Merkel Bonnplakat

Thronfolge

8. Dezember 2018
Kategorie: Ironie | Machiavelli | Non enim sciunt quid faciunt

Machiavelli hätte gestern einen weiteren Beleg dafür gefunden, weshalb wir in Deutschland in einer Monarchie und in keiner Republik leben. Es war eine Krönungszeremonie: die Königin dankte freiwillig zugunsten der von ihr bereits designierten Prinzessin ab. Kritik an ihr: Majestätsbeleidigung. Die Verabschiedung: ein letzter Rausch.

Das wurde schon an Merkels Rede deutlich, die sich nicht so sehr von anderen abhob, außer, dass sie vielleicht etwas verständlicher war als sonst. Auffällig: bereits in ihrer Rede hob sie die großen Erfolge im Saarland, NRW und Schleswig-Holstein hervor. Übersetzt hieß das, dass besonders jene Regierungen Wahlerfolge hatten, die sich auf ihre Seite stellten und den „Modernisierungskurs“ als Anhänger des Merkelianismus fuhren. Die CDU sei jetzt eine andere als 2000 und „das ist gut so“. Der Seitenhieb gegen Merz war deutlich wie die Sympathie für Kramp-Karrenbauer. Ansonsten viele Erinnerungen an ihre Anfangstage, als die CDU im Spendensumpf steckte. Die Schicksalsstunde habe die Partei – das heißt: sie – gemeistert. Die Deutsche Christdemokratie habe nicht dasselbe Elend wie die italienische DC ereilt. Zehn Minute Applaus gab es nach einem Potpourri schöner Erinnerungen.

Der Zeremonienmeister Bouffier folgte. Er wies auf die lange Herrschaftszeit der Kanzlerin hin, die nicht nur viele Fußballtrainer habe kommen und gehen sehen, sondern auch drei Päpste. Wieder der machiavell’sche Gedanke, dass in einer Republik jeder austauschbar ist und nur auf Zeit regiert, bei Merkel dagegen diese Maßstäbe verloren gegangen sind. Dann kam der eigentliche Moment, in dem so vieles deutlich wurde, was in diesem Land schiefläuft: die Geschenkübergabe.

Ausgerechnet den Taktstock von Kent Nagano bekam Merkel verliehen. Der dirigierte beim G20-Gipfel Beethovens Ode an die Freude in der Elbphilharmonie, mit Merkel und dem Establishment des Landes in den vordersten Reihen; indes brannten draußen Autos, wurden Scheiben eingeschlagen und beherrschte der linksradikale Mob die Straßen. Dass der Ruf des Hamburger Prestigeobjekts hinsichtlich Akustik wie auch Kosteneffizienz alles andere als unzweifelhaft war, klammerte man an diesem Tag ebenso aus wie den neronischen Brand außerhalb des Gebäudes. Vielleicht kam Frau Merkel bei der Stabübergabe ein wohliger Gedanke in den Sinn – historisch vergleichbar mit der Nostalgie mancher Passagierin der ersten Klasse, die sich an die Band auf der Titanic zurückerinnerte.

Der Ironiker hätte im Dirigentenstab ein vergiftetes Geschenk erkennen können. Das war es nicht. Bouffier meinte es ernst. Die gesamte CDU meinte es ernst. Wie alle Narren, die nicht erkennen, dass sie welche sind.

Es folgten panegyrische Untermalungen der Kanzlerschaft einer Person, der man immer wieder die Codeworte „Physikerin“, „Frau“, „DDR“ und christlich-evangelische Hintergründe anheftete – oder eben in der Spielart: Menschlichkeit – die man aber in Wirklichkeit bis heute nahezu kaum kennt. Dass es eine zahme Rebellion in den Reihen der ehemaligen Konservativen gab, zeigten Zwischenrufe aus Sachsen und Baden-Württemberg. Es war Michael Weickert, der als erstes die Merkel-Party sprengte. Er warnte vor grünen und dunkelroten Experimenten, hob die SED-Vergangenheit der LINKEN hervor, und verwies auf unvernünftige Ideen dieses Lagers wie den Ausstieg aus der Kohleenergie. Die Migrationspolitik kritisierte er scharf. Nicht das Zerwürfnis mit der CSU sah er als Problem an; sondern die Gründe, aus denen dieses erwachsen war. Am Ende hoffte er auf Merz. In eine ähnliche Wunde stach sein Nachfolger am Pult, Wolfgang Reinhart, der darauf hinwies, dass die Ereignisse von 2015 für die Deutschen eine ähnliche Dramatik besessen hätten wie der Mauerbau oder der 11. September. Applaus bekamen beide so gut wie gar nicht, es herrschte gespenstische Ruhe, als hätten die Vertreter einer anderen Partei aus Zufall eine Rede gehalten, mit deren Inhalten die einstige Volkspartei rechts der Mitte nichts anfangen konnte.

