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Lessing ist überbewertet

15. Dezember 2018
Kategorie: Europa | Freiheit | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Italianità und Deutschtum | Machiavelli | Philosophisches

In jüngster Zeit hat aufgrund immigratorischer Gegebenheiten wieder einmal „Nathan der Weise“ Hochkonjunktur, und das bereits seit geschlagenen drei Jahren. Mittelmäßig intelligente Schreiberlinge ziehen das Bühnenstück aus dem späten 18. Jahrhundert heran, wann es immer passt. So, als bräuchte es neuerlich eine Aufführung wie 1945, diesmal nicht, um dem Dritten Reich einen Schlusspunkt zu setzen, sondern ein Viertes bereits im Keim zu ersticken.

Dabei ist Nathan der Weise vor allem ein Beispiel dessen, wie man es nicht macht. Womöglich ist es das früheste Exempel einer Geisteshaltung, die auch den besten Stoff zu Grabe trägt, wenn die eigene Weltanschauung wertvoller gilt als die Qualität des Werkes. Zur Verteidigung Lessings kann man vielleicht anführen, dass er erst im letzten Stück diesen Fehler macht, Bertold Brecht dagegen diesen Fehler vom ersten Stück an.

Es hieße aber, Lessing missverstehen zu wollen: denn dem Drama um den jüdischen Weisen und die drei monotheistischen Religionen geht ein jahrelanger Streit des Deisten mit einem evangelischen Hauptpastor voraus, der dermaßen eskaliert, dass er von seinem Herrn – Herzog Karl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel – vorgeschrieben bekommt, sich nie wieder zum Thema Religion zu äußern. Ein Jahr später setzt sich Lessing an den „Nathan“.

Das Drama ist demnach genau das Gegenteil dessen, wofür es gehalten wird. Der Nathan ist nicht versöhnlich und schon gar nicht tolerant, sondern er trägt eine aggressive Ideologie in Theaterform nach draußen: „Ich, Lessing, habe mit meinen Überzeugungen im Gegensatz zu den engstirnigen Religionsvertretern recht. Alle Religionen sind gleich, wenn man sie sich genau betrachtet. So und nicht anders muss es sein.“ Womöglich erfreut sich auch deswegen das Stück solcher Beliebtheit im deutschsprachigen Raum: der erhobene Zeigefinger, wie er uns noch heute in Produktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens entgegentritt, ist in diesem Drama allgegenwärtig. Heute würde Lessing sich vielleicht für den „Tatort“ als Drehbuchautor verdingen.

Man mag sich vielleicht auch nicht zuletzt aus verdrängter Schullektürenerfahrung wenig dazu durchringen, besonders gut über die Galotti oder die Minna urteilen zu wollen. Sie sind aber in der Gesamtschau die definitiv besseren Stücke. Für den Aufklärer Lessing – auch aufklärerische Gedanken sind ideologische Gedanken, was heute kaum noch einer zugibt – ist aber der Nathan selbst wohl das Hauptwerk geblieben, weil es eine viel weitergehende Botschaft hatte.

Dies soll daher auch gar keine Abwertung des Dramatikers Lessing sein, sondern eine Abwertung des Aufklärers Lessing. Der Vorwurf inhaltlicher und handwerklicher Art des Nathans speist sich daraus: die Kritik an dem Stück wäre vermutlich nicht so hart, wenn man nicht genau wüsste, dass es Lessing eigentlich besser könnte. Es verhält sich aber zum Beispiel im Streitdialog im Nathan genau so, wie es schon Crescenzia auf ihrer Seite richtig dargestellt hat: Nathan gibt gar keine echten Antworten auf die Fragen des Sultans, sondern weicht aus, stellt Scheinfragen und zieht das Thema auf ein anderes Territorium, auf dem er sich sicherer fühlt. Das erinnert an die Schriften gegen Hauptpastor Goetze, wo Lessing viel weniger Sachargumente bringt, als man denken mag, sondern eher mit rhetorischen Fragen, Polemiken und intellektuellem Stil seinen evangelischen Gegner dumm ausschauen lässt. Inhaltlich sind diese Schriften eher mau und hätten wohl bei einem jesuitischen Gegner der damaligen Zeit weit weniger Eindruck gemacht.

