Der gute Hirte

Die Geburt der christlichen Kunst

25. Februar 2017
Kategorie: Antike | Europa | Gemälde und Fotographereyen | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Philosophisches | The Cathwalk

Im entferntesten Winkel Syriens liegt zwischen Euphratschlamm und Sand die antike Stadt Dura Europos. Hier, am Schnittpunkt Syriens und Mesopotamiens, steht die älteste archäologisch nachweisbare Kirche der Welt. Nicht nur wegen der syrischen Totenklage des Christentums, sondern auch der bilderfeindlichen Kritik der Reformatoren lohnt im Lutherjahr ein Blick auf die Wurzeln christlicher Ästhetik.

Der Sand der Zeit rieselt unbarmherzig. Er verweht die Erinnerungen an vergangene Reiche, erstickt diejenigen, die Zeugnis ablegen könnten und begräbt Städte unter Lawinen aus Staub. Der Vordere Orient bleibt den Europäern fremd. Schon Alexander der Große fand von der Pracht des alten Babylons nur noch die Trümmer des legendären Turmes vor. Heute reihen sich neben den Ruinen der Mesopotamier jene der Parther, Römer und Christen ein; der christliche Niedergang ist dabei der längste, zäheste und tragischste Prozess. Die Reiche der Alten zerfielen, aber die Anhänger des Nazareners blieben ihrer Religion treu. Seit der Kreuzigung kennt das Christentum die Verfolgung und hat Einzug in die Offenbarung des Johannes gefunden – so wie jetzt und vielleicht in alle Ewigkeit.

Von den zwei großen Strömen, die Mesopotamien ihren Namen geben, ist der Euphrat traditionell der fruchtbarere. Vom kleinasiatischen Gebirge flutet er hinab in das Syrische Becken, bevor es ihn gen Persischen Golf drängt. Die Parther, die in Zentralasien das Perserreich beerbten, sahen den großen Fluss als ihre natürliche Westgrenze an. Das gefürchtete Reitervolk herrschte drei Jahrhunderte lang über das Zweistromland. Einer der bedeutendsten Orte an dieser Westgrenze war Europos, eine Gründung der Seleukiden – jener Nachfolger Alexanders, die das Griechentum zur vorherrschenden kulturellen Kraft des Altertums machten.

Europos lag auf der rechten Euphratseite; im Osten vom Fluss, nördlich und südlich von Schluchten begrenzt, erstreckte sich die Stadt in geschützter Lage bis in den Westen, wo sich meterhohe Mauern emporhoben. Der Westwall von Europos bildete die einzige mögliche Seite, die belagert werden konnte. Die Stadt galt daher als sicher und entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelsposten zwischen Syrien und Mesopotamien, zwischen Mittelmeer und iranischem Hochgebirge, zur Brücke zwischen der hellenistischen und orientalischen Welt. Hier hielten nicht nur Karawanen, sondern auch Schiffe und Boote des Euphrats.

Unter Kaiser Trajan drangen die Römer tiefer denn je nach Osten vor. Europos wurde Mitte des 2. Jahrhunderts zum Teil des Imperiums und behielt seine strategische wie handelspolitische Bedeutung. Einzig der Name hatte sich geändert: aus Europos war „Dura“ geworden. Für Reisende, die aus dem Osten nach Rom kamen, bildete das prächtig ausgebaute Dura einen Vorgeschmack auf den Glanz des Römerreichs: ein reiches Stadtleben mit verschiedensten Kulturen und Religionen, in denen der Handel pulsierte. In den Gassen klangen Hebräisch, Aramäisch, Griechisch, Latein und das Palmyrische; Heiligtümer zierten die Straßen zu Ehren hellenistischer und orientalischer Gottheiten, daneben weihten die Anhänger des Mithras ihrem Retter Heiligtümer – letzteres an eben jenem Westwall, nicht weit von einer jüdischen Synagoge entfernt.

Berühmtheit erlangte Dura jedoch wegen einer anderen Religionsgruppe, die damals den Stellenwert einer Sekte hatte. Kleiner als die Synagoge, und von außen nicht als solche erkennbar, schmiegte sich die erste nachweisbare Kirche der Christenheit an eben jenen großen Wall, der bereits vor dem Wunder von Bethlehem das alte Europos vor seinen Feinden geschützt hatte. Hier, im syrischen Osten, im Sand der alles zu verschlingen droht – oder bereits alles verschlungen hat – fanden sich die frühen Christen seit dem beginnenden 3. Jahrhundert zusammen. Die Wurzeln der Basiliken von Rom, der monumentalen Hagia Sophia von Konstantinopel, der romanischen Dome des Hochmittelalters und der Kathedralen der Gotik und der Renaissance führen sich zuletzt auf einen unscheinbaren Bau am Rande der syrischen Wüste zurück.

Hauskirchen sind bereits im Neuen Testament nachweisbar. Die Jünger fanden sich in den Häusern reicherer Gemeindemitglieder ein. Die Hauskirche von Dura ist jedoch anders, da sie rein sakrale Bedeutung hatte und keiner Privatperson gehörte, sondern der Gemeinde. Den Versammlungsraum zeichnet eine Nische nach Osten aus; daneben besaß das quadratische Haus einen eigenen Raum zur Taufe. Ein kleines Zimmer mit einem Baldachin als Geburtsort des Baptisteriums. Die beiden Sakramente Eucharistie und Taufe sind so zentral im christlichen Leben, dass sie eigener Räumlichkeiten bedürfen.

