmteste Beispiel ist Christopher Kolumbus, der eine eigene Ausgabe des Milione besaß, und dieses nicht nur als Anhaltspunkt für seine Fahrten nutzte, sondern auch als „Werbung“ um sein Vorhaben am Königshof und bei der Mannschaft schmackhafter zu machen – die Aussicht, Paläste aus Gold abtragen zu können hatte seit jeher überragende Auswirkungen auf die Moral. Dass Kolumbus statt in Asien in Amerika landete, ist weniger Polos Bericht, als Kolumbus‘ sehr optimistischen Distanzschätzungen zu verdanken. 


Bis heute befindet sich dieses Milione in Sevilla. Es ist an den Rändern mit reichhaltigem Notizwerk versehen.


Dadurch lebten auch Polos Bezeichnungen für Städte, Regionen, Meere und Gebirge fort. Noch weit bis in die Frühe Neuzeit lebten die Bezeichnungen Catai (China), Cipangu (Japan), Mangi (Südchina) und viele andere als Bezeichnungen auf den Landkarten weiter. Amerigo Vespucci, nach welchem die Neue Welt benannt wurde, nutzte unter Anderem Marco Polos Einträge, um Kolumbus zu widerlegen, er habe den Seeweg nach Indien entdeckt. Obwohl die Europäer in späteren Jahrhunderten über das Meer nach Osten aufbrachen – zuerst die Portugiesen und Spanier, schließlich die Niederländer, Engländer und Franzosen – hielt sich der Einfluss von Marco Polos Schriften noch lange. Viele bestätigten Polos Reisen eher, als dass sie diese bezweifelten.



Kontinuität


Marco Polo sollte nicht der letzte China-Reisende sein; er blieb aber aufgrund des Milione der berühmteste Vertreter. Dass insbesondere zu Italien wohl noch für Jahrhunderte – sogar nach dem Untergang des Mongolischen Transitverkehrs von China bis in den Nahen Osten – Kontakte bestanden, zeigt nicht nur der Grabstein der Genueserin Caterina Vilioni/Illioni und ihres Bruders Domenico, die 1342 bzw. 1348 in Yangzhou begraben wurden (ausgerechnet Yangzhou, jene Stadt, in der Marco Polo angeblich eine wichtige Stelle als kaiserlicher Beamter ausgefüllt haben soll). Ihr Landsmann Andolo de Savignone, der zusammen mit anderen genuesischen Familien in Zaytun lebte, wurde vom Khan nach Europa geschickt um 100 Pferde von dort zu organisieren; zurück kam er mit einem. 


Wenn man auch fairerweise hinzufügen sollte, dass 1 Pferd immerhin mehr wert ist als 0 Geistliche. 


Der Franziskaner Odorico da Pordenone berichtete von Nestorianischen Kirchen in Catai; vorher hatte sein Kollege Giovanni da Montecorvino Missionarsarbeit geleistet. Von 1338-1353 reist der Florentiner Giovanni de‘ Marignolli im päpstlichen Auftrag in die Hauptstadt des Khans. Niccolò de‘ Conti aus Chioggia (bei Venedig) reiste in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nach Ost-Asien, und erreichte sogar die Banda-Inseln im äußersten Indonesien; die Quelle der Gewürze, welche selbst Marco Polo niemals gesehen hatte. Ludovico di Varthema aus Bologna war nicht nur der erste Christ der Mekka betrat, sondern tat es de‘ Conti gleich und besuchte den indischen Subkontinent sowie Südostasien in den Jahren 1502-1507. 


Wenn also ein venezianischer Tausendsassa wie der Memmo mit seiner Familie in China lebt, und das Jahrhunderte nach Marco Polo, ist das weit weniger unrealistisch als man glauben mag. Ostasien war auch vor der Ankunft der Portugiesen kein weißer Fleck, keine Terra incognita für diese Völker. Genuesische und venezianische Karten bestätigen dies. Die berühmte Karte des Fra‘ Mauro fasst das gesamte Wissen des 15. Jahrhunderts vor der Entdeckung Amerikas zusammen. Die Venezianer wussten ganz genau, wo die Produkte herkamen, welche sie in der Levante erwarben – allerdings bevorzugte es die überwältigende Mehrheit, nicht über Syrien oder Ägypten hinauszugehen.



