Machiavelli

Der Kurde hat seinen Dienst getan, der Kurde kann gehen

23. Januar 2018
Kategorie: Alltägliche Gedankenstreifzüge | Freiheit | Ironie | Machiavelli | Medien | Regionalismus

Was man nicht äußert, verrät oftmals mehr über einen als das, was man sagt. Nehmen wir den Krieg im Jemen: Saudi-Arabien führt diesen seit einiger Zeit, aber der Konflikt taucht nicht in den Nachrichten auf. Dass tagtäglich Christen im Nahen Osten verfolgt und getötet werden, scheint ebenso keine Notiz wert. Ähnlich verhält es sich mit den türkischen Truppen in Syrien, die sich seit letztem Jahr offiziell in den Syrischen Bürgerkrieg eingemischt haben. Den Westen interessiert es nicht.

Die ersten beiden Konflikte sind nennenswert, aber sie betreffen nicht direkt die staatlichen Organisationen und Institutionen, denen auch Deutschland und andere EU-Staaten angehören. Der Einsatz der Türkei ist der Einsatz eines NATO-Mitglieds. Es handelt sich um einen Verbündeten der USA und der Europäischen Union, nicht nur auf sicherheitspolitischem Feld.

Wie groß das Geheule, wenn Erdogan sich mit Böhmermann oder Yücel anlegt. Es trifft die Journalisten eben direkt. Die kritischen Fragen sind immer rein innenpolitischer Natur, nur selten betreffen sie den außenpolitischen Kurs der Türkei. Dabei gäbe es einige drängende Fragen zu beantworten:

Primo. Warum greift die Türkei jetzt erst die kurdische Rebellenfront in Syrien an, wo der IS besiegt ist? Warum war dies nicht möglich, als der IS wie ein Krebsgeschwür wucherte?

Secundo. Mit was für einer Legitimation kann die Türkei eingreifen? Russland intervenierte auf Wunsch der syrischen Regierung, die Türkei hat jedoch keine der Bürgerkriegsparteien hinzugerufen. Sie agiert auf eigene Faust.

Tertio. Warum ruft Frankreich zu einer sofortigen Sitzung des UN-Sicherheitsrates auf, während den deutsche Außenminister Gabriel das türkische Vorgehen nur „besorgt“? Man hat den Eindruck, die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels sorgte für mehr Entsetzen in der Bundesregierung als der Beginn eines türkischen Angriffskrieges auf das Nachbarland.

Quarto. Wie sieht es eigentlich mit der Loyalität und Verlässlichkeit der Türkei aus, wenn diese die Kurden angreift, die wiederum amerikanische Verbündete sind?

Vermutlich könnten noch einige weitere Fragen aufgeführt werden, doch soll es dies am Anfang sein. Die Kurden haben jahrelang die Kohlen aus dem Feuer geholt und die blutigsten Gefechte gegen die schwarze Pest des Islamischen Staates ausgefochten. Nun, da diese Gefahr gebannt ist, wachen die Türken auf, die das ganze Schauspiel bisher aus der Ferne beobachtet haben. Bereits bei der Schlacht von Kobane hatte die Türkei mehr dem IS als den Kurden die Stange gehalten – die Weltöffentlichkeit schaute achselzuckend zu, ohne Konsequenzen auf diplomatischem Gebiet. Es ist einfacher, sich über Pennälergedichte und inhaftierte Berufsgenossen zu echauffieren als über Massenmord. Die Prioritäten sind klar.

Der IS ist besiegt, die Kurden haben ihr Soll gefüllt. Der Kurd‘ hat seinen Dienst getan, der Kurd‘ darf gehen. Und wenn er es nicht tut, kommen die Türken und schaffen Fakten. Guter alter Machiavellismus. Erneut bleibt das Volk ohne Staat verlassen und verkauft, der Westen schaut zu. Man hat sich daran gewohnt, dem Schlachten im Nahen Osten zuzuschauen, ob nun Freund oder Feind umkommt, ist gleich. Menschen sind nur die, die hier neu ankommen. Außenpolitik bleibt den Deutschen ein Rätsel: in einem Land, wo es nur noch moralische Antworten gibt, kann man nicht mehr realpolitisch verhandeln. Gegenüber einem Machthaber wie Erdogan, der nur Realpolitik kennt, ist das eine fatale Schwäche. Der deutschen Seele bleibt dann nur wieder Geld als Ablass: ob nun für den Sultan am Bosporus oder die neuen Deutschen. Es beruhigt ungemein, wenn man keine echte Verantwortung übernehmen muss und der magische Goldesel alle Probleme löst.

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