Anders als Crescenzia möchte ich aber hier gar nicht so sehr auf die theologischen Lücken und Scheinargumente des Aufklärers eingehen. Es gibt zwei Kritikpunkte, die beim Nathan fast nie ins Gewicht fallen: da ist zuerst eine Haltung, die man als humanitär oder eben auch als sentimental bezeichnen kann und ganz zum Schluss im vermutlich dümmsten möglichen Ende gipfelt, nämlich, dass alle irgendwie verwandt sind (Ich ihr Bruder? – Sie Geschwister! – Ah! Mein Bruder! – Mein Bruder Assad! – Meine Neffen! – Meines Assads Sohn!). Ja ja, Verwandtschaft der Religionen und so. Wenn man allerdings der Meinung ist, dass die drei Religionen nun einmal grundverschieden und nicht austauschbar sind, ist der Drops mit der Verwandtschaft schnell gelutscht und mutet unsagbar peinlich an.

Der zweite Einwand ist aber der viel interessantere: nämlich der Vergleich eines Vorgängers des Nathan mit dem Werk, das am Ende daraus geworden ist. Die Wandlung einer Novelle Boccaccios hin zum aufklärerischen Drama Lessings ist aus mehreren Gründen bemerkenswert, weil an ihr der Unterschied der Mentalitäten sehr deutlich wird: insbesondere der Unterschied zwischen der Mentalität Alteuropas und jener, die heute das Wesen der Menschen beherrscht. Dass ich die Novelle von gestern als „bessere Ringparabel“ betitelte, hat seine Gründe: die Geschichte ist in ihrem Ursprung runder.

Was Boccaccio uns im Gegensatz zu Lessing sagen will, steht dabei bereits am Anfang der Geschichte: es geht nicht etwa um Philosophie und Humanität, sondern um Klugheit. Für einen Italiener liest sich die Novelle so: der Jude wird nicht so sehr seiner Weisheit wegen hervorgehoben, sondern wegen seiner „Furbezza“, das heißt seiner Schläue. Denn anders als Nathan ist Melchisedech „geizig“, eine Vorbildfunktion ist nirgendwo zu finden. Melchisedech ist ein gewiefter Fuchs, der dafür belohnt wird, dass er sein Vermögen vor dem Übergriff der Mächtigen wahrt. Machiavelli und das heutige Verhältnis der Italiener zur Steuer lassen grüßen. Inhalt der Geschichte ist es daher, wie man mit klugen Worten seinen Hals aus der Schlinge ziehen kann, nicht, dass die drei Religionen gleich seien.

So ist demnach auch das Ende der Novelle zu verstehen, dass die Frage nach der richtigen Religion noch offenbleibt. Bei Boccaccio bleibt diese Andeutung im Dunklen, hier gibt es keinen Richter, keine moralische Belehrung, seine Religion zur „besseren“ zu machen, nicht einmal einen Streit sondern nur ein stummes Ende. Womöglich, weil der Italiener des 14. Jahrhunderts die Andeutung versteht: das Jüngste Gericht, das außerhalb der Weltgeschichte liegt, wird schon zeigen, wer im Himmel, wer in der Hölle landet.

Losgelöst vom leichtlebigen Dekameron, das erklärt „wie die Torheit gar manchen aus seiner glücklichen Lage reißt und in tiefes Elend stürzt, so den Weisen seine Klugheit aus großer Gefahr errettet und ihm vollkommene Ruhe und Sicherheit gewährt“ macht der norddeutsche Lessing aus der „gewitzten Geschichte“ ein großes Humanitätsdrama. So nimmt Lessing das Argument zwar auf, dass die Völker an Erbschaft, an Besitz, an Glauben festhalten – er verabsolutiert es aber so, als hätte die Ringparabel mehr zu bedeuten als das Schnippchenschlagen auf einem alexandrinischen Basar. Die Ringparabel im Dekameron erscheint bereits vor Boccaccio in verschiedenen Ausfertigungen, sie hatte aber nie den Anspruch, die „Wahrheit“ oder „Fakten“ zu enthalten. Die Botschaft ist: ein Schwacher kann sich mit klugen Worten auch vor Starken schützen. Dass ein Jude die Parabel im Angesicht eines Muslims – in der europäischen Tradition der weiseste und gütigste Vertreter dieser Religion – erzählt, beinhaltet auch einen Subtext: es handelt sich hier um Ungläubige. Im Gegensatz zu Lessing tritt kein Christ auf, und täte er es, würde es der Geschichte einen ganz anderen Ton geben. Die Einführungsworte Neifiles machen klar, dass die christliche Religion natürlich die richtige ist, und die Parabel eine gut erfundene Scharade: mehr nicht.

