Löwensammlung 013

„Sie nennen sich Demokraten und verlangen doch nach einer Diktatur“

10. Januar 2019
Kategorie: Freiheit | Fremde Federn

Im Schlusskapitel seines Buches „Die Bürokratie“ rechnet Ludwig Edler von Mises (1881-1973), Ökonom und Vertreter der Österreichischen Schule, folgendermaßen ab:

Öffentliche Verwaltung, die Führung des staatlichen Zwangs- und Gewaltapparates, muß notwendigerweise formalistisch und bürokratisch sein. Keine Reform kann die bürokratischen Züge der Staatsbehörden aufheben. Es ist zwecklos, sie für ihre Langsamkeit und Trägheit zu tadeln. Es ist vergebens, über die Tatsache zu jammern, daß Beharrlichkeit, Sorgfalt und gewissenhafte Arbeit des durchschnittlichen Amtsbediensteten in der Regel unter jenen des durchschnittlichen Arbeiters in der Privatwirtschaft liegen. (Es gibt schließlich viele Staatsdiener, deren begeisterter Eifer an ein selbstloses Opfer grenzt.) Wenn ein einwandfreier Maßstab für Erfolg und Mißerfolg fehlt, ist es für die große Mehrheit der Menschen beinahe unmöglich, den Anreiz zu äußerster Anstrengung zu finden, den die Geldrechnung eines gewinnorientierten Geschäftes mit Leichtigkeit hervorbringt. Es ist zwecklos, die pedantische Einhaltung starrer Regeln und Regulierungen durch den Bürokraten zu bemängeln. Solche Regeln sind unerläßlich, wenn die öffentliche Verwaltung nicht den Händen der obersten Funktionäre entgleiten soll, um zur Oberherrschaft untergeordneter Bediensteter zu verkommen.

Diese Regeln sind zudem das einzige Mittel, um das Gesetz zum Herrscher bei der Führung öffentlicher Geschäfte zu machen und um den Bürger gegen despotische Willkür zu schützen. Für einen Beobachter ist es leicht, den bürokratischen Apparat der Verschwendung zu bezichtigen. Aber der Funktionär, der die Verantwortung für tadellosen Dienst trägt, sieht die Angelegenheit aus einem anderen Blickwinkel. Er möchte kein zu großes Risiko eingehen. Er zieht es vor, keinen Fehler zu riskieren und sich hundertprozentig sicher zu sein.

Alle solchen Mängel wohnen der Ausführung von Diensten inne, die nicht durch den Geldausdruck von Gewinn und Verlust nachgeprüft werden können. Wir hätten in der Tat niemals erkannt, daß sie wirklich Mängel sind, wenn wir nicht in der Lage wären, das bürokratische System mit der Tätigkeit gewinnorientierter Unternehmen zu vergleichen. Dieses vielfach geschmähte System des „schäbigen“ Strebens nach Gewinn weckte in den Leuten Effizienzbewußtsein und das Streben nach höchster Rationalisierung. Aber wir können es nicht ändern. Wir müssen
uns damit abfinden, daß man auf eine Polizeibehörde oder auf das Finanzamt nicht die wohlerprobten Methoden des gewinnorientierten Geschäftslebens anwenden kann.

Die ganze Angelegenheit nimmt jedoch angesichts der fanatischen Bestrebungen, den ganzen Produktions- und Verteilungsapparat in eine Mammutbehörde zu verwandeln, eine völlig andersartige Bedeutung an. Lenins Ideal, den staatlichen Postdienst als Muster der wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft zu nehmen und jeden Menschen in ein Zahnrad einer riesigen bürokratischen Maschine zu verwandeln, macht es unabdingbar, die vergleichsweise Minderwertigkeit bürokratischer Methoden gegenüber jenen der Privatwirtschaft aufzudecken. Das Ziel solch einer genauen Untersuchung ist sicherlich nicht, die Arbeit von Steuerbeamten, Zöllnern und Streifenpolizisten herabzusetzen oder ihre Leistungen zu schmälern. Aber es ist notwendig, zu zeigen, in welcher wesentlichen Hinsicht sich ein Stahlwerk von einer Botschaft und eine Schuhfabrik von einem Standesamt unterscheidet und warum es ein Schelmenstreich wäre, eine Bäckerei nach dem Vorbild des Postamts zu reorganisieren.

