Corfu 1716

Juditha triumphans

11. August 2016
Kategorie: Europa | Freiheit | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | The Cathwalk | Venedig | Zum Tage

Die Belagerung von Korfu vor 300 Jahren lebt heute musikalisch weiter. In der Form eines christlichen Oratoriums verewigt Venedigs berühmtester Komponist den Sieg seiner Heimat über die Türken. Juditha triumphans ist Vivaldis Vermächtnis einer christlichen Republik, die weniger durch ihr Militär, als durch ihren Kunstsinn als Mythos fortbesteht. Erschienen auch auf dem Cathwalk.

Die Morea ist ein unwirtliches Land. Raue Felsen wechseln sich mit Schluchten ab. Wälder sind selten. Ruinen längst vergangener Größe spenden Schatten in der Sonne, die das Gras goldbraun färbt. Das Inland zeichnen verstreute Dörfer, nur an den Küsten verbinden Hafenstädte diese Region mit dem Rest der Welt. Hirten treiben ihre Herden an antiken Denkmälern vorbei; sonst sind einzig die gewaltigen Festungen von Modoni, Korone und Napoli di Romagna mit ihren trotzigen Steinwänden Zeugnisse menschlicher Zivilisation.

Eigentlich heißt Napoli di Romagna Nafplion. Modoni und Corone, die als gegenüberliegende Festungen auf einer Landzunge liegen, werden von den Einheimischen Methoni und Koroni genannt. Morea, das ist im Mittelalter und der Frühen Neuzeit der Name jener griechischen Halbinsel, die in der Antike Peloponnes hieß. Doch von den Poleis des klassischen Altertums, von Sparta, Korinth oder Argos ist ebenso wenig übrig wie von dem legendären Arkadien, das im Zentrum des Landes einst als diesseitiges Elysium galt. Im 18. Jahrhundert ist jene Wiege der hellenischen Welt eine europäische Randregion – und umkämpft. Hier grenzen die Republik Venedig und das Reich der Osmanen am Isthmus von Korinth aneinander.

Die Morea erweist sich als enttäuschend unprofitabler Ort für die Venezianer, die seit dreißig Jahren über diese herrschen. Im Großen Türkenkrieg, bei dem Prinz Eugen von Savoyen mit seinem Cousin Ludwig von Baden (dem „Türkenlouis) auf dem Balkan gegen das Osmanenreich kämpften, führten die Venezianer die Schlacht auf dem Meer und eroberten die Halbinsel. Die Republik Venedig will vor allem die strategischen Häfen Griechenlands gen Orient sichern. Was die sonstigen Einnahmen angeht, ist die entvölkerte Peloponnes ein Nullsummengeschäft: auf einer Fläche, die etwa dem heutigen Thüringen entspricht, leben nicht einmal hunderttausend Menschen. Die Venezianer organisieren das Territorium neu, installieren einen bürokratischen Apparat und sorgen für die Neugründung von Kolonien. Unter Venedig blüht die Wirtschaft wieder auf, die Einwohnerzahl verdoppelt sich – aber die venezianische Herrschaft gilt gerade aufgrund dieser Einmischung in regionale Angelegenheiten als unpopulär.

Im Jahr 1715 bricht der Sturm los. Die Osmanen erklären Venedig den Krieg und marschieren mit 50.000 Mann durch das nordgriechische Thessalien Richtung Korinth. Die Schmach aus dem Großen Türkenkrieg soll wettgemacht werden. Den Türken stehen nur 8.000 venezianische Verteidiger – dazu auf der gesamten Morea verteilt – gegenüber. Die Republik, die vor allem auf Söldner setzt, kann in Europa kaum Verstärkung anheuern, da der langjährige Spanische Erbfolgekrieg den Kontinent ausgeblutet hat. Die Unterstützung durch die griechische Landbevölkerung bleibt gering. Der neue Türkenkrieg artet zu einem Desaster aus, als innerhalb von nur hundert Tagen jede der kolossalen Festungen Moreas an die Osmanen fällt.