Lessings Fehler liegt darin begründet, dass er eine Novelle nimmt, die im Grunde gar nicht für sein Thema geeignet ist: er nimmt den Stoff „ernst“. Und er verschlimmbessert Boccaccios Version. So führt Lessing einen Prozess ein, behauptet gar, der wahre Ring hätte magische Kräfte, die einen beliebt machten. Und zuletzt: dass der wahre Ring womöglich verloren gegangen sei! So, als gäbe es gar keine Wahrheit, sondern nur die, die man selbst lebt. Das ist zwar feines Gesinnungstheater, geht aber alles gar nicht mehr auf, wenn man genauer hinschaut: weder hat irgendeine Religion je daran Interesse gehabt „zu gefallen“ (das ist ja eher der Grundzug des Hedonismus und Relativismus, dessen Ursprung in Lessings Zeiten zu suchen ist), noch macht es die Sache besser, wenn Lessing behauptet, der Ring gebe sich durch die Taten der Religion zu erkennen. Hier fällt Lessing unterbewusst auf seine kulturell-christliche Prägung ein, die er für eine aufklärerische hält: Lessing behält die Nächstenliebe als höchstes Gebot, lässt aber alles Christliche ansonsten weg. Die Idee, dass der Wert einer Religion in ihrer Liebe zu den Menschen läge, ist höchstens im Christentum zu finden. Demnach legt der Aufklärer immer noch christliche Maßstäbe an seine Objekte an, scheint aber völlig zu verdrängen, von wem er den Maßstab übernimmt.

Diese theoretische „Daueroffenbarung“ ist dabei ein Bärendienst, der vielleicht für das aufklärerische Europa annehmbar ist, aber kaum für wirkliche Gläubige. Aus der einmaligen Offenbarung des Gottessohns wird ein schnöder Wettbewerb um die schönsten Früchte. Historisch hat dieses Argument schon ein Problem, weil das Christentum die ersten drei Jahrhunderte seiner Geschichte im Geheimen vor sich hinbrütete. Theologisch konstruiert Lessing aber mit diesem Wettbewerbsgedanken ein Problem für alle drei Religionen, deren Offenbarung unantastbar ist. Im Grunde schafft Lessing eine vierte Humanitätsreligion mit christlichem Charakter, die auf einer solchen Basis aufbaut, aber somit für die drei abrahamitischen Vertreter unannehmbar sein muss. Die Wahrheit offenbart sich nicht, sie ist offenbart worden. Ein Jesuswort wird plötzlich wichtiger als Jesus selbst.

Lessings Tragik tritt zutage: er kennt die Ursprünge des eigenen Denkens und der eigenen moralischen Vorstellungen nicht mehr. Der Aufklärer verleugnet sie sogar zugunsten eines Deismus, der zwar ein göttliches Wesen kennt, aber keine Religion, in der sich dieses göttliche Wesen offenbart hat. Im Grunde hängt er einer christlichen Häresie ohne Christus an. Die Crux der Aufklärung, die bis heute gilt, wird offenbar: sie kann im Grunde nur in einem Milieu existieren, die kulturell vom Christentum vorgeprägt wurde. Sie ist in einem Kerngebiet muslimischer oder fernöstlicher Religion in dieser Weise wohl gar nicht vermittelbar, sieht man von der dortigen Elite ab, die sich unter Kappung ihrer regionalen Wurzeln „verwestlicht“ hat.

Der Mensch des 18. Jahrhunderts betritt in dieser Geistessphäre einen gefährlichen Weg. Nachdem sich der Atheist auch des letzten Ballasts entledigt hat, stellt sich folgerichtig die Frage, an welchen Richtlinien sich menschliches Tun noch ausrichten soll. Lessing und Konsorten, die wissen, an wessen Wesen die Welt genesen soll, sind dabei weniger Wegbereiter von Toleranz, sondern tragen einen Keim in sich, der mit der Französischen Revolution sein wahres Gesicht zeigt. Toleranz wird dann nicht mehr gepredigt, sondern eingefordert, mit allen Mitteln – wenn nötig, auch mit Massakern wie in der Vendée.

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