Kavalier

Hochgeboren wie ein Dandolo

14. November 2018
Kategorie: Die Löwen | Fremde Federn | Venedig

Bei den Drei Musketieren von Alexandre Dumas finden wir im Kapitel XXVII (Die Frau des Athos) eine Passage, in welcher tatsächlich die venezianische Familie als Inbegriff des Edlen verwendet wird; der Spruch fällt im Zusammenhang mit der Enthüllung der mysteriösen Vergangenheit von Musketier Athos, die er d’Artagnan anvertraut.

»Das ist wahr,« sagte er ruhig, »ich habe nie geliebt.« – »Ihr seht also wohl, Marmorseele,« sprach d’Artagnan, »daß Ihr Unrecht habt, gegen uns, die wir ein zärtlich Herz besitzen, hart zu sein.« – »Zärtliches Herz, durchlöchertes Herz.« – »Was sagt Ihr da?« – »Ich sage, daß die Liebe eine Lotterie ist, wo derjenige, welcher gewinnt, den Tod gewinnt. Glaubt mir, mein lieber d’Artagnan, Ihr seid sehr glücklich, daß Ihr verloren habt. Wenn ich Euch rathen soll, so verliert immer.« – »Sie hatte das Ansehen, als liebte sie mich so sehr.« – »Sie hatte das Ansehen.« – »Oh! sie liebte mich.« – »Kind! es gibt keinen Menschen, der nicht geglaubt hätte, sein Liebchen liebe ihn, und der nicht von seiner Geliebten betrogen worden wäre.« – »Euch ausgenommen, Athos, der Ihr nie geliebt habt.« – »Das ist wahr,« sprach Athos nach kurzem Stillschweigen, »ich habe nie geliebt. Laß uns trinken.« – »Aber unterstützt mich, belehrt mich, Ihr, der Ihr ein Philosoph seid,« sprach d’Artagnan, »ich bedarf der Weisheit und des Trostes.« – »Des Trostes, worüber?« – »Ueber mein Unglück.« – »Euer Unglück macht mich lachen,« sagte Athos die Achseln zuckend, »ich möchte wohl wissen, was Ihr sagtet, wenn ich Euch eine Liebesgeschichte erzählen würde.« – »Die Euch begegnet ist?« – »Oder einem von meinen Freunden, was ist daran gelegen?« – »Sprecht, Athos, sprecht.« – »Wir wollen trinken, das wird besser sein.« – »Trinkt und erzählt.« – »Wirklich, das läßt sich machen,« sagte Athos, sein Glas leerend und wieder füllend; »diese zwei Dinge gehen vortrefflich zusammen.«

Athos sammelte sich, aber je mehr er sich sammelte, desto bleicher sah ihn d’Artagnan werden; er hatte die Periode der Trunkenheit erreicht, wo gewöhnliche Trinker fallen und einschlafen.

»Ihr wollt es durchaus haben?« fragte er.

»Ich bitte Euch darum,« sagte d’Artagnan.

»Euerem Wunsche soll willfahrt werden. Einer von meinen Freunden, hört Ihr wohl? nicht ich,« sprach Athos sich mit einem düstern Lächeln unterbrechend; »einer von den Grafen meiner Provinz, das heißt im Berry, hochgeboren wie ein Dandolo oder ein Montmorency, verliebte sich in seinem fünfundzwanzigsten Jahr in ein sechszehnjähriges Mädchen, das so schön war wie eine Liebesgöttin. Durch die Naivetät ihres Alters leuchtete ein glühender Geist, kein Frauengeist, sondern ein Dichtergeist; sie gefiel nicht, sie berauschte; sie lebte in einem kleinen Dorf bei ihrem Bruder, der Pfarrer war. Beide waren in die Gegend gekommen, ohne daß man wußte, woher; aber wenn man sah, wie schön sie, und wie fromm ihr Bruder war, so dachte man nicht daran, sie zu fragen, woher sie kämen. Ueberdies behauptete man, sie seien von guter Herkunft. Mein Freund, welcher der Gebieter dieser Ländereien war, hätte sie nach seinem Belieben verführen oder mit Gewalt wegnehmen können, denn er war der Herr; wer wäre zwei Fremden, zwei Unbekannten zu Hülfe gekommen? Zu seinem Unglück war er ein ehrlicher Mann und heirathete sie. Der Narr, der Dummkopf, der Tropf!«

»Aber warum dies, da er sie liebte?« fragte d’Artagnan.

»Nur Geduld,« erwiederte Athos. »Er führte sie in sein Schloß und machte sie zur ersten Dame der Provinz; und man muß ihr hierin Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie wußte ihren Rang vortrefflich zu behaupten.«

»Nun?« fragte d’Artagnan.

»Nun! eines Tages, als sie mit ihm auf der Jagd war,« fuhr Athos mit gedämpfter Stimme und sehr schnell sprechend fort, »fiel sie vom Pferde und wurde ohnmächtig; der Graf eilte ihr zu Hülfe, und da sie in ihren Kleidern beinahe erstickte, so schlitzte er diese mit seinem Dolche und entblößte ihre Schulter. Errathet, was sie auf ihrer Schulter hatte, d’Artagnan?«

»Kann ich es wissen?«

»Eine Lilie,« sprach Athos. »Sie war gebrandmarkt.« Und Athos leerte mit einem Zuge das Glas aus, das er in der Hand hatte.

»Gräßlich!« rief d’Artagnan, »was erzählt Ihr mir da?«

»Die Wahrheit, mein Lieber. Der Engel war ein Teufel. Das arme Mädchen hatte gestohlen.«

»Und was that der Graf?«

»Der Graf war ein hoher Herr; er hatte auf seinen Gütern die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit; er zerriß die Kleider der Gräfin vollends, band ihr die Hände auf den Rücken und knüpfte sie an einem Baume auf.«

»Himmel! Athos, ein Mord!« rief d’Artagnan.

»Ja, ein Mord, nicht mehr« sprach Athos bleich wie der Tod. »Aber es scheint, es fehlt uns an Wein.«

Und er ergriff die letzte Flasche, welche noch übrig war, am Halse, setzte sie an den Mund und leerte sie auf einen Zug, als wäre es ein gewöhnliches Glas gewesen.

Dann ließ er den Kopf zwischen seine beiden Hände sinken, d’Artagnan aber blieb stumm vor Schrecken.

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