Der gute Hirte

Historisch bedeutsam und theologisch interessant ist die Ausstattung. Das Geistige ruft das Ästhetische; wo ein Schöpfer, da ist Kreativität. Anders als es die späteren Ikonoklasten behaupteten, oder die Reformatoren vermuteten, ist dem frühen Christentum die Bildkunst keinesfalls fremd. Das Streben nach dem Höchsten lebt nicht vom Wort allein; Religion schafft Schönheit, mögen es die Götterskulpturen Griechenlands, barocke Sakralmusik oder bereits die frühesten Steinzeitmalereien sein. Es mag heute allein die Bergpredigt, die Soziallehre oder die Ethik faszinieren – aber die Alten sind ganz und gar vom Mythos beseelt. Es sind die Wunder, die Heilungen, die unerklärlichen Dinge, welche Herz und Verstand der Gläubigen fesselten. Jesus ist ein Mann der Wunder, der Gelähmte heilt und über das Wasser läuft; er ist der gute Hirte, wie wir ihn auch in den Katakomben der Ewigen Stadt finden; und er ist der Große, der Sohn Gottes, der Messias, der selbst den Tod bezwingt. Das größte und wichtigste Bild in der ersten Kirche der Welt zeigt die Frauen am Grab. Hinweis auf die Auferstehung. Sinnbild des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung. Es ist jene Hoffnung, wie Jesus von den Toten aufzuerstehen; jene Gewissheit, dass es da mehr gibt auf dieser Welt, dass Kontinuität, dass Geist, dass Ewigkeit besteht.

Die frühen Christen scheinen schon damals das „Bilderverbot“ im Sinne Papst Gregors verstanden zu haben – lange vor irgendwelchen römischen Richtlinien; ja, sogar schon vor der Zusammenstellung der Heiligen Schrift selbst. Nicht den Gemälden gilt die Anbetung, sondern sie dienen der Anschauung und der Lehre. Umso interessanter auch die Feststellung, dass die Synagoge von Dura ebenfalls Szenen und Bilder zeigt, was lange Zeit als unvorstellbar galt. Ein weiterer Blick in das jüdische Gotteshaus verrät zudem, dass die dortigen Malereien qualitativ weit über denen in der Kirche stehen. Das unterstreicht zwei Punkte: erstens, dass die jüdische Gemeinde von Dura wohlhabender war, und sich einen besseren Maler leisten konnte; zweitens, dass die christliche Gemeinde trotz ihrer anscheinend knapperen finanziellen Mittel nicht auf eine angemessene Ausstattung verzichten wollte.

Vor 1.800 Jahren wussten die Christen demnach, dass nicht demonstrativ vorgetragene Bescheidenheit Kern der Anbetung Gottes war, sondern seine angemessene Verehrung; und die Archäologie beweist damit ebenso, dass sich nahezu alle Reformatoren vertan haben, wenn sie glaubten, den alten Christen näher zu sein, wenn sie ihre Kirchen möglichst ohne bildliche Ablenkungen einrichteten. Der Triumph der Kunst ist der Triumph des Glaubens. Die frühen Christen von Dura hätten vermutlich nicht verstanden, wieso man absichtlich bescheidene Kirchen gebaut hätte, wenn schon die gemeinen Christen des 2. und 3. Jahrhunderts alles unternahmen, damit ihr Gotteshaus möglichst prächtig erschien.

Umso tragischer mutet die Gegenwart an; nicht nur, wenn man auf vermeintliche urchristliche Interpretationen innerhalb der Kirche blickt – sowohl in der evangelischen, wie auch der katholischen Spielart – sondern auch dorthin, wo der syrische Sand Dura begraben hat. Die glänzende Stadt am Euphrat fand ihr jähes Ende nach einer Belagerung durch das aufstrebende Sassanidenreich, deren Soldaten mit entzündeten Schwefelfontänen den Widerstand der Einwohner brachen. Der Ort wurde danach sich selbst überlassen. Erst Anfang des 20. Jahrhundert lüfteten Wissenschaftler von der Universität Yale den Schleier der Vergangenheit und gruben die verschiedenen Heiligtümer aus.

Heute beherrscht der Islamische Staat die Gegend von Dura Europos. Was in Palmyra geschah, ist bekannt. Doch von Dura, seiner Synagoge und seiner Kirche, welche zu den ältesten erhaltenen Gotteshäusern beider Kinder Abrahams gehören, dringt seit der Eroberung nichts an die Außenwelt. Die Wiege der christlichen Ästhetik wird von ihren ärgsten Feinden bewacht. Einzig der Sand, der die Mauern so viele Jahrhunderte bewachte, mag die Fanatiker aufgehalten haben. Satellitenaufnahmen lassen jedoch das Schlimmste befürchten: das archäologische Gelände ähnelt einer Kraterlandschaft. Über 70% des alten Dura Europos sollen zerstört worden sein. Die Funde gelten als Hehlerware, mit dessen Erlösen sich der IS finanziert.

Vielleicht ist es der zufälligen Vorhersehung geschuldet, dass die Malereien seit der Expedition in Yale liegen. Ein amerikanisch-französisches Team begann im Februar und März 1932 mit der Sicherung und beendete den Abtransport acht Monate später. Doch die Wehmutstropfen bleiben: einerseits, dass die Konservierung als qualitativ „mittelmäßig“ gilt – und dass jene Menschen, die diesen Glauben damals wie heute lebten, vermutlich ebenso dem Vergessen anheim gefallen sind und anheim fallen werden wie alles, was die syrische Wüste in ihren Jahrhunderten umwälzt und begräbt …

Dieser Artikel erschien zuvor bebildert auf dem Cathwalk.

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