Erasmus

Freier Wille und mohammedanischer Fatalismus

4. Dezember 2018
Kategorie: Europa | Freiheit | Fremde Federn | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Philosophisches

In Stefan Zweigs „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ finden wir im 10. Kapitel – Die große Auseinandersetzung – folgende Passage, welche den aufkeimenden Streit zwischen Luther und Erasmus behandelt:

Der literarische Klatsch ist nicht Eigenheit einer bestimmten Zeit, sondern aller Zeiten; auch im sechzehnten Jahrhundert, da die Geistigen nur dünn und scheinbar unverbunden über die Länder verstreut sind, bleibt nichts geheim in diesem ewig neugierigen, engmaschigen Kreis. Noch ehe Erasmus die Feder ansetzt, noch ehe überhaupt gewiß ist, ob und wann er sich zum Kampf stellen wird, weiß man bereits in Wittenberg, was in Basel geplant wird. Luther hat längst schon mit diesem Angriff gerechnet. »Die Wahrheit ist mächtiger als die Beredsamkeit«, schreibt er bereits 1522 an einen Freund, »der Glaube größer als die Gelehrsamkeit. Ich werde Erasmus nicht herausfordern, noch gedenke ich, wenn er mich angreifen sollte, sogleich zurückzuschlagen. Jedoch scheint es mir nicht ratsam, daß er die Kräfte seiner Beredsamkeit gegen mich richte … sollte er es dennoch wagen, so würde er erfahren, daß Christus sich weder vor den Pforten der Hölle noch vor den Mächten der Luft fürchtet. Ich will dem berühmten Erasmus entgegentreten und nichts geben auf sein Ansehen, seinen Namen und Stand.«

Dieser Brief, der selbstverständlich bestimmt ist, Erasmus mitgeteilt zu werden, enthält eine Drohung, oder vielmehr eine Warnung. Hinter den Worten spürt man, daß Luther in seiner schwierigen Lage einen Federdisput lieber vermeiden möchte, und auf beiden Seiten greifen jetzt Freunde vermittelnd ein. Sowohl Melanchthon wie Zwingli suchen um der evangelischen Sache willen zwischen Basel und Wittenberg noch einmal Frieden zu stiften, und schon scheint ihr Bemühen auf bestem Wege. Da entschließt sich Luther unvermuteterweise, selbst an Erasmus das Wort zu richten.

Aber wie hat sich der Ton geändert seit den wenigen Jahren, da Luther mit höflicher und überhöflicher Demut an den »großen Mann« mit der Verbeugung eines Schülers herantrat! Das Bewußtsein welthistorischer Stellung, das Gefühl seiner deutschen Sendung verleiht jetzt seinen Worten ein erzenes Pathos. Was bedeutet ein Feind mehr für Luther, der bereits gegen Papst und Kaiser und gegen alle Mächte der Erde im Kampf steht? Er ist des heimlichen Spieles satt. Er will nicht Ungewißheit und laues Paktieren. »Ungewisse, zweifelhafte, wankende Wort und Rede soll man weidlich panzerfegen, durch die Rolle laufen lassen, flugs zausen und nicht gut sein lassen.« Luther will Klarheit. Zum letztenmal streckt er Erasmus die Hand hin, aber schon ist sie mit dem Eisenhandschuh bewehrt.

Die ersten Worte klingen noch höflich und zurückhaltend: »Ich habe nun lange genug stille gesessen, mein lieber Herr Erasmus, und ob ich wohl gewartet habe, ob Ihr als der Größere und Ältere zuerst dem Stillschweigen ein Ende bereitet, so drängt mich doch nach langem Warten die Liebe, den Anfang im Schreiben zu machen. Auf das erste habe ich nichts einzuwenden, daß Ihr Euch fremd gegen uns eingestellet, damit Euer Handeln den Papisten gut dünke …« Aber dann bricht mächtig und beinahe verächtlich der innere Unmut gegen den Zauderer durch: »Denn weil wir sehen, daß Euch vom Herrn eine solche Standhaftigkeit, ein solcher Mut und Sinn noch nicht gegeben ist, daß Ihr den Kampf gegen dies Ungeheuer billigt und getrost an unserer Seite ihm entgegengehet, so wollen wir nicht von Euch verlangen, was über das Maß meiner eigenen Kräfte ist … Ich hätte aber lieber gesehen, Ihr hättet Euch mit Hintansetzung Eurer Gaben in unseren Handel nicht eingemischt, denn obwohl Ihr mit Eurem Stand und Eurer Beredsamkeit viel hättet erreichen können, so wäre es doch, da Euer Herz nicht mit uns ist, besser, Ihr dientet Gott nur mit dem Euch anvertrauten Pfund.« Er bedauert des Erasmus Schwäche und Zurückhaltung, schließlich aber schleudert er das entscheidende Wort hin, die Wichtigkeit dieses Handelns sei längst über Erasmus‘ Ziel hinaus, und es bedeute keine Gefahr für ihn mehr, wenn er, Erasmus, auch mit aller Gewalt gegen ihn auftrete, und noch weniger, wenn er nur ab und zu ihn etwas stichle und schmähe. Herrisch und fast befehlshaberisch fordert Luther Erasmus auf, sich aller »beißenden, rhetorischen und verblümten Rede zu enthalten«, und vor allem, wenn er nichts anderes tun könne, »nur Zuschauer unserer Tragödie zu bleiben« und sich nicht den Widersachern Luthers beizugesellen. Er solle ihn nicht mit Schriften angreifen, so wie er, Luther, seinerseits nichts gegen ihn unternehmen wolle. »Es ist nun einmal genug gebissen, wir müssen nun zusehen, daß wir uns nicht untereinander verzehren und aufreiben.«

