Giotto Tempelreinigung

Die Tränen des Heiligen Stephanus

26. Dezember 2018
Kategorie: Antike | Europa | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Mittelalter | Non enim sciunt quid faciunt | Philosophisches

Das ist kein theologisches Traktat und auch nicht mit den vielen neuerdings erscheinenden Abhandlungen gleichzusetzen, die der Kirche raten, diesen oder jenen Weg zu gehen. Es ist eher eine mathematisch-historische Darstellung, deren Ergebnis offensichtlich ist.

Der Katholizismus hat in der Form der Amtskirche seinen Zenit überschritten. Ein Großteil der Gläubigen hat sich entweder von ihr entfremdet oder konnte nie etwas mit ihr anfangen. Schlimmer noch: offiziell Getaufte wissen nicht einmal, was es bedeutet, römisch-katholisch zu sein, was Grundlage ihres Glaubens ist, was ihre katholische Identität ausmacht. Die Gruppe jener, die von Vorurteilen behaftet ist oder glaubt, ein grobes Bild davon zu haben, was das katholische Christentum ausmacht, ist weitaus größer als die Gruppe derjenigen Katholiken, die sich mit ihrer Konfession auskennt.

Die Schuld dafür ist nicht nur bei diesen Personen selbst zu suchen, die allerlei historische schwarze Legenden über die Kirchen mittlerweile besser rezipiert haben als die eigentliche katholische Lehre. Das Personal ist daran ebenso mitschuldig. Es kommt seiner ureigensten Aufgabe nicht nach. Die Inhalte des Evangeliums werden zugunsten dessen abgeschwächt, von dem man glaubt, was „ankommt“. Der große Schatz des Katholizismus mit seinen hunderten Heiligen, mit seiner ungebrochenen Kontinuität, mit seiner Schönheit in Liturgie, Musik und Architektur wird absichtlich vergraben. In einem Zeitalter, in dem das Wort „Rückwärtsgewandheit“ als größere Bedrohung angesehen wird als der Nebel unbekannter Zukunft, steht die Tradition in allen ihren Formen unter Generalverdacht. Unverrückbarkeit, Sicherheit, Ewigkeit – und weitere Worte, die den Ruch haben, ausgrenzen zu können.

Dabei tut das Christentum genau das. Es ist exklusiv. Die Vertreter des Klerus – insbesondere des europäischen Klerus – binden der Welt einen Bären auf, wenn sie behaupten, dass das Christentum eine Religion für alle sei. Es ist blanker Hohn: denn das Christentum baut auf Jesus Christus auf. Und das bedeutet nicht, dass man den Mann irgendwie „gut“ findet, dass er ein großer moralischer Lehrer oder gar Rebell sei. Jesus ist der Sohn Gottes, von den Toten auferstanden und zum Himmel aufgefahren. Punkt. Wer diesen Grund verlässt, der gehört nicht dazu.

Wer sich zu Jesus bekennt, kann das nicht nur ein bisschen, genauso, wie man auch in der Abtreibungsfrage keinen Kompromiss finden kann, indem man nur ein bisschen abtreiben lässt. Jesus ist kein Guru. Wenn Jesus nicht der Messias ist und seine Gottessohnschaft verwirft, bleibt nur die Möglichkeit über, dass er entweder ein Betrüger oder ein Verrückter war. Ein jüdischer Wanderprediger, der allen Ernstes behauptet, „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Johannes 14:6), oder „Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater“ (Matthäus 11:27) und im Angesicht des römischen Statthalters Pontius Pilatus die Frage bejaht, ob er der König der Juden sei – der ist als moralisches Vorbild nicht brauchbar, wenn man meint, es handelte sich eben nur um einen etwas besseren Rabbi.