Die Dynastie der Ming


Im Jahr 1368 – also gut 70 Jahre nach Marco Polos Abreise aus dem China der mongolischen Yuan-Dynastie – wurden die Nachfahren Kublai Khans aus dem Reich der Mitte vertrieben. Yuanzhang, ein Mann aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen, brachte im Zuge einer Rebellion wieder eine einheimische chinesische Dynastie auf den Thron, die sich Da Ming (Große Helligkeit) nannte. Yuanzhang nahm als Regierungsdevise den Namen Hongwu (Gewaltige Militärische Macht) an.* 


Kaiser Hongwu eroberte die Hauptstadt Canbaluc/Daidu, ließ Paläste schließen, die Mauern schleifen und verlegte die Administration. Daidu erhielt den Namen Beiping (Nördlicher Friede), um den Sieg über die Mongolen und die Befriedung des Landes zu symbolisieren. Für die Stadt selbst war dies ein herber Rückschlag. Die Hauptstadt wurde nach Nanjing (Südliche Hauptstadt), die bereits eine lange Geschichte als alte Kaiserresidenz hatte, zurückverlegt.


Nach dem Tode Kaiser Hongwus (1398) kam es zu Streitigkeiten zwischen seinen Nachfolgern. Ihm folgte zuerst sein Enkel Jianwen, der in Nanjing residierte. Jianwen bestieg den Thron mit 21 Jahren und galt als unerfahren. Angeblich wurde er das Opfer von Palastintrigen und Fraktionskämpfen am Hof. Sein ehrgeiziger Onkel, der im Norden die Grenze zu den Mongolen sicherte, und in Beiping residierte, fühlte sich bei der Thronfolge übergangen. Nur wenige Jahre später wendete sich dieser gegen seinen Neffen, eroberte Nanjing und rief sich selbst zum Kaiser aus. Indes Jianwen im brennenden Kaiserpalast von Nanjing den Tod fand, sollte der Onkel als einer der größten Kaiser der chinesischen Geschichte eingehen: Yongle (1402-1424).


Da ihm nicht nur der Makel der Usurpation anhaftete, sondern die Beamtenkreise in Nanjing als illoyal gegenüber dem Onkel aus dem Norden galten, verlegte er die Hauptstadt nach Beiping, welches er in Beijing umbenannte (Nördliche Hauptstadt). Um seine eigene Herrschaft zu manifestieren, wollte er sowohl die Bauten der Mongolen, als auch jene in Nanjing übertreffen. Es war Kaiser Yongle, der die Kaiserstadt und die Verbotene Stadt errichten ließ, und dafür die gesamte Innenstadt Alt-Daidus umgestalten ließ. Der Ausbau und die Wiederherstellung des Kaiserkanals zwischen Nord- und Südchina ist in diesem Zusammenhang zu sehen, da die Bauarbeiten in der Neuen Hauptstadt Mensch und Material benötigte. Auch in den Provinzen zeigte sich Yongle baufreudig: die berühmten Tempel von Wudang wurden von ihm refinanziert. Außenpolitisch führte er erfolgreich Kriege gegen die Mongolen (wenn es auch keinen langfristigen Sieg gab) und ließ die berühmte Schatzflotte Auftrag geben, mit welcher der Entdecker Zheng He die Weltmeere bis Afrika bereiste. 


Kaiser Yongle ist damit nicht nur einer der größten chinesischen Kaiser, sondern kann mit Fug und Recht als eine der großen Persönlichkeiten der Geschichte angesehen werden. China war nicht nur die unangefochtene Hegemonialmacht in Asien, sondern vermutlich die einzige Weltmacht auf dem Globus. Das Riesenreich kam nach Jahren der Bürgerkriege und äußeren Bedrohungen zur Ruhe. Handel und Handwerk florierten wieder. Die Bevölkerungszahl stieg in den folgenden Jahren und dürfte um 1500 etwa 70-90 Millionen betragen haben. Zum Vergleich: in ganz Europa lebten damals circa 60-80 Millionen Menschen. Der Verkauf von Porzellan und Seide ermöglichte enorme Gewinnspannen. Die meisten Nachbarländer – so Korea – waren durch Tributzahlungen an das Reich der Mitte gebunden.


