Carl_Spitzweg_Der_Zeitungsleser_1868

Ahnungslosigkeit gepaart mit Bednarzissmus

5. April 2018
Kategorie: Freiheit | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Machiavelli | Medien | Non enim sciunt quid faciunt

Haben Sie die Dame schon vermisst? Liane Bednarz meldet sich zurück! Ja, genau die Bednarz, Sie wissen schon, das Aushängeschild der Paranoiden, die hinter jeder Ecke einen Götz Kubitschek oder wenigstens seine fröhlichen Ziegen vermuten. Einige werden freilich im Posener’schen Ton anmahnen (denn wenn Herr Posener eins kann, dann das): »Herr Gallina, Sie haben ein Bednarz-Problem.«
Oder Sie werden einwenden: »Bednarz? Nicht einmal ignorieren!«

Beginnen wir mit der Apologie. In dem Moment, da die Frau von der Bildfläche verschwand, spielte sie auch hier keine Rolle mehr. Man dachte sich eigentlich, dass nach der Causa Degussa erst einmal Ruhe wäre, möglicherweise sehr, sehr lange. Anderthalb Jahre hat sich die Dame vom Acker gemacht, obwohl sie bis heute dem Diarium zu einer gewissen Popularität verhalf – wenn auch völlig unbeabsichtigt.

Da hier aber jeder sein Fett wegbekommt, der heillosen medialen Schwachsinn verbreitet, insbesondere diejenigen, die sich als Wiederholungstäter engagieren, musste der Löwe doch mal zur Krallenfeile greifen. Ein neues Buch ist dabei, bald unser aller dunkelkatholische Seelen zu beglücken, und natürlich bekommt die Stifterin des Bednarzissmus in ihrem heimatlichen Tagesspiegel genügend Raum, um dafür zu werben. Man könnte bereits mit dem etwas dilettantischen Layout des Buches beginnen, hier soll aber der Inhalt im Vordergrund stehen; womöglich ist das Layout jedoch schon Hinweis genug darauf – wer weiß das schon!

»In den letzten Jahren ist es rechten Strömungen gelungen, in Teile der Gesellschaftsmitte vorzudringen. Zwar existierten diese Denkrichtungen schon immer in der Bundesrepublik, doch waren sie bislang gesellschaftlich und politisch fast bedeutungslos. Hingegen stießen sowohl die Alternative für Deutschland (AfD) als auch die Pegida-Bewegung in bürgerlichen Kreisen auf Sympathien und blieben selbst dann anschlussfähig, als sie sich zunehmend radikalisierten. Unter dem berüchtigten Motto „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ trauten sich plötzlich auch Menschen aus der bürgerlichen Mitte, rechtspopulistisches Gedankengut zu vertreten und etwa von „Altparteien“ und einer „Politikerkaste“ zu sprechen und die Medien als „Lückenpresse“ beziehungsweise „Lügenpresse“ zu diffamieren.«

Ach Liane. Es braucht keine Rechten, die irgendwie die Bevölkerung infiltrieren, damit die Leute die Schnauze voll von diesem Laden haben. Ein Spaziergang durch Godesberg oder die Bonner Nordstadt reicht. Und es reicht, einen Strafzettel vom Ordnungsamt zu bekommen, wenn man vorm eigenen Haus parkt, aber das Kleidergeschäft drei Straßen weiter nun schon zum vierten Mal ausgeraubt wurde. Die Leute merken langsam, dass es einen Staat gibt, der machtlos gegen Gesetzlose ist, aber den Steuerzahler wie eine Zitrone auspresst. Dieses Auseinanderdriften von Realsituation und Anspruch bringt die Republik zu Fall. Früher™, zu einer Zeit, als die Linksextremen den Begriff noch nicht zugunsten sozialer Verhältnisse entstellt hatten, hätte man schlicht von „Ungerechtigkeit“ gesprochen. Wenn einige Gesellschaftsgruppen hofiert werden, andere aber sich über Gebühr ausgebeutet fühlen, beginnt es in den Köpfen zu rattern. Die Leute lesen nicht Junge Freiheit, Sezession oder die Tumult, weil sie „infiltriert“ wurden; sie lesen sowas, weil sie nach Alternativen in intellektueller wie politischer Hinsicht zu suchen, wenn sie bemerken, dass ihre Umwelt sich frappierend ändert.

Es ist dieser grundlegende Denkfehler, welcher Meinungsmachern und Politikern immer wieder passiert. Dabei ist es so einfach: bauten die „da oben“ keinen Mist, wären die „da unten“ nicht sauer. Auf diesem Niveau bewegen wir uns, aber manchmal muss man es so klar und deutlich sagen, weil einige Geister selbst bei einfachen Formeln noch glauben, differenzieren zu müssen. Das Phänomen lässt sich von den römischen Gracchen bis zu den Sozialisten des 19. Jahrhunderts nachverfolgen. Das waren alles keine Leute mit „rechtspopulistischem Gedankengut“. Der Logik entsprechend müssten auch Intellektuelle von Machiavelli bis Chesterton Rechtspopulisten gewesen sein. Jeder Katholik kann sich auf letzteren berufen, wenn er die Presse verachtet und Politiker am nächsten Baum aufhängen will.