Es bleiben daher nur zwei logische, extreme Wege: entweder alles zu verwerfen, was der Nazarener gesagt hat, oder sich ihm völlig und ganz hinzugeben. Viele, die mittlerweile Bergpredigt und Nächstenliebe zum Christentum selbst verabsolutiert haben, vergessen, dass Trinität, Gottessohnschaft, Auferstehung und Jungfrauengeburt allesamt im Glaubensbekenntnis stehen, aber keiner der Aspekte, die man mittlerweile über Jesus selbst stellt. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Jesusworte wichtiger gelten als Jesus selbst.

An die Stelle des Christentums ist mittlerweile eine säkulare, von jedem Glauben entkernte Humanitätsreligion getreten. Im unchristlichen Volk ist dieser Irrtum sogar so weit fortgeschritten, dass dieses tatsächlich glaubt, Göring-Eckhardt und Vertreter der Caritas ständen für „das Christentum“. Damit gehen sie den biegsamen Figuren auf den Leim, die mittlerweile bis auf Bischofsebene als Schauspieler des Zeitgeistes auftreten und wohl selbst nicht mehr wissen, welchen Glaubensinhalt sie wirklich vertreten. Was die Verteilung der Kommunion angeht, hat die katholische Kirche mehrere Jahrhunderte Zeit gehabt, um die Regeln dafür abzuleiten und festzusetzen. Wenn der Berliner Erzbischof nunmehr die Kommunion auch auf den Kreis nicht-katholischer Personen ausweitet, so ist das eben keine vernünftige, sondern eine gefühlige Sache. Er schadet damit mehr, als er nützt, weil er damit zugibt, dass sich alle Gelehrten, alle Amtsträger, alle Bischöfe und Päpste vor ihm vertan haben. Das Fundament Roms liegt in der Kraft seiner Lehre begründet. Sie hat Jahrhunderte gegen Häretiker, die Reformation, Aufklärer, Freimaurer, den Kommunismus gekämpft und mit Märtyrerblut bezahlt, um diese Lehre zu verteidigen. Nicht nur in der Frage der Kommunionsausteilung ist es nun die Kirche selbst, die das Fundament aus falsch verstandener Barmherzigkeit schleift.

Die Kirche ist damit an einen Punkt gekommen, an dem sie der Vorstellung der Aufklärer und Säkularen im 18. Jahrhundert mehr gleicht als ihrem damaligen Pendant. Sie ist mittlerweile ein feuchter Traum der Deisten im Sinne Lessings geworden, die nicht mehr die Offenbarung selbst, sondern die Auswirkungen der Religion auf die Gesellschaft höherstellen und diese als eigentliche Offenbarung der wahren Religion sehen wollen. Die Völker seien nur noch bloße Menschen, die Religion nur noch die Liebe. Das sollte einer Institution der Kontinuität zu denken geben. Der Kirche ist das Versprechen gegeben wollen, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden; das heißt aber nicht, dass sie keinen Verfall und Niedergang erlebt. Es bleibt dann zuletzt nur noch, welche die Gerechten am Tag des Jüngsten Gerichts sind: diejenigen, die sich der Welt angepasst haben, um aus falsch verstandener Menschenliebe die Gesetze Christi zu übertreten, um im „Sinne“ Christi zu handeln; oder diejenigen, die sich an das halten, was Jesus verordnet hat und die Kirche als eine von ihm gestiftete Gemeinschaft verstehen. Der Gruppe der Erstgenannten wird größer sein – aber wird es auch die Gruppe sein, die am Ende auf der Seite Christi steht? Was nutzen Millionen Kirchenmitglieder, wenn sie um den Preis der Beliebtheit und „Modernität“ Paganismus und Häresie näherstehen als dem Evangelium?

Martyrium, und mag es nur im Sinne der Aufopferung sein, wird diese „neue Kirche“ nicht kennen. Sie ist bereits heute kraft- und saftlos. Wenn es bereits jetzt schwerfällt, dem politischen Tagesgeschäft zu entsagen und die Amtsträger beider Konfessionen mit der Politik kungeln, fühlt man sich angesichts der Struktur an das ottonische Reichskirchensystem erinnert. Die deutsche katholische Kirche sieht sich bereits heute in vielen Belangen ihren protestantischen Kollegen näher als ihren Brüdern in anderen Teilen der Welt. Ein deutsch-christlicher Synkretismus hat sich hierzulande Bahn gebrochen.

