FAB20105 Cesare Borgia leaving the Vatican by Gatteri, Giuseppe-Lorenzo (1829-86)
Museo Civico Rivoltello, Trieste, Italy
Italian, out of copyright

Recours: Alexander VI. Versuch einer Rehabilitierung.

5. Oktober 2017
Kategorie: Esskultur | Europa | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Machiavelli | Medien | The Cathwalk

„Alexander VI., ein Spanier aus der Stadt Valencia, gebürtig Rodrigo Borgia geheißen und Bischof von Porto, ist nach dem Tode Innozenz‘ VIII. in San Giovanni in Laterano zum Papst gewählt und am 26. August mit der päpstlichen Krone geziert worden. Ein Mann von Großmut und großer Klugheit, Umsicht und Weltgewandtheit. In seiner Jugend lernte er an der hohen Schule von Bologna und wuchs dort an Ruhm und Tugend. Zum Lobe seiner Gelehrtheit und seiner Geschicklichkeit in allen Dingen ernannte ihn sein Onkel Papst Calixt III. zum Kardinal. Ein weiteres Zeugnis seiner Tugend und seines Geschicks war, dass er noch als junger Mann in die Versammlung der hochwürdigen und vortrefflichen Kardinäle aufgenommen und Vizekanzler wurde. Aus Erfahrung und Erkundung all dieser Dinge ist es nur recht und billig gewesen, ihn zur Verwaltung und Leitung des Schiffleins des Heiligen Petrus zu befördern. Auch im Angesicht ist er ein herrlicher Mann […].“

Mit Sicherheit sind dies nicht gerade die Worte, die wir mit dem Aufstieg Alexanders VI. verbinden, der allgemeinhin als Schreckgespenst unter den (Renaissance-)päpsten gilt. Die Bewertung stammt allerdings nicht etwa von einem Apologeten der skandalumwitterten Borgia-Familie, sondern aus der berühmten Schedelschen Weltchronik von 1493 – welche ein Jahr nach der Papstkrönung erschien. Die Chronik macht dabei klar: der Mann, der seit einem Jahr über die Christenheit regiert, ist ein würdiger Nachfolger Petri, mit allen theologischen Wassern gewaschen und schon seit seiner Jugend ein Überflieger. Und zu allem Überfluss sieht er auch noch unverschämt gut aus.

Der päpstliche Nepotismus, also die Beförderung von Verwandten in der kirchlichen Ämterlaufbahn, wird hier nonchalant erwähnt. Und in der Tat kann man Rodrigo Borgia diesen Vorwurf noch am wenigsten machen, denn es gehörte geradezu zum guten Ton, Verwandte abzusichern. Wäre nicht Rodrigo Borgia, der Neffe von Calixt III. gewählt worden, so hätte entweder Ascanio Sforza – der Bruder des Herzogs von Mailand – oder Giuliano della Rovere gewonnen. Letzterer war Neffe von Papst Sixtus IV. gewesen, und sollte nach Alexanders Tod als Julius II. auf dem Petrusstuhl folgen. Der Kampf um die Papstnachfolge war also schon damals eine reine Familienangelegenheit um sich Pfründe zu sichern.

Als der neue Papst jedoch seinen Sohn – den berüchtigten Cesare Borgia – zum Erzbischof von Valencia machte, sorgte dies für einen Aufschrei in der Kurie; ein Aufschrei, der aber reichlich heuchlerisch erscheint, bedenkt man den damaligen Zeitgeist. Alle Vorgänger hatten nicht anders gehandelt. Dass ein Papst Kinder hatte, war kein Novum. Sein Vorgänger Innozenz hatte seine Söhne ebenfalls abgesichert, wenn auch auf andere Weise.

Alexander zeugte insgesamt neun Nachkommen mit mindestens vier verschiedenen Frauen. Am bekanntesten sind jedoch die vier Kinder, die ihm seine Geliebte Vanozza de‘ Cattanei gebar; neben Cesare gehörten dazu die beiden Brüder Juan und Jofré, sowie die Tochter Lucrezia.

Viele Gerüchte kursieren bis heute um diesen „unheimlichen Papst“ – wie der Historiker Volker Reinhardt ihn nennt – und seine sinistre Familie. Sexuelle Ausschweifungen, gar Blutschande in der eigenen Sippschaft; laszive Feste; Mord, Gewalt und Grausamkeit haften dem Oberhaupt und seinen Kindern an. Cesare galt als brutaler Fürst, vor dem den Baronen Mittelitaliens die Knie schlotterten, da er schon in seiner Raserei Menschen erschlagen habe; Lucrezia sagte man das Wesen einer femme fatale nach; und Alexander VI. selbst hatte keinerlei Scheu, sich mit annähernd 60 Jahren die blutjunge Giulia Farnese als neue Mätresse auszusuchen.