Die Krönung des rhetorischen Widerstands bildete der baden-württembergische Delegierte Eugen Abler. Ein liebenswürdiges Fossil der Union, zugleich ein Rachegeist aus längst vergangenen Zeiten. Abler prangerte die Untätigkeit angesichts des Lebensschutzes an, geißelte die tagtäglichen Abtreibungen in Deutschland, wies darauf hin, dass man die eigenen möglichen Facharbeiter abtötete, die man durch die Migration zu bekommen hoffte. Ohne diese demographische Selbstzerstörung bräuchte es keine Migranten. Das Desinteresse daran steigerte er im Vorwurf, dass Merkel das „C“ im Namen der Partei zum Verlöschen gebracht hätte, sie habe lieber Gender die Toren und Türen geöffnet und sich den Grünen angebiedert. Dafür hätte die CDU links kaum etwas gewonnen und rechts viel verloren. Merkel habe die Konservativen ihrer Heimat beraubt und die CDU entkernt. Die Unterschrift unter dem Migrationspakt nannte Abler wörtlich einen „Landesverrat“ und prognostizierte, die Folgen des GCM seien schlimmer als 2015.

An dieser Stelle ertönten Pfiffe und Zwischenrufe. Applaus regte sich – auch bei der Abtreibungsdiskussion – kein einziges Mal. Es war wohl einer der prägendsten Eindrücke dieses Parteitags: eine Partei, die mit ihren Ursprüngen und Wurzeln nichts mehr zu tun hatte und jede Aufwallung außerhalb der Machtfrage mit Achselzucken und Befremden beantwortete.

Die Reden der drei Kandidaten waren dann auch vorhersehbar. Bei Kramp-Karrenbauer ein gefühliges Statement mit vielen Worten, aber keinem greifbaren Gedanken. Ein Hinweis, dass AKK nicht wie „Mutti“ ist, sondern eine „neue Mutti“ mit eigenem Stil. Die Luft im Saal roch bereits nach ihrer Wahl. Die in 18 Jahren von Merkels Reden Eingelullten fühlten sich an die behaglich-gemütliche Vergangenheit erinnert, die man jetzt als Zukunft ausgeben würde. Merz mit seinen auf Fakten, programmatischen Ankündigungen basiertem Angebot, von Freiheit, Selbstverantwortung – das klang alles wie aus einer heroischen Parallelwelt, welche die CDU nur noch aus alten Mythen kennt. Merzens Rede war rhetorisch und intellektuell weit überlegen. Aber in einer Partei der Mittelmäßigkeit sind solche Qualifikationen nicht mehr nötig und irritieren. Spahns Abschlussrede war dann eher ein Ringen um das Selbstbild zu erhalten. Das hat funktioniert – mehr auch nicht.

Die Fragerunde an die Kandidaten wirkte wie ein inszeniertes Spiel. Auffällig viele Damen, die wohl der Frauen-Union angehörten, stellten der gefühlten neuen Vorsitzenden Fragen, die sie spielend beantwortete. Fragen an andere Kandidaten waren selten, und wenn, dann wurden sie – wie im Fall Abler, der sich nochmal vorwagte – unergiebig beantwortet. Dass die nachfolgende Abstimmung dann doch knapper ablief als gedacht, war die einzige Überraschung des Parteitags. Im ersten Wahlgang 450 Stimmen für AKK, 392 für Merz, 157 für Spahn. Das Endergebnis bestätigte dann nur eines: nämlich die These, dass Spahn mitnichten dem „konservativen“ Lager der CDU angehört und Merz Stimmen abstritt. Nach dem Ausfall Spahns waren es im zweiten – und letzten Wahlgang – 517 Stimmen für die neue Vorsitzende und 482 Stimmen für Merz. Heißt: immerhin ein Drittel der Spahn-Wähler wählten Kramp-Karrenbauer. Es waren die entscheidenden Stimmen.

Was danach erfolgte, war die Inthronisation der Nachfolgerin von Merkels Gnaden. Es war ein Ergebnis, das wissen ließ: im Zweifelsfall hätte die CDU an diesem Tag ihre Ewige Kanzlerin nochmals bestätigt, wenn sie denn gewollt hätte. Einen Trost gab die christdemokratische Monarchin ihren willfährigen Untertanen mit: sie bleibe ja drei weitere Jahre Kanzlerin.

Die Königin und ihre designierte Regentin: welch schönes Bild! Einzig das knappe Ergebnis von 52:48 hinterließ ein paar Narben. Die Sektkorken, die an diesem Abend zum Salut am lautesten geknallt haben, dürften daher nicht aus Hamburg, sondern aus der AfD-Zentrale stammen.

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