Doch der Sultan gibt sich damit nicht zufrieden. Das Osmanische Reich, das im Großen Türkenkrieg so viele Verluste hinnehmen musste, greift die Republik auf breiter Front an. Galeeren mit dem Türkenmond bedrohen die übrigen Besitzungen Venedigs in der Ägäis und im Ionischen Meer, Janitscharentruppen marschieren gegen Dalmatien auf der östlichen Adriaseite. Die letzten Festungen auf Kreta fallen; über den letzten ägäischen Inseln wird der Markuslöwe eingeholt. Die kleine Republik droht im Angesicht des übermächtigen Feindes zermalmt zu werden.

Im Juli 1716 beginnen die Türken mit der Invasion Korfus. Korfu ist nicht nur eine von Venedigs ältesten Kolonien, sondern auch eine strategisch wichtige Insel, welche die Einfahrt in die Adria bewacht. Über Jahrhunderte hat der Markuslöwe über den Zinnen der Stadtmauer gethront, haben die Venezianer die Festungswerke ausgebaut. Der mögliche Fall Korfus bedeutete die Bedrohung Italiens. Wie auch auf der Morea sind die Venezianer völlig unterlegen, was Mensch und Material angeht. Die osmanische Flotte ist doppelt so groß wie die venezianische. Tapfer befiehlt der Admiral Andrea Corner dennoch den Angriff, um die Osmanen aufzuhalten. Das Gefecht geht unentschieden aus, die Osmanen können mit 30.000 Mann übersetzen.

Die Republik schickt den Feldherrn Matthias Johann von der Schulenburg auf die Mauern. Schulenburg kämpfte bereits im Großen Türkenkrieg gegen die Osmanen und machte sich im Spanischen Erbfolgekrieg einen Namen als Verteidigungsstratege. Venedig hat daher den Brandenburger angeworben, und setzt alle seine Hoffnungen auf ihn: die Serenissima ernennt ihn zum Oberbefehlshaber sämtlicher Landtruppen.

Wider Erwarten, und trotz vierfacher Überlegenheit der Türken widerstehen die Venezianer unter dem deutschen Feldmarschall. Die Belagerung läuft einen ganzen Monat lang ergebnislos. Venedig, dessen Tage als Seemacht gezählt zu sein schienen, hält den Vormarsch der Türken auf. Nachdem ein Sturm die osmanische Flotte in Bedrängnis bringt, und die Versorgung der Belagerer auszubleiben droht, ziehen die Muslime ab. Die Einwohner führen den Sturm auf das Eingreifen des Schutzpatrons der Insel, den Heiligen Spyridon, zurück. Bis heute wird dort am 11. August dem Sieg über die Türken gedacht. Korfu bleibt der einzige Teil Griechenlands, der nie unter den muslimischen Mond fällt.

In Pellestrina, einer der Inseln der venezianischen Lagune, wird dagegen von einer Marienerscheinung erzählt: die Madonna sei einem Jungen bereits am 4. August erschienen, um die Venezianer zum Gebet für die Seelen im Fegefeuer aufzurufen. Dies würde den Sieg gegen die Türken garantieren. Seitdem wird auch dort jährlich dem Eingreifen höherer Mächte gedacht.

Die Verteidigung Korfus ist ein Wendepunkt des achten Türkenkrieges zwischen Osmanen und Venezianern. Der venezianischen Flotte kommt Verstärkung aus Spanien, der Toskana, von den Rittern zu Malta und dem Kirchenstaat zu Hilfe. Selbst Genua, die alte Rivalin, schickt Schiffe, um Venedig gegen die Osmanen beizustehen. Letztere ziehen im Angesicht der christlichen Allianz ihre Flotte zurück. Wenig später erreicht die Venezianer die Nachricht, dass die Österreicher, die den Osmanen vor wenigen Wochen den Krieg erklärten, bei Peterwardein einen herausragenden Sieg unter Eugen von Savoyen errungen haben.

Die Serenissima lässt es sich natürlich nicht nehmen, ihre Selbstbehauptung propagandistisch zu inszenieren. Der Sieg beschäftigt die Öffentlichkeit und bestätigt den Mythos der ewigen, christlichen Republik. Antonio Vivaldi, die musikalische Fleischwerdung der venezianischen Musik, komponiert zu diesem Anlass ein Oratorium: Juditha triumphans. Vivaldi – selbst einmal als Priester tätig – verarbeitet darin den Stoff aus dem Buch Judit, der in der abendländischen Geistesgeschichte seit dem Mittelalter große Bedeutung besitzt. Die jüdische, junge Witwe Judit rettet ihre Heimatstadt vor der Belagerung, indem sie den Heerführer Holofernes überlistet und anschließend enthauptet.

