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Der verlorene Löwensohn (3)

17. Mai 2016
Kategorie: Die Löwen | Europa | Freiheit | Hintergrund und Schreibarbeit | Historisches | Ich bin Guelfe, ich kann nicht anders | Ironie | Venedig

Fortsetzung zu Teil II.

Der Himmel erdrückte mit seiner uferlosen Gräue die Lagunenstadt. Bleich und fahl erstreckte sich die Wolkenwand über die Dächer. Kein Sonnenstrahl ließ die Fassaden blitzen. Die roten und orangen Wände der Paläste blieben farblos. Die Gewässer der Kanäle schwappten müde gegen leere Gassen. Die Adria hatte ihr marineblaues Gewand abgelegt, kleidete sich in derselben Trostlosigkeit wie das Firmament.
Über der smaragdgrünen Spitze des Campanile von San Marco grollte es. Gewittergrollen, ohne, dass ein Regentropfen herabfiel und die verödete Piazza füllte. Die blauen Löwenbanner an den Fahnenmasten bewachten nur die Soldaten der Republik, wehten träge im zahmen Wind des Westens.
Kein Stand, kein Zelt nahm den Hauptplatz der Republik ein. Nicht einmal ein einziger Händler bot seine Waren feil. Wie vor einem aufziehenden Sturm hatten sich die Männer und Frauen in Sicherheit gebracht, ihre Buden abgebrochen.
Selbst die Tauben hatten Venedigs Herz verlassen.
Einzig ein silbernes Gewand drängte sich an den Arkaden entlang. Lucas Schritte hallten von einem Ende des Markusplatzes zum anderen. Ein unheimliches Gefühl. Als sei er an diesem Tag, in dieser Stunde der einzige Mann an diesem Ort. Zu einer Zeit, zu welcher noch vor einem Jahr der Lärm der Händler die Ohren betäubte hatte; zu welcher man vor Leuten nicht mehr hatte gehen wollen; vergangene Zeiten, in welchen man befürchtet hatte, dass die Menge einem die Luft wegatmete.
Der Orseolo hatte nicht gelogen. Die Angst ging in dieser Stadt um. Auf seiner Reise vom Lido nach San Marco hatte Luca gesehen, wie Kaufleute ihre Kirschholztische und Vitrinen auf Schiffe verfrachteten. Wer es sich leisten konnte, brachte sein Habseligkeiten in Zweigstellen, Kontore oder Zweitwohnsitze in Istrien, Dalmatien oder Griechenland. Mailand war zweimal in den letzten zehn Jahren geplündert worden, ähnlich war es Neapel ergangen. Man kannte die Geschichten von Handelspartnern. Freunden. Verwandten.
Die Franzosen hatten halb Italien wie die Gallier geplündert und verwüstet. Sie würden vor Venedig, der reichsten Stadt der Christenheit, ebenso wenig zurückschrecken. Seit dem Krieg von Chioggia, als genuesische Galeeren die Lagune abgeriegelt, zusammen mit den Herren von Padua von jeder Versorgungslinie abschnitten hatten – befand sich die Serenissima nicht mehr in solcher Panik. Wer ein Boot hatte, brachte sich und was er am Leib trug in Sicherheit. Die kleinen Krämer versuchten nichts anderes als ihre größeren Geschäftspartner. Nur raus aus Venedig. Die Fürsten und Stadtoberen mochten streiten, aber die Zeche zahlten zuletzt nicht jene, die den Krieg führten – sondern jene, die den Krieg erlitten.
Einer dieser kleinen Leute schuftete in einer Ecke im Backsteinschatten des Glockenturms. Wie ein Tier, das bei der Abfahrt der Arche verschlafen hatte, räumte ein Händler die Kisten seines Zeltes ab, brachte sie auf einen Handkarren. Zwischen Hast und Schweiß gefangen bemerkte er nicht einmal den Falier, der sich ihm näherte.
Luca sah für einige Sekunden zu, wie der Mann Kiste um Kiste verstaute.
»Verzeiht, dass ich Euch in Eurer Arbeit unterbreche…«
»Keine Zeit! Meine Fähre geht in einer Stunde!«, drehte sich der Mann in brauner Zimarra nicht einmal um. »Kommt irgendwann wieder, wenn gerade kein Söldnerheer in der Nähe herumrandaliert.«
Der Falier faltete die Hände. Der Krämer beschleunigte seine Arbeit. Das Tellerbarett auf seinem Kopf hing schief.
»Wohin geht es?«
»Grado«, meinte der Händler knapp. »Die Tante meiner Frau hat dort ein Lager. Ist zwar nicht so viel los wie hier, aber zumindest franzosenärmer.«
Lucas Blick wanderte über den leergefegten Markusplatz.
»Ich will nicht wissen, was erst für tote Hose in Grado herrschen muss«, merkte der Evangelist in Lucas Kopf an.
»Zumindest kennen wir jetzt die Gründe, warum der Patriarch seinen Sitz bereits im Mittelalter von dort nach Venedig verlegte«, bemerkte Luca leise, wurde lauter, wandte sich wieder an den Händler. »Bitte seht mir meine Meinung nach; aber Venedig liegt im Wasser. Der Feind mag Reiter und Schweizer besitzen. Aber wir haben immer noch die Armada.«