Einen Brief dieser hochfahrenden Art hat Erasmus, der Herr des humanistischen Weltreichs, noch von niemandem empfangen, und trotz aller inneren Friedfertigkeit ist der alte Mann nicht gewillt, sich von demselben Mann, der früher einmal demütig seinen Schirm und Schutz erbeten, dermaßen von oben herab abkanzeln und als gleichgültigen Schwätzer behandeln zu lassen. »Ich habe besser für das Evangelium gesorgt«, antwortet er stolz, »als viele, welche sich jetzt mit dem Evangelium brüsten. Ich sehe, daß diese Erneuerung viel verderbte und aufrührerische Menschen erzeugt hat, und ich sehe, daß es mit den schönen Wissenschaften den Krebsgang geht, daß Freundschaften zerrissen werden, ich fürchte, daß ein blutiger Aufruhr entstehen wird. Mich aber wird nichts veranlassen, das Evangelium menschlichen Leidenschaften preiszugeben.« Mit Nachdruck erwähnt er, wieviel Dank und Beifall er bei den Mächtigen gefunden hätte, wenn er bereit gewesen wäre, gegen Luther aufzutreten. Aber vielleicht nütze man wirklich mehr dem Evangelium, wenn man gegen Luther das Wort nehme, an Stelle der Törichten, die sich so laut für ihn einsetzten und um derentwillen es nicht anginge, »bloß Zuschauer dieser Tragödie zu bleiben«. Die Unbeugsamkeit Luthers hat den schwankenden Willen des Erasmus erhärtet: »Möge es nur nicht wirklich ein tragisches Ende nehmen«, seufzt er in düsterer Ahnung auf. Und dann greift er zur Feder, seiner einzigen Waffe.

Erasmus ist sich vollkommen bewußt, welchem riesenhaften Gegner er entgegentritt, er weiß vielleicht im tiefsten sogar um die kämpferische Überlegenheit Luthers, der mit seiner Zornkraft bisher jeden Widersacher zu Boden geschlagen. Aber die eigentliche Stärke des Erasmus besteht darin, daß er – seltenster Fall bei einem Künstler – seine eigene Grenze kennt. Er weiß, dieses geistige Turnier spielt sich ab vor den Augen der ganzen gebildeten Welt, alle Theologen und Humanisten Europas warten mit leidenschaftlicher Ungeduld auf dies Schauspiel: so gilt es, eine uneinnehmbare Position zu suchen, und Erasmus wählt sie meisterhaft, indem er nicht unbedacht gegen Luther und die ganze evangelische Lehre anrennt, sondern mit wirklichem Falkenauge einen schwachen oder zumindest verwundbaren Einzelpunkt des lutherischen Dogmas für seinen Angriff erspäht: er wählt eine scheinbar nebensächliche Frage, aber in Wirklichkeit eine Kernfrage in Luthers noch ziemlich schwankem und unsicherm theologischen Lehrgebäude. Selbst der Hauptbeteiligte, selbst Luther wird »sehr loben und preisen« müssen, »daß Du von allen meinen Widersachern allein den Kern der Sache erfaßt hast; Du bist einzig und allein der Mann gewesen, der den Nerv der ganzen Sache ersehen hat und in diesem Kampf hart an die Gurgel gegriffen«. Erasmus hat mit seinem außerordentlichen Kunstverstand sich für diesen Zweikampf statt des festen Standpunktes einer Überzeugung lieber den dialektisch glatten Boden einer theologischen Frage gewählt, auf dem ihn dieser Mann der eisernen Faust nicht völlig zu Boden schlagen kann und wo er sich von den größten Philosophen aller Zeiten unsichtbar geschirmt und gedeckt weiß.