Synkretismus ist dabei immer eine Dekadenzerscheinung. Die hellenistische und römische Kultur kennt ähnliches. Nach einer Phase tiefer Frömmigkeit folgt eine des Relativismus, in der Gewissen und persönlicher Glaube eine größere Rolle spielen als der althergebrachte Ritus. Wem das zu hart klingt, der blicke heute nach Berlin, wo das Projekt eines gemeinsamen Hauses der Religionen Form annimmt. Das „House of One“ ist das Serapeum unserer Tage. Mit dem Unterschied, dass Alexandria eine pulsierende Metropole des Wissens, der Kultur und des Wohlstands war, was man der Hauptsumpfstadt Deutschlands weniger unterstellen mag. Der Bund hat für diesen „interreligiösen Sakralbau“ bereits 10 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Prestigeträchtig soll es sich bald auf dem Petriplatz erheben, dem eigentlichen Geburtsort Berlins, das sich dort sichtbar seiner eigenen Wurzeln komplett entledigt hat. Gäbe es einen besseren Ort dafür? Vielsagend, dass die Fundamente der Petrikirche eine rein archäologische Sensation bleiben.

Der große Athanasius, der es mit der ganzen Welt aufnahm, wird ebenso vermisst wie der hitzige Nikolaus, der heute einigen Kollegen eine Backpfeife verpassen würde. Der Heilige Korbinian, der sich mit dem Baiernherzog Grimoald zoffte, fehlt uns ebenso wie ein Rather von Verona, der sich mit seinem Grafen, dem König von Italien oder Kaiser Otto anlegte, wenn er die christliche Lehre bedroht sah. Im Gegenteil: wer heute die Kirche auf dem falschen Weg sieht, läuft Gefahr, als Traditionalist verspottet zu werden („konservativ“ ist mittlerweile auch schon out). Die Frage bleibt, wie man denn als Katholik etwas anderes sein kann als traditionell oder konservativ – das macht doch gerade die Identität eines Katholiken aus. Dass sich Kirchenleute immer wieder geirrt haben, im Falle des Athanasius sogar nahezu alle, ist dabei ebenso eine Binsenweisheit wie das Pontifikat mediokrer und schlechter Päpste. Dabei ist festzuhalten, dass selbst die Renaissancepäpste ein lotterhaftes, unmoralisches Privatleben geführt haben, aber niemals die Lehre als solche angriffen: gleich ob Alexander VI., Julius II. oder Leo X. Die düsterste Zeit bleibt jene im 9. und 10. Jahrhundert, als man selbst vor Leichenschändung nicht zurückschreckte, um den vorherigen Rivalen zu denunzieren. Von solchen Szenen sind wir heute weit entfernt. Sie geschahen aber nicht, weil diese Vertreter besonders unchristlich waren; sie geschahen, weil das Christentum streitbar war, weil die Frage blieb, was einen Christen ausmachte, weil die Erfüllung eines Amtes auch Konsequenzen bedeutete. Papstabsetzungen übernahm meistens das aufgebrachte römische Volk. Heute dagegen schwänzt es die Messe auf dem Petersplatz.