»Wir hatten vor Agnadello auch noch eine Armee!«, höhnte der Krämer. »Die größte Armee Italiens, wie uns Senatoren und Nobili versicherten! Unbesiegbar unter Führung der besten Condottieri ihrer Zeit. Alviano! Pitigliano!«
Die nächste Kiste rammte auf den Karren.
»Und wo ist diese Armee jetzt? Wer die größte Armee Italiens in einer Schlacht verliert, verliert ebenso leicht die beste Marine! Der verrückte Grimani soll sogar vorgeschlagen haben, die Türken um Hilfe zu bitten. Die Türken, verdammt! San Marco steh‘ uns bei!«
»Ich hörte, Leonardo Grimani sei nur wenige Stunden nach diesem Vorschlag erkrankt und verstorben.«
»Ein Gottesurteil, fürwahr!«, sah sich der Händler bestätigt.
Der Priester wirkte nüchterner.
»Eine kleine Portion Gift soll bei Gottesurteilen durchaus mal nachgeholfen haben.«
»Es geschah ihm jedenfalls Recht!«, räumte der Mann eine Kiste auf den Karren. »Lieber lass‘ ich mir den Bauch von den Deutschen aufschlitzen und meine Gedärme um den Campanile binden, als dass Venedig von ein paar Handtuchköpfen gerettet werden muss! Ehre, Messer, Ehre!«
»Ich habe bereits mehrmals von diesem Wort gehört«, bestätigte Luca. »Allerdings nie aus dem Mund eines Politikers.«
Der Krämer blieb mit der Kiste in der letzten Bewegung stehen. Er grinste breit. Zum ersten Mal schaute er Luca direkt an.
»Ihr gefallt mir, Messer.«
Der Falier nickte. Wenn man das Gespräch in die richtige Richtung lenkte, war es nur eine Frage der Zeit, bis man lernte, wo der spezielle Nerv einer anderen Person lag. In Italien war das nicht weiter schwer. Gleich, ob Luca in Rom, Ferrara, Mantua oder Venedig war.
Gegen die lokale Politik zu stänkern half beträchtlich dabei, das Eis zu brechen.
»Ach, da fällt mir ein«, sprach der Falier wie zufällig, »hier gab es früher einen Marktstand.«
»Gab es mal eine Menge, Messer.«
»Es war ein besonderer Stand«, lächelte Luca. »Er gehörte einem Signore Casanova. Ja, ich erinnere mich: Casanovas kuriose Kandelaberkollektionen. Das war er.«
Der Händler legte die Fracht beiseite. Er stützte sich auf die Ladefläche, kratzte sich am Kopf. Das Barrett vibrierte dabei auf und ab.
»Casanova… Casanova«, überlegte er, meinte dann: »Ach ja. Stimmt. So einen gab es hier.«
Der Priester hakte nicht weiter nach. Er liebte es, anderen Leuten beim Denken zuzuschauen.
»Der Typ mit dem Altmetallschrott«, fasste der Krämer zusammen. »Blieb mir in besonderer Erinnerung.«
»Wieso?«
»Hatte so einen verflixten Lausebengel dabei. Der hat mich mal kräftig übers Ohr gehauen. Verhökerte mir einen Armleuchter, der angeblich Enrico Dandolo gehört haben soll. Forderte dafür zehn Lire. Dachte, ich mache das Geschäft meines Lebens. Bis der Dreikäsehoch dieselbe Nummer bei einer Bäckerstocher abzieht – und ihr auch noch schöne Augen dabei macht!«
»Scheint ja ein bezauberndes Kind zu sein«, glaubte Luca zu wissen – und blickte sich auf dem leeren Platz um. »Was ist aus dem Kandelaberstand von Casanova geworden?«
»Der Besitzer ist verstorben.«
»Und sein Sohn, der dort aushalf?«
»Verschwunden.«
Äußerlich blieb Luca von der Nachricht unberührt. Eine innere Stimme brachte jedoch die Situation auf den Punkt.
»Das hast du dir wohl einfacher vorgestellt, was, Don Luca?«
Der Priester überging den Sarkasmus. Dafür war die Angelegenheit zu wichtig.
»Dieser Junge«, betonte Luca, »wisst Ihr etwas über seinen Verbleib?«
»Was Straßenkinder wohl so machen. Rumstreunen«, zuckte der Händler mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Ich bin bloß Kistenhändler.«
Der Falier blickte auf die gestapelten Kisten.
»Das erklärt zumindest, warum Eure Ware so leer aussah.«
»Nicht frech werden! Irgendwer muss ja die Kisten für die anderen Händler verkaufen.«
»Es lag mir fern, Euren Berufsstand herabzusetzen zu wollen.«
»Das will ich hoffen! Kistenhändler ist ein Beruf mit Zukunft!«, resümierte der Krämer beleidigt. »Guten Tag!«
Luca nickte zum Abschied, entfernte sich. Erst beim Anblick der Markusbasilika, deren Kuppeln mit dem grauen Himmel verschmolzen, realisierte er, welche Aufgabe ihm bevorstand.
Der Falier musste einen einzelnen Straßenjungen in der drittgrößten Stadt Europas finden – inmitten einer aufziehenden Belagerung.

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