Carl_von_Clausewitz

Europäische Friedenstäuschung

9. Mai 2018
Kategorie: Alltägliche Gedankenstreifzüge | Europa | Freiheit | Historisches | Medien | Regionalismus | Venedig | Zum Tage

Mit Sicherheit ist Ihnen diese Graphik auch schon einmal begegnet. An Tagen wie diesen, die einzig dazu dienen, uns der guten und friedlichen Herrschaft der besten Union aller Zeiten zu entsinnen, wird sie von Parteigängern immer wieder verwendet, um den großen Erfolg der Europäischen Integration zu versinnbildlichen; besonders von jener Gruppe überzeugter Europäer, die besonders wenig von europäischer Geschichte wissen, aber immerzu mit „der Geschichte“ argumentieren. „Geschichte“ wird in dieser Hinsicht immer negativ interpretiert, so als sei Geschichte selbst bereits ein Synonym zu „dunklen Zeiten“. Der Irrtum über das finstere Mittelalter nimmt demnach bereits die gesamte Historie vor 1945 ein.

Dabei ist bereits die Grundannahme eine gewagte, so als sei „Frieden“ eine Qualität an sich, die alle anderen Qualitäten einer guten Regierung in Frage stellte. Frieden wird mit Demokratie und Freiheit gleichgesetzt, aber nur in den seltensten Fällen trifft dies tatsächlich zu. Frieden als Selbstwert galt vor allem als die Qualität tyrannischer Regime. Das autokratische Russland, Francos Diktatur und selbst Fidel Castros kommunistische Gewaltherrschaft waren im Grunde friedvoll. Auch von Nordkorea ging seit 1953 kein Krieg mehr aus – trotz Dauerwaffenstillstand und fehlendem Friedensschluss!

Außenpolitischer Frieden bzw. Frieden zwischen Nationen sagt daher nichts darüber aus, wie ein System geartet ist. Manche Friedfertigkeit der Staaten geht entweder auf außenpolitische Schwächung oder innenpolitische Zerstrittenheit zurück. So hat das Osmanische Reich von seiner Entstehung bis zum 18. Jahrhundert vornehmlich Angriffskriege geführt, bis es dann ab dem 19. Jahrhundert nahezu immer Opfer von außen wurde und natürlich am „Friedensprozess“ interessiert war – aus ganz egoistischen Motiven.

Demnach ist es bereits fraglich, ob „Frieden“ eine ausschlaggebende Kategorie für den Erfolg eines Systems ist. Frieden kann auch oftmals das Anzeichen einer restriktiven, autokratischen Herrschaft sein, die Völker unter Druck zusammenhält, damit das Land nicht in seine Bestandteile zerfällt.

Von dieser grundsätzlichen Überlegung hin zu den gröberen und dann den feineren Details. Der EU wird zugeschrieben, für die Friedensperiode ab 1945 zuständig zu sein, die EU-Fahne wurde provokativ an eine Stelle gesetzt, die relativ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu datieren ist. Welches Datum damit gemeint ist, bleibt unbekannt – denn die Europäische Union, die wir heute kennen und unter dieser Flagge läuft, wurde erst 1993 gegründet.

Damit treffen wir auf die erste Ungereimtheit, denn die EU-Parteigänger lassen die EU entweder mit der Montanunion (1951) oder den Römischen Verträgen bzw. der EWG beginnen (1957). Natürlich ist es nicht unlauter, dass die EU als Nachfolgeorganisation dieses Erbe für sich reklamiert. Die EU ist jedoch nur teilidentisch mit ihren Vorläuferorganisationen; im gleichen Atemzuge könnte man behaupten, dass die Geschichte Deutschlands nicht mit der Reichsgründung 1871, sondern mit der Gründung des Königreichs Preußens begann, oder etwa, dass Italien nicht 1861 ins Leben gerufen wurde, sondern bereits mit der Gründung des Herzogtums Savoyen. Ich denke, dass mit diesen Beispielen die Analogien genügend bedient wurden.

Weitaus gewichtiger fällt jedoch die Verwechslung von Korrelation und Kausalität ins Gewicht. Es wird suggeriert, dass die EWG bzw. die EU für den Frieden in Europa verantwortlich sei(en). Aber nur, weil eine Friedenszeit grob mit der Lebenszeit einer Organisation zusammenfällt, ist das kein Beweis, dass beides zusammenhängen muss. Keine der europäischen Institution hatte militärpolitische Zwecke; die Vorstellung, Gespräche und Diplomatie allein hätte die Jahre von 1950 bis 1990 friedlich gehalten, setzt ein großes Maß an Geschichtsunkenntnis oder Naivität voraus. Den großen europäischen Konflikt hat nicht die Verflechtung der Wirtschaft oder „Freundschaft“ verhindert, sondern die Atombombe und die Aussicht auf eine nukleare Verwüstung des Kontinents. Insbesondere Deutschland wäre in einem solchen Konfliktfall von der Landkarte verschwunden.

