Mondnacht

Teutscher und französischer Nationalcharakter

17. Mai 2017
Kategorie: Europa | Freiheit | Fremde Federn | Historisches | Ironie | Italianità und Deutschtum

In einer Auswahl von Görres‘ Schriften finden wir diese Darstellung des deutschen und französischen Nationalcharakters. Man beachte auch hier das introvertierte Denken und den Unterschied zwischen Geist und Praxis.

Eine tiefe Kluft sieht der Beobachter zwischen dem französischen und dem teutschen Nationalcharakter befestigt. Ausgerüstet von der Natur mit einem beträchtlichen Anteile jenes flüchtigen, flatternden Feuers, das uns in seinem ungebundenen Zustande in den leuchtenden Meteoren entgegenglänzen mag; beweglich, schwebend und luftig aus leichten Gasarten zusammengewebt, mit immer wechselnden, mannigfaltig ineinandergezogenen Umrissen, wie duftige Wolkengebilde, bedeckt diese sonderbare menschliche Organisation den Raum zwischen den Pyrenäen und den Alpen. Höchste elastische Flüssigkeit, die alle Eindrücke leicht annimmt und nach allen Seiten fortpflanzt, aber keinen bewahrt; höchste Beweglichkeit, die leichte Störungen schon aus ihrem Gleichgewichte verrücken und in stürmischen Wellen aufregen; höchste Entzündlichkeit, die schon bloß durch ihr eigenes inneres Reiben entbrennt und schnell ganze Massen überflammt, aber dabei mehr Licht als Wärme entwickelt und schnell wieder erlischt, das sind die charakteristischen Züge, die aus dieser Bildung sprechen.

Geschaffen für leichten Lebensgenuß, sind diese Menschen ausgerüstet mit allem, was sie leicht über die Dornen des Lebens hinüberschlüpfen machen kann. Leichtblütig und warm, mit reizbaren, für den Genuß empfänglichen Organen; von leichtem, nur schwebend über die Gegenstände hingleitendem, nie an dieselben fest sich ansaugendem Temperamente; von lebhaft reizender, erst später welkender Lebenskraft; von einem feinen, nicht durch träge Materie überladenen Körperbau in physischer Hinsicht, vereinigen sie in moralischer mit allen diesen günstigen Anlagen noch jenen heitern Sinn, der nur die Blumen an der Oberfläche der Erde pflückt und sich um die Schätze nicht kümmert, die ein tieferes Eindringen in ihrem Schoße entdeckt; jenes rege, die Gegenstände nur betastende, nicht durchschauende Gefühl, das nicht kaustisch das Schöne ergreift und in sich auflöst, wie beim Italiener und Spanier, aber auch nicht kalt verwässert kaum einmal die Oberfläche desselben angreift, wie beim Nordländer, nur eben sie vergoldet und sich mit dem Glanze begnügt, ohne sich an die Ungestalt der Form zu stoßen; endlich jene Empfindungsart, die ungestüm ihre Objekte erfaßt, die Freude in vollen Zügen aus ihnen saugt, sich in ihren Genüssen wiegt und dann das Ausgesogene als unnütz wegstößt.