Das Problem, das Erasmus zum Zentrum der Auseinandersetzung macht, ist ein ewiges jedweder Theologie: die Frage nach der Freiheit oder Unfreiheit des menschlichen Willens. Für Luthers augustinisch strenge Prädestinationslehre bleibt der Mensch ewig der Gefangene Gottes. Kein Jota freien Willens ist ihm zuteil, jede Tat, die er tut, ist Gott längst vorbewußt und von ihm vorgezeichnet; durch keine guten Werke, durch keine bona opera, durch keine Reue kann also sein Wille sich erheben und befreien aus dieser Verstrickung vorgelebter Schuld, einzig der Gnade Gottes ist es anheimgestellt, einen Menschen auf den rechten Weg zu führen. Eine moderne Auffassung würde übersetzen: wir seien in unserem Schicksal gänzlich von der Erbmasse, von der Konstellation beherrscht, nichts also vermöge der eigene Wille, sofern Gott nicht in uns will – auf goethisch gesagt:

»aller Wille
Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten,
Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille …»

Einer solchen Anschauung Luthers kann Erasmus, der Humanist, der in der irdischen Vernunft eine heilige und von Gott gegebene Macht erblickt, nicht beipflichten. Er, der unerschütterlich glaubt, daß nicht nur der einzelne Mensch, sondern die ganze Menschheit durch einen redlichen und geschulten Willen sich zu immer höherer Sittlichkeit zu entfalten vermöge, muß einem solchen starren und fast mohammedanischen Fatalismus im tiefsten widerstreben. Aber Erasmus wäre nicht Erasmus, sagte er zu irgendeiner gegnerischen Meinung ein schroffes und grobes Nein; hier wie überall lehnt er nur den Extremismus ab, das Schroffe und Unbedingte an Luthers deterministischer Auffassung. Er selbst habe, sagte er in seiner vorsichtig pendelnden Art, »keine Freude an festen Behauptungen«, er neige persönlich immer zum Zweifel, aber gern unterwerfe er sich in solchen Fällen den Worten der Schrift und der Kirche. In der Heiligen Schrift wiederum seien diese Auffassungen geheimnisvoll und nicht ganz ergründlich ausgedrückt, darum finde er es auch gefährlich, so resolut wie Luther die Freiheit des menschlichen Willens vollkommen zu leugnen. Er nenne keineswegs Luthers Auffassung völlig falsch, aber er wehre sich gegen das »non nihil«, gegen die Behauptung, daß alle guten Werke, die ein Mensch tue, vor Gott gar keine Wirkung hätten und deshalb völlig überflüssig seien. Wenn man, wie Luther, alles einzig der Gnade Gottes anheimstelle, was hätte es dann für die Menschen überhaupt noch für einen Sinn, Gutes zu tun? Man solle also, schlägt er als ewiger Vermittler vor, dem Menschen wenigstens die Illusion des freien Willens lassen, damit er nicht verzweifle und ihm Gott nicht als grausam und ungerecht erscheine. »Ich schließe mich der Meinung derer an, die einiges dem freien Willen anheimstellen, aber einen großen Teil der Gnade, denn wir sollen der Scylla des Stolzes nicht auszuweichen suchen, um in die Charybdis des Fatalismus gerissen zu werden.«

Man sieht, selbst im Streit kommt Erasmus, der Friedfertige, seinen Gegnern auf das äußerste entgegen. Er mahnt auch bei diesem Anlaß, man möge nicht die Wichtigkeit solcher Diskussionen überschätzen und sich selber fragen, »ob es richtig sei, um einiger paradoxer Behauptungen willen den ganzen Erdkreis in Aufruhr zu setzen«. Und wirklich, würde Luther ihm nur ein Quentchen nachgeben, nur um einen Schritt ihm entgegenkommen, so hätte auch dieser geistige Zwist in Frieden und Eintracht geendet. Aber Erasmus erhofft nachgiebiges Verständnis von der eisernsten Stirn des Jahrhunderts, von einem Mann, der in Dingen des Glaubens und der Überzeugung auch auf dem Scheiterhaufen noch keinen Buchstaben und kein Jota preisgeben würde, der als geborener und geschworener Fanatiker lieber zugrunde ginge oder die Welt zugrunde gehen ließe, als von dem winzigsten und gleichgültigsten Paragraphen seiner Lehre nur einen Zoll breit zu lassen. […]

Teilen

«
»