Man sollte sich dies vor Augen halten, wenn die aktuelle Position Chinas in den Medien besprochen wird. Der chinesische Drache, der zweihundert Jahre geschlafen hat, erobert sich demnach nur die Stellung zurück, die er in der Vergangenheit besaß.

_________________________


*Tatsächlich haben alle chinesischen Kaiser mindestens drei Namen, nämlich einmal den eigentlichen Geburtsnahmen, dann den Kaisernamen mit Regierungsdevise, und einen Tempelnamen nach ihrem Tod. Der Einfachheit halber wird es hier bei den Regierungsdevisen belassen.



Die Regierungszeit Kaiser Hongzhis


China unter Kaiser Hongzhi war ein Hort von Wohlstand, Frieden und kultureller Blüte. Es stand damit im Kontrast zu Europa, wo zeitgleich der Konflikt zwischen Habsburg und Frankreich tobte, und die Italienischen Kriege im vollen Gange waren (wenn man auch einschränken muss, dass in Europa die Renaissance ebenso kräftige Blüten trieb). Kaiser Hongzhi war ein fähiger Kaiser, dem schon in der Jugend eine hohe Intelligenz nachgesagt wurde. Im Gegensatz zu den letzten, eher inkompetenten Herrschern der Ming-Dynastie, hatte er eine gute Hand für Staatsgeschäfte, stellte fähige Berater ein und hatte den Ruf eines Philosophenkaisers. 


Leser, die ein gewisses Basiswissen bezüglich des Alten Chinas haben, werden bemerkt haben, dass in der Verbotenen Stadt kein einziges Mal Eunuchen erwähnt werden. Tatsächlich waren Hofeunuchen am Kaiserhof für Jahrhunderte die entscheidende Fraktion. Ihre Rolle war jedoch ambivalent. Neben fähigen, treuen Hofeunuchen, die inkompetenten Kaisern unter die Arme griffen und die Administration des Riesenreiches strafften, existierten auch jene, die für Misswirtschaft, Korruption und Machtspiele hinter den Kulissen verantwortlich waren. Unglücklicherweise existierten mehr Beispiele in der Geschichte, in welcher die Hofeunuchen der kaiserlichen Herrschaft abträglich als zuträglich waren. Es ist vermutlich die größte Leistung Kaiser Hongzhis, die Macht der Hofeunuchen gebrochen, und die Macht unter neuen Beamten aufgeteilt zu haben. Vermutlich war dies der entscheidende Grund für seine erfolgreiche Herrschaft. Palastintrigen, wie es sie jahrzehntelang gegeben hatte, wurden im Keim erstickt.


Hongzhi bestieg 1487 den Drachenthron im Alter von nur 17 Jahren. Der einzige Mangel seiner Herrschaft war die Kürze. Bereits 1505 sollte er sterben, und sein weniger begabter Sohn nachfolgen. 


In der „Tochter“ erscheint er nur am Rande,  einmal der Verkündung der Ergebnisse, sowie in einem kurzen Cameo im Zuge der Verfolgungsjagd. Erwähnenswert ist, dass Hongzhi die einzige historische Herrschergestalt in den Venezianischen Novellen und Löwenromanen ist, welche nicht als machiavellistischer Opportunist oder Graue Eminenz dargestellt wird. Vor Hongzhi muss man einen gewissen Respekt haben, wenn man sich informiert hat.


Daran ändern auch seine quietschgelben Drachenpantoffeln nichts.