Nur zwei Dimensionen sind in ihrem Charakter: Länge und Breite, Tiefe kennen sie nicht; leicht schweben die Gegenstände über die Fläche dahin, aber ihre Eindrücke sind nicht körperlich, nur eilende Bilder, aber von der Natur, wie das Gemälde vom Künstler, durch Licht und Schatten gehoben, und mit dem Zauber des Kolorits ausgestattet. Heiterkeit ist ihre unzertrennliche Lebensgefährtin, die Stürme des Lebens vermögen nur die Oberfläche zu regen, sie dringen nie in das Innere der Seele, nicht, weil jene Oberfläche, eine träge gefrorene See, keinen Eindruck annimmt und fortpflanzt, sondern weil die Tiefe in die Oberfläche auseinandergeflossen ist. Ihr Genie ist der Witz, der durch einen Blitz, aber nur für den Augenblick des Schlages, die ferne Wolke an die Eiche bindet und dabei von jenem die Larve trägt; ihre Kunst ist das Gefällige der Form, die Putzmacherin des hohen Schönen, das nur im eigenen reinen Sinne wohnt, wo dieser fehlt, verschwindet und nur seine Hülle zurückläßt; ihr Wissen, das angenehme, das praktisch faßliche in Resultaten dargestellt, nicht systematisch zum Ganzen geordnet, nur regellos zum Blumenstrauß im Gedächtnis aufgebunden. Allen Unternehmungen feind, wo ausdauernde Beharrsamkeit, die bloß in sich und durch sich ihr Ziel erstrebt, sie einem fernen Zwecke entgegenführen soll, sind sie unübertreffbar da, wo schneller Ungestüm, der die Kräfte in einem Schlage konzentriert und kämpfend sich Bahn machen muß, durch tausend Hindernisse sie im Fluge nach ihrem Gegenstande schleudert.

Anstand ist ihre Tugend, Geselligkeit ihr Sinn, schneller Wechsel ihr Genuß. Das Bleibende ist ihnen verhaßt, das Alltägliche drückt sie wund. Daher der Enthusiasmus im Beginnen der Revolution, neue Welten, neue Bilder, neue Eindrücke, neue Genüsse taten sich dem staunenden Blicke auf, und mit Wollust warfen sie sich in das Meer der reizenden Erscheinungen, das sie umgaukelte. Sie schwammen hin, bis ihre Muskeln erschlafften, der Reiz der Eindrücke verstumpfte und die Sylphen und Oreaden dieser Welt, von dem poetischen Schimmer entkleidet, zu Leuten ihresgleichen herabsanken; jetzt sahen sie mit Ekel auf diese Umgebungen, und sehnsuchtsvoll blickten sie zurück nach dem Alten, das jetzt ihnen wieder neu geworden ist. Ihre Freiheit kann nie jenes hohe reine Wesen sein, das in nackter Einfalt, ungeschmückt und einfach vor unserm innern Sinne strahlt: nein, in Seide und Gaze muß sie sich hüllen, von der Mode des Tages aufgeputzt muß sie einhertreten, von dem glänzenden Zirkel ihrer ersten Anbeter umringt; mit ihren Reizen soll sie spielend wuchern, mit den Feuerrädern ihres erborgten Glanzes soll sie die blöden Augen blenden, mit Kokettendespotismus über freie Sklaven herrschen. Ihr Altar ist der Bouillottenleuchter.

Die Freiheit des Teutschen hingegen soll eine Madonna sein, mit liebevoller Güte soll sie ihren Segen und nichts als Segen spenden; nicht Glanz und Tand und Flitter soll sie umstrahlen, nur Liebe aus ihr sprechen, an ihrem Busen sollen ihre Kinder Wohlsein saugen und in ihrer Gabenfülle sich sättigen. So denkt sich der Teutsche die Göttin, der er huldigen würde; in seinem kältern Sinne verschwindet der Zauber des Schönen, er vermag nicht, den Stachel des Bedürfnisses in die Schlangenlinie der Schönheit zu biegen, nur abstumpfen will er ihn durch die Gegenwirkung des Wohlstandes, weniger von jenem dilatierenden Feuer durchdrungen, ist sein Wesen kompakter und schneller Eindrücke nicht fähig, aber die empfangenen zäher bewahrend; seine Kräfte sind nicht innere Reize, die ihn zum Handeln kitzeln, sondern Gründe, die ihn dazu bestimmen; sein Gefühl kennt wenig jene Wärme, die es zur Ekstase zu entflammen vermag, aber sein Geist blickt um so freier durch die dünnere Hülle, die zwar wie die Luft die Erde erwärmt und beleuchtet, aber auch wie diese den Blick in das Universum beschränkt, umnebelt und zuzeiten im Augenblicke des Sturms gänzlich zurückhält.