Dass der bedeutendste Teil Westeuropas in der NATO verbunden ist, und damit dem mächtigsten Militärbündnis der Welt, wird ebenso übersehen wie die nahe liegende Erklärung, dass ein Krieg schon allein deswegen nicht ausbrach, weil jede westeuropäische Nation ein Verbündeter der anderen war. Angesichts der Sowjetunion, die auf dem Kontinent auf jedes Zerwürfnis hoffte – bzw. die Angst vor der Machtergreifung des Kommunismus per se – war ein Zusammenrücken unvermeidlich. Dass es nicht zum Krieg in Europa kam, hatte demnach weitaus mehr mit der Vasallisierung des Kontinents durch die Amerikaner und Sowjets, sowie der Errichtung eines transatlantischen und kontinental-kommunistischen Bündnisses zu tun. Das Gleichgewicht des Schreckens hat in Europa den Frieden erhalten, nicht die Konferenztische in Brüssel und Straßburg. Und noch bevor die osteuropäischen Staaten der EU beitraten, wurden diese in das NATO-Bündnis aufgenommen, um Europa dauerhaft zu befrieden. Dass Befriedung und Frieden zwei verschiedene Themen sind, dürfte bereits weiter oben deutlich geworden sein.

Zudem wirft die Graphik eine andere Frage auf: von 1871 bis 1914 gab es gar keine EU. Dennoch brach in dieser schrecklichen Zeit des Imperialismus und Nationalismus – eben jenes Schreckgespenst, dass immer wieder an die Wand gemalt wird – kein kriegerischer Konflikt zwischen den Mitgliedsländern aus. Jeder, der diesen Zeitabschnitt kritisch betrachtet, müsste der fast gleich große weiße Block auffallen. Das sind immerhin 43 Jahre Frieden (seit der EU-Gründung sind 25 Jahre vergangen). Dass die EU demnach ein einzigartiges Friedensprojekt war, das Europa den Frieden gebracht hat, steht demnach beweistechnisch noch aus. Jedenfalls konnten sich die Europäer wohl auch vorher ohne Krieg arrangieren – die Gründe dafür bleiben jedoch im Dunkeln!

Die feineren Fehler sind sodann die dreistesten. Denn sie setzen wohlwissend voraus, dass sich der durchschnittliche Europäer mit der Zeit vor 1900 oder gar 1800 so gut wie gar nicht mehr auskennt. Die Krieg- und Friedenbalken beziehen sich auf die „original EU members“. Das ist bereits deswegen problematisch, weil nur zwei der sechs Gründerstaaten – Frankreich und die Niederlande – vor 1830 existierten. Die heutigen Staaten Belgien (1839), Italien (1861), Deutschland (1871) und Luxemburg (erst 1890 aus der Personalunion mit den Niederlanden entlassen) entstehen in ihrer heutigen Form erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Ironischerweise folgt auf die Gründung der Nationalstaaten eben jener große weiße Block von 1871 bis 1914. Im Grunde wäre die Graphik eher ein Beweis dafür, dass saturierte Staaten Frieden schaffen.

Wie also bemisst die Graphik vor 1800 den Krieg oder Frieden in Europa? Es ist nahezu unmöglich einzugrenzen, wann das Reich als Ganzes als Vorläufermodell Deutschlands Krieg führt. Offenbar setzt die Graphik damit an, dass „Deutschland“ mit seinen Nachbarn im Krieg ist, wenn einer seiner Teilstaaten Krieg führt. Es reicht also, dass irgendeiner der 300 Gliedstaaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit irgendwem im Clinch liegt, damit wir einen europäischen Konflikt haben. Noch schwieriger fällt das Exempel bei Italien aus, das nicht einmal eine gemeinsame Autoritätsperson wie den Kaiser kennt. Wie kann also bspw. „Italien“ vor 1861 mit jemandem im Krieg sein? Während das Königreich Piemont-Sardinien an fast allen großen Konflikten des 18. Jahrhunderts teilnimmt, kennt die Republik Venedig zwischen 1600 und 1800 nur einen einzigen europäischen Konflikt, nämlich die napoleonische Besetzung im Jahr 1797* – sonst sieht sich die Serenissima nur von den Türken bedroht.

Die Erfahrung des 20. Jahrhunderts wird demnach in eine Zeit transportiert, die dafür gar nicht geschaffen ist. Denn Teile der heutigen Nationalstaaten, die als „im Krieg“ dort angegeben sind, waren es gar nicht. Es wird das Zerrbild eines im Dauerkrieg befindlichen Kerneuropas zwischen 1600 bis 1763 gezeichnet, obwohl zahlreiche Reichsstädte, Fürstbistümer oder mittelitalienische Staaten darin nicht involviert waren. Die latente Botschaft deutet Geschichte als Hinwendung zum Besseren, vom Krieg zum Frieden, vom Konflikt zur Zusammenarbeit. Dass eine solche bauchpinselnde Selbstdarstellung eher vom Hochmut der aktuellen EU-Elite zeugt als von tatsächlichem Geschichtsverständnis, muss hier wohl nicht weiter ausgebreitet werden.

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*Der Krieg von Gradisca ist eine kleinere Episode und richtete sich zudem gegen das Nicht-EU-Gründungsland Österreich.

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