Wie viel Wahrheit aber an den bösesten Gerüchten hängt, ist fraglich. Die Borgia-Sippe, die bis heute in Film- und TV-Produktionen die Sucht nach „Sex & Crime“ erfüllt, hatte einen schweren Stand in Italien. Die Römer wie die übrigen Einwohner der Halbinsel sahen die spanische Familie als Fremdkörper an, insbesondere, da das Papstamt traditionell ein Italiener besetzte. Die Barone und Grafen des Kirchenstaates, die sich untereinander in Fehden aufrieben, fürchteten, dass der Papst mit einem fähigen Mann wie Cesare Borgia ihre Freiheiten beschneiden konnte – eine Furcht, die sich bestätigen sollte, da der Sohn des Papstes nicht nur das Land in seinen Feldzügen befriedete, sondern die Adelsopposition in einer einzigen, blutigen Silvesternacht ausschaltete.

Es existierten also durchaus Motive, die bis dato sehr erfolgreiche Sippe aus Spanien zu diskreditieren. Ein Anhaltspunkt dafür ist, das nach dem Tod Alexanders eben jene Gerüchte schlagartig verebbten. Kaum lag der Patriarch unter der Erde, schwand die Macht der Familie, und daher das Motiv, weitere Verleumdungen zu erfinden. Bezeichnend, dass Lucrezia, die auf Verlangen des Vaters den Herzog von Ferrara geheiratet hatte, in den fast zwanzig Jahren ihrer Regentschaft an der Seite Alfonsos d’Este kein einziges Mal belangt wurde.

Und das, wo noch bei der Hochzeitankündigung zu eben dieser Ehe – dem skandalösen „Kastanienbankett“ – 50 Prostituierte eingeladen, und jene Festgäste bei der anschließenden Orgie prämiert worden seien, die am häufigsten in aller Öffentlichkeit den Koitus vollzogen. Mittlerweile ist die ganze Szene als „Leyenda negra“ entlarvt worden.

Der Erzfeind der Spanier war der geprellte Kardinal Giuliano della Rovere, der die Papstwahl verloren hatte, und in der Kurie sowie im französischen Exil eine Opposition aufzubauen versuchte. Bestrebungen, ein Konzil einzuberufen und Alexander VI. abzusetzen, scheiterten zwar; aber im Ausland schmiedete della Rovere eifrige Pläne. Dass im Jahr 1494 die Franzosen völlig unerwartet in Italien einfielen, und nach einem halben Jahrhundert Frieden ein halbes Jahrhundert Krieg über die Halbinsel brachten, war auch auf die Einflüsterungen des Kardinals zurückzuführen, der darauf hoffte, der französische König könne in seinem Feldzug gen Neapel auch die „unheimliche Familie“ vertreiben. Als Karl VIII. jedoch in Rom Einzug hielt, und man das Ende des Papstes kommen sah, konnte Alexander VI. den ihm feindlich gesinnten König stattdessen zu einer Allianz überreden.

Nur wenig später, nachdem der Franzose bei Neapel heftige Verluste erlitten hatte, formte Alexander eine Allianz mit Venedig, dem Kaiser, Spanien und Mailand, um die Invasoren wieder zu vertreiben.

An diesem Punkt wird die größte Stärke Rodrigo Borgias deutlich, eben jenes Feld, das ihm als so großer Fehler ausgelegt wird: nämlich das der Politik. Jeder, der sich unvoreingenommen mit dem Politiker Borgia beschäftigt, muss neidlos seine Fähigkeiten in der Behauptung von innerer Ordnung und Diplomatie auf dem internationalen Parkett anerkennen. Jene Abschaffung der feudalen Strukturen in Mittelitalien, die Cesare in die Wege leitete, einhergehend mit der Durchsetzung kirchenstaatlicher Autorität, waren das Fundament, auf dem Nachfolger wie Julius II. erst aufbauen konnten, um ihre weltliche Macht zu sichern und die politische Unabhängigkeit der Katholischen Kirche zu gewährleisten. Dass Julius II., der zeitlebens Alexander VI. als Giuliano della Rovere bekämpft hatte, dies seinem Vorgänger nie dankte und auch nicht an der Wiederherstellung seines Rufes interessiert war, ist wohl selbstverständlich. Della Rovere verordnete stattdessen die allumfassende damnatio memoriae.

Im Gegensatz zu Julius II., der als Kriegspapst in die Geschichte einging, hatte Alexander VI. – mit Ausnahme des erwähnten Franzoseneinfalls, der allerdings ein Verteidigungsfall blieb – die Diplomatie immer vorgezogen. Sein Meisterwerk bleibt dabei die Aushandlung des Vertrages von Tordesillas, eben jenes Stück Papier, das die Welt in eine portugiesische und eine spanische Kolonialzone aufteilte, und bis heute Grund dafür bleibt, dass man in Brasilien Portugiesisch und im restlichen Südamerika Spanisch spricht.* Auf den ersten Blick erscheint die Grenzziehung im Atlantik, die alles Land westlich dieser Demarkation Spanien, und alles östlich davon Portugal zuteilt, als rigoroser und ungerechter Akt; in Wahrheit war dieser Schiedsspruch ein friedensbewahrender Prozess. Der Papst schlichtete einen Streit zwischen den aufstrebenden iberischen Mächten, der zu einem europäischen Großkonflikt hätte eskalieren können. Unter diesem Zeichen erscheint es nicht zuletzt als Omen, das Alexander sein Pontifikat ausgerechnet im Jahr der Entdeckung Amerikas antrat.