Die Leidenschaft wird ihn nicht zu großen Vergehen hinreißen, aber auch nicht zu großen Taten begeistern; zu persönlicher Größe wird er sich nicht zu erheben vermögen. Die Kunst wird er mit den kalten Augen des Wissens betrachten und in das Wissen seine Kunst hineintragen. Stet ist sein Gang nach dem Ziele, das er sich vorsetzt, nie stürmend, nie fest, aber auch nie hüpfend, wie bei seinen Nachbarn. Schnelle Besonnenheit im Momente, wo’s gilt, ist nicht seine Sache, was aber angestrengtes Nachdenken zu ergründen vermag, liegt offen vor seinem Blicke. Impulse, die im Augenblicke der Berührung wirken sollen, sind verloren an ihm; gemächlich läßt er die Eindrücke durch die Organe zur Seele hinaufsteigen und verhört sie dort kaltblütig und besonnen einen nach dem andern. Ungestüme Kraftausbrüche kennt er nicht, allmählich, wie die Quelle ihre Wellen, läßt er sie in Handlungen von sich. Das rege Stürmen der Lebensgeister, das man Enthusiasmus nennt, kommt nie physisch von außen in ihn hinein, immer nur geistig von innen heraus, und ist daher in seinen Äußerungen gleich sehr verschieden, wie seine Quellen es sind. Seltener in seinen Ausbrüchen, ist er nur glühend, nie flammend, aber auch weniger flüchtig, weniger flatternd, minder ungleich. Mit eigensinniger Beharrsamkeit hängt er an dem, was er sich einmal assimiliert hat; mit Zähigkeit klebt er den Formen an, die er sich einmal zubildete.

Im Reich der Ideen schafft er sich seine Welt, dort labt er sich an den Bildern, die er durch seine Sinne aus der äußern Sphäre in jene innere aufnimmt; wer ihn herausreißen will aus diesem Kreise, in den er die abgeschiedenen Geister der äußern Erscheinungen gebannt hat, der darf seine Beschwörungen nicht an den Sinn richten, den Verstand muß er überzeugen, und da wird sich jener aufrichten und nun aber auch so bald nicht wieder zur Ruhe zurückkehren. Seine Kultur geht daher nach innen, weil er dort sich der meisten bildsamen Kräfte bewußt ist; die äußern vernachlässigt er, weil er sie jenen weit untergeordnet glaubt, während der Franzose just sie hervorzieht, weil er seinen Reichtum daran kennt und sie als die seinem Zwecke zuträglichsten am höchsten schätzt.

So treiben sich beide in ganz verschiedenen Regionen herum, beide gewaltsam einander genähert, werden sich immer unbegreiflich, immer rätselhaft bleiben; jeder wird seine eigene, nur ihm verständliche Sprache sprechen und drückend jeder die Übermacht des andern in seinem eigenen Kreise fühlen. Freundschaftliche Berührung, die nur bei kongruenter Bildung denkbar ist, wird also zwischen so ungleichartigen Elementen eine Seltenheit sein und Zwietracht da herrschen, wo Harmonie sein sollte.

So bedeutend ist die Differenz in dem Wesen beider Nationen; eine natürliche Grenze ist zwischen beide gezogen, die nur einer gemeinschaftlichen Übereinkunft, einer physischen Vermischung, die jene störenden Divergenzen parallelisiert, weichen kann. Allein das wird nicht das Werk weniger Generationen sein, und Europas politische Verfassung wird gewiß manche totale Umstürzung erfahren haben, bis eine solche Amalgamation möglicherweise vollendet sein kann. Alle zwischenliegenden Generationen werden drückend die Folgen der unnatürlichen Verbindung empfinden.

Sprache und Nationalgeist und Sitten und Gesetze, insofern letztere von den ersten abhängig sich herleiten, setzen sich also mächtig einer Verbindung beider Völker entgegen; die Weinreben des Rheines und die Orangen des Südens gedeihen nicht unter der nämlichen Sonne, sie schied die Natur, und was die geschieden wissen will, vereinigt sich nicht leicht wieder …

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