Giovannino_Guareschi

Guareschi, das Kreuz und der Tempelberg

10. November 2016
Kategorie: Europa | Freiheit | Giovannino Guareschi | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Italianità und Deutschtum | Linkverweis | Medien | Mittelalter | Non enim sciunt quid faciunt | Philosophisches | The Cathwalk

Dieser Beitrag erschien zuvor bereits auf dem Cathwalk.

In Guareschis Werk und den Verfilmungen von „Don Camillo und Peppone“ spielt das berühmte Holzkreuz mit dem Heiland eine große Rolle. Die Dispute zwischen dem Priester und Jesus sind legendär. Im Streit zwischen dem „reaktionären“ Dorfpfarrer und dem kommunistischen Bürgermeister ist es letztendlich Christus selbst, der Don Camillo immer wieder auf den rechten Pfad bringt.

Protestanten mögen sich damit schwer tun, da man missverständlicherweise denken könnte, Don Camillo spräche nur über das Kreuz in seiner Heimatkirche mit Jesus. Guareschi hat jedoch mehrmals genau dieser Interpretation Beispiele entgegengesetzt. So warnt Jesus seinen Schützling beim brennenden Munitionslager vor der Explosion; und als Don Camillo darum bittet, in einen Boxkampf einzugreifen, meint Christus fast empört: „Aber Don Camillo, ich bin doch kein Catcher!“

Im zweiten Film, „Don Camillos Rückkehr“, macht Guareschi sehr klar, dass es im Grunde nicht um das Kreuz, sondern das Herz geht, über das Mensch und Gott miteinander korrespondieren. Der Reverente befindet sich in der Verbannung, irgendwo in einem verschneiten und vernebelten Gebirgsdorf, wo er sich nach der warmen, grünen Ebene sehnt – und nach seiner alten Kirche, mit dem Kreuz. Jesus hat in dieser Episode kein einziges Mal gesprochen, und Don Camillo sehnt sich so sehr nach diesem Erlebnis, dass er in seine Heimatgemeinde Brescello zurückkehrt, und das Kreuz von dort mitnimmt. Die Rückkehr ins Bergdorf wird zur Passion: der Priester schleppt das schwere Kreuz den Pass hinauf und gerät in einen Schneesturm. Zuletzt bricht Don Camillo im Wind und Schnee vor Erschöpfung zusammen, fällt unter das Kreuz. Erst jetzt meldet sich Jesus wieder; der Gefallene freut sich trotz aller Mühen, dass er endlich wieder die Stimme des Herrn hört. Der erwidert aber nur, dass er der ganzen Zeit bei ihm gewesen wäre. Don Camillo habe ihn nur nicht gehört, da sein Herz verhärtet gewesen wäre.

Die Korrespondenz mit dem Kreuz ist daher kein Götzendienst. Es handelt sich um eine komplexe Angelegenheit, die stark mit traditioneller katholischer Volksfrömmigkeit, Theologie, Erzählkunst und dem alten Konflikt der Interpretation christlicher Respektbezeugung, Verehrung und Anbetung zusammenhängt; ein Konflikt, den die Ostkirche im Zuge des Ikonoklasmus’ ein Jahrhundert lang austrug, und wo bis heute die Verehrung – nicht Anbetung – von Gottesbildern eine bedeutende Rolle spielt. Der Katholik kennt diese Begegnung mit dem Heiligen ebenso: in der Verehrung von Reliquien oder Objekten, die eben keine bloßen Symbole sind, sondern eine tiefere Bedeutung haben. Guareschi geht daher mit seiner Erzählung einen schmalen Grat: Don Camillo braucht das Kreuz nicht, um mit Jesus zu korrespondieren, aber es erleichtert ihm dem Zugang, so, wie ein christliches Oratorium in einem Dom den Gläubigen den Zugang zu Gott eröffnen kann. Das Oratorium lässt uns nicht mit Gott reden; aber die Stimmung kann den Gläubigen in den Zustand der Besinnung versetzen, der nötig ist, um diese Welt zu vergessen und mit Gott sprechen zu wollen. Wir müssen zuerst unser Herz öffnen. Wie das geschieht – ob durch die Liturgie oder durch Anschauung des Kreuzes – ist zuerst einmal uns überlassen.

