Oelberg

Constantinopolitana clades

27. November 2018
Kategorie: Europa | Freiheit | Fremde Federn | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Philosophisches

Am 15. Oktober 1454 hielt der päpstliche Legat Enea Silvio Piccolomini auf dem Frankfurter Reichstag eine vielbeachtete Rede. Sie handelte vorallem von der Eroberung Konstantinopels und einer möglichen Antwort der christlichen Länder in der Form eines neuen Kreuzzuges. Piccolomini – ab 1458 Papst Pius II. – bringt hier weit vor der Etablierung eines irgendwie gearteten Bürokratiemonsters Europa ins Spiel. Und die Abendlandleugner – hier ist Abendland wie schon früher gesagt „Occidens“ – dürften beim Text ziemlich schlucken, ebenso wie einige Christen, die nur den Pazifismus als politische Option sehen.

Konstantinopels Untergang, ehrwürdige Väter, erlauchte Fürsten und ihr anderen nach Stand und Bildung hervorragenden Männer, der für die Türken ein großer Sieg, für die Griechen die größte Katastrophe, für die Lateiner die höchste Schmach war, ängstigt und quält einen jeden von euch, wie ich glaube, umso mehr, je edler und besser ihr seid. Denn was kommt einem guten und edlen Mann ehr zu als sich um den Glauben zu sorgen, die Religion zu fördern, den Namen des Erlösers Christus wie er kann zu stärken und zu erhöhen? Aber nachdem nun Konstantinopel verloren, eine so große Stadt in die Gewalt der Feinde geraten, so viel Christenblut vergossen ist, so viele Gläubige in die Knechtschaft geführt sind, ist der katholische Glaube schwer verwundet, unsere Religion schändlich erschüttert, der Name Christi im Übermaß geschädigt und erniedrigt. Auch viele Jahrhunderte zuvor hat die Christengemeinschaft, wenn wir die Wahrheit bekennen wollen, niemals größere Schmach erlitten als jetzt. Denn in früheren Zeiten wurden wir in Asien und Afrika, das heißt auf fremdem Gebiet, verwundet, nun aber sind wir in Europa, das heißt im Vaterland, im eigenen Haus, an unserem Sitz erschüttert und niedergemetzelt worden. Und obwohl jemand sagen mag, die Türken seien doch [schon] vor vielen Jahren von Kleinasien nach Griechenland übergesetzt, die Tataren hätten sich diesseits des Don festgesetzt, die Sarazenen nach Überschreitung der Straße von Gibraltar einen Teil Spaniens okkupiert; so haben wir doch niemals eine Stadt oder einen Ort in Europa verloren, der Konstantinopel vergleichbar wäre. […] Und dieser so vorteilhafte, so nützliche, so notwendige Ort, ging dem Erretter Christus verloren und wurde Beute dem Verführer Mohammed, – während wir schwiegen, um nicht zu sagen: schliefen.

[…]

Zuerst wollen wir über die Berechtigung zum Krieg nachdenken. Einen Krieg, der zum Schutz der Religion, zur Rettung des Vaterlands, zur Bewahrung der Verbündeten mit der Autorität eines Hochgestellten geführt wird, hat nie einer der Alten für ungerecht gehalten. Deswegen empfehlen sich die Kämpfe des Moses, des Josua, des Saulus, des David, der Machabäer. Hier erfüllen sich die Klagereden des Demosthenes, über die das voll besetzte Theater in Athen jubelte, in denen er die in Marathon, am Kap Artemision, in Salamis für das Vaterland Gefallenen [den Athenern] anempfahl; deswegen werden aus dem Kreis der Römer die Horatier, Fabier, Decier und andere fast unzählige [Helden] gepriesen, die sich für das Heil ihrer Mitbürger opferten; deswegen werden aus dem Kreis eurer Deutschen ein Karl, ein Roland, ein Rainald, die Konrade, Ottonen, Heinriche und Friedriche mit ewigem Lobpreis geehrt, die sich, um die Grenzen der Christenheit zu schützen, den größten Gefahren aussetzten. Nie kam aber euren Vorfahren ein so gerechter Kriegsgrund entgegen wie euch. Nie haben sie so grausames Unrecht, so erniedrigende Schande von den Ungläubigen empfangen, wie es zu unserer Zeit die Gemeinschaft der Christen erduldet hat.

[…]

Nun ist kurz der Nutzen dazulegen, der aus dem Krieg erfolgt […] Wenn ihr also, ihr Fürsten, die Früchte dieses Kriegs gegen die Türken kennen lernen wollt, so wägt den Schaden ab, der dem ganzen Christentum droht, wenn der türkische Ansturm nicht gebrochen wird. Ihr habt gehört, was die Bewohner Konstantinopels erlitten haben, das Gleiche erwarten viele Städte, wenn wir nicht helfen, solange es Zeit ist. Die Krankheit schleicht von Tag zu Tag weiter und weiter fort, jetzt geht die eine, dann eine andere Provinz verloren. […] Die Ungarn, bisher Schild unseres Glaubens und Schutzmauer unserer Religion, wurden nach dem Tod König Albrechts zweimal im Krieg besiegt, zweimal von den Türken besetzt und haben in zwei Schlachten mehr als einhunderttausend Mann verloren. […] Groß ist die Macht der Türken in Europa und in Asien. […] Wenn Ungarn besiegt oder zur Bundesgenossenschaft mit den Türken gezwungen wird, dann werden weder Italien noch Deutschland sicher sein und der Rhein wird die Franzosen nicht mehr sichern.

[…]

Kämpfen müsst ihr Fürsten, allemal, wenn ihr frei sein, wenn ihr das Leben eines Christen weiter führen wollt. Denkt nun nach, ob das eher mit gesunden und intakten oder mit gebrochenen und zerstreuten Bundesgenossen zu bewerkstelligen ist. […] Denn wenn man draußen eine Schlappe erleidet, kann das korrigiert werden; Niederlagen, die man auf eigenem Gebiet erleidet, sind tödlich. Und ihr also, Teutonen, wenn ihr, was ich hoffe, weise seid, dann ahmt ihr eure Vorfahren nach, die immer Kriege außerhalb des eigenen Landes geführt haben und Grenzen der Nachbarn nicht weniger als die eigenen beschützt haben. Wenn ihr, Deutsche, in dieser Zeit die Ungarn im Stich lasst, gibt es keinen Grund, warum ihr dann von den Franzosen Hilfe fordern könntet, und diese wiederum werden keine Hilfe bei den Spaniern finden.

[…]

„Aber ihr werdet nicht allein kämpfen, ihr Deutschen“, möchte ich sagen: aus Italien, aus Frankreich, aus Spanien, werden viele kommen, weder die Ungarn noch die Böhmen, sehr tapfere Völker, werden fehlen, die Serben, die Bulgaren, alle Bewohner des Balkans, alle Griechen werden die Gelegenheit ergreifen und sich erheben. Auch Nachbarn in Asien werden die Hand reichen. Glaubt nicht, ihr Fürsten, ganz Kleinasien gehorche Mehmed so, dass es nicht noch viele gäbe, die Christus dienen; viele in Kilikien, Bithynien, Kappadokien, Pontos und Syrien sind Christen, wenn auch mit dem Joch der Knechtschaft belegt. Die Hiberer, die auch Georgier genannt werden, die Trapezuntiner, die Armenier verehren Christus und werden nicht zögern, die Waffen zu ergreifen, wenn sie nur euch wagemutig sehen.

Die Passagen stammen von hier.

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