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Das gar nicht christliche, umso mehr muslimische „Weihnachtslied“

4. Januar 2019
Kategorie: Alltägliche Gedankenstreifzüge | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Medien | Musik | Philosophisches

Katholisch.de frohlockt: das erste muslimisch-christliche Weihnachtslied rockt die pakistanischen Charts. Ausgerechnet im Land von Asia Bibi und vergangener christenfeindlicher Terroranschläge. Nicht nur das reizt ein Augenbrauenzucken. Schon die Überschrift wirkt merkwürdig: warum ein „muslimisch-christliches“ und kein „christlich-muslimisches“? Insinuiert denn Weihnachten nicht zuerst einmal christlichen Gehalt, und dann möglichen muslimischen Anhang?

Das Rätsel löst sich bereits bei der ersten Zeile. Denn das „Weihnachtslied“ beginnt mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis: Es gibt keinen Gott außer Gott. Abgesehen vom Inhalt – auch katholisch.de bekennt, dass es so gut wie keine christlich-religiösen Symbole im Text gibt („In seinem Text geht das Lied nicht auf Weihnachten ein“) – ist aber auch die Atmosphäre alles andere als „weihnachtlich“. Das kirchensteuerfinanzierte Portal schreibt zwar:

„Weihnachtlich ist dafür alles andere an dem Song: Das Video glitzert mit goldenen Glöckchen und Sternen, es gibt leuchtende Christbäume und Weihnachtsmannmützen, die Melodie klingt nach weihnachtlichem Pop – bis zum Finale. Sebastian und Chao haben beide die Hände zum Gebet erhoben, sie singt „Halleluja“, „Ehre sei Gott“, er „Ilahi“, „Mein Gott“, im Hintergrund klingt der Refrain weiter: „One God, one world.“

Aber wenn man sich das Video dann wirklich anschaut, das im Artikel verlinkt ist, dann erkennt man davon gar nichts wieder. Musikalisch erinnert das Lied eher an einen Sommer-Song, „weihnachtlich“ sind nur ein paar Zipfelmützen tragende Pakistaner. Auch das kurze Aufblitzen der Kirche von Karatschi kann kaum als weihnachtliche Referenz gelten; wenn in einem italienischen Musikvideo im Hintergrund die Ruine eines paganen Tempels auftaucht, ist das kein zwingendes Bekenntnis zu Jupiter.

Jetzt gibt es in der Tat „Weihnachtslieder“, bei denen es nicht um die Weihnachtsgeschichte geht. Der mächtige Königsbär hatte da erst kürzlich etwas auf seinem Blog zu gesagt. Der Unterschied zu den Klassikern von Bing Crosby, Nat King Cole, Frank Sinatra oder Dean Martin besteht aber darin, dass „Driving Home for Christmas“, „The Christmas Song“ oder „Winter Wonderland“ eine „weihnachtliche Atmosphäre“ wiedergeben. Mag es der in unseren Breiten vorkommende Schnee zum Fest sein, die Erinnerung an den Weihnachtsbraten oder das Gefühl, am Weihnachtsabend zum Fest zu fahren, so geben diese Lieder doch eine bestimmte Stimmung wieder, die jeder kennt, der mit Weihnachten zu tun hat. Der Königsbär hat natürlich recht, dass es bei diesen „Weihnachtsliedern“ um Gefühle, Erinnerungen, oder die eigene Kindheit geht; aber ohne das real existierende Fest stürzen auch diese Songs wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Womöglich wäre es besser, bei den zumeist in den 1940er und 1950er entstanden US-Klassikern eher von „weihnachtlichen Liedern“ zu sprechen, da ihr Inhalt die weihnachtliche Atmosphäre statt Weihnachten selbst widergibt.

Das sogenannte „erste muslimisch-christliche Weihnachtslied“ geht aber einen Schritt weiter. Es hat im Grunde keine Substanz. Es ist weder ein Weihnachtslied, noch ein oben definiertes „weihnachtliches Lied“, denn nichts im gesamten Text erinnert an das eigentliche Fest, und mag es nur Nostalgie oder Stimmung sein. Das zwischendurch einmal die Klingelglöckchen von „Jingle Bells“ angestimmt werden ist unerheblich. Es ist eine Rezeption der Rezeption und damit völlig gesichtslos; so gesichtslos wie alles, wenn im Dienste politischer Korrektheit originäre Inhalte verschwinden, um ein „höheres Ziel“ zu erreichen. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen, Gemeinsamkeiten statt Differenzen betont werden.

Das funktioniert allerdings nur, wenn man Weihnachten als jenes säkularisierte Fest amerikanischer Prägung begreift, wie es Crosby und Co. besingen. Im Gegensatz zu Crosby fehlt aber selbst die säkular-kulturelle Dimension, die zumindest die USA noch kennen. Das Weihnachtsfest wird endgültig zum Winterfest mit Zipfelmützen und Winterbaum, das von jedem überall gefeiert werden kann. Dummerweise eignet sich aber ausgerechnet dieses Fest kaum, um eine multi-religiöse Einheitsreligion herbeizureden.

Wenn die muslimische Shahada am Anfang erklingt, führt dies nämlich Weihnachten ad absurdum. Wenig trennt Muslime und Christen so sehr, wie die Stellung von Jesus Christus, dessen Geburt an diesem Tag gefeiert wird. Der eitle Multikulti-Traum austauschbarer Religion zerplatzte wie eine Seifenblase, fragte man doch mal genauer nach, wie es der Sänger Ali Chao mit eben diesem Geburtstagskind Jesus hält. Seine Antwort dürfte, ja müsste die Gesangspartnerin Michelle Sebastian verstören, wenn sie es denn wirklich mit dem Christentum ernst nimmt. Die bekannte Problematik, dass jemand nicht zugleich Gottessohn und „nur“ Prophet sein kann, ist wohl kaum zu übertünchen und stellt sich gerade am Geburtstagsfest des Erlösers. Die Lösung und Abgrenzung der Muslime ist aber gerade jene Shahada, die den Anfang des Stücks einleitet: sie ist nicht nur ein Bekenntnis zum einen Gott, sondern auch der theologische Gegenentwurf zur Trinität. Das muslimische Glaubensbekenntnis schließt Jesus und Heiligen Geist aus. Es ist im Grunde die größte Blasphemie, die ein Muslim gegenüber einem Christen am Weihnachtstag aussprechen kann: Allah ist alles, Jesus ist nichts als ein Mensch.

Wenn dann der Satz „Ein Gott, eine Welt“ im Refrain auftaucht, stellt sich das mulmige Gefühl ein, dass es nur ein ganz bestimmter Gott sein kann, aber eben nicht jener, der an diesem Tag zu Betlehem geboren wurde. Die einzige Hoffnung bleibt wohl, dass Chao wie Michelle Sebastian keine Ahnung von ihrer eigenen Religion haben. In diesem Sinne bleibt dann das Fragezeichen, welchen Sinn ein „muslimisch-christliches Weihnachtslied“ hat, wenn es keiner der Beteiligten mit seinem Glauben ernst meint und so die Idee einer „Versöhnung“ der Religionen ad absurdum führen.

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