Ein ähnliches, neueres Phänomen lässt sich bei Bednarz beobachten, die wieder mal in den sozialen Netwzerken rumschwirrt und nunmehr auch „Verfallsrhetorik“ anprangert – so, als ob das Ansprechen von Dekadenz schon selbst der direkte Weg in die Hölle wäre, obwohl kontinuierlicher, abendländischer Topos seit dem römischen otium. Auch hier ist nicht etwa der Gegenstand das Ziel von Bednarz, sondern dessen Analyse und Beschreibung. Man kommt immer wieder zu Tucholsky und dem Schmutz zurück.

»Mit „konservativen Kreisen“ sind diejenigen Gläubigen beider Konfessionen gemeint, die sich selbst so einordnen: Katholiken, die etwa den Zölibat befürworten, die Frauenordination ablehnen und Anhänger einer strengen Kirchenhierarchie sind sowie bibeltreue Protestanten, die die Heilige Schrift zum Teil sehr wörtlich nehmen.«

Nein, das sind keine „konservativen Katholiken“, sondern das sind schlicht und ergreifend Katholiken. Wer den Zölibat befürwortet, die Frauenordination ablehnt und Anhänger einer Kirchenhierarchie ist, der steht genau auf dem Boden, den Rom und der Katechismus vorgibt. Alles andere wäre gerade nicht katholisch. Die merkwürdigen Auswüchse, die genau das Gegenteil fordern, sind Teile eines deutschnationalen Klerus und Laientums, während die angeblichen „Konservativen“ gerade Vertreter der Weltkirche sind.

Bereits hier ergibt sich ein Grundproblem: warum darf eine Frau ein Buch über rechte Christen schreiben, wenn sie anscheinend von einer der Konfessionen keine Ahnung hat?

»Aus ehemals harmlosen Konservativen werden Menschen, die schrittweise rechte Positionen übernehmen und sich nach und nach radikalisieren.«

Ein Konservativer, der vorher nicht wenigstens ein paar rechte Positionen hatte, war mit Sicherheit nie ein Konservativer. Wer „konservativ“ von „rechts“ trennt, der dividiert auch durch Null. Kein Konservativer des 19. Jahrhunderts wäre auf die Idee gekommen, sich als Linker zu bezeichnen – schon deswegen, weil er im Parlament eben auf dieser Seite des Plenums saß. Wer sowas schreibt, versteht unter „konservativ“ fast ausschließlich strukturkonservativ. Das bedeutet mehr oder minder: Stimmvolk, das mit Jauchzen den Laden am Laufen hält. Das ist eine Ansicht, die eine Minderheitenposition ist, denn trotz allem ist „Konservatismus“ immer noch am ehesten deckungsgleich mit dem Wertkonservatismus. Und wer dem angehört, ist im Grunde immer rechts. Oder kann Frau Bednarz nicht einmal rechts von rechtsextrem unterscheiden?

Aber anscheinend ist es ja am besten für alle, wenn Konservative „harmlos“ bleiben. Wie hieß es damals noch in Wien 1848: Revolution – dürfen die das?

»Zwar erscheint bei den kirchennahen Christen der prozentuale Anteil derer, die gen rechts gedriftet sind, nicht besonders hoch, jedoch sind sie in den sozialen Medien und den Kommentarspalten des Internets sowie auf eigenen Blogs sehr aktiv. Sie verfügen über prominente Aushängeschilder und Netzwerke, mittels derer sie versuchen, Einfluss auf die Politik und die Kirchen zu nehmen. Innerhalb der AfD gibt es eine Gruppierung, die sich Christen in der AfD nennt.«

Auch so ein merkwürdiger Absatz. Das bednarzisstische Werk hat den Untertitel „Wie rechte Christen Kirchen und Gesellschaft unterwandern“. Wie aber kann jemand ein Gremium unterwandern, dem er Lebzeiten angehört hat, im Zweifelsfall schon bevor die von Bednarz angesprochenen „rechten“ Personen, Gruppen und Organe auftauchten? Unterwandern bedeutet üblicherweise eine Infiltration von außen. Kommentare und Blogs kommen ja eben nicht von außen, sondern aus dem Herzen der Gruppierung Kirchenvolk. Eher haben wohl „rechte“ Christen die AfD unterwandert bzw. mitgegründet und versuchen nun von dort ihre Arme Richtung Restkirche auszubreiten.