Der derzeitige Pontifex ist daher auch keine Ausnahme. Bezeichnend ist, dass er im Stile eines Politikers die Kirche als Weltorganisation führt. Anders als Alexander VI. hat er dabei keine negative Presse; einerseits, weil er dem Zeitgeist als „moralisch“ annehmbar erscheint, andererseits, weil seine außenpolitischen Erfolge weit hinter dem zurückbleiben, was Borgia auffahren konnte. Während Rodrigo jedoch keinen Zweifel daran hatte, wie mit einem Savonarola umzugehen sei, wenn er sich nicht Rom beugte, nimmt es Jorge sehr locker, wenn es um Häresien in der Kirche geht. Und während der Spanier ein Ende der Kurtisanen in klerikalen Kreisen forderte, verschiebt der Argentinier die Bekämpfung des Missbrauchsskandals auf ein andermal. Dennoch ist es bis heute anrüchig, sich eher im Team Borgia als im Team Bergoglio zu verorten; wie im Übrigen überhaupt die Kirche nicht nur einen einzigen Pontifex hervorbrachte, und Kritik an hundert toten Päpsten im Angesicht eines lebenden recht wohlfeil ist. Ganz abgesehen davon täten der Kirche statt der öden 68er-Bescheidenheit mehr Blattgold, mehr Anbetung und mehr Elefanten wohl, so ich denn hier überhaupt eine Empfehlung abgeben will. Aber statt in Asien zu missionieren und möglichst exotische Tiere heimzubringen, ist es wohl heute jesuitische Absicht, in China die darbenden Katholiken zu verraten und Konkordate zu schließen oder in den USA die Agenda der LGBT-Ideologen voranzutreiben. Chinesische Staatskirche und Regenbogenfarben statt japanischen Martyriums. Man muss eben mit der Zeit gehen.

Die Caritas als Stütze der EU, die deutschen Bischöfe als Streiter gegen Gegner der hiesigen Parteienestablishments, die evangelische Kirche als Initiatorin eines neuzeitlichen Serapeums samt Humanitätskult, die Jesuiten als Apologeten von Schwulen- und Lesbenrechten, der Papst als Stütze des chinesischen Staatskatholizismus. Es ließen sich weitere Beispiele aufführen, sie machten die Liste jedoch nur länger aber nicht gehaltvoller. Vielleicht hoffen einige Kirchenvertreter, das Christentum könne sich als Staatsphilosophie ähnlich dem Konfuzianismus retten, oder eben als eine synkritische Weltreligion, die mit Islam und Hinduismus kompatibel wird. Dieser Christianismus wird dann allerdings denselben Weg gehen wie die antike Glaubenswelt. Eine lebendige, kräftige Religion wird sie davonfegen und an die Stelle des Larifaris feste Normen, feste Riten stellen. Die Sehnsucht nach Ordnung und Gewissheit ist stark in der menschlichen Seele veranlagt. Jesus hat mehr gesagt, als dass man nur nett zueinander sein soll. Und diejenigen, die einen Christianismus befeuern, dürfen sich auch nicht auf die Zusicherung Christi verlassen.

Ein marktwirtschaftlicher Dienstleister oder ein Lebensratgeber sind nichts, für das man stirbt und kämpft. Für das, was sich derzeit in der katholischen Welt Bahn bricht, ist der Heilige Stephanus nicht gestorben. Die Wattebauschigkeit der heutigen Tage zeigt, wie weit die Kirche von ihren Ursprüngen, auf die sie immer wieder verweist, entfernt ist; aber eben nicht nur von ihren Ursprüngen, sondern eben auch von ihrer spätantiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte. Sie verleugnet nicht nur ihre eigenen Regeln, sie verleugnet sich damit selbst. Indem sie nicht offen spricht, nicht verkündet, nicht zu ihren Inhalten steht. Indem sie nicht offen und ehrlich korrespondiert, was wirklich wichtig ist. Indem sie zurückweicht, Anschluss sucht, statt Streit und Diskussion auszutragen. Brückenbauen ist wichtiger geworden, als Fundamente zu renovieren. Vielleicht weil sie denkt, sich damit beliebter zu machen, anpassungsfähiger, freundlicher, moderner. Dass das niemals funktionieren kann, hat sie auch in den letzten dreißig Jahren nicht gelernt. Sie wird neuerlich scheitern, wenn sie nicht erkennt, dass sie durch die Wahrheit, durch Christus an Kraft gewinnt, und nicht etwa, weil sie den Messias möglichst gut versteckt und verpackt.

Niemand liebt Feiglinge. Niemand liebt Heuchler. Wir wurden zur Größe berufen.

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