Was in sehr voreingenommenen Begriffen die Ersetzung des Gewinnprinzips durch das Dienstprinzip heißt, würde zur Aufgabe der einzigen Methode führen, die zu Rationalität und Berechnung bei der Herstellung von Gütern des täglichen Bedarfs beiträgt. Der vom Unternehmer verdiente Gewinn drückt aus, daß er den Verbrauchern – also allen Menschen – gut gedient hat. Doch bezüglich der Leistung von Ämtern ist keine Methode zur rechenhaften Feststellung von Erfolg oder Mißerfolg verfügbar. In jeglichem sozialistischen System würde allein der zentrale Produktionsplanungsausschuß die Befehlsmacht innehaben, und alle anderen würden die erhaltenen Befehle auszuführen haben. Alle Leute außer dem Produktionszaren würden sich ohne Einschränkung den von vorgesetzten Personen abgefaßten Anordnungen, Gesetzbüchern, Regeln und Regulierungen zu fügen haben. Selbstverständlich mag jeder Bürger das Recht haben, Änderungen dieses ungeheuren Kontrollsystems vorzuschlagen.

Doch der Weg von solch einem Vorschlag bis zu seiner Annahme durch die zuständige höchste Behörde würde bestenfalls genauso weit und beschwerlich sein wie heute der Weg von einem Leserbrief oder von einem Zeitschriftenartikel mit dem Vorschlag zu einer Gesetzesänderung bis zu deren Verabschiedung durch die gesetzgebende Gewalt. Im Laufe der Geschichte gab es viele Bewegungen, die mit Begeisterung und Fanatismus nach Reformen gesellschaftlicher Institutionen riefen. Menschen kämpften für ihre religiösen Überzeugungen, für die Abschaffung von Leibeigenschaft und Sklaverei, für Unparteilichkeit und Gerechtigkeit vor Gericht. Heute sind Millionen von dem Plan fasziniert, die ganze Welt in ein Amt zu verwandeln, jeden zu einem Bürokraten zu machen und jegliche Privatinitiative auszulöschen. Das Paradies der Zukunft wird als ein allumfassender bürokratischer Apparat hingestellt. Die mächtigste Reformbewegung der Geschichte, der erste ideologische Trend, der nicht auf einen Teil der Menschheit begrenzt ist, sondern von Menschen aller Rassen, Nationen, Religionen und Zivilisationen unterstützt wird, zielt auf allseitige Bürokratisierung. Das Postamt ist das Modell für den Bau des neuen Jerusalems. Der Postbeamte ist das Vorbild des zukünftigen Menschen. Ströme von Blut wurden für die Verwirklichung dieses Ideals vergossen.

In diesem Buch erörtern wir keine Personen, sondern Systeme gesellschaftlicher Organisation. Wir sind nicht der Auffassung, daß der Postbeamte geringer ist als irgend jemand sonst. Worüber man sich im Klaren sein muß ist bloß, daß die Zwangsjacke bürokratischer Organisation die Initiative des Individuums lähmt, während ein Neuerer innerhalb des kapitalistischen Marktes immer noch Erfolgsaussichten hat. Jene fördert Stillstand und die Bewahrung eingefleischter Verfahren, dieser trägt zu Fortschritt und Verbesserung bei. Kapitalismus ist fortschrittlich, Sozialismus nicht. Man entkräftet dieses Argument nicht durch den Hinweis, daß die Bolschewiken viele amerikanische Neuerungen nachgeahmt haben. Das taten alle orientalischen Völker. Aber es ist ein non sequitur, aus diesem Umstand zu folgern, daß alle zivilisierten Länder die russischen Methoden gesellschaftlicher Organisation nachmachen müssen.

Die Vorkämpfer des Sozialismus nennen sich Fortschrittliche, aber sie empfehlen ein System, das durch starre Einhaltung der Routine und durch Widerstand gegen jede Art Verbesserung gekennzeichnet ist. Sie nennen sich Liberale, doch sie beabsichtigen, die Freiheit abzuschaffen. Sie nennen sich Demokraten und verlangen doch nach einer Diktatur. Sie nennen sich Revolutionäre, aber sie wollen den Staat allmächtig machen. Sie versprechen die Segnungen des Garten Eden, aber sie planen, die Welt in ein riesiges Postamt zu verwandeln. Jeder Mensch nur ein nachgeordneter Handlungsgehilfe in einem Amt – welch verlockende Utopie! Welch edler Grund, für den es sich zu kämpfen lohnt! Gegen diesen Wahnsinn an Agitation gibt es nur eine Waffe: die Vernunft. Nur gesunder Menschenverstand wird benötigt, um den Menschen davor zu bewahren, zur Beute illusorischer Phantasien und leerer Schlagwörter zu werden.

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