»Freilich sind nicht alle Christen, die sich rechtes Gedankengut angeeignet haben, AfD-Anhänger. Manche von ihnen neigen den Unionsparteien zu. Ihre Meinungen und Werte unterscheiden sich gesellschaftspolitisch oftmals nicht wesentlich von denjenigen, welche man in AfD-Kreisen vorfindet. Gemeinsame Feindbilder sind etwa der „Genderwahn“, die „Islamisierung des Abendlands“ und die „GEZ-Medien“.«

Wenn bereits Unmut über die Staatsfunkgelder (ja, ich sage es immer wieder: Jehova, Jehova!) zu einer Kategorisierung „rechts“ führt, dürfte nach der Definition bald eine absolute Mehrheit der Deutschen dort zu verorten sein. Dass überdies die Genderei und der Islam sich einfach nicht mit dem Christentum vertragen, müsste eigentlich jedem bekannt sein, der sich den Katechismus durchgelesen hat. Den „Genderwahn“ hat Papst Franziskus sogar ziemlich deutlich verworfen. Auch hier hat Bednarz schlicht keine Ahnung von der katholischen Lehre. Stattdessen diffuses Vermengen von Standpunkten, die man auch aus ganz objektiven Gründen schlecht finden kann – ohne überhaupt religiös zu sein oder „rechten Parteien“ zuzuneigen.

»Dennoch haben nicht wenige von ihnen neurechte Topoi wie die „Überfremdung“ oder die Unterscheidung zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ übernommen.«

Das Christentum ist per se eine exklusive und keine inklusive Religion. Davon auszugehen, dass jeder, der die Grundregeln des menschlichen Daseins verstanden hat – und mag es nur die Unterscheidung zwischen der eigenen und einer fremden Familie sein – sofort ein Rechter ist, ehrt die Rechtsintellektuellen doch zu sehr und ist eigentlich eine Herabsetzung der Linksintellektuellen. Ich muss jetzt nicht sofort mit Sieferle kommen, um zu verstehen, dass die Erhaltung des Sozialstaats durch Exklusivität im Grunde eine „linke“ Idee ist, die man schon bei Herbert Wehner beobachten konnte. Auch das Christentum kennt seit seiner Gründung das Privateigentum, verschiedene Völker und Reiche. Muss man hier wieder die einfachsten Argumente der Nächsten- und der Fernstenliebe rauskramen?

»Im Frühjahr 2016 sprach der Publizist Thomas Seiterich darum auf „katholisch.de“, dem offiziellen Portal der Deutschen Bischofskonferenz, zutreffend von einem neuen „semantischen Kampf um das Christliche“. Er hob hervor, dass „führende Akteure der rechtspopulistischen AfD die Begriffe christlich und Christentum kapern“ und „die frisch eroberten Worte nach ihrer rechten Ideologie um(deuten)“. Auf diese Weise, so Seiterich, machten „die selbst ernannten Abendlandverteidiger aus dem internationalistischen, antirassistischen Christentum der Nächstenliebe eine Art antiislamische, weiße Stammesreligion“.«

Was ich eher erlebe, ist eine Dekonstruktion der christlichen Wertegemeinschaft – „ein Abendland hat es nie gegeben“ – und eine vorauseilende Aufgabe christlicher Eigenheit zugunsten einer wattebauschigen Konversation mit anderen Religionen bzw. säkular-atheistischen Normen. Kurz: da die Kirche und ihre Exponenten mit der Selbstaufgabe hausieren gehen, ist es völlig klar, dass es jemanden gibt, der solche Christen auffängt, die ihre Identität nicht verleugnen wollen. Wer so blöd ist, sein Kreuz in Jerusalem abzunehmen, soll sich nicht wundern, wenn einige den Eindruck bekommen, dass niemand da ist, um dass Abendland zu verteidigen und man sich andere Verbündete sucht. Wieder: Angebot und Nachfrage, Denkfehler, Ursachenforschung.

Und ganz nebenbei: gerade die Deutschen mit ihren Sonderpositionen im Gegensatz zur römischen Lehre sollten mal ganz ruhig sein, wenn es um ein „internationalistisches“ Christentum geht. Siehe oben. Zölibat, Frauen, „Demokratie in der Kirche“ und so.

»In der Auseinandersetzung mit rechten Positionen sind die Kirchen und die Gesellschaft gefordert, auch dezidiert konservative und streng fromme Positionen auszuhalten, was vielen im linksliberalen und linken Milieu mitunter schwerfällt. Umgekehrt gilt es aber, aufzuzeigen, wo die Grenze zu einem rechten Denken überschritten wird, das mit dem christlichen Menschenbild nicht mehr kompatibel ist.«

Wenn wir an den Punkt kommen, dass „Kirchen“ auch „streng fromme Positionen“ aushalten müssen, wird es lächerlich. Als ob die „streng Frommen“ irgendeine Meinung verträten, die nicht der katholischen Lehre entspricht. Insofern kaspert Bednarz hier eher mit Menschenrechten und liberalen Werten rum, aber nicht der eigentliche Lehre, schön verpackt unter dem flauschigen christlichen Menschenbild (so, als gäbe es da nicht noch mehr!). Im Text findet sich jedenfalls kein Punkt – Genderkritik, Islamskepsis, GEZ, Engagement in sozialen Medien – der irgendwie der katholischen Lehre widerspricht. Stattdessen liest man die leise Hoffnung heraus, dass die Kirchen hier als Arm der Staatsdemokratie eingreifen sollen, um ihre Schafe zurechtzuweisen. Als ob wir das nicht täglich erlebten …

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