Entstehungsgeschichte


Spätestens im Jahre 2006 reifte die Idee, eine Geschichte über eine Palastintrige am Kaiserhof zu schreiben. Die Protagonistin war mir bereits vor diesem Datum bekannt und im Grunde der Anfangspunkt des gesamten Plots. Es dauerte jedoch bis zum Januar 2009 – konkret: den 8. Januar – bis diese Idee jene Form annahm, wie wir sie heute als „Tochter des Marco Polo“ kennen.


Am 8. Januar 2009 jährte sich der Tod Marco Polos zum 685. Mal. Zu diesem Zeitpunkt sah es um den Venezianer gar nicht gut aus. Es existierten mehrere Debatten, dass dieser gar nicht in China gewesen sei – ein Vorwurf, der in den letzten Jahrhunderten immer wieder erhoben wurde, aber zu diesem Jubiläum nochmals an Bedeutung gewann. Obwohl es gegen die Vorwürfe erhebliche Gegenargumente für einen Aufenthalt Marco Polos in China gab, hielt sich die Atmosphäre, dass der „Milion“ ein Schwindler sei – bis heute ist dieses Vorurteil (?) nicht ausgeräumt.


Erst diese Debatte führte zum Hauptthema des Buches, dessen Struktur ich in zwei Tagen und zwei Nächten durchschrieb. Ein weiteres wichtiges Fragment war der Soundtrack Ennio Morricones zu einem Film über Marco Polo – den ich nie gesehen hatte – welcher die passende Atmosphäre beisteuerte. 


Die „Tochter“ war nicht meine erste Geschichte. Ich hatte bereits vorher geschrieben, darunter deutlich längere Geschichten als diese (weshalb hier auch von einer Novelle, keinem Roman, die Rede ist). Jedoch existierte seit 2007 kein Projekt irgendeiner Art, das mich so fesselte. Wenn ich nicht an der „Tochter“ schrieb, lieh ich mir wissenschaftliche Artikel zum Thema aus. Wenn ich das nicht tat, überlegte ich mir den Aufbau und die Abfolge der Kapitel. Und wenn ich beides nicht tat, dann las ich das „Milione“ selbst. Im Nachhinein kann ich nicht mehr rekonstruieren, wie ich nebenbei meinen üblichen Alltag meisterte, ohne morgens in den Frühstückskakao zu kippen.


Von allen Geschichten, die ich bis dahin geschrieben hatte, empfand ich die Tochter vielleicht nicht als das Beste, jedoch als das „vollkommenste“ Werk – und damit durchaus würdig, dafür nach einem Agenten oder einem Verlag zu suchen. Es begann ein 3jähriger Spießroutenlauf, der mich nicht nur psychisch sondern auch kreativ zermürbte. Schreiben war für mich jahrelang eine Selbstverständlichkeit gewesen. Der Besitz eines eigenen Schrankes, der einzig solchen Absagen vorbehalten ist, wirkte sich jedoch destruktiv aus. Nach über 30 Absagen von Agenturen, Verlagen, sogar Wettbewerben war ich überzeugt, dass ich nicht als Schriftsteller geeignet war. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich als „verkannte Genies“ feiern, oder nicht einsehen wollen, dass sie ihr Handwerk nicht beherrschen. Als Wissenschaftler muss man seine Theorien verifizieren und belegen. Wenn das Ergebnis nicht der Theorie entspricht, kann man nicht mit Biegen und Brechen seine Theorie verteidigen.


Außer man ist Politologe. Aber das gehört nicht hier hin.



An dem Tag, an dem ich mit dem Versand der „Tochter“ begann, schwor ich mir, nur bei einem „richtigen Verlag“ oder einer „richtigen Agentur“ unterkommen zu wollen. Von E-Books hielt ich damals noch nichts – auch wenn ich nie der Fraktion angehörte, die behauptete, dass sich dieses nie durchsetzen würde. Daher zögerte ich über ein Jahr, es per Amazon und E-Book (trotz anderer Vorsätze) zu versuchen, die Geschichte doch noch einem größeren Publikum näherzubringen. 


Weil es diese Novelle verdient hat, bekannt zu werden – so wie alle Geschichten, die von Menschen handeln, die sich gegen das Unmögliche wehren, und dennoch standhaft bleiben.