Der Topos der anmutigen Frau und des grobschlächtigen Barbaren, der Sieg der Klugheit über Raserei, die Verherrlichung der wahren Religion im Gegensatz zum Heidentum erfreut sich insbesondere in der Frühen Neuzeit, da Europa vor der Türkenbedrohung zittert, großer Beliebtheit. Nicht nur in der Musik, auch in der Malerei sind Judit-Darstellungen und die Enthauptung des Holofernes allgegenwärtig. Lucas Cranach, Sandro Botticelli, Peter Paul Rubens, Paolo Veronese und Artemisia Gentileschi verewigen das Thema auf Leinwand. Als berühmteste Interpretation gilt das Gemälde von Caravaggio.

Judit gilt daher als Ikone des christlichen Patriotismus. Das vermeintlich Schwache triumphiert über das vermeintlich Starke. So lautet auch Vivaldis vollständige Bezeichnung des Oratoriums: Juditha triumphans devicta Holofernis barbarie (Judit triumphiert über die Barbarei des Holofernes) und besitzt den Untertitel des Sacrum militare oratorium, also eines Oratoriums des Heiligen Kriegs; und das nicht zu Unrecht, denn mit seinen Trommeln und Fanfaren erscheint es nicht selten martialisch. Der „rote Priester“, wie man ihn in Venedig wegen seiner Haarfarbe nennt, studiert das Stück mit dem Mädchenorchester des Ospedale della Pietà ein.

Im November, drei Monate nach dem Sieg von Korfu, feiert Vivaldi mit der Premiere einen großen Erfolg. Es ist einer der Höhepunkte in seiner Karriere. Von den vier Oratorien, die er in seinem Leben schreibt, überlebt nur dieses. Obwohl das Libretto stark an die biblische Erzählung anknüpft, so ist es der Schlusschor, der die Allegorie offiziell auflöst:

Salve invicta Juditha formosa
Patriae splendor spes nostrae salutis. (2x)
Summae norma tu vere virtutis
Eris semper in mundo gloriosa. (2x)
Debellato sic barbaro Trace
Triumphatrix sit Maris Regina. (2x)
Et placata sic ira divina
Adria vivat, et regnet in pace. (2x)
Vivat, vivat, in pace! (2x)

Judit ist hier plötzlich die Königin der Meere, die den „thrakischen Barbaren” besiegt hat; Thrakien, das ist jene antike Landschaft, in der das alte Byzanz liegt, das nunmehr Hauptstadt der Osmanen ist. Ein letztes Mal feiert sich Venedig in diesem Moment selbst, in seiner eintausendjährigen Glorie als unabhängige Republik, die mit Kunstsinn und nicht mit militärisch-barbarischer Größe aufwartet.

Dieser achte Türkenkrieg wird für Venedig der letzte große Konflikt in der eigenen Geschichte sein, die Verteidigung von Korfu das letzte Mal, dass der Markuslöwe die Zähne fletscht, bevor ihn 80 Jahre später die napoleonischen Bajonette aufspießen. Auf dem Balkan siegen die Truppen Prinz Eugens, doch als die Venezianer in Albanien anlanden, um Griechenland zu erobern, machen die Österreicher ihren Frieden: mit dem Frieden von Passarowitz sichert sich der Kaiser den Norden Serbiens, Teile Bosniens und der Wallachei.

Venedig dagegen wird übergangen und geht leer aus. Der Löwe zieht sich in die Adria zurück. Die Inseln in der Ägäis, die Stützpunkte auf Kreta und – vor allem – Morea gehen verloren. Das ganze Abenteuer auf der Peloponnes erscheint vergebens. Die Republik fährt einen strikten Kurs der Neutralität, nachdem man sich vom österreichischen Partner nach Vergabe der Beute übergangen sieht.

Was bleibt, ist ein letzter Dienst zur Verteidigung des Mittelmeers – und Juditha triumphans.

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