Das Kruzifix ist somit kein reines Symbol. Gerade der Katholizismus und die Orthodoxie, die aufgrund ihrer historischen Wurzeln im Römischen Imperium immer wussten, dass das „In hoc signo vinces“ des Kaisers Konstantin mehr bedeutete, waren sich dessen durch die Jahrhunderte bewusst. Nahezu alle Feldfahnen des Mittelalters, im Osten und im Westen, zeigen ein Kreuz. Damit ist es nicht nur Teil der christlichen Identität selbst; mit dem Kreuz wird Jesus voran getragen und der Glaube zu ihm sichtbar bekannt. Und zwar seit dem 4. christlichen Jahrhundert!

Genau so mag man dann im historischen Geist jene Szene bei Don Camillo und Peppone interpretieren, als die Kommunisten die Prozession von Brescello boykottieren. Peppone und seine Männer drohen Gewalt an, falls einer der Dorfbewohner sich dem Priester zur alljährlichen Prozession zum Fluss anschließt. Brescello ist am Festtag wie leergefegt, niemand wagt sich auf die Straße. Nur Don Camillo selbst trägt das Kreuz voran, durch das leere Dorf, bis zum Ufer. Das Kruzifix ist hier eben mehr als nur Zeichen, nur Symbol – in einer Welt der Einschüchterung, der Drohung, der Gewalt, des militanten Atheismus wird das Bekenntnis zu Jesus erneuert. Das Kreuz muss wandern. Es muss in die Welt getragen werden. Und in der Tat: als Don Camillo dann auf Peppones Schergen trifft, die ihm den Weg abschneiden, ist es auch ein Feldzeichen. Der Priester stellt sich einem ganzen Kommunistenheer entgegen. Selbst dieses muss aber weichen, weil der Respekt vor der Tradition und dem Heiland schwerer wiegt als die Lehren von Marx. Man macht Platz, man bekreuzigt sich, geht zum Ufer. Brescello ist ohne Kreuz, ohne Christentum, ohne Prozession nicht denkbar, das Kreuz ist so sehr Fleisch vom Fleische der norditalienischen Provinz wie die Kinder und Greise, die dort leben. Es ist unauslöschlicher Teil der Identität. Brescello wäre ohne dieses Ritual und ohne dieses Objekt nicht mehr Brescello. Das wissen selbst die Kommunisten im Innersten.

Für christliche Konfessionen, die daher nicht nur vom bloßen „sola scriptura“ leben, die der Tradition und den Ritualen Platz einräumen; die nicht aus der Schrift allein leben, sondern vom lebendigen Glauben der Gemeinschaft, die nicht nur Symbole sehen, sondern Realpräsenzen; die Respekt vor Heiligenbildern und Reliquien haben; eben jene sehen traditionell den Umgang mit einem Objekt wie dem Kruzifix als gewichtiger an, als vielleicht eine protestantische Kirche. Was also deren Vertreter dort macht, soll uns hier nicht weiter angehen.

Schwieriger wird es, wenn es dann vom kirchensteuerfinanzierten Portal katholisch.de eine Apologetik gibt, welche das Vorgehen nicht nur verteidigt, sondern sogar als richtig gutheißt. Schließlich wäre ja diese Geste, dieses Zusammengehen der Bischöfe, so richtig christlich. Das ist im Sinn der Sache. Höhepunkt: eine Stelle aus dem Lukasevangelium, die quasi als Anleitung zur Selbstaufgabe dient – obwohl man „sein Kreuz auf sich nehmen“ in diesem Sinne doch mal ganz wortwörtlich hätte auslegen können. Das Pektorale ist eben „nur“ Zeichen bischöflicher Bischofsweihe (und nicht etwa das des Gekreuzigten selbst?). Ist das Zeigen des Kreuzes denn etwa keine „Tat“? Anders gefragt: hätte denn das Tragen eines Kreuzes die Verständigung zwischen den Kirchen behindert? In dieser Hinsicht verlässt der Artikel den Kampfplatz Islam völlig.

Unvorstellbar, dass Don Camillo auf dem Tempelberg sein Kreuz abgelegt hätte. Für viele Gläubigen ist der Islam in seiner Christenfeindlichkeit heute genau so bedrohlich wie in den 40ern und 50ern der Kommunismus. Ist der Pfarrer aus Brescello damit unchristlicher als die beiden Bischöfe – oder nicht genau das, was Christentum eigentlich ausmacht, nämlich Jesus nicht nur in moralischen Kategorien symbolisch zu denken, sondern auch offen am Ort seiner Hinrichtung zu bekennen? Was nützt denn das Bild zweier Bischöfe, wenn sie dafür an christlicher Identität verlieren?

Teilen

«
»