Friedensnobelpreisträger Borgia? Mit Sicherheit hätte er ihn eher verdient gehabt, als gewisse amerikanische Präsidenten mit großen Versprechungen, die diese dann doch nicht einhalten.

Diese Neigung zur Diplomatie, die so ganz dem tradierten Gewaltbild widerspricht, äußert sich auch in der Behandlung Savonarolas, des Schwarzen Mönchs von Florenz, der nach der Vertreibung der Medici dort zum heimlichen Herrscher avanciert war, und gegen die Römische Amtskirche hetzte. Borgia bot Savonarola zuerst den Kardinalshut an, um gemäß der damaligen Mentalität den Rebell in Rom einzubinden. Erst, als der Prediger das Angebot ausschlug und den Papst zu seinem Feind erklärte, gab letzterer sein Einverständnis, kompromisslos gegen Savonarola vorzugehen.

Bei all den Gerüchten und politischen Ränkespielen wird zudem vergessen, dass auch dieser Papst immer noch innerkirchlichen Verantwortungen nachkam. Wenige wissen, dass er Briefkontakt zur Seligen Columba von Rieti hielt und diese sogar besuchte. Und ausgerechnet er betonte die Notwendigkeit einer Reform und verordnete eine Besserung der Moral, sowie Gesetze, welche die Rechte der Kirche schützten – so durfte Kirchengut nicht mehr an Laien veräußert werden (die Methode einiger Geistlicher, um die eigene Geldbörse zu füllen), Ämter durften nicht mehr doppelt besetzt werden (es kam durchaus vor, dass ein Bischof mehrere Bischofstühle besetzte), und ausgerechnet der sündige Papst schrieb seinen Kardinälen vor, sich von Jagd, Theater und Karneval fernzuhalten. Und ganz wichtig: Kardinäle sollten sich von ihren Kurtisanen trennen.

Das mag zynisch klingen. Es war aber eine häufige Regel unter den Renaissancepäpsten, dass jene Exzesse, denen sie angeblich am meisten frönten, auch von ihnen verboten wurden. Sein Nachfolger Julius II. gelangte durch Simonie, heißt: Bestechung an sein Amt, und verbot sofort nach dem Konklave jede Art von Geldgeschenken.

Ein anderer Nachfolger, nämlich Paul III., hieß mit bürgerlichem Namen Alessandro Farnese und war der Bruder jener Giulia Farnese, die Borgia zur Mätresse nahm. Dass es überhaupt zu diesem „Deal“ kam, lag darin begründet, dass Farnese seine Schwester gegen ein Kardinalsamt verschachert hatte. Auch hier erscheint es merkwürdig, dass uns Paul III. nicht als skrupelloser Karrierist, sondern als großer Papst des Konzils von Trient in Erinnerung bleibt, der die Kirche wegweisend gegen die Gefahr des Protestantismus aufstellte. Von Borgia bleibt dagegen nur der Lustmolch übrig.

Auch hier darf man sich fragen, inwiefern Alexander VI. nicht vorbildlicher als andere handelte, die Söhne und Töchter nicht anerkannten oder sich gar von ihnen distanzierten. In den berühmten Appartements des Apostolischen Palastes, die das Mäzenatentum des spanischen Papstes bezeugen, erscheinen Rodrigo und seine Kinder in den Szenen eines Familienidylls. Ein Hinweis, dass für den Patriarchen die Kinder nicht nur Mittel zum Zweck waren, sondern der ruchlose Papst auch ein liebender Vater war. Die übrigen Bastarde Europas konnten von solcher Behandlung nur träumen.

Man mag daher Anstoß an der Freizügigkeit, dem Luxus und dem Lebensstil des Rodrigo Borgia nehmen; das Pontifikat selbst war jedoch weder politisch, noch innerkirchlich ein solches Desaster, wie es seine Feinde oder auch die kirchenkritische Forschung aufstellt. Mit einigen seiner Entscheidungen prägte er nicht nur die heutige Kirche, sondern sogar die ganze Welt – und das durchaus auch in positivem Sinne. Dennoch bleibt der Nachwelt vor allem jene Sicht auf den Spanier erhalten, welche Julius II. nach seinem Amtsantritt diktierte:

Ich werde nicht in den Gemächern leben, in denen die Borgia lebten. Er hat die Kirche entweiht wie kein anderer zuvor. Mit der Hilfe des Teufels hat er die päpstliche Gewalt an sich gerissen, und ich verbiete jedem unter Androhung der Exkommunikation über Borgia zu sprechen oder gar an ihn zu denken. Sein Name und sein Andenken muss vergessen werden. […] Alle Gräber der Borgia sollen geöffnet, und ihre Leichen dahin zurückgeschickt werden, wo sie hingehören – nach Spanien.

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*Abgesehen natürlich von Guayana und sonstigen Einsprengseln protestantischer Seefahrernationen in der Karibik.

Dieser Artikel erschien vor einem Jahr beim Cathwalk.

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