Mondnacht

Zeitverzögerte Beliebigkeit als Neudefinition des Konservatismus

5. April 2019
Kategorie: Carl Schmitt | Europa | Freiheit | Giovannino Guareschi | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Machiavelli | Mittelalter | Persönliches | Philosophisches

Am vergangenen Mittwoch erneuerte die Casa Gallina ihre Visite in der Bibliothek des Konservatismus. Der Saal war offenkundig nahezu ausgebucht; aber neben der Menge der Besucher fiel auch die Qualität auf. Da fanden sich neben Vertretern von Cato und Junger Freiheit auch Michael Feldkamp und Michael Klonovsky ein. Namhafte Vertreter des konservativen Lagers also – was den Anspruch an den Referenten zusätzlich steigerte. Dabei hatte die marginale venezianisch-katholische Fraktion der rechten Intelligenz der Hauptstadt bereits vor dem Besuch sich darüber besprochen, dass diese Visite wohl ein geplantes Ärgernis werden würde. Wir wurden – das sei vorab gesagt – nicht enttäuscht, ja, unsere Erwartungen wurden übertroffen.

In geradezu verstörender Weise.

Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte in Mainz, sollte einen Vortrag über „Konservativ 21.0“ halten, und damit seine Deutungsmuster der konservativen Denkrichtung vorstellen. Bereits am Anfang erstaunte die Bezugnahme auf – ausgerechnet – den britischen Konservatismus des mittleren 19. Jahrhunderts, über den Rödder seine Habilitation geschrieben hat. Konservatismus sei, so zitierte der Referent, nicht mit Stillstand zu verwechseln. Im späteren Verlauf sollte klar werden, warum der englische Konservatismus als Paradebeispiel, ja geradezu als Blaupause der rödder’schen Konservatismusidee herhalten durfte: denn nur dieser Konservatismus geht mit dem Liberalismus so konform, dass Rödder im Folgenden immer wieder von „liberal-konservativen“ Ideen sprechen konnte, und dabei den langjährigen, ja, fundamentalen und bis heute nicht völlig ausgetragenen Kampf zwischen Liberalismus und Konservatismus nicht nur auflöst, sondern gewissermaßen ex post negiert. Daneben gäbe es noch einen „illiberalen Konservatismus“, den Rödder aber nur kurz anriss, und allein der Konservativen Revolution zuwies. Er hatte an diesem Abend keinen Platz; mit Worten wie „Reaktion“ und „Traditionalismus“ wurde diese Haltung indirekt als nicht-konservativ abgekanzelt, da die Ideologie Rödders im Vordergrund stand.

Nach Rödder liege dem Konservatismus ein Paradoxon zugrunde: denn das, was der Konservative heute verteidigen würde, hätte er noch vor einiger Zeit bekämpft. Es ginge darum, „den Wandel zu verzögern, bis er harmlos geworden ist“ (nach Salisbury). Der Wandel sei da und unabwendbar, alles sei im Wandel, feste Werte existierten nicht. Der Wandel ist demnach nur Verwaltungssache. Im Grunde Stichpunkte, die man üblicherweise vom linken Gegner als Vorwurf vernimmt; Rödder sprach sie dagegen in fröhlicher Gelassenheit aus. Dass am Abend alles anders sein könne als am Morgen, das sei – sinngemäß – seine Einsicht als Historiker gewesen.
Andere Historiker im Raum sollten stattdessen zur Einsicht gelangen, dass Kategorienfehler wohl selbst auf professoraler Ebene nicht unmöglich sind.

Konservativsein beschreibe demnach ein gelassenes Gestalten des gesellschaftlichen Wandels, begleitet von einer Grundskepsis, dass sich das Neue erst gegen das Alte bewähren müsse, sowie eine Negation der „Unbedingtheit“. Rödder berief sich auf das Vorbild Aristoteles mit Maß und Mitte, im Gegensatz zu Platon und seiner Ideenlehre; zuletzt verwies er auf den Vorrang der Gesellschaft vor dem Staat.

Das verwunderte in mehrfacher Hinsicht. Erstens, weil Rödder in der Grundlinie zwischen den Prioritäten der Linken (Theorie) und Rechten (Sein) nicht irrt; er irrt jedoch in einer völligen Extremisierung der beiden Philosophen in eine Richtung, die Aristoteles überhaupt nicht gerecht wird. Die Idee nämlich, dass ausgerechnet der Urheber einer „Metaphysik“ nur einen buddhistischen Mittelweg kennt, verzerrt aristotelisches Denken zu reinem Relativismus. Rödder, in seiner Angst vor „Unbedingtheiten“, die gewissermaßen immer in zerstörerisches, utopistisches Denken münden müssen, ist nämlich inhärent extremistisch unabdingbar; so sehr, dass er komplett übersieht, dass es immer Unabdingbarkeiten für eine Letztbegründung braucht. Ich verbleibe mit dem mageren Hinweis, dass Aristoteles wohl kaum als fruchtbare Quelle der mittelalterlichen Scholastik hätte dienen können, wenn er tatsächlich ein skeptischer Materialist gewesen wäre, so, wie ihn Rödder einem zwischen Fassungslosigkeit und Unverständnis pendelnden Publikum verkaufen wollte. Konservative Skepsis, schön und gut; Negierung von Unbedingtheiten – mögen sie nun Wahrheit, Schönheit oder Gott heißen – schließt auch Letztbegründungen aus.

Aber Rödder wäre nicht Rödder, wenn er diesen Mangel nicht auch noch feierte, ja, gerade einer solchen pendelnden Beliebigkeit den Anstrich des Konservatismus verleihen würde und damit als staatstragend, verantwortungsvoll und modern darstellte. Was wir vernahmen, war im Grunde nichts weiter als die ideologische Fundamentierung und Legitimierung des Merkelismus. Denn wenn Wandel nur zu verwalten ist, dann sind Konservative eben gezwungen, ihre Meinungen je nach Lage zu ändern. Es entbehrt nicht der Ironie, dass Rödder sich selbst als Widerständler gegen Merkel inszenierte; nicht aber, weil er prinzipiell mit der Kanzlerin über Kreuz lag, sondern weil die Prozesse gewissermaßen noch unverdaulich waren, und über gewisse Themen müsse man eben reden können. Da Rödder allerdings auf keinerlei „letzten Grund“ verweisen konnte, auf keinerlei metaphysischen Fundamentierungen oder wenigstens Naturrecht (das Wort fiel in einem Referat über Konservatismus nicht ein einziges Mal), fiel auch eine Herleitung seiner konservativen Anschauungen aus. Konservative Werte also allein nach dem Gusto Rödders. Aus akademischen Bereichen ist man üblicherweise anderes gewöhnt.

Wo es argumentativ brenzlig wurde, bediente sich Rödder rhetorischer Sophistereien. Der Vorstellung von „guten alten Zeiten“ hielt er entgegen, dass man früher vielleicht sein Fahrrad hätte überall abschließen können, woanders aber Juden vergast worden seien. Der Historiker positionierte sich als Gegner eines jeden Kulturpessimismus, früher seien Leute schließlich wegen Dürren an Hunger gestorben. Den Einwurf, dass es sich bei seinen Vorstellungen um reinen Relativismus handeln könnte, quittierte er mit einem „das mag sein“, hielt aber dagegen, dass das Gegenteil Absolutismus, ja Totalitarismus sei. Das eigentliche Gegenteil, nämlich Essentialismus, hätte womöglich schon zu sehr nach echtem Konservatismus gerochen. Absurditäten wie die, dass Rödder den Konservativen allen Ernstes als Bewahrer der Aufklärung deklarierte, entbehren jedweder weiteren Ausführung.

Die rödder’sche Idee lässt sich demnach als saft- und kraftlose, materialistische, von Unbedingtheiten gereinigte, aber dem unbedingten Wandel der Gesellschaft im Laufe der Geschichte ergebene Philosophie deuten; sie besitzt keinen einzigen höheren Wert, der dieses materialistische Kartenhaus zusammenhalten könnte, und gegen dessen langweiligen Verwaltungscharakter sogar der Marxismus einen gewissen Reiz entwickelt. Die intellektuelle Dreistigkeit, materiellen Wohlstand zum einzigen Wert zu erheben, liegt bei dieser Vorstellung nahe; denn die Vergangenheit allein an Wohlstand, nicht an der Zufriedenheit zu messen, ist eine durchaus interessante Angelegenheit. Um Sokrates sprechen zu lassen: leben die Leute heute wirklich besser? Befindet sich der Westen nicht inmitten einer gewaltigen, geistigen Krise? Ist einem breiten Teil der Menschheit, insbesondere der Jugend, nicht der letzte Sinn abhandengekommen, der mit einem maßlosen Hedonismus gefüllt wird – und ist es nicht so (um mit Guareschi zu sprechen), dass wir heute in der Gegenwart von wundersamen Maschinen in den Hochhäusern allen Wohlstand genießen, aber Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Glaube, Ehrlichkeit und Demut von niemanden mehr gelebt wird; kurz, dass wir das Stadium des „letzten Menschen“ längst erreicht haben, und diese entleerte, leblose Hülle, die das Abendland heute darstellt, gar nichts anderes tun kann, als sich nach dem Suizid zu sehnen?

Um letzteres aufzugreifen: gibt es heute wirklich weniger Suizid, weniger Abtreibungen, weniger Scheidungen, weniger Depressive,* weniger Entwurzelung, weniger Entfremdung, weniger Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen in der Kunst, oder weniger Unzufriedenheit im Privatleben? Sind wir heute selbstkontrollierter, vernünftiger, verständiger? Und was folgt daraus?

Vermutlich verschließen sich solche Gedanken einem Christdemokraten, der wegen der christlichen Soziallehre in die Partei eingetreten ist. Denn nicht nur, dass Rödder einfach mal so technischen Fortschritt mit Moral, Gesellschaft und „höheren“ Werten verwechselt, seine ohne Letztbegründung auskommende Philosophie der über Zeit verwalteten Beliebigkeit muss zwangsläufig darin enden, dass das institutionalisierte Mittelmaß zum Lebensentwurf wird. „Ihr seid für das Große, nicht zur Bequemlichkeit geschaffen“ kann eben nur jemand sagen, der an etwas Unbedingtes glaubt. In dem Sinne ist auch Weißmanns „Reiß dich zusammen“ – trotz aller Kritik – noch eher zuzustimmen. Rödders Diktum könnte lauten „bitte nur nicht so schnell, und wenn, dann das Gift mit Zucker verrühren“. Rödder hätte ein exzellenter, spätantiker Verwalter des Römischen Reiches sein können, der im 5. Jahrhundert seine erste Pflicht darin sah, als alter Ego Romulus‘ des Großen möglichst problemlos die Leitung an die Germanen abzugeben; mit dem Unterschied freilich, dass Dürrenmatts Protagonist besser wusste, was er da eigentlich tat.

Um es freundlich auszudrücken: natürlich handelt es sich um eine Blendgranate. Mit dem Deutschen Kaiserreich existiert historisch das fleischgewordene Exempel einer bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl dynamischen wie ständischen Gesellschaft, die zugleich konservativ wie technik- und fortschrittsbegeistert war. Die Gegnerschaft zu Abtreibungen oder der Vorzug von Monarchie gegenüber Demokratie hat wenig damit zu tun, ob ich ein Smartphone benutze. Das Staatswesen, in dem ein Konservativer lebt, ist im Grunde (obwohl es da in der Tat historischen Zwist gegeben hat) austauschbar, so denn darin diejenigen Werte gewahrt sind, die für den Konservativen Bedeutung haben; persönliche Freiheit, Schutz der Familie und Wahrung der eigenen Identität sind im Heiligen Römischen Reich wie in der Weimarer Republik möglich gewesen, so man denn ein Interesse daran hatte.

Das letzte Drittel des Vortrags mündete dann in eine reine CDU-Wahlkampfveranstaltung. Rödders zweimalige Berufung in das Schattenkabinett von Julia Klöckner war jetzt nicht mehr auszublenden; wir hörten von der Homo-Ehe mit Hinweis auf die Lebensweise von Jens Spahn, wir hörten von den durchaus richtigen Erkenntnissen der Gender-Forschung (nun läge es eben daran, aus Gender Mainstreaming Family-Mainstreaming zu machen), es folgten – auch in der Diskussionsrunde – zermürbend lange Vorträge zur Bildungspolitik. Wieder einmal zeigte sich, dass die CDU nicht etwa konservative Inhalte vertritt, sondern die Deutungshoheit über den Begriff des Konservativen beansprucht, und Rödder der Apologet der christdemokratischen Geisteshaltung ist, die sie nunmehr unter dem Label „konservativ“ verkauft. Wenn selbst die Ehe von Mann und Frau auf dem rödder’schen Basar gehandelt wird, um einen machtpolitischen Vorteil in der Diskussion zu finden, dann wird man neuerlich ein Stück auf die zu erwartenden Inhalte vorbereitet, die früher links waren und bald konservativ sein werden. Da kann auch Rödders angeblicher Widerstand gegen Merkel in der Flüchtlingsfrage nicht weiterhelfen, wenn er im Grunde der schlimmste geistige Brandstifter des merkel’schen Lagers ist, der nichts anderes vorbereitet. Die ewigen Siegesgeschichten der vermeintlich wiederauferstandenen Union – Kauders Knebel abgeschüttelt, Merz mit 48 Prozent gewählt – durften auch nicht fehlen. Man war geneigt, vorzeitig zu gehen.

Es könnten hier noch weitere Anmerkungen folgen; so etwa, dass Rödder offensichtlich weder die geistige, noch die demographische Krise in Europa als existenzielle Bedrohung kennt, sondern lieber über Exzellenzinitiativen sprach; dass Rödder sich immer wieder gegen ein vergangenes goldenes Zeitalter richtete, aber mindestens dreimal die 70er mit Vordenkern wie Biedenkopf und Geißler verklärte; dass Rödder wiederholt seine Skepsis gegenüber Leuten kundtat, die offensichtlich immer alles und den richtigen Weg wussten, aber in einer fast schon unsympathisch-selbstgefälligen Weise von seinen politischen Ansichten überzeugt war; dass er Edmund Burke als Säulenheiligen berief, aber kein Wort über dessen Bewertung der Französischen Revolution verlor; dass er ein Zitat von Moeller van den Brucks nebenbei Mohler unterschob; dass er sich für Meinungsfreiheit und Diskurs aussprach, aber das Wort „Gutmensch“ schon als zu weitgehend einordnete; dass er Ruhe und Gelassenheit als konservative Tugend einforderte, bei den Themen AfD und Gauland jedoch angesichts des berüchtigten „Vogelschisses“ zum Berserker wurde; dass er eine „Leitkultur“ einforderte, die dann aber eben keine Leitsterne zur kulturellen Orientierung bot, sondern darum kreiste, dass man nicht mehr definieren solle, wer „Deutscher“, sondern wer „Bürger“ sei, eine Kategorie, die sich allein durch „Zivilität“ auszeichne; und dass Rödder, in seinem Plädoyer die Diskontinuität anstelle der Kontinuität zum Leitfaden dieses „Konservatismus“ zu machen – also die reine Pervertierung des Konservatismus per se – im Grunde weitaus eher die Personifikation aller Übel und Probleme dieses Kontinents ist, anstelle die Lösung zu bieten, weil wir die kulturelle und geistige Krise Europas nicht damit lösen, indem wir wie eh und je mit von Beliebigkeiten und zentristischem – pardon! – Wischiwaschi geleiteten politischen Binsen fortfahren können. Die CDU und Rödder lösen nicht Probleme oder geben Antworten – sie sind das Problem.

Es war dann an der Löwin, Herrn Rödder die letzte Frage des Abends zu stellen; sie bezog sich auf den Vortrag von Weißmann, und hob hervor, dieser habe eine metaphysische Anbindung zum Merkmal des Konservativen erhoben, „das Unbedingte also als unabdingbar ins Boot geholt“, und wollte dazu die Meinung des Referenten wissen.

Rödder wies darauf hin, dass er sich da „fundamental“ von Weißmann unterscheide, wir seien „alleine im All“, es gebe keinen letztgültigen Grund. Er sei Katholik, aber die Kirche gäbe keine zufriedenstellende Antwort. Und überhaupt, wenn Religion, welche denn?

Übersetzt: Athen, Rom, Jerusalem – nein, da gibt es nichts, da bleibt auch nichts, außer blanker Relativismus. Ein Christdemokrat und Historiker, der nicht einmal die offensichtlichsten Konstante des Kontinents kennt, ist wohl mit dem Begriff einer „Paradoxie des Rödders’schen“ am besten umschrieben. Förderlicher gewesen wäre es, hätte Rödder seine Philosophie nicht als Konservatismus, sondern als christdemokratische Ideologie verkauft; so wäre diese im Saal wenigstens annehmbar gewesen, ohne einen geistesgeschichtlichen Begriff damit komplett zu entwerten.

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* Warum segelten die jungen Männer der Renaissance auf einer Nussschale um den Globus, während sie heute Angst darum haben, morgen könnte der Klimawandel oder ihre toxische Männlichkeit das Ende der Zivilisation herbeiführen?
Auf die Frage gibt selbst Jordan B. Peterson